„Die Deut­schen spa­ren falsch“

Ak­ti­en­in­sti­tuts­che­fin: Mehr Mut bei Geld­an­la­ge

Wittlager Kreisblatt - - WIRTSCHAFT - Von Ma­nu­el Glas­fort

Ta­ges­geld­kon­ten und Spar­bü­cher wer­fen der­zeit fast nichts ab, nach Ab­zug der In­fla­ti­on ver­lie­ren Spa­rer so­gar Geld. Zum heu­ti­gen Welt­spar­tag wirbt Chris­ti­ne Bor­ten­län­ger, Che­fin des Deut­schen Ak­ti­en­in­sti­tuts (DAI), für mehr Mut bei der Geld­an­la­ge. Frau Bor­ten­län­ger, an die­sem Mon­tag ist Welt­spar­tag. Die Deut­schen hal­ten trotz Mi­ni-Zin­sen an Bank­ein­la­gen wie Ta­ges­geld fest. Die Bör­sen­re­kor­de ge­hen an den meis­ten vor­bei. Spa­ren die Deut­schen falsch?

Ja. Die Deut­schen spa­ren de­fi­ni­tiv falsch. Es bräuch­te da ein we­nig mehr Mut, auch die Ak­tie ein­zu­be­zie­hen. Wenn man sich an die ein­zel­ne Ak­tie nicht traut, gibt es ja auch Pro­duk­te wie Fonds und ETFs. Dann kann man als An­le­ger an der Ent­wick­lung gan­zer Märk­te pro­fi­tie­ren. Mo­men­tan ha­ben wir die Si­tua­ti­on, dass un­heim­lich viel Geld auf Gi­ro­kon­ten rum­liegt. Und da liegt es nicht gut.

Vie­le US-Ame­ri­ka­ner, die zur Al­ters­vor­sor­ge auf Ak­ti­en setz­ten, ha­ben in der Fi­nanz­kri­se viel Geld ver­lo­ren. Spricht das nicht ge­gen Ak­ti­en als Vor­sor­ge­mo­dell?

Es ist ei­ne Punkt­be­trach­tung. Wenn man ein De­pot an ei­nem Stich­tag an­schaut, nach­dem die Kur­se ge­fal­len sind, kann man durch­aus Kurs­ver­lus­te fest­hal­ten. Aber wer lang­fris­tig je­den Mo­nat ei­nen Be­trag in Ak­ti­en in­ves­tiert, wird ei­nen po­si­ti­ven Ef­fekt be­mer­ken: Wenn die Kur­se nied­rig sind, kauft man ja wei­ter. So kommt es zu dem, was man den Durch­schnitts­kos­ten­ef­fekt nennt. Höchst- und Tiefst­stän­de wer­den aus­ge­gli­chen. Ak­ti­en bie­ten sich da­her über die lan­ge Sicht an, gera­de für die Al­ters­vor­sor­ge. Dann kann man von den lang­fris­ti­gen Ren­di­ten her­vor­ra­gend pro­fi­tie­ren. Was oft über­se­hen wird: Das Spar­buch hat auch ein Ri­si­ko. In den ver­gan­ge­nen Jah­ren ha­ben die Spa­rer hier mo­nat­lich Geld ver­lo­ren durch die In­fla­ti­on. Und die Ame­ri­ka­ner sind nach wie vor zu­frie­den mit ih­rem Sys­tem der Al­ters­vor­sor­ge, die sich nach der Kri­se wie­der bes­tens er­holt hat.

Der Dax und auch die USBör­sen sind zu­letzt von ei­nem Hoch zum nächs­ten ge­eilt. Der Bör­sen­auf­schwung ist schon im neun­ten Jahr, ein sehr lan­ger Zei­t­raum. Lohnt noch ein Ein­stieg oder gibt es bald ei­nen Crash?

Der Ein­stieg lohnt sich dann, wenn ich lang­fris­tig spa­ren möch­te. Wenn je­mand jetzt all sein Er­spar­tes in Ak­ti­en ste­cken möch­te, wä­re ich auch et­was vor­sich­tig. Al­les auf ei­ne Kar­te zu set­zen ist nicht gut. Aber wenn je­mand um die 30 ist und in den Ver­mö­gens­auf­bau ein­stei­gen will, ist der Zeit­punkt im­mer gut. Hin­zu kommt, dass man nicht nur an Kurs­ge­win­nen ver­dient, son­dern zu­meist auch jähr­lich ei­ne Di­vi­den­de ein­streicht.

Was soll­te die Po­li­tik Ih­rer Mei­nung nach un­ter­neh­men, um die Ak­ti­en­kul­tur in Deutsch­land zu för­dern?

Die Angst vor Ak­ti­en kommt auch da­her, dass die Deut­schen nicht ge­lernt ha­ben, mit der Ak­tie um­zu­ge­hen. Es gibt hier zwei An­satz­punk­te: Die Po­li­tik kann ers­tens da­für sor­gen, dass die Ak­tie bei der Al­ters­vor­sor­ge als zwei­tes Stand­bein ne­ben der Ren­ten­ver­si­che­rung mehr zum Tra­gen kommt. Dann wür­den die Bür­ger er­ken­nen, dass Ak­ti­en­kur­se zwar schwan­ken, sich aber lang­fris­tig po­si­tiv ent­wi­ckeln. Der zwei­te An­satz­punkt ist die öko­no­mi­sche Bil­dung: In der Schu­le soll­te Geld­an­la­ge stär­ker be­han­delt wer­den, als es heu­te der Fall ist.

Die Eu­ro­päi­sche Zen­tral­bank steht in der Kri­tik we­gen ih­rer ul­tra­lo­cke­ren Geld­po­li­tik. Ex­per­ten war­nen vor Bla­sen­bil­dung. Ha­ben wir den Bör­sen­auf­schwung der EZB zu ver­dan­ken?

Den Bör­sen­auf­schwung ha­ben wir der star­ken Wirt­schaft zu ver­dan­ken. Na­tür­lich ist es so, dass we­gen der nied­ri­gen Zin­sen ren­tier­li­che An­la­ge­mög­lich­kei­ten ge­sucht wer­den und auch Groß­in­ves­to­ren ver­mehrt in Ak­ti­en in­ves­tie­ren. Aber der ers­te Fak­tor ist die Wirt­schafts­ent­wick­lung. Sor­ge vor Bla­sen­bil­dung ha­be ich eher bei den Im­mo­bi­li­en­märk­ten.

Bei den Ko­ali­ti­ons­ver­hand­lun­gen in Ber­lin wird es auch um die Ab­gel­tungs­steu­er ge­hen. Uni­on, Grü­ne und FDP wol­len sie ei­gent­lich al­le ab­schaf­fen. Ge­strit­ten wird wohl dar­über, was die Ab­gel­tungs­steu­er er­set­zen soll. Wie ist Ih­re Hal­tung?

Aus mei­ner Sicht wird die Dis­kus­si­on falsch ge­führt. Es wird im­mer so ge­tan, als wür­de die Ak­tie mit 25 Pro­zent Ab­gel­tungs­steu­er be­vor­zugt ge­gen­über Ein­kom­men aus Ar­beit. Das ist aber nicht so: Die Di­vi­den­de wird schon auf Un­ter­neh­mens­ebe­ne ver­steu­ert, so­dass wir am En­de bei rund 50 Pro­zent Steu­er sind. Uns ist wich­tig, dass ei­ne ehr­li­che De­bat­te ge­führt wird. Wenn die Ab­gel­tungs­steu­er ab­ge­schafft wird, muss es ei­ne Rück­kehr zum Hal­b­ein­künf­te­ver­fah­ren ge­ben. Aus un­se­rer Sicht ist wich­tig, dass die Po­li­tik An­rei­ze für ei­nen lang­fris­ti­gen Ver­mö­gens­auf­bau mit Ak­ti­en setzt. Und da wä­re die Steu­er­frei­heit für Ve­r­äu­ße­rungs­ge­win­ne nach ei­ner Hal­te­frist nütz­lich, ähn­lich wie bei Im­mo­bi­li­en.

Fo­to: im­a­go/As­trid Schmid­hu­ber

Chris­ti­ne Bor­ten­län­ger

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