Ver­kehr

Wirtschaft in Nordrhein-Westfalen - - | Inhalt - VON KLAUS PE­TER KÜHN

Die in­tel­li­gen­te Nut­zung von Da­ten ist der wich­tigs­te Baustein in der Ver­kehrs­pla­nung von Nord­rhein-West­fa­len. Ein Schwer­punkt zum Ver­kehr der Zu­kunft.

IT-Ex­per­ten in

Kre­feld ar­bei­ten an ei­nem in­tel­li­gen­ten Ver­kehrs­sys­tem für Lkw. Da­mit wol­len sie nicht nur Staus ver­mei­den — son­dern auch Goog­le schla­gen.

Wenn sich vor­mit­tags auf der A 40 zwi­schen Mo­ers und der nur noch zwei­spu­ri­gen Rhein­brü­cke der täg­li­che Stau auf­baut, ent­steht auf Joa­chim Wah­les Mo­ni­tor ein Bild von fast künst­le­ri­scher Schön­heit. Dann wird aus dem har­mo­ni­schen Grün, das für flie­ßen­den Ver­kehr steht, über vie­le Schat­tie­run­gen zu­nächst ein Braun und schließ­lich Schwarz. Still­stand.

Was für Mil­lio­nen Au­to­fah­rer, Pend­ler und Tru­cker ein ge­wal­ti­ges Är­ger­nis ist, ist für den pro­mo­vier­ten Phy­si­ker ein Ge­schäfts­mo­dell. Sei­ne Kre­fel­der Fir­ma Traff­go Road lie­fert Echt­zeit­bil­der von der Ver­kehrs­la­ge. „Wenn al­les fließt, sind wir nicht in­ter­es­siert“, flachst Wah­le. So ge­se­hen ar­bei­tet er ge­ra­de dar­an, sich selbst über­flüs­sig zu ma­chen. Denn sein Ziel ist es, ein in­tel­li­gen­tes Sys­tem zu schaf­fen, das al­le vor­han­de­nen In­for­ma­tio­nen mit­ein­an­der ver­knüpft und nutz­bar macht. Da­mit könn­ten Wah­le und sein Team nicht nur Staus weit­ge­hend ab­schaf­fen. Sie könn­ten auch dem In­ter­net­gi­gan­ten Goog­le zu­vor­kom­men.

Das Pro­jekt für den Ver­kehr von mor­gen, das vom Bun­des­wirt­schafts­mi­nis­te­ri­um ge­för­dert wird, trägt den ein we­nig rät­sel­haf­ten Namen „In­terOp“. Doch mit Be­grif­fen wie „In­ter­ope­ra­bi­li­tät über Sys­tem­gren­zen hin­weg“quält Wah­le sei­ne Ge­sprächs­part­ner nicht lan­ge. Ob­wohl theo­re­ti­scher Phy­si­ker be­vor­zugt er prak­ti­sche Bei­spie­le. Mit ein paar Klicks auf dem Note­book zoomt er auf die ak­tu­el­len Staus rund um Mos­kau oder ver­folgt die Be­we­gun­gen der Stra­ßen­meis­ter­ei­fahr­zeu­ge (die mit den rie­si­gen blau­en Rich­tungs­pfei­len) auf hes­si­schen Au­to­bah­nen auf we­ni­ge Me­ter ge­nau. Traff­go Road hat be­reits Apps für das bar­geld­lo­se Be­zah­len von Park­ge­büh­ren über das Han­dy ent­wi­ckelt, selbst Kn­öll­chen las­sen sich dank Soft­ware aus Kre­feld heu­te mit­hil­fe von QR-Co­de und Smart­pho­ne be­glei­chen.

Jetzt macht sich Wah­les Team im In­terOp-Netz­werk dar­an, die Lkw-Na­vi­ga­ti­on zu ver­bes­sern. Ein nor­ma­les Na­vi gibt na­tur­ge­mäß nicht an, wel­che Stra­ßen für Schwer­last­ver­kehr oder Ge­fahr­gut­trans­por­te ge­sperrt sind – ganz zu schwei­gen von den Durch­fahrt­hö­hen der Brücken. Ir­gend­wo in kom­mu­na­len, lan­des­o­der bun­des­ei­ge­nen Da­ten­ban­ken sind sol­che An­ga­ben vor­han­den – aber bis­lang nicht in den Fah­rer­ka­bi­nen ab­ruf­bar.

Als Bei­spiel für un­ver­ar­bei­te­te Ver­kehrs­in­for­ma­tio­nen nennt Wah­le die mo­na­te­lan­ge Lahm­le­gung des Ver­kehrs­kno­tens Ost­wall/Rhein­stra­ße in Kre­feld we­gen des Um­baus der zen­tra­len Hal­te­stel­len. Die Voll­sper­rung sei in kei­nem ein­zi­gen Na­vi­ga­ti­ons­sys­tem ein­ge­speist ge­we­sen, so Wah­le. Wie viel un­nö­ti­gen Such­ver­kehr mag die­ses Ver­säum­nis er­zeugt ha­ben?

Hät­ten die Brum­mi­fah­rer und ih­re Di­s­po­nen­ten sol­che In­for­ma­tio­nen recht­zei­tig, könn­ten sie ih­re Rou­ten an­ders pla­nen. So man­ches Ver­kehrs­cha­os lie­ße sich ver­mei­den.

Und die Plä­ne rei­chen noch viel wei­ter. Kon­stan­tin Graf vom Düs­sel­dor­fer Bü­ro der in­ter­na­tio­nal tä­ti­gen Tech­no­lo­gie­be­ra­tung Al­tran, die In­terOp ma­nagt, sagt für al­le Ver­kehrs­teil­neh­mer spür­ba­re Vor­tei­le vor­aus. Ne­ben den rei­nen Ver­kehrs­in­for­ma­tio­nen sol­len näm­lich un­ter­neh­mens­über­grei­fend auch Da­ten über ver­füg­ba­ren Fracht­raum oder Leer­fahr­ten aus­ge­tauscht wer­den. So könn­ten gan­ze Tou­ren ein­ge­spart und die Stra­ßen spür­bar ent­las­tet wer­den.

Ein wei­te­res Pro­blem ist der Park­raum. Die Au­to­bahn­rast­plät­ze sind vor al­lem an den Wo­che­n­en­den mit Last­wa­gen völ­lig über­füllt, in ih­rer Not nut­zen die Fah­rer zum Teil schon die Stand­spu­ren. Oder sie wei­chen in Ge­wer­be­o­der gar Wohn­ge­bie­te aus und neh­men dort An­woh­nern die Park­plät­ze weg. Sol­che Not­lö­sun­gen sind un­be­liebt und un­si­cher. Die­be, die es auf die La­dung ab­ge­se­hen ha­ben, ha­ben dort leich­te­res Spiel. Das am Pro­jekt be­tei­lig­te Fraun­ho­fer-In­sti­tut ha­be des­halb um­zäun­te und be­wach­te Area­le vor­ge­schla­gen, sagt Graf.

Längst ist die An­zahl frei­er Stell­plät­ze auf den ein­zel­nen Rast­stät­ten in Da­ten­net­zen ver­füg­bar – sie muss nur ir­gend­wie zu den Fah­rern ge­lan­gen. Und zwar recht­zei­tig, da­mit sie zu ih­rer vor­ge­schrie­be­nen Ru­he­zeit tat­säch­lich ei­nen Stell­platz für ih­ren Sat­tel­schlep­per oder Con­tainer­zug fin­den kön­nen. Das sol­len Wah­le und sein Team hin­be­kom­men.

Traff­go Road kann auf ei­nen rei­chen Er­fah­rungs­schutz im Um­gang mit Be­hör­den zu­rück­grei­fen – sie ge­hö­ren seit Jah­ren zu den Kun­den der IT-Fir­ma, die 2001 als Aus­grün­dung der Uni­ver­si­tät Duis­burg-Essen ent­stand. Frü­her lie­fer­ten vor al­lem Sen­so­ren in der Fahr­bahn das Da­ten­ma­te­ri­al für die Echt­zeit­ana­ly­sen, heu­te sind Au­to­fah­rer, die mit Na­vi­ga­ti­ons­ge­rä­ten un­ter­wegs sind, die Da­ten­lie­fe­ran­ten. Der Da­ten­fluss funk­tio­niert in bei­de Rich­tun­gen. Des­halb ge­lingt es gro­ßen An­bie­tern wie der US-Fir­ma In­rix, auf ein paar Hun­dert Me­ter ge­nau für vie­le Stre­cken in al­ler Welt die ak­tu­el­le Ge­schwin­dig­keit der dort fah­ren­den, da­hin­krie­chen­den oder ste­hen­den Au­tos zu mes­sen.

Der Kampf ge­gen den Stau ist des­halb auch ein Kampf ge­gen die Zeit: Wah­le und sein Team wol­len un­be­dingt schnel­ler ei­ne markt­fä­hi­ge Lö­sung prä­sen­tie­ren als die mäch­ti­gen US-Ri­va­len, al­len vor­an Goog­le. Ei­ne ers­te Skiz­ze für die För­de­rung op­ti­mier­ter Lkw-Rou­ting­sys­te­me wird der­zeit er­stellt, mög­lichst rasch sol­len Teil­pro­jek­te nutz­bar ge­macht und ver­mark­tet wer­den. Spä­tes­tens im Ju­li 2017 soll In­terOp lau­fen.

Und wenn Goog­le ih­nen doch zu­vor­kommt? Graf gibt sich ge­las­sen. Das Netz­werk, in das auch re­nom­mier­te For­schungs­in­sti­tu­te und Hoch­schu­len ein­ge­bun­den sind, ga­ran­tie­re, dass ak­tu­ell nie­mand auf ei­nem ver­gleich­ba­ren Stand sei.

Ver­kehr Wer­den selbst­fah­ren­de Au­tos wie das Goog­le-Car

ein all­täg­li­cher An­blick auf un­se­ren

Stra­ßen?

Nicht so smart: Der Fah­rer die­ses Last­wa­gens hat­te in Mön­chen­glad­bach nicht auf die Durch­fahrts­hö­he ei­ner S-Bahn-Brü­cke ge­ach­tet. Der­ar­ti­ge Un­fäl­le könn­ten durch in­tel­li­gen­te Ver­kehrs­sys­te­me ver­mie­den wer­den.

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