70 Jah­re NRW

Wirtschaft in Nordrhein-Westfalen - - | Inhalt - VON ANT­JE HÖNING

Kein Bun­des­land hat grö­ße­re Er­fah­rung in der Be­wäl­ti­gung ei­nes Struk­tur­wan­dels. War­um Wirt­schaft und Un­ter­neh­men den­noch mehr in die Zu­kunft in­ves­tie­ren müs­sen.

Al­le Län­der wach­sen, nur Nord­rhein-West­fa­len nicht. Da­bei gibt es auch hier er­folg­rei­che Bei­spie­le für Struk­tur­wan­del. Doch Un­ter­neh­men und öf­fent­li­che Hand in­ves­tie­ren zu we­nig in die Zu­kunft.

Vwas iel­leicht lässt sich dort oben, auf dem 118 Me­ter ho­hen Ga­so­me­ter von Oberhausen, am bes­ten stu­die­ren,

Struk­tur­wan­del ist: Man blickt auf den pul­sie­ren­den Kon­sum­tem­pel Cen­tro. Rich­tung Nord­ost ra­gen die Schlacke­hal­den von Pro­sper-Ha­ni­el in den Him­mel. Pro­sper-Ha­ni­el ist die letz­te deut­sche Ze­che, hier ist En­de 2018 Schicht im Schacht. Der Ga­so­me­ter selbst ist von ei­nem Gicht­gas­spei­cher zu ei­nem at­trak­ti­ven Aus­stel­lungs­ort ver­wan­delt. „Wun­der des Le­bens“heißt die ak­tu­el­le Schau. Und das Wun­der des Le­bens zeigt sich auch am Fuß des Ga­so­me­ters, wo die Em­scher fließt. War sie zu den Hoch­zei­ten der Schwer­in­dus­trie die „Kloa­ke des Ruhr­ge­biets“, schwim­men seit Kur­zem wie­der Fo­rel­len in ihr.

Doch der Blick fällt auch auf Brach­land. Hier ha­ben mal ein Stahl­werk und Tei­le der Gu­te­hoffungs­hüt­te (GHH) ge­stan­den. Al­les ver­schwun­den. Auf der Bra­che ha­ben 2003 noch die Rol­ling Sto­nes ge­spielt. Sa­tis­fac­tion hat die Stadt aber nicht er­reicht. Neue In­dus­trie ist kaum nach­ge­kom­men. Die Ar­beits­lo­sen­quo­te lag zu­letzt bei zwölf Pro­zent, im be­nach­bar­ten Duis­burg sind es 15 Pro­zent. Das zeigt, dass das Ruhr­ge­biet in Sum­me den An­schluss an die Mo­der­ne nicht ge­schafft hat. Es zieht NRW her­un­ter.

„Die Wirt­schaft in NRW fällt seit 1980 ge­gen­über an­de­ren Bun­des­län­dern zu­rück“, schrieb die Un­ter­neh­mens­be­ra­tung McKin­sey schon 2013. Üb­ri­gens un­ab­hän­gig da­von, ob SPD oder CDU den Mi­nis­ter­prä­si­den­ten stell­ten. Und es wird nicht bes­ser: Wäh­rend 2015 al­le an­de­ren Län­der wuch­sen, sta­gnier­te Nord­rhein-West­fa­len. NRW er­wirt­schaf­te­te pro Kopf ein Brut­to­in­lands­pro­dukt von 36 500 Eu­ro, Bay­ern schaff­te 43 000 Eu­ro.

„Struk­tu­rel­le Ur­sa­chen ver­hin­dern, dass das Land zum üb­ri­gen Bun­des­ge­biet auf- schließt“, sa­gen die For­scher vom Rhei­nisch-West­fä­li­schen In­sti­tut für Wirt­schafts­for­schung (RWI).

Nord­rhein-West­fa­len hat­te zu­letzt die ge­rings­te In­ves­ti­ti­ons­quo­te un­ter den deut­schen Län­dern, die hie­si­gen Un­ter­neh­men wol­len oder kön­nen nicht ge­nug Geld in neue An­la­gen ste­cken. Ähn­lich sieht es bei den Aus­ga­ben für For­schung und Ent­wick­lung aus: Die­se ma­chen in NRW nur gut ein Drit­tel der Aus­ga­ben in Ba­den-Würt­tem­berg aus. Die NRW-Wirt­schaft spart an ih­rer Zu­kunft.

Und die öf­fent­li­che Hand tut das­sel­be. Die Sach­in­ves­ti­tio­nen des Staa­tes lie­gen in NRW pro Kopf nicht mal halb so hoch wie in Bay­ern. Mehr gin­ge auch beim Breit­band­aus­bau auf dem Land. Hin­zu kommt, dass NRW mehr als an­de­re Län­der sein Er­werbs­per­so­nen­po­ten­zi­al nicht nutzt, zu we­ni­ge Frau­en ar­bei­ten. „Bei Wachs­tums­trei­bern wie In­ves­ti­tio­nen und For­schungs­aus­ga­ben hinkt NRW deut­lich hin­ter den an­de­ren Bun­des­län­dern hin­ter­her“, sagt RWI-Ex­per­te Ro­land Döhrn.

Da­bei weiß das Land ei­gent­lich, wie Struk­tur­wan­del geht: Kei­ne Re­gi­on ist so stür­misch ge­wach­sen wie Rhein-Ruhr vor 100 Jah­ren mit dem Auf­stieg der Koh­le zum wich­tigs­ten deut­schen Ener­gie­trä­ger. Nach dem Zwei­ten Welt­krieg war das jun­ge Bun­des­land die Lo­ko­mo­ti­ve des Wirt­schafts­wun­ders. Zwi­schen 1951 und 1953 wuchs die NRW-Wirt­schaft jähr­lich mit zwei­stel­li­gen Ra­ten. Ähn­lich stark war je­doch auch der Ab­sturz seit den 1960er-Jah­ren. Mit Ze­chen und Stahl­hüt­ten starb ei­ne Re­gi­on. Al­lein im Berg­bau gin­gen ei­ne hal­be Mil­li­on Jobs ver­lo­ren, vie­le von ih­nen an­spruchs­voll und gut be­zahlt.

Seit­her hat sich man­ches ge­tan. Wo Struk­tur­wan­del in Nord­rhein-West­fa­len er­folg­reich war, ver­lief er meist nach dem Mot­to „Aus Alt macht Neu“. Ein Bei­spiel da­für ist die Lo­gis­tik. Die Schwer­in­dus­trie hat­te es einst nö­tig ge­macht, dass im Ruhr­ge­biet ein dich­tes Netz von Was­ser­stra­ßen ent­stand mit dem Duis­bur­ger Ha­fen als Brü­cken­kopf. Nach dem En­de der Schwer­in­dus­trie kann die­ses Netz nun ge­nutzt wer­den für die Zu­kunfts­bran­che Lo­gis­tik. Duis­burg ist der größ­te Bin­nen­ha­fen der Welt und Job­mo­tor in der Re­gi­on. Das Ha­fen­ge­län­de selbst ist aus den Trüm­mern von Al­tem ent­stan­den: Das Lo­gis­tik­zen­trum Log­port steht in Rhein­hau­sen, wo Krupp einst ge­gen den er­bit­ter­ten Wi­der­stand der Be­völ­ke­rung sein Stahl­werk schloss. Ähn­lich wan­del­te sich die Deut­sche Bun­des­post vom Staats­kon­zern zum Bon­ner Lo­gis­ti­k­rie­sen, der heu­te zu 25 Pro­zent vom Ver­sand­han­del lebt.

Man­nes­mann als Lehr­bei­spiel

Viel­leicht ist das über­haupt die gan­ze Kunst des Struk­tur­wan­dels: dass al­te Un­ter­neh­men sich an neue Tech­no­lo­gi­en wa­gen. Ein Bei­spiel da­für ist auch Man­nes­mann: Der Her­stel­ler von Stahl­roh­ren war mit sei­nem klei­nen D2-Netz Mo­bil­funk­pio­nier. Er wur­de da­mit so er­folg­reich, dass ihn das bri­ti­sche Vo­da­fo­ne schluck­te, aber auch Düsseldorf zur deut­schen Han­dy-Ci­ty wur­de. Im Dunst­kreis ent­stan­den neue Un­ter­neh­men wie der Ver­schlüs­se­lungs­spe­zia­list Se­cus­mart oder der Rei­se­por­tal­be­trei­ber Tri­va­go.

Die Na­se vorn ha­ben zu­dem Re­gio­nen, die schon im­mer als Di­enst­leis­tungs­stand­ort stark wa­ren wie Münster und Bonn. Und Düsseldorf: Weil hier einst die Schreib­ti­sche des Ruhr­ge­biets stan­den, von Ve­ba, De­gus­sa und Thys­sen, ha­ben sich hier auch Be­ra­ter, Pa­tent­an­wäl­te und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­agen­tu­ren an­ge­sie­delt, die längst oh­ne die al­te In­dus­trie gu­te Ge­schäf­te ma­chen. Al­lein 45 Un­ter­neh­mens­be­ra­tun­gen sit­zen heu­te in der Stadt.

Was in NRW wei­ter hinkt, ist die Pro­duk­ti­vi­tät im ver­ar­bei­ten­den Ge­wer­be. Bay­ern hat BMW, NRW hat­te Opel. Erst 1962 war das Werk in Bochum an­ge­sie­delt wor­den, als Ers­tes lief ein Ka­dett vom Band, in bes­ten Zei­ten hat­te Opel Bochum 20 000 Mit­ar­bei­ter. Doch am Gän­gel­band der US-Mut­ter Ge­ne­ral Mo­tors, die Opel den Zu­gang zum Welt­markt ver­sperr­te, hat­te Opel Bochum auf Dau­er kei­ne Chan­ce. En­de 2014 lief der letz­te Wa­gen vom Band.

Viel zu klein ist auch die Grün­der­sze­ne. Laut dem Deut­schen Star­t­up Mo­ni­tor ent­stan­den zu­letzt 600 Start-ups in der Re­gi­on Rhein-Ruhr. Hört sich viel an, ist aber re­la­tiv we­nig: Sie ent­spre­chen nur zehn Pro­zent der deut­schen Start-ups – und das ob­wohl Nord­rhein-West­fa­len, ge­mes­sen an der Be­völ­ke­rungs­zahl, ein Fünf­tel Deutsch­lands aus­macht.

Ralf Roth­mann, der gro­ße Dich­ter des Re­viers, fängt in sei­nem Buch „Wäl­der­nacht“die Tra­gik der Re­gi­on gut ein, als er ei­nen Berg­mann sa­gen lässt: „Un­ter Ta­ge ist es im­mer dun­kel, im­mer Nacht. Du legst dich krumm und ra­ckerst dich ab, und am En­de reicht es wie­der nur für Mar­ga­ri­ne.“

Wie sich das än­dern kann? Zur Ret­tung des Ruhr­ge­biets for­dert Wer­ner Mül­ler, Chef der RAG-Stif­tung, ei­nen Auf­bau West: „Wir brau­chen ei­nen So­li­dar­pakt für das Ruhr­ge­biet. Min­des­tens 200 Mil­li­ar­den Eu­ro sind in den Auf­bau Ost ge­flos­sen, fi­nan­ziert auch mit viel Steu­er­geld der Bür­ger des Ruhr­ge­biets. Nun muss es an­ders­her­um ge­hen“, sag­te er un­se­rer Re­dak­ti­on (sie­he In­ter­view Sei­te 17). „Mit 50 Mil­li­ar­den Eu­ro, ver­teilt über zehn Jah­re, lie­ße sich ei­ni­ges dar­stel­len. Da­zu könn­te der So­li­dar­bei­trag auf die Ein­kom­men­steu­er auch nach 2019 be­ste­hen blei­ben.“

RWI-For­scher mah­nen die Po­li­tik, mehr in die In­fra­struk­tur zu in­ves­tie­ren. „NRW muss at­trak­ti­ver für in­no­va­ti­ve Un­ter­neh­men wer­den, hier­zu sind Ver­bes­se­run­gen auf brei­ter Front er­for­der­lich, die vom Breit­band­aus­bau bis zur Kin­der­be­treu­ung rei­chen“, sagt Ro­land Döhrn. Das Land mit 18 Uni­ver­si­tä­ten und 37 Fach­hoch­schu­len kann mehr, als es bis­her zeigt.

Es ist iko­ni­sches Bild die Stahl­ar­bei­ter au de Rhein­brü­cke. pro­tes­tier­te si 1987 egen die Schlie­ßung hres erks Rhein­hau­se ver­geb­lich

70 Jah­re NRW Wie sich das Land von

Koh­le und Stahl im­mer wie­der neu

auf­stellt

62 Mil­li­ar­den Dol­lar bie­tet Bay­er für Saat­gut­her­stel­ler Monsan­to: ein Aus­druck für die enor­me Schlag­kraft des Phar­ma­rie­sen. Die Post ist da: Der Lo­gis­tik­kon­zern mit Sitz in Bonn ex­pe­ri­men­tiert längst mit neu­en Tech­no­lo­gi­en wie der Pa­ket­zu­stel­lung per Droh­ne.

Von der größ­ten Lan­des­bank zur ers­ten Bad Bank: Die Wes­tLB ist 2012 un­ter den Las­ten der Fi­nanz­kri­se zu­sam­men­ge­bro­chen. Der Rechts­nach­fol­ger Por­ti­gon ar­bei­tet die Alt­las­ten ab – und wird in ei­ni­gen Jah­ren selbst auf­ge­löst.

Krupp und Thys­sen: Zwei Un­ter­neh­men, die als In­be­griff für al­ten Stolz und Stär­ke der Schwer­in­dus­trie im Wes­ten ste­hen. Heu­te ist Thys­senK­rupp an­ge­schla­gen – und spricht mit dem in­di­schen Ri­va­len Ta­ta über ei­ne Fu­si­on.

Ein Schwach­punkt im Wes­ten: Die Ver­sor­gung mit schnel­lem In­ter­net ist in den Me­tro­po­len zwar gut. Ge­ra­de auf dem Land kommt der Aus­bau von Glas­fa­ser­ka­beln bis­lang al­ler­dings nur schlep­pend vor­an.

1929 war es Eu­ro­pas größ­ter Gas­be­häl­ter. Heu­te ist das Ga­so­me­ter Oberhausen Schau­platz spek­ta­ku­lä­rer Aus­stel­lun­gen wie „Wun­der der Na­tur“.

High­tech auf dem Acker: Der Land­ma­schi­nen­bau­er Claas aus Ost­west­fa­len ex­por­tiert sein Pro­duk­te in al­le Welt – und setzt stark auf Big Da­ta.

Qia­gen, 1984 von For­schern der Uni Düsseldorf ge­grün­det, hat sich bin­nen drei Jahr­zehn­ten zum glo­ba­len Bio­tech-Cham­pi­on ent­wi­ckelt.

Am Ta­ge­bau Garz­wei­ler ist al­les gi­gan­tisch: Die ge­för­der­te Koh­le­men­ge von bis zu 40 Mil­lio­nen Ton­nen im Jahr, die Bag­ger, die Aus­deh­nung von 31 Qua­drat­ki­lo­me­tern. Doch ge­gen den Ab­bau wird seit je­her ge­strit­ten – seit dem Pa­ri­ser Kli­ma­gip­fel im­mer hef­ti­ger.

In der Ze­che Zoll­ver­ein wird seit 30 Jah­ren kei­ne Koh­le mehr ge­för­dert. Aus Pan­ora­ma des Ruhr­ge­biets ist sie den­noch nicht weg­zu­gen­ken. Seit 2001 zählt die An­la­ge zum Welt­kul­tur­er­be.

Von 1962 bis 2014 bau­te Opel in Bochum Au­tos wie den Ka­dett. Zu Spit­zen­zei­ten ar­bei­te­ten hier 20 000 Mit­ar­bei­ter.

Hen­kel ver­treibt zahl­lo­se Mar­ken auf al­len Kon­ti­nen­ten. ln Deutsch­land den­ken die meis­ten noch im­mer zu­erst an Per­sil.

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