Mönchs­kut­ten, Stark­bier und Lu­thers Hand­schrift

Wit­ten­berg gilt als Rom der Pro­tes­tan­ten

Wittlager Kreisblatt - - EINBLICKE - Von Pe­ter Gärt­ner

Die Fei­ern zum 500. Re­for­ma­ti­ons­ju­bi­lä­um nei­gen sich dem En­de zu. An die Tür der Wit­ten­ber­ger Schloss­kir­che soll Mar­tin Lu­ther 1517 sei­ne 95 The­sen ge­schla­gen ha­ben. Wir ha­ben uns in der Elb­stadt um­ge­schaut. WIT­TEN­BERG. Mar­tin Lu­ther präg­te die All­tags­spra­che der Deut­schen wie kaum ein an­de­rer. Der Mönch aus Wit­ten­berg sprach ein „Macht­wort“, nahm „kein Blatt vor den Mund“, er­kann­te die „Zei­chen der Zeit“, er­fand den „Lü­cken­bü­ßer“, prüf­te auf „Herz und Nie­ren“, manch­mal litt er un­ter „Ge­wis­sens­bis­sen“und wur­de „aus Scha­den klug“. So tref­fend, so klar und so poin­tiert wie vie­le sei­ne Re­de­wen­dun­gen und Sprach­bil­der war auch sei­ne Hand­schrift.

Mat­thi­as Pi­ontek legt ein paar Bü­cher auf den gro­ßen Tisch der Bi­b­lio­thek des Wit­ten­ber­ger Pre­di­ger­se­mi­nars. Zwei Bän­de stam­men aus der pri­va­ten Bi­b­lio­thek Lu­thers, die Initia­len „M“und „L“sind gut auf dem ab­ge­grif­fe­nen, schwar­zen Ein­band zu er­ken­nen. Der Theo­lo­ge schlägt mit sei­ner baum­woll­be­hand­schuh­ten Hand in ei­nem an­de­ren, in brau­nes Le­der ge­bun­de­nen Band ei­ne Sei­te auf. Am Rand hat Lu­ther mit dun­kel­blau­er Tin­te ei­ne kur­ze la­tei­ni­sche An­mer­kung ge­macht. „Er hat sehr eng, sehr kon­zen­triert und sehr or­dent­lich ge­schrie­ben“, sagt Pi­ontek. Man se­he noch im­mer den An­satz der Fe­der. „Lu­thers Hand­schrift ist gut wie­der­er­kenn­bar“, sagt der Lei­ter der Bi­b­lio­thek, der die­se von der sei­ner Zeit­ge­nos­sen leicht un­ter­schei­den kann.

Für Pi­ontek ist es längst ei­ne „selbst­ver­ständ­li­che Nor­ma­li­tät“, die al­ten, et­was muf­fi­gen, mit ur­al­ten Druck­fle­cken ver­se­he­nen Bän­de aus den lan­gen Re­ga­len zu zie­hen. Doch man­chen Be­su­chern sto­cke vor Ehr­furcht fast der Atem, be­rich­tet der Hü­ter die­ser Schät­ze, wenn sie auf Lu­thers Hand­schrift sto­ßen, die er vor rund 500 Jah­ren auf den al­ter­tüm­li­chen rau­en Sei­ten hin­ter­las­sen hat. Plötz­lich wird Re­for­ma­ti­ons­ge­schich­te ganz au­then­tisch er­leb­bar.

Mer­kel hält Fe­st­re­de

Oh­ne die Er­fin­dung des Buch­drucks sei die Re­for­ma­ti­on un­denk­bar, sagt An­ge­la Mer­kel in ih­rem jüngs­ten Vi­deo-Pod­cast. Es loh­ne sich, dar­über nach­zu­den­ken, so die Kanz­le­rin, was da­mals in Deutsch­land und in Eu­ro­pa durch Lu­ther, durch die Re­for­ma­ti­on und durch die neu­en tech­ni­schen Mög­lich­kei­ten pas­siert sei, „um auch un­se­re Zeit bes­ser zu ver­ste­hen“.

Die evan­ge­li­sche Pfar­rers­toch­ter hält bei den Re­for­ma­ti­ons­fei­er­lich­kei­ten am Di­ens­tag in Wit­ten­berg die Fe­st­re­de. Zu Lu­thers Zeit war

die Stadt, ähn­lich wie spä­ter Wei­mar, ei­ne Zeit lang das Zen­trum des deut­schen Geis­tes­le­bens für Theo­lo­gen, Phi­lo­so­phen, Wis­sen­schaft­ler und Künst­ler. Sie nann­ten die Uni­ver­si­täts­stadt an der El­be das Rom der Pro­tes­tan­ten. Heu­te le­ben rund 45 000 Men­schen in der Kle­in­stadt im deut­schen Os­ten. In der Alt­stadt ha­ben in­zwi­schen die schmuck re­no­vier­ten Häu­ser deut­lich ge­gen­über den ver­nach­läs­sig­ten Fas­sa­den die Ober­hand ge­won­nen. An je­dem zwei­ten oder drit­ten Ge­bäu­de er­in­nert ei­ne schlich­te Ta­fel an ei­nen der vie­len Ge­lehr­ten, die hier ein­mal wohn­ten und wirk­ten.

Ne­ben den Bür­ger­stei­gen rau­schen klei­ne Bä­che. Der ver­zweig­te Stadt­gra­ben ge­hört zu den Res­ten der mit­tel­al­ter­li­chen Ka­na­li­sa­ti­on. Auch das Lu­ther­haus stammt aus die­ser Zeit. Hier hat der Sohn ei­nes Hüt­ten­be­sit­zers aus der Berg­werks­stadt Mans­feld ge­wohnt – zu­erst al­lein, als Mönch und Theo­lo­gie­pro­fes­sor, spä­ter als evan­ge­li­scher Christ mit sei­ner Frau Kat­ha­ri­na und den Kin­dern. In dem Mu­se­um ist der al­te Ka­chel­ofen im eins­ti­gen

Wohn­raum noch ori­gi­nal er­hal­ten. Den Aus­gra­bun­gen na­he dem Haus, dar­un­ter zahl­rei­che Gän­se­kno­chen, ist zu ent­neh­men, dass Lu­ther so­wohl ein gro­ßer Es­ser wie auch ein flei­ßi­ger Trin­ker war. Sei­ne Frau brau­te hier auch Bier.

Unesco-Wel­ter­be

Dun­k­les Stark­bier ge­hört wie Lu­ther-Li­kö­re, T-Shirts mit dem Kon­ter­fei des Re­for­ma­tors und Stadt­mo­ti­ven zu den zahl­rei­chen Sou­ve­nirs, die in vie­len Lä­den der Alt­stadt an­ge­bo­ten wer­den. Im „Sün­di­kat“im Schat­ten der Stadt­kir­che St. Ma­ri­en gibt es auch noch Mönchs­kut­ten, das Got­tes­haus als Spar­büch­se, Sti­che und Zeich­nun­gen der mit­tel­al­ter­li­chen Stadt, in der vor 500 Jah­ren gera­de mal rund 2000 Men­schen leb­ten.

Die meis­ten von ih­nen tra­fen sich zum Got­tes­dienst in der jetzt wun­der­schön re­stau­rier­ten Kir­che, in der 1521 die ers­ten evan­ge­li­schen Mes­sen nicht mehr auf Latei­nisch, son­dern auf Deutsch ge­le­sen wur­den; ab 1523 von Lu­thers Weg­ge­fähr­ten Jo­han­nes Bu­gen­ha­gen als ers­tem evan­ge­li­schen Stadt­pfar­rer. Jo­han­nes

Block, der Bu­gen­ha­gen„Nach­nach­fol­ger“die­ser Ta­ge, ist sicht­lich stolz über die­ses Unesco-Wel­ter­be.

Lu­thers Kir­che, ge­schmückt mit ori­gi­na­len Wer­ken Lu­cas Cra­nachs, steht heu­te al­ler­dings in ei­ner nicht gera­de glau­bens­freund­li­chen Um­ge­bung. Mit rund 3600 Mit­glie­dern ist die Wit­ten­ber­ger Ge­mein­de zwar ei­ne der größ­ten in Sach­sen-An­halt. Be­zo­gen auf die Ein­woh­ner­zahl sind es heu­te aber nicht ein­mal zehn Pro­zent der Bür­ger der Lu­ther­stadt, die sich zum evan­ge­li­schen Glau­ben be­ken­nen. „Wir er­le­ben hier zwar kei­nen ag­gres­si­ven At­he­is­mus“, sagt Block, „es ist eher ei­ne freund­li­che Gleich­gül­tig­keit.“Doch der Pfar­rer ist gleich­wohl hoff­nungs­voll. „Es wächst ei­ne neue Ge­ne­ra­ti­on her­an, die un­ver­krampf­ter in Be­rüh­rung mit der Re­li­gi­on ist.“

Block, der ur­sprüng­lich aus Nie­der­sach­sen stammt, hört von vie­len Wit­ten­ber­gern, es ha­be sich so viel im Le­ben seit der Wen­de ver­än­dert, da sei die Kon­fes­si­ons­lo­sig­keit „ein Haft­punkt der Iden­ti­tät“. Zwar wa­ren im Herbst 1989 in der ge­sam­ten DDR die Got­tes­häu­ser

rap­pel­voll. Doch die Pfar­rer, er­klär­te ein­mal Fried­rich Schor­lem­mer, vie­le Jah­re Do­zent am Wit­ten­ber­ger Pre­di­ger­se­mi­nar und heu­te Eh­ren­bür­ger der Stadt, „ha­ben nicht ge­merkt, dass die Men­schen im Grun­de un­christ­lich wa­ren“. Nach 40 Jah­ren an­ti­kirch­li­cher Pro­pa­gan­da ha­be in Ost­deutsch­land be­reits ei­ne „er­heb­li­che Ent­frem­dung vom Chris­ten­tum ein­ge­setzt“. Der heu­te 73-jäh­ri­ge Theo­lo­ge war ei­ner der füh­ren­den Köp­fe der DDR-Op­po­si­ti­on. Im Hof vor dem Lu­ther­haus ließ er 1983 sym­bo­lisch ein Schwert zu ei­ner Pflug­schar um­schmie­den; es wur­de das (Hoff­nungs-)Zei­chen der Frie­dens­be­we­gung Ost.

Stadt­pfar­rer Block be­trach­tet das Re­for­ma­ti­ons­ju­bi­lä­um als Rie­sen­chan­ce – auch wenn er man­che un­an­ge­neh­me Fra­ge von Be­su­chern be­ant­wor­ten muss. Denn dass sich Lu­ther auch de­zi­diert an­ti­se­mi­tisch ge­äu­ßert hat, ist all­ge­mein be­kannt. Mer­kel be­grüßt es, dass Lu­ther heu­te von ver­schie­de­nen Sei­ten ge­se­hen wer­de: er sei wie je­der Mensch mit un­glaub­li­chen Stär­ken, aber eben auch mit Schwä­chen aus­ge­stat­tet ge­we­sen. Trotz sei­ner Aus­sa­gen zum Ju­den­tum sei der Re­for­ma­tor für sie per­sön­lich „im­mer Er­mu­ti­gung ge­we­sen“.

Fo­to: dpa

Nahm sei­ner­zeit kein Blatt vor den Mund: Kir­chen­re­for­ma­tor Mar­tin Lu­ther (1483–1546). In Wit­ten­berg fin­det mor­gen ein Fest­got­tes­dienst und ein Fest­akt statt.

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