WAS SIND TU­GEN­DEN? UND WAR­UM SIND MAN­CHE SEKUNDÄR?

Wirtschaft in Nordrhein-Westfalen - - Mensch & Wirtschaft | -

„Die rech­te Zeit zum Han­deln stets ver­pas­sen, nennt ihr ‚die Din­ge sich ent­wi­ckeln las­sen‘“, spot­te­te Me­phis­to in „Faust“über die Ge­duld. Der Schrift­stel­ler Am­bro­se Bier­ce nann­te sie gar „ei­ne mil­de Abart der Ver­zweif­lung“. Die meis­ten Men­schen aber se­hen in der Ge­duld ei­ne Tu­gend. Der Dich­ter Pru­den­ti­us adel­te sie im vier­ten Jahr­hun­dert zu ei­ner der sie­ben himm­li­schen Tu­gen­den, ne­ben De­mut, Mild­tä­tig­keit, Keusch­heit, Mä­ßi­gung, Wohl­wol­len und Fleiß.

Aus die­ser Be­schrei­bung wird deut­lich: Es gibt un­ter­schied­li­che Ar­ten von Tu­gen­den, man­che wer­den hö­her ein­ge­stuft, an­de­re nied­ri­ger. Zu den hö­he­ren, auch Kar­di­nal- oder Pri­mär­tu­gen­den ge­nannt, rech­ne­ten Phi­lo­so­phen von der An­ti­ke über die Auf­klä­rung bis in die Mo­der­ne meist von in­nen her­aus mo­ti­vier­te Ei­gen­schaf­ten, die ei­nem no­blem, mo­ra­li­schen Wert die­nen wie et­wa Ge­rech­tig­keit, Tap­fer­keit, Weis­heit, Men­sch­lich­keit und Wahr­haf­tig­keit. Im Un­ter­schied da­zu ste­hen die Se­kun­där­tu­gen­den: Ei­gen­schaf­ten, die zum Funk­tio­nie­ren ei­ner Ge­sell­schaft bei­tra­gen oder da­bei hel­fen, den

All­tag zu be­wäl­ti­gen. Die­se Tu­gen­den stel­len per se kei­nen ethi­schen Wert dar, sie sind nicht zwin­gend „gut“wie Pri­mär­tu­gen­den. Bei­spie­le sind Fleiß, Pünkt­lich­keit, Ord­nungs­lie­be oder Sau­ber­keit.

Die wohl ät­zends­te Kri­tik an die­ser Art von Tu­gen­den kam von Os­kar La­fon­tai­ne, der 1982 auf ei­ne lo­ben­de Äu­ße­rung Hel­mut Schmidts über Pflicht­ge­fühl und Be­re­chen­bar­keit er­wi­der­te: „Das sind Se­kun­där­tu­gen­den. Ganz prä­zis ge­sagt: Da­mit kann man auch ein KZ be­trei­ben.“

Ei­ne ganz an­de­re Sicht auf die Se­kun­där­tu­gen­den pre­dig­te der frü­he­re Lei­ter des In­ter­nats Sa­lem, Bern­hard Bu­eb, in sei­ner 2006 er­schie­ne­nen Streit­schrift „Lob der Dis­zi­plin“. Für sei­ne An­sicht, erst kom­me die Dis­zi­plin, die in­ne­re Frei­heit fol­ge dann au­to­ma­tisch, ern­te­te er her­be Kri­tik, aber auch viel Zu­spruch.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.