Selbst­dis­zi­plin

Wirtschaft in Nordrhein-Westfalen - - | Inhalt - VON VOL­KER KÜHN

Ge­duld und Wil­lens­kraft sind ent­schei­den­de Vor­aus­set­zun­gen für ein zu­frie­de­nes Le­ben und be­ruf­li­chen Er­folg. Wie man lernt, sich zu be­herr­schen.

Ge­duld und Selbst­dis­zi­plin sind für den be­ruf­li­chen Er­folg und pri­va­tes Glück min­des­tens eben­so wich­tig wie Ta­lent. Un­ge­dul­di­ge Men­schen müs­sen des­halb aber nicht ver­zwei­feln: Sie kön­nen ler­nen, sich zu än­dern. Und au­ßer­dem ist Ge­duld manch­mal so­gar ein Feh­ler.

Die­ser Text be­schäf­tigt sich mit der Fra­ge, wie stark die Fak­to­ren Ge­duld und Selbst­dis­zi­plin den Er­folg in Be­ruf und Pri­vat­le­ben be­ein­flus­sen. Er sucht ei­ne Ant­wort dar­auf, ob sich man­geln­des Ta­lent durch be­son­de­ren Fleiß oder Übung aus­glei­chen lässt, und er gibt Rat­schlä­ge, die un­ge­dul­di­gen Men­schen da­bei hel­fen sol­len, sich zu dis­zi­pli­nie­ren.

Sie kön­nen sich jetzt in ei­ne un­ge­stör­te Ecke zu­rück­zie­hen, ihr Han­dy aus­schal­ten und den Ar­ti­kel in al­ler Ru­he von An­fang bis En­de stu­die­ren. Viel­leicht drei bis fünf Mi­nu­ten – viel mehr Zeit müs­sen Sie da­für je nach Le­se­tem­po und Kon­zen­tra­ti­on nicht in­ves­tie­ren.

Sie kön­nen aber auch wei­ter­blät­tern oder den Ar­ti­kel nur rasch über­flie­gen. Vor­spann, Bild­un­ter­schrif­ten, Schluss­ab­satz, In­fo­kas­ten – ge­üb­ten Le­sern reicht das oft, um die wich­tigs­ten In­fos aus ei­nem Text zu zie­hen. Sie hät­ten dann mehr Zeit für an­de­res, Sie könn­ten noch ein wei­te­res Stück le­sen oder ei­ne schnel­le E-Mail schrei­ben. Die Ent­schei­dung liegt ganz bei Ih­nen.

Sind Sie noch da­bei? Gut! Denn dann ver­fü­gen Sie of­fen­bar über Ge­duld – und da­mit über ei­ne wich­ti­ge Vor­aus­set­zung für ein zu­frie­de­nes und er­folg­rei­ches Le­ben. Das ist kei­ne blo­ße Be­haup­tung, son­dern das Er­geb­nis ei­nes der be­rühm­tes­ten psy­cho­lo­gi­schen Ex­pe­ri­men­te über­haupt.

Er­dacht hat es der 1930 in Wien ge­bo­re­ne, viel­fach aus­ge­zeich­ne­te St­an­ford-Pro­fes­sor Wal­ter Mi­schel. Zwi­schen 1968 und 1974 setz­te er mehr als 550 Kin­der im Al­ter von vier bis sie­ben Jah­ren vor ei­nen Tel­ler mit ei­ner Le- cke­rei, ei­nem Mar­sh­mal­low et­wa oder ei­nem Scho­ko­la­den­keks. Der Ver­suchs­lei­ter er­klär­te den Kin­dern, dass er jetzt den Raum ver­las­sen wür­de und sie die Wahl hät­ten: Sie könn­ten die Sü­ßig­keit ent­we­der so­fort essen, oder sie war­te­ten, bis er zu­rück­kä­me. In die­sem Fall wür­den sie ei­ne zweite Sü­ßig­keit er­hal­ten.

„Je län­ger wir un­be­merkt durch un­ser Be­ob­ach­tungs­fens­ter späh­ten, des­to mehr staun­ten wir dar­über, wie die Kin­der ver­such­ten, sich selbst zu dis­zi­pli­nie­ren“, er­in­ner­te sich Mi­schel spä­ter. Sie zo­gen wil­de Gri­mas­sen, trom­mel­ten auf den Tisch, schlos­sen die Au­gen oder ver­such­ten auf an­de­re Art, sich ab­zu­len­ken. „Es trieb uns fast die Trä­nen in die Au­gen zu be­ob­ach­ten, wie die Kin­der sich re­gel­recht selbst quäl­ten.“

Man­che wa­ren da­mit al­ler­dings über­for­dert. Sie stopf­ten sich die Sü­ßig­keit so­fort in den Mund oder knab­ber­ten zu­min­dest dar­an und leg­ten sie dann so zu­rück, dass man es nicht auf An­hieb sah. In den ver­schie­de­nen Ab­wand­lun­gen des Ex­pe­ri­ments hiel­ten die Kin­der im Schnitt sechs bis zehn Mi­nu­ten durch.

Wie sich Wil­lens­stär­ke aus­zahlt

Das viel in­ter­es­san­te­re Er­geb­nis zeig­te sich al­ler­dings erst Jah­re nach dem Test. Mi­schel ver­folg­te näm­lich den wei­te­ren Le­bens­weg der Kin­der und mach­te ei­ne ein­deu­ti­ge Fest­stel­lung: Je län­ger sie sich im Ex­pe­ri­ment ge­dul­det hat­ten, des­to bes­ser schnit­ten sie spä­ter in Stu­dier­fä­hig­keits­tests ab, des­to hö­her wa­ren ih­re so­zia­le Kom­pe­tenz, ihr ko­gni­ti­ves Leis­tungs­ver­mö­gen und ihr Selbst­be­wusst­sein, des­to nied­ri­ger fiel ihr Bo­dy-Mass-In­dex aus.

Ge­dul­di­ge Kin­der lit­ten als Ju­gend­li­che und Er­wach­se­ne sel­te­ner an Such­ter­kran­kun­gen, sie wa­ren we­ni­ger oft in kri­mi­nel­le Hand­lun­gen ver­strickt, und sie führ­ten sta­bi­le­re Be­zie­hun­gen.

Mit der groß an­ge­leg­ten Stu­die, die Mi­schel 2015 auch auf Deutsch in ei­nem all­ge­mein­ver­ständ­li­chen Buch zu­sam­men­ge­fasst hat, ist der Ein­fluss von Ge­duld auf ein gu­tes Le­ben be­legt. Zwei Fra­gen blei­ben al­ler­dings: War­um sind man­che Men­schen ge­dul­di­ger als an­de­re? Und lässt sich Ge­duld trai­nie­ren, bei Kin­dern und auch bei Er­wach­se­nen?

To­bi­as Ka­len­scher hat Ant­wor­ten auf bei­de Fra­gen. Der Psy­cho­lo­gie-Pro­fes­sor der Hein­rich-Hei­ne-Uni­ver­si­tät Düsseldorf be­fasst sich da­mit, wie Men­schen und Tie­re auf Ver­su­chun­gen re­agie­ren, und un­ter wel­chen Um­stän­den sie ih­nen zu wi­der­ste­hen in der La­ge sind.

„Grund­sätz­lich steckt im­pul­si­ves Ver­hal­ten in uns, weil es evo­lu­tio­när be­trach­tet ver­mut­lich lan­ge Zeit ein Vor­teil war“, sagt Ka­len­scher. Für die Vor­fah­ren der Gat­tung Mensch ha­be es oft kei­nen Sinn er­ge­ben, spon­ta­ne Im­pul­se zu un­ter­drü­cken und bei­spiels­wei­se ei­ne po­ten­zi­el­le Beu­te vor­bei­zie­hen zu las­sen. Wer konn­te schon wis­sen, ob die Ge­le­gen­heit wie­der­kom­men wür­de?

„Das Pro­blem ist, dass die­se Prä­gung un­se­res Ent­schei­dungs­ap­pa­rats nicht mehr auf un­se­re heu­ti­gen Le­bens­um­stän­de passt“, er­klärt der Düs­sel­dor­fer.

Es liegt al­so ein Stück weit in den Ge­nen, dass man­che Men­schen ei­ner Ver­su­chung wi­der­ste­hen kön­nen, wäh­rend an­de­re da­zu ten­die­ren, ihr selbst dann nach­zu­ge­ben, wenn sie da­mit ih­ren lang­fris­ti­gen In­ter­es­sen und Zie­len scha­den.

Je wei­ter die­se Zie­le in der Zu­kunft lie­gen, des­to schwie­ri­ger fällt es Men­schen zu­dem, auf ei­ne kurz­fris­tig ver­füg­ba­re Be­loh­nung zu ver­zich­ten oder ei­nem Reiz zu ent­sa­gen. Wir trin­ken heu­te zu viel Al­ko­hol, weil wir erst

mor­gen Kopf­schmer­zen ha­ben wer­den. Und wir leis­ten uns heu­te reiz­vol­le, aber über­flüs­si­ge Kon­sum­gü­ter, statt das Geld für die Al­ters­ver­sor­gung zu­rück­zu­le­gen, die wir erst in Jahr­zehn­ten be­nö­ti­gen.

Ge­ne ent­schul­di­gen nichts

Wer nun sei­ne ge­ne­ti­sche Ver­an­la­gung als Ent­schul­di­gung da­für her­an­zieht, dass er ei­ne Di­ät nicht ein­hält, Schul­den an­häuft oder sich im Job leicht ab­len­ken lässt, liegt laut Ka­len­scher al­ler­dings falsch: „Wir sind kei­ne Skla­ven un­se­rer Im­pul­si­vi­tät“, sagt der Psy­cho­lo­gie-Pro­fes­sor. „Wir kön­nen uns kon­trol­lie­ren.“

Da­zu gibt es ei­ne gan­ze Rei­he von Me­tho­den und Stra­te­gi­en. Kin­der set­zen sie manch­mal un­be­wusst ein, aber auch Er­wach­se­ne kön­nen sie noch trai­nie­ren. Den viel­leicht na­he­lie­gen­den Ge­dan­ken, da­bei vor al­lem auf die ei­ge­ne Wil­lens­stär­ke zu bau­en, hält To­bi­as Ka­len­scher al­ler­dings für we­nig ef­fek­tiv. „Der Wil­le ist schwach, das hat je­der schon an sich selbst er­lebt.“Zu­dem schwan­ke er im Ver­lauf ei­nes Ta­ges, was man­che For­scher mit dem va­ri­ie­ren­den Blut­zu­cker­ge­halt er­klär­ten.

Für sinn­vol­ler hält der Psy­cho­lo­ge ei­ne Stra­te­gie, die auf der Ein­sicht in un­se­re Wil­lens­schwä­che auf­baut – das so­ge­nann­te Pre­com­mit­ment: Wer weiß, dass er ei­ner Ver­su­chung nur schwer wi­der­ste­hen kann, bringt sich gar nicht erst in die La­ge, in der er ihr be­geg­net.

„Neh­men Sie ein li­te­ra­ri­sches Bei­spiel“, sagt Ka­len­scher. „Als Odys­seus an den Si­re­nen vor­bei­se­geln muss­te, ließ er sich an den Mast bin­den, um ih­rem Ge­sang nicht zu ver­fal­len, und sei­nen Män­nern ver­schloss er die Oh­ren mit Wachs.“

Sol­che Stra­te­gi­en hel­fen nach der Be­ob­ach­tung des Psy­cho­lo­gen auch im All­tag von Bü­ro­men­schen. Wer zum Bei­spiel sei­ne Ar­beit stän­dig un­ter­bricht, um auf Face­book zu chat­ten, kann ei­ne

App na­mens Self-Con­trol auf dem Smart­pho­ne in­stal­lie­ren – und den

Zu­gang zu sei­nem Pro­fil bis zu ei­nem be­stimm­ten Zeit­punkt sper­ren. Da hilft dann auch kein Mas­ter­pass­wort mehr.

Es ist al­so durch­aus mög­lich, sich Ge­duld und Selbst­be­wusst­sein an­zu­eig­nen, um selbst ge­steck­te Zie­le zu er­rei­chen. Doch um Er­folg zu ha­ben, sei es im Be­ruf oder im Pri­vat­le­ben, um es gar zur Meis­ter­schaft in ei­ner be­stimm­ten Dis­zi­plin zu brin­gen, ist oft noch mehr nö­tig als ein ei­ser­ner Wil­le oder ei­ne durch nichts zu er­schüt­tern­de Ge­duld: Ta­lent.

Das wird vor al­lem im Sport deut­lich: Oh­ne die Be­reit­schaft, sich zu quä­len, wird es nie­mand zum Pro­fi­fuß­bal­ler brin­gen. Der schwe­di­sche Psy­cho­lo­ge Karl An­ders Erics­son hat an­hand von Stu­di­en so­gar ei­ne Faust­re­gel auf­ge­stellt, wie viel Übung im Schnitt nö­tig ist, um es zum Meis­ter ei­nes Fachs zu brin­gen: 10 000 Stun­den. Doch man­che er­rei­chen die­se Klas­se schon nach 3000, an­de­re erst nach 20 000 Stun­den – und zu ei­nem Lio­nel Mes­si wird ein we­nig ta­len­tier­ter Ki­cker auch nach 100 000 nicht.

Aber lässt sich man­geln­des Ta­lent zu­min­dest ein Stück weit durch Übung aus­glei­chen?

Ja, sagt Stefan Süß, Pro­fes­sor für Be­triebs­wirt­schafts­leh­re in Düsseldorf. Aus sei­ner Sicht ist Er­folg ein Zu­sam­men­spiel von bei­den Fak­to­ren. Je nach Job­pro­fil ist mal Ta­lent wich­ti­ger – vor al­lem in krea­ti­ven Be­ru­fen –, mal sind es Ge­duld, Selbst­dis­zi­plin und Aus­dau­er. Für die mit­un­ter zu be­ob­ach­ten­de Über­heb­lich­keit von Men­schen, die mit be­son­ders viel Ta­lent in ei­ner Dis­zi­plin ge­seg­net sind, hat Süß nichts üb­rig. Als ehe­ma­li­ger De­kan der Wirt­schafts­wis­sen­schaft­li­chen Fa­kul­tät und Pro­rek­tor der Hein­rich-Hei­ne-Uni­ver­si­tät er­lebt er im Hoch­schul­all­tag im­mer wie­der, wie wich­tig die ver­meint­li­chen Se­kun­där­tu­gen­den sind. „Stu­den­ten, die selbst or­ga­ni­siert ar­bei­ten und Ge­duld mit­brin­gen, ha­ben ei­ne viel hö­he­re Wahr­schein­lich­keit, den Ab­schluss zu schaf­fen“, sagt Süß.

Doch gibt es nicht auch Si­tua­tio­nen, in de­nen Ge­duld ge­nau die fal­sche Stra­te­gie ist? In de­nen Spon­ta­nei­tät ge­fragt ist und nur schnel­le, ent­schlos­se­ne Re­ak­tio­nen hel­fen?

Auch da­für kennt Süß Bei­spie­le. „Ge­duld kann in Duld­sam­keit um­schla­gen. Dann ist sie kei­ne Tu­gend mehr, son­dern ein Feh­ler.“Wer bei­spiels­wei­se als Ma­na­ger Mit­ar­bei­ter führt, die ih­re Zie­le nicht er­rei­chen, müs­se sehr sorg­fäl­tig ab­wä­gen, ob er ge­dul­dig sein und ih­nen mehr Zeit ein­räu­men kann, oder ein­schrei­ten muss, um das Pro­blem zu lö­sen. „Das ist ei­ne Fra­ge, die im­mer nur aus den je­wei­li­gen Um­stän­den her­aus ra­tio­nal zu be­ant­wor­ten ist“, er­klärt der Düs­sel­dor­fer.

Wenn Ge­duld kei­ne Tu­gend mehr ist

Zu­dem ver­weist Süß dar­auf, dass das, was der ei­ne Ge­duld nennt, für an­de­re Ent­schei­dungs­schwä­che sein kann. „Wir wis­sen aus in­ter­na­tio­na­len Stu­di­en, dass in mul­ti­kul­tu­rel­len Kon­zer­nen un­ter­schied­li­che Auf­fas­sun­gen von Ge­duld auf­ein­an­der­pral­len. Was Asia­ten oder Sü­d­eu­ro­pä­ern als an­ge­mes­se­ne Zeit für die Er­le­di­gung ei­ner Auf­ga­be er­scheint, kann aus Sicht ei­nes Nord­ame­ri­ka­ners Träg­heit sein.“Wer mit chi­ne­si­schen oder ko­rea­ni­schen Ge­schäfts­part­nern ar­bei­tet, soll­te sich al­so wo­mög­lich dar­auf ein­stel­len, dass Ent­schei­dun­gen mehr Zeit brau­chen.

In sol­chen Bei­spie­len zeigt sich: Ei­ne ein­deu­ti­ge Re­gel, wann und wie viel Ge­duld an­ge­bracht ist, gibt es nicht. Es kommt auf die Um­stän­de an. War es al­so Zeit­ver­schwen­dung, wenn Sie ge­dul­dig bis zum En­de ge­le­sen ha­ben? Nein. Die Welt ist nun ein­mal kom­ple­xer, es kos­tet Zeit, sie zu er­grün­den, manch­mal ist es ver­wir­rend und es gibt Rück­schlä­ge. Aber auf die Dau­er lohnt es sich.

Ei­ner Ver­su­chung wi­der­steht man am bes­ten, in­dem man sich ihr gar nicht erst aus­setzt.

Das lernt man schon bei Ho­mer: Odys­seus ließ sich an den Mast bin­den, um dem ver­lo­cken­den Wer­ben der Si­re­nen nicht zu er­lie­gen. Sei­ner Mann­schaft ver­schloss er

die Oh­ren mit Wachs.

Wir sind kei­ne Skla­ven un­se­rer Im­pul­si­vi­tät. Wir kön­nen uns kon­trol­lie­ren To­bi­as Ka­len­scher,

Psy­cho­lo­gie-Pro­fes­sor aus Düsseldorf, über den Ein­fluss der Ge­ne auf den Wil­len

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