Big Da­ta

Wirtschaft in Nordrhein-Westfalen - - | Inhalt - VON FLO­RI­AN RINKE

Nicht nur Un­ter­neh­men mit Mil­li­ar­den­um­sät­zen, auch Mit­tel­ständ­ler sit­zen heu­te auf ge­wal­ti­gen Da­ten­schät­zen. Doch nur we­ni­ge wis­sen, wie man sie hebt. Ein Hand­werks­be­trieb aus Mön­chen­glad­bach macht es vor.

Big Da­ta ist in al­ler Mun­de: Nur in der Pra­xis mit­tel­stän­di­scher Be­trie­be spielt es bis­lang aber kaum ei­ne Rol­le. Die Un­ter­neh­men sit­zen auf ge­wal­ti­gen Da­ten­schät­zen — und las­sen sie un­ge­nutzt. Das könn­te sich rä­chen.

er den di­gi­ta­len Wan­del er­le­ben will, muss nach Wet­ter fah­ren. Die Stadt liegt zwi­schen Bo

und Ha­gen am Ran­de des Ruhr­ge­biets. Sie hat knapp 27 500 Ein­woh­ner und ei­nem Kanu­po­lo­klub, der in der Bun­des­li­ga spielt. Und es gibt Qass, ei­ne Art klei­nes Goog­le aus NRW. Das Un­ter­neh­men hat ein di­gi­ta­les Ge­hör ent­wi­ckelt, das so fein ist, dass sich da­mit Schä­den in Bau­tei­len er­ken­nen las­sen. Die Mess­ge­rä­te sind so gut, dass sie in­zwi­schen von je­dem Au­to­her­stel­ler auf der Welt ein­ge­setzt wer­den.

Ent­stan­den ist die Idee be­reits 2001, als Fir­men­grün­der Ul­rich Seu­the und sein

Team das ers­te Mess­ge­rät ent­wi­ckel­ten. Der Ge­dan­ke da­hin­ter sei ei­gent­lich recht sim­pel, der Elek­tro­in­ge­nieur heu­te: „Er­fah­res­agt ne Ar­bei­ter in der Pro­duk­ti­on ha­ben ja oft ein Ge­hör für ih­re Ma­schi­nen. Sie mer­ken, wenn et­was nicht rich­tig läuft. Wir ha­ben ih­nen zu­ge­hört – und dann ver­sucht, dar­aus ei­nen Au­to­ma­ten zu ent­wi­ckeln.“Zu Be­ginn konn­ten die Mess­ge­rä­te von Qass nur Un­ter­schie­de in der Laut­stär­ke und be­stimm­ten Fre­quen­zen wahr­neh­men. In­zwi­schen sind sie High­tech­sen­so­ren, die pro Se­kun­de 50 Me­ga­byte an Da­ten pro­du­zie­ren – un­ge­fähr die­sel­be Men­ge, die auch im Schwei­zer For­schungs­zen­trum Cern an­fällt. In Echt­zeit wer­den die Da­ten mit ei­ner ge­wal­ti­gen Men­ge an Ge­räu­schen ab­ge­gli­chen, die bei Qass in ei­ner Bi­b­lio­thek hin­ter­legt sind. „Das ist Big-Da­ta-Analyse in Echt­zeit“, sagt Seu­then. Für sei­ne Kun­den ist es vor al­lem ei­ne loh­nen­de In­ves­ti­ti­on. Denn dank der Sen­so­ren mer­ken sie so­fort, wenn in ih­rer Pro­duk­ti­on et­was nicht stimmt. Das re­du­ziert den Aus­schuss und spart Kos­ten.

Die Aus­wer­tung von Da­ten, das zeigt das Bei­spiel, wird für Un­ter­neh­men im­mer wich­ti­ger. In­zwi­schen nut­zen rund 35 Pro­zent al­ler Fir­men in Deutsch­land Big-Da­ta-Ana­ly­sen, um gro­ße Da­ten­men­gen zu durch­fors­ten. Vor zwei Jah­ren wa­ren es le­dig­lich 23 Pro­zent. Das be­legt ei­ne re­prä­sen­ta­ti­ve Um­fra­ge des IT-Bran­chen­ver­bands Bit­kom und der Un­ter­neh­mens­be­ra­tung KPMG. Längst ar­bei­ten da­her auch Un­ter­neh­men wie der Es­se­ner Stahl­kon­zern Thys­senK­rupp mit Big-Da­ta-Ana­ly­sen. Es geht dar­um, die Feh­ler in der Pro­duk­ti­on zu mi­ni­mie­ren – und da­bei viel­leicht ganz ne­ben­bei neue Ge­schäfts­mo­del­le zu ent­wi­ckeln. „Je­de un­se­rer Ein­hei­ten muss ein Pi­lot­pro­jekt zu Big Da­ta ma­chen“, hat Thys­senK­rupp-Chef Hein­rich Hie­sin­ger zu­letzt bei ei­ner Ver­an­stal­tung in Düsseldorf ver­ra­ten.

Die Analyse rie­si­ger Da­ten­men­gen, das zeigt die Stu­die, spielt auch in Me­dien­un­ter­neh­men, bei Ver­si­che­run­gen und in der Au­to­mo­bil­in­dus­trie ei­ne gro­ße Rol­le. Oft geht es da­bei auch um den Ver­such, Ri­si­ken zu mi­ni­mie­ren. Im­mer wie­der es bei­spiels­gibt wei­se Be­rich­te über Kran­ken­ver­si­che­run­gen, die ih­ren Mit­glie­dern Zu­schüs­se oder Prä­mi­en zah­len, wenn die­se im Ge­gen­zug ein Fit­ness­arm­band tra­gen. Da­mit wird et­wa die Herz­fre­quenz ge­mes­sen, aber auch, wie stark sich der Nut­zer be­wegt. Vie­le Ver­brau­cher­schüt­zer fürch­ten, dass sol­che Da­ten­samm­lun­gen zu ei­nem glä­ser­nen Bür­ger füh­ren – der am En­de hö­he­re Prä­mi­en be­zah­len muss, nur weil er hin und wie­der gern ei­nen Bur­ger isst oder an ei­ner Zi­ga­ret­te zieht.

Sol­che öf­fent­li­chen Dis­kus­sio­nen scheu­en vie­le Un­ter­neh­men. Rund ein Drit­tel gab in der Be­fra­gung an, auf Da­ten­ana­ly­sen zu ver­weil man Angst vor öf­fent­li­cher Kri­zich­ten, tik ha­be. Den­noch schwin­den die Vor­be­hal­te, die es ge­gen­über Big Da­ta gibt – wohl auch, weil die Vor­tei­le für vie­le Un­ter­neh­men über­wie­gen. Längst tref­fen des­halb 80 Pro­zent der Fir­men Ent­schei­dun­gen auch auf Grund­la­ge von Da­ten, rund 70 Pro­zent er­ken­nen so­gar Vor­tei­le für die ei­ge­ne Wert­schöp­fung. „Da­ten­ana­ly­sen kön­nen in al­len re­le­van­ten Be­rei­chen des Un­ter­neh­mens ei­nen Mehr­wert ge­ne­rie­ren, in­dem sie bei­spiels­wei­se die Pro­duk­ti­on ef­fi­zi­en­ter ei­ne ziel­ge­ma­chen, naue­re Kun­den­an­spra­che er­mög­li­chen oder vor fi­nan­zi­el­len Ri­si­ken war­nen“, sagt Pe­ter Heid­kamp, Tech­no­lo­gie­ex­per­te bei KPMG.

wur­den al­ler­dings nur Un­ter­nehBe­fragt men mit min­des­tens 100 Mit­ar­bei­tern. Wie es in Hand­werks­be­trie­ben oder bei klei­ne­ren Mit­tel­ständ­lern aus­sieht, zei­gen die Zah­len al­so nicht.

Fragt man Big-Da­ta-Un­ter­neh­mer Seu­the, gibt es noch Stei­ge­rungs­po­ten­zi­al: „Die In­no­va­ti­ons­freu­dig­keit im deut­schen Mit­tel­stand müss­te sehr viel hö­her sein“, sagt er. Auch das Sys­tem von Qass könn­te näm­lich aus sei­ner Sicht bei viel mehr klei­ne­ren und mitt­le­ren Un­ter­neh­men ein­ge­setzt wer­den. „Bis­lang pas­siert das aber nur sel­ten.“Ei­nen Grund sieht er dar­in, dass vie­le klei­ne­re Be­trie­be kaum Ka­pa­zi­tä­ten ha­ben, um in­ten­siv nach neu­en Tech­no­lo­gi­en zu su­chen, die nütz­lich sein könn­ten. Wel­cher Mit­tel­ständ­ler kann sich schon ei­nen Tech­no­lo­gie-Scout leis­ten?

Da ist es schon gut, wenn man ei­ne Toch­ter wie Kath­rin de Blois hat. Die jun­ge Frau ist nach dem En­de ih­res Wirt­schafts­stu­di­ums nicht zu ei­ner gro­ßen Un­ter­neh­mens­be­ra­tung oder in ei­nen Kon­zern ge­wech­selt, son­dern in den el­ter­li­chen Be­trieb ein­ge­stie­gen: Sa­ni­tär, Hei­zung, Kli­ma statt Mer­gers, Ac­qui­si­ti­ons und Quar­tals­bi­lan­zen. Be­reut hat sie den Schritt nie, denn ihr In­ter­es­se an di­gi­ta­len The­men kann sie auch bei Haaß Haus­tech­nik einsetzen. Zu­nächst ging es dar­um, die Ab­läu­fe so zu di­gi­ta­li­sie­ren, dass die In­stal­la­teu­re mehr Zeit für ih­re ei­gent­li­che Ar­beit ha­ben. Seit­dem sind sie mit Ta­blet und mo­bi­lem Dru­cker aus­ge­stat­tet, Termine wer­den zen­tral er­fasst und ko­or­di­niert.

In ei­nem zwei­ten Schritt nut­zen der Mön­chen­glad­ba­cher Hand­werks­be­trieb und sei­ne rund 40 Mit­ar­bei­ter nun auch die Macht der Da­ten. Mit­hil­fe von Soft­ware er­fasst man ge­nau, wel­che Tei­le wie oft im Jahr be­stellt und ein­ge­setzt wer­den. De Blois hat da­zu das ei­ge­ne Sys­tem mit den Da­ten­ban­ken der Händ­ler ver­netzt. „Wir wis­sen jetzt erst­mals ge­nau, was wir ver­brau­chen“, sagt sie. „Bis­lang ha­ben wir für je­des Pro­jekt die Prei­se ein­zeln ver­han­deln müs­sen. Nun ver­han­deln wir Jah­res­fest­prei­se.“

Da­von pro­fi­tie­ren letzt­lich auch die Kun­den: Weil ih­re Da­ten im Sys­tem mit In­for­ma­tio­nen aus an­de­ren Da­ten­ban­ken ver­knüpft wer­den – et­wa Kes­sel­da­ten –, kön­nen die Mit­ar­bei­ter von Haaß Haus­tech­nik sie bei Rück­fra­gen viel ge­nau­er be­ra­ten. „Kun­den fra­gen uns zum Bei­spiel oft, wann die nächs­te In­spek­ti­on fäl­lig ist“, er­zählt Kath­rin de Blois. Weil im Sys­tem ab­ge­spei­chert ist, dass die letz­te War­tung bei­spiels­wei­se ein Jahr her sei, kann so­fort ein neu­er Ter­min ver­ein­bart wer­den. „Da wir au­ßer­dem die Kes­sel­da­ten im hin­ter­legt ha­ben, wird im AnSys­tem schluss di­rekt das pas­sen­de War­tungs­set be­stellt. So­mit spart der Kun­de Ex­tra­kos­ten für Fahrt und Zeit.“

Das Bei­spiel Haaß zeigt, dass man kein Groß­un­ter­neh­men sein muss, um ge­schickt die vor­han­de­nen Da­ten für das ei­ge­ne Ge­schäft zu nut­zen. Auch bei Hand­werks­be­trie­ben und klei­ne­ren Mit­tel­ständ­lern gibt es noch viel Po­ten­zi­al: Der Bä­cker könn­te sei­ne Be­stel­lun­gen mit Wet­ter­da­ten ab­glei­chen, um her­aus­zu­fin­den, ob die Kun­den bei war­mem Wet­ter we­ni­ger Ku­chen essen. Der Fri­seur kann mit­hil­fe sei­ner Kun­den­kar­tei und der Analyse von Pro­mi­pro­fi­len in so­zia­len Netz­wer­ken viel­leicht vor­aus­se­hen, wel­che Haar­t­rends dem­nächst bei ihm ak­tu­ell wer­den könn­ten. Der Fan­ta­sie sind kei­ne Gren­zen ge­setzt.

Auch Andre­as Eh­lert, Prä­si­dent der Hand­werks­kam­mer Düsseldorf, sagt: „Im Mit­tel­punkt der Di­gi­ta­len Re­vo­lu­ti­on steht auch im Handwerk die In­for­ma­ti­on.“Durch die In­te­gra­ti­on von Da­ten aus den Ge­schäfts­ab­läu­fen oder den Her­stel­lungs­ver­fah­ren könn­ten Ser­vices und Pro­duk­te noch smar­ter wer­den, die Ver­bin­dung zum Kun­den noch en­ger. Eh­lert ist si­cher, dass dies ei­ne rie­si­ge Chan­ce für die Be­trie­be ist: „Was dem Handwerk Zu­kunft be­schert, si­chert sie auch sei­nen Be­schäf­tig­ten und macht das Handwerk als Ar­beit­ge­ber at­trak­tiv.“

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