In­fra­struk­tur

Wirtschaft in Nordrhein-Westfalen - - | Inhalt - VON FLO­RI­AN RINKE

In Nord­rhein-West­fa­lens Bal­lungs­räu­men ist der Zu­gang zu schnel­lem In­ter­net kein Pro­blem. Au­ßer­halb sieht es schlech­ter aus. Wird der länd­li­che Raum von der di­gi­ta­len Re­vo­lu­ti­on ab­ge­hängt?

Wo schnel­les In­ter­net ist, gibt es auch vie­le In­for­ma­tik­fach­kräf­te. Das zeigt ei­ne Un­ter­su­chung des In­sti­tuts der deut­schen Wirt­schaft Köln. Das Pro­blem ist: Auf dem Land gibt es von bei­dem zu we­nig.

Wer sich mit Ma­na­gern und Po­li­ti­kern un­ter­hält, hört im­mer wie­der die­sen ei­nen Satz: Die ers­te Halb­zeit bei der Di­gi­ta­li­sie­rung ha­be man ver­lo­ren, doch nun be­gin­ne die zweite – und da schla­ge die St­un­de der deut­schen Wirt­schaft. Denn nach der Di­gi­ta­li­sie­rung von Kon­sum­gü­ter­märk­ten, et­wa dem Buch- oder Mo­de­han­del, ge­he es nun um die Ver­net­zung von Ma­schi­nen, um In­dus­trie 4.0. Der Be­griff ist in Deutsch­land ge­prägt wor­den, und auch die da­zu­ge­hö­ri­ge Tech­no­lo­gie soll mög­lichst von hier stam­men. Doch da­für sind Da­ten­lei­tun­gen nö­tig, schnel­le Da­ten­lei­tun­gen, über die Ma­schi­nen kom­mu­ni­zie­ren kön­nen. Und na­tür­lich Fach­kräf­te, die aus Ide­en Co­de­zei­len ma­chen und aus Vi­sio­nen Pro­duk­te.

Ei­gent­lich soll­te es im Ge­spräch mit Oli­ver Kop­pel ge­nau dar­um ge­hen, um die far­bi­gen und grau­en Fle­cken, die der In­no­va­ti­ons­for­scher vom In­sti­tut der deut­schen Wirt­schaft Köln (IW) in ei­ne Kar­te ein­ge­zeich­net hat. Sie zei­gen den Zu­sam­men­hang zwi­schen IT-Ar­beits­kräf­ten und dem Vor­han­den­sein von schnel­lem In­ter­net in Nord­rhein-West­fa­len. Doch nach kur­zer Zeit ist man be­reits beim Grund­sätz­li­chen: bei der Fra­ge, wie es in die­sem Land um die In­no­va­ti­ons­fä­hig­keit be­stellt ist. Denn die blau­en und grau­en Fle­cken sind ein Sym­ptom für die Pro­ble­me des Lan­des in der zu­neh­mend di­gi­ta­li­sier­ten Welt.

Zwar steht das Land beim Breit­band­aus­bau, al­so der Ver­sor­gung mit ei­ner Ge­schwin­dig­keit von min­des­tens 50 Me­ga­bit pro Se­kun­de, im Län­der­ver­gleich nicht schlecht da.

Das sei auch wich­tig, sagt Oli­ver Kop­pel: „Denn da wo es ei­ne gu­te Breit­band­in­fra­struk­tur gibt, sie­deln sich In­for­ma­ti­ker an.“Und so fin­det man auf den NRW-Kar­ten – mit Aus­nah­me des Hoch­sau­er­land­krei­ses – im Grun­de im­mer die Kom­bi­na­ti­on: Wo das In­ter­net schnell ist, gibt es auch die Fach­kräf­te und um­ge­kehrt.

Doch ge­nau das ist gleich­zei­tig das Pro­blem. Denn an­ders als bei In­ge­nieu­ren, die sich auch im länd­li­chen Raum an­sie­deln und die dor­ti­gen Mit­tel­ständ­ler mit ih­ren Er­fin­dun­gen zu welt­weit be­wun­der­ten Hid­den Cham­pi­ons ma­chen, blei­ben die In­for­ma­ti­ker über­wie­gend in den ur­ba­nen Zen­tren – in Düsseldorf,

Köln, Bonn oder Aachen. Und na­tür­lich in Pa­der­born, wo sich dank

Nix­dorf schon früh die IT-In­dus­trie an­ge­sie­delt hat.

In länd­li­chen Re­gio­nen gibt es da­her in der Re­gel nicht nur zu ge­rin­ge Da­ten­ge­schwin­dig­kei­ten, son­dern auch zu we­nig In­for­ma­ti­ker. „Die gro­ße Fra­ge ist da­her, ob sich Un­ter­neh­men lang­fris­tig über­haupt noch in sol­chen Re­gio­nen an­sie­deln“, sagt Kop­pel. Denn oh­ne IT-Fach­kräf­te wer­den vie­le Un­ter­neh­men künf­tig nicht mehr aus­kom­men. Galt bis­lang im­mer das Ruhr­ge­biet als Sor­gen­kind von NRW, könn­ten es künf­tig die länd­li­chen Re­gio­nen sein. „Ich fürch­te, dass sich die In­dus­trie in den kom­men­den Jah­ren noch mehr in den Bal­lungs­zen­tren ver­dich­ten könn­te“, sagt Kop­pel. Hö­he­re Prei­se, et­wa für Mie­ten, sei­en kein Pro­blem, weil In­for­ma­ti­ker in der Re­gel we­nig Platz brau­chen – Schreib­tisch statt Pro­duk­ti­ons­stra­ße, Bü­ro statt Fa­b­rik. Für länd­li­che Re­gio­nen wer­de das zum Pro­blem, denn die dort an­ge­sie­del­ten Un­ter­neh­men könn­ten nicht ein­fach auf die Kom­pe­ten­zen von IT-Fach­kräf­ten in den Groß­städ­ten zu­rück­grei­fen. „Die Di­gi­ta­li­sie­rung des Lan­des klappt nicht per Fern­war­tung.“

Für Kop­pel ist da­her klar, dass die öf­fent­li­che Hand Ant­wor­ten fin­den muss: „Wenn die Po­li­tik sagt, dass sie die Di­gi­ta­li­sie­rung in die Flä­che brin­gen will und das auch ernst meint, dann muss das Mi­nis­te­ri­um für Ver­kehr und di­gi­ta­le In­fra­struk­tur mehr Geld in die Hand neh­men.“

Gleich­zei­tig nimmt Kop­pel die Län­der in die Pflicht. Denn NRW – das sich öf­fent­lich im­mer rühmt, ei­nen be­son­ders ho­hen Pro­zent­satz der Be­völ­ke­rung be­reits mit schnel­lem In­ter­net ab­zu­de­cken – tue längst nicht ge­nug. „NRW pro­fi­tiert ge­gen­über an­de­ren Bun­des­län­dern von sei­ner Sied­lungs­struk­tur mit vie­len Bal­lungs­zen­tren“, sagt der For­scher. „Wenn man aber Glei­ches mit Glei­chem ver­gleicht, sieht man deut­li­che Un­ter­schie­de zwi­schen NRW und Bay­ern oder Ba­den-Würt­tem­berg. Die städ­ti­schen und halb städ­ti­schen Re­gio­nen in Bay­ern sind sehr viel bes­ser an­ge­schlos­sen als die städ­ti­schen und halb städ­ti­schen Re­gio­nen in NRW.“Das Land pro­fi­tie­re bis­lang ein­fach von sei­nen güns­ti­gen Vor­aus­set­zun­gen.

Im Hoch­schul­be­reich müss­te NRW eben­falls mehr tun – auch wenn das Bun­des­land hier wie­der grund­sätz­lich ver­gleichs­wei­se gut da­ste­he. „Im Be­reich der In­ge­nieurs­aus­bil­dung ist NRW bun­des­weit füh­rend“, lobt Kop­pel. „Bei der In­for­ma­ti­ker­aus­bil­dung ist NRW aber ver­gli­chen mit sei­ner Hoch­schul­dich­te eher schwach. Da könn­te mehr pas­sie­ren.“Man dür­fe sich nicht dar­auf ver­las­sen, den Be­darf an Fach­kräf­ten für die Di­gi­ta­li­sie­rung der Fa­b­ri­ken mit In­ge­nieu­ren de­cken zu kön­nen. Es ge­be vie­le Be­rei­che, in de­nen es klas­si­scher In­for­ma­ti­ker be­dür­fe.

Da­her müs­se mehr pas­sie­ren, sagt Kop­pel. „Und da muss sich auch die Lan­des­re­gie­rung stär­ker en­ga­gie­ren.“Denn ge­ra­de die länd­li­chen Re­gio­nen hät­ten ak­tu­ell auch des­we­gen ein In­for­ma­ti­ker­pro­blem, weil die lo­ka­len Hoch­schu­len noch nicht aus­rei­chend auf de­ren Aus­bil­dung fo­kus­siert sei­en.

Da­bei wür­den sta­tis­tisch ge­se­hen vie­le Ab­sol­ven­ten nach ih­rem Ab­schluss in den je­wei­li­gen Re­gio­nen blei­ben. „Es reicht nicht, dar­auf zu hof­fen, dass die In­for­ma­ti­ker aus Düsseldorf oder Köln ir­gend­wann nach Hammin­keln oder Me­sche­de ge­hen.“An­de­re Län­der sei­en in die­sem Be­reich bes­ser auf­ge­stellt. In länd­li­chen Re­gio­nen Bay­erns oder Ba­den-Würt­tem­bergs ar­bei­ten laut Kop­pel ge­mes­sen an al­len Be­schäf­tig­ten mehr als dop­pelt so vie­le IT-Aka­de­mi­ker und In­for­ma­ti­ker wie in länd­li­chen Re­gio­nen in NRW.

Je län­ger man über die far­bi­gen und grau­en Fle­cken auf der Kar­te spricht, des­to deut­li­cher wird, wie viel­schich­tig die Pro­ble­me sind. Denn selbst wenn die Fach­hoch­schu­len mehr In­for­ma­tik­stu­di­en­gän­ge an­bie­ten wür­den – gä­be es dann au­to­ma­tisch auch mehr Stu­den­ten? Oli­ver Kop­pel glaubt, dass sich auch das Schul­sys­tem än­dern muss. „Wir wis­sen aus Stu­di­en sehr ge­nau, wel­che Leu­te sich mit gro­ßer Wahr­schein­lich­keit für ein In­for­ma­tik­stu­di­um ent­schei­den“, sagt er.

Fä­cher wie Ma­the, Phy­sik oder Eng­lisch sei­en ein gu­tes In­diz. „Wer sei­ne zwei Leis­tungs­kur­se aus die­ser Fä­cher­grup­pe wählt, hat ei­ne grö­ße­re Nei­gung, In­for­ma­tik zu stu­die­ren.“Das Pro­blem ist al­ler­dings: Lan­des­weit geht die Zahl der Ma­the­ma­tik­stun­den in den Schu­len eher zu­rück, als dass sie steigt. „Die Ma­the­ma­tik wird von der ak­tu­el­len Lan­des­re­gie­rung eher stief­müt­ter­lich be­han­delt.“Viel­leicht sei auch des­we­gen die Ab­bre­cher­quo­te bei Stu­den­ten im MINT-Be­reich (Ma­the­ma­tik, In­for­ma­tik, Na­tur­wis­sen­schaf­ten, Tech­nik) in NRW noch im­mer deut­lich zu hoch.

Ve­rän­de­rungs­druck fehlt

Das al­les könn­te sich hin­ter den blau­en und grau­en Fle­cken ver­ber­gen. Aber könn­te es nicht auch ei­nen an­de­ren Er­klä­rungs­an­satz ge­ben? Könn­te es nicht sein, dass ak­tu­ell so we­nig IT-Fach­kräf­te in länd­li­chen Re­gio­nen ar­bei­ten, weil sie bis­lang ein­fach nicht be­nö­tigt wur­den? Viel­leicht sieht die Kar­te in zehn Jah­ren, wenn die Di­gi­ta­li­sie­rung der In­dus­trie wei­ter über die Bal­lungs­zen­tren hin­aus­ge­wach­sen ist, ganz an­ders aus, weil sich vie­le Mit­tel­ständ­ler dann längst viel in­ten­si­ver um die In­for­ma­ti­ker be­mü­hen.

Kop­pel will das nicht aus­schlie­ßen. „Viel­leicht ist der Druck, In­for­ma­ti­ker zu ge­win­nen, bei den Un­ter­neh­men ak­tu­ell ein­fach noch nicht groß ge­nug“, sagt er. Auch in der In­ge­nieurs­aus­bil­dung hät­ten sich die länd­li­chen Fach­hoch­schu­len erst ge­än­dert, als der Fach­kräf­te­man­gel im­mer grö­ßer wur­de. „Heu­te ma­chen sie ei­nen ganz her­vor­ra­gen­den Job in die­sem Be­reich.“Viel­leicht wird es bei der In­for­ma­tik ähn­lich sein, viel­leicht sind die grau­en Fle­cken nur halb so schlimm. Aber kann man sich dar­auf ver­las­sen?

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