„Mit AfD sach­lich aus­ein­an­der­set­zen“

IM IN­TER­VIEW

Wittlager Kreisblatt - - VORDERSEITE - Von Bea­te Ten­fel­de

ten BER­LIN. Bun­des­jus­tiz­mi­nis­ter Hei­ko Maas (SPD) for­dert da­zu auf, sich mit der AfD „sach­lich aus­ein­an­der­zu­set­zen“. Zugleich warnt er aber da­vor, die Par­tei zu wäh­len: „Es sind Ver­fas­sungs­fein­de.“

Hel­fen Sank­tio­nen, um Un­ter­neh­men für be­trü­ge­ri­sches Han­deln stär­ker zur Ver­ant­wor­tung zu zie­hen? Wie kön­nen Ver­brau­cher ge­stützt wer­den, die Op­fer der Au­to­mo­bil­bran­che sind? Und wie um­ge­hen mit der AfD, wenn sie in den Bun­des­tag ein­zieht? Da­zu im In­ter­view Bun­des­jus­tiz­mi­nis­ter Hei­ko Maas (SPD). Herr Maas, Deutsch­land for­dert ge­mein­sam mit an­de­ren EU-Län­dern hö­he­re Steu­ern für Goog­le, App­le, Mi­cro­soft und Ama­zon. Ist es mög­lich, mit po­li­ti­schen Mit­teln die­se Gi­gan­ten ein­zu­he­gen?

Die Aus­ein­an­der­set­zung kann je­den­falls noch deut­lich schär­fer ge­führt wer­den. Die Kon­zer­ne sind ja nicht nur er­fin­de­risch, was neue Pro­duk­te an­geht, son­dern auch, wenn es um Steu­er­schlupf­lö­cher geht. Es kann doch nicht sein, dass In­ter­net­gi­gan­ten in Eu­ro­pa rie­si­ge Mil­li­ar­den­ge­win­ne er­zie­len, aber nur mi­ni­ma­le Steu­ern zah­len. Die Un­ter­neh­men pro­fi­tie­ren enorm vom eu­ro­päi­schen Wirt­schafts­raum, sie soll­ten auch ei­nen hö­he­ren Bei­trag für das Ge­mein­we­sen zah­len. Wir müs­sen Steu­er­schlupf­lö­cher in­ner­halb der EU schlie­ßen. Das ist ei­ne Fra­ge der Ge­rech­tig­keit.

Auch die Au­to­mo­bil­kon­zer­ne füh­ren ein be­weg­tes Ei­gen­le­ben, Be­trug in­klu­si­ve. Sind Mus­ter­fest­stel­lungs­kla­gen der rich­ti­ge An­satz, ge­prell­ten Die­sel­käu­fern zu ih­rem Recht zu ver­hel­fen? Sie könn­ten je­den­falls hel­fen. Wir brau­chen end­lich ein In­stru­ment, mit dem Kun­den sich ge­gen gro­ße Kon­zer­ne ge­mein­sam zur Wehr set­zen kön­nen, oh­ne ein gro­ßes Kos­ten­ri­si­ko ein­zu­ge­hen. Das wür­de da­zu bei­tra­gen, dass vie­le be­trof­fe­ne Kun­den ihr Recht be­kom­men. CDU und CSU blo­ckie­ren das. Die Leid­tra­gen­den sind die Kun­den. Die Ein­füh­rung der Mus­ter­fest­stel­lungs­kla­ge ist des­halb ei­ne der wich­tigs­ten Auf­ga­ben für den Schutz von Ver­brau­chern in der neu­en Bun­des­re­gie­rung.

Wel­che Mög­lich­kei­ten se­hen Sie noch, Un­ter­neh­men stär­ker zur Ver­ant­wor­tung zu zie­hen?

Ganz klar: Un­ter­neh­men müs­sen spür­ba­rer für kor­rup­ti­ves und be­trü­ge­ri­sches Han­deln zur Ver­ant­wor­tung ge­zo­gen wer­den. Wir ha­ben des­halb ein Ge­setz zu här­te­ren Sank­tio­nen ge­gen kri­mi­nel­le Un­ter­neh­men vor­be­rei­tet, auch das hat die CDU/CSU blo­ckiert. Bis­lang liegt die Ober­gren­ze für Buß­gel­der bei zehn Mil­lio­nen Eu­ro. Das ist zu starr. Wir brau­chen fle­xi­ble Ober­gren­zen, das heißt: Die Hö­he des Buß­gel­des soll­te sich in Zu­kunft an Um­satz oder Ge­winn des Un­ter­neh­mens ori­en­tie­ren. Da­mit kön­nen wir ge­ziel­ter vor­ge­hen. Die schwar­zen Scha­fe kon­se­quent zur Ver­ant­wor­tung zu zie­hen, das soll­te im In­ter­es­se der ge­sam­ten deut­schen Wirt­schaft lie­gen.

An­de­res The­ma: Die AfD rückt mut­maß­lich in den Bun­des­tag ein – wie mit ihr um­ge­hen? Igno­rie­ren geht nicht mehr.

Ob es uns ge­fällt oder nicht: Wenn die AfD in den Bun­des­tag kommt, ist es das Wäh­ler­vo­tum, und dann müs­sen wir das ak­zep­tie­ren. Ich hal­te je­de Son­der­be­hand­lung der AfD für sehr pro­ble­ma­tisch. Da­mit tut man ihr nur ei­nen Ge­fal­len. Denn es ist ein bil­li­ger Trick von Rechts­po­pu­lis­ten, sich selbst als Op­fer zu in­sze­nie­ren. Statt die AfD zu dä­mo­ni­sie­ren, soll­ten wir uns ganz sach­lich mit ihr aus­ein­an­der­set­zen. Und wenn wir die AfD an ih­rem Pro­gramm mes­sen, müs­sen wir eben fest­stel­len, dass es gleich an meh­re­ren Stel­len ge­gen un­ser Grund­ge­setz ver­stößt. Das soll­te je­der wis­sen, der über­legt, die AfD zu wäh­len: Es sind Ver­fas­sungs­fein­de, die da vor den To­ren des Bun­des­ta­ges ste­hen.

Ist der Streit um die Sitz­ord­nung – kei­ne Frak­ti­on will im Bun­des­tag AfDNach­bar sein – lä­cher­lich? Es ist schwer er­träg­lich, wenn zum ers­ten Mal nach 1945 wie­der Rechts­ex­tre­me am Red­ner­pult im Reichs­tags­ge­bäu­de ste­hen soll­ten. Leu­te, die mei­nen, an­de­re ‚ent­sor­gen‘ zu wol­len, und nichts mehr von den Ver­bre­chen der Na­zis wis­sen wol­len, ge­hö­ren da nun wirk­lich nicht hin. Da­ge­gen er­scheint die Fra­ge, wo sie kon­kret sit­zen, eher zweit­ran­gig. Die Frem­den­feind­lich­keit, der Na­tio­na­lis­mus und die Po­le­mik der AfD sind ganz si­cher kei­ne Be­rei­che­rung für die De­bat­ten im Bun­des­tag.

Die Be­zie­hun­gen zwi­schen Deutsch­land und der Tür­kei sind auf dem Null­punkt. Ist es falsch, die Tür zu Prä­si­dent Re­cep Tay­yip Er­do­gan zu­zu­schla­gen, weil dann über­haupt kein Ein­fluss mehr mög­lich wä­re, deut­sche Ge­fan­ge­ne frei­zu­be­kom­men?

Wir dür­fen nichts un­ver­sucht las­sen, um uns für die Frei­las­sung der zu Un­recht in der Tür­kei in­haf­tier­ten Deut­schen ein­zu­set­zen. Da­für müs­sen wir auch mit der tür­ki­schen Re­gie­rung im Ge­spräch blei­ben. Herr Er­do­gan scheint al­ler­dings nur ei­ne kla­re Spra­che zu ver­ste­hen. Oh­ne ech­te Kon­se­quen­zen wird er sich nicht be­we­gen. Kon­kret: Wir müs­sen den wirt­schaft­li­chen Druck auf­recht­er­hal­ten. Und: Ein Prä­si­dent, der Un­schul­di­ge als Gei­seln nimmt und das Recht mit Fü­ßen tritt, ver­baut sei­nem Land je­de Mög­lich­keit, Mit­glied der EU zu wer­den.

Ist die SPD in Fra­gen der In­ne­ren Si­cher­heit – in der Gro­ßen Ko­ali­ti­on ge­trie­ben von der Uni­on – nach rechts ge­rückt?

Nein. Das The­ma Si­cher­heit ist für mich ei­ne gro­ße Ge­rech­tig­keits­fra­ge. Da geht es nicht um rechts oder links, son­dern dar­um, wie wir die Men­schen am bes­ten schüt­zen kön­nen. Des­we­gen: Wo es nö­tig war, ha­ben wir Ge­set­ze ver­schärft, et­wa zum bes­se­ren Schutz von Po­li­zis­ten und zur här­te­ren Be­stra­fung von Woh­nungs­ein­brü­chen. Jetzt geht es dar­um, un­se­re Ge­set­ze kon­se­quent um­zu­set­zen. Da­für brau­chen wir drin­gend mehr Po­li­zei, Rich­ter und Staats­an­wäl­te.

Was ha­ben Sie in den letz­ten vier Jah­ren rich­tig gut ge­macht?

Am En­de sol­len das ger­ne an­de­re be­ur­tei­len. Wir ha­ben als das Mi­nis­te­ri­um mit dem kleins­ten Etat in­ner­halb der Bun­des­re­gie­rung die meis­ten Ge­set­ze auf den Weg ge­bracht. Ins­ge­samt sind es 95. Da­für müs­sen wir uns nicht ver­ste­cken. Dar­un­ter wa­ren sehr vie­le wich­ti­ge Vor­ha­ben wie die Frau­en­quo­te oder un­ser Ge­setz ge­gen Hass­kri­mi­na­li­tät in so­zia­len Netz­wer­ken. Be­son­ders am Her­zen lie­gen mir das An­ti-Do­pingGe­setz und die über­fäl­li­ge Re­ha­bi­li­tie­rung der ver­ur­teil­ten Ho­mo­se­xu­el­len.

Wo steht die SPD am 25. Sep­tem­ber, nach der Wahl? Wir wer­den in den ver­blei­ben­den Ta­gen al­les da­für tun, dass die SPD mög­lichst gut da­steht. Noch im­mer sind vie­le Wäh­le­rin­nen und Wäh­ler un­ent­schlos­sen. Wir wer­den un­ser gro­ßes The­ma Ge­rech­tig­keit in den Mit­tel­punkt stel­len: ei­ne kos­ten­freie Bil­dung, mit der al­le die glei­chen Chan­cen ha­ben, ei­ne gu­te und si­che­re Ren­te spä­tes­tens ab 67 so­wie glei­cher Lohn für die glei­che Ar­beit für Män­ner und Frau­en.

Und wo se­hen Sie sich selbst?

Es ist mir ei­ne gro­ße Eh­re und be­rei­tet mir sehr viel Freu­de, Bun­des­mi­nis­ter der Jus­tiz und für Ver­brau­cher­schutz zu sein. Wer die neue Re­gie­rung bil­det, ent­schei­den die Wäh­le­rin­nen und Wäh­ler am 24. Sep­tem­ber.

Fo­to: dpa

sich selbst als Op­fer zu in­sze­nie­ren“: Jus­tiz­mi­nis­ter Hei­ko Maas plä­diert für ei­ne sach­li­che Aus­ein­an­der­set­zung mit der AfD.

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