Wo­mög­lich das Züng­lein an der Waa­ge

Hu­bert Ai­wan­ger, Bun­des­vor­sit­zen­der der Frei­en Wäh­ler, drängt in ei­ne Ko­ali­ti­on mit der CSU / „Wir sind sehr bür­ger­nah“

Wittlager Kreisblatt - - EINBLICKE - Von Ralf Iser­mann AFP

MÜN­CHEN In der deut­schen Po­li­tik gibt es ver­mut­lich kei­nen Po­li­ti­ker, der so vie­le Äm­ter auf sich ver­eint wie Hu­bert Ai­wan­ger: Er ist Stadt­rat und Kreis­rat so­wie Kreis­vor­sit­zen­der, baye­ri­scher Lan­des­vor­sit­zen­der, Land­tags­frak­ti­ons­chef und fast schon ne­ben­bei auch Bun­des­vor­sit­zen­der der Frei­en Wäh­ler. Wo­mög­lich wird er bald auch Mi­nis­ter: Denn Ai­wan­ger drängt nach zehn Jah­ren er­folg­rei­cher Op­po­si­ti­on in ei­ne Lan­des­re­gie­rung mit der CSU.

Der am 26. Ja­nu­ar 1971 in Er­golds­bach in Nie­der­bay­ern ge­bo­re­ne Ai­wan­ger ist der­je­ni­ge, der als Ers­ter die Vor­macht­stel­lung der CSU bre­chen konn­te. Ai­wan­ger stieg mit sei­ner Wäh­ler­grup­pie­rung in Bay­ern näm­lich zur ernst zu neh­men­den Kraft auf, als die CSU von 2003 bis 2008 noch mit ei­ner heu­te un­vor­stell­ba­ren Zwei­drit­tel­mehr­heit re­gier­te.

Die Un­zu­frie­den­heit der Wäh­ler nach der Re­form­wut von CSU-Chef und Mi­nis­ter­prä­si­dent Ed­mund Stoi­ber und dem dann fol­gen­den chao­ti­schen Sturz Stoi­bers konn­ten Ai­wan­ger und sei­ne Mit­strei­ter nut­zen und 2008 mit über zehn Pro­zent erst­mals in den Land­tag ein­zie­hen. Es han­del­te sich um Stim­men, die zum größ­ten Teil von frü­he­ren CSU-Wäh­lern ka­men und die der CSU bis heu­te feh­len.

2008 er­schie­nen die Frei­en Wäh­ler vie­len be­reits als der na­tür­li­che Ko­ali­ti­ons­part­ner der CSU. Doch der da­mals Hu­bert Ai­wan­ger

neue Mi­nis­ter­prä­si­dent Horst See­ho­fer setz­te dar­auf, dass sich die Frei­en Wäh­ler oh­ne Re­gie­rungs­be­tei­li­gung als Phä­no­men von selbst er­le­di­gen. Da hat­te See­ho­fer den zä­hen Ai­wan­ger falsch ein­ge­schätzt: 2013 zog er mit sei­nen Leu­ten er­neut in den Land­tag ein, we­ni­ge Ta­ge vor der Land­tags­wahl kön­nen sie nun auf ein Re­kord­er­geb­nis von rund elf Pro­zent hof­fen.

In sei­ner Par­tei ge­be es „die letz­ten ver­nünf­ti­gen Kon­ser­va­ti­ven – nur mit uns wird es ei­ne bür­ger­li­che, wert­kon­ser­va­ti­ve Re­gie­rung ge­ben“, sag­te Ai­wan­ger ge­ra­de dem Ber­li­ner „Ta­ges­spie­gel“. Und im Ma­ga­zin „Fo­cus“nann­te er als Haupt­vor­zug der Frei­en Wäh­ler: „Wir sind ei­ne po­li­ti­sche Kraft, die sehr bür­ger­nah ist.“ Da­zu zählt er im­mer wie­der die Er­fol­ge in den ver­gan­ge­nen Jah­ren auf – et­wa die Ab­schaf­fung der Stu­di­en­ge­büh­ren, die Rück­kehr zum neun­jäh­ri­gen Gym­na­si­um oder die Ab­schaf­fung der Stra­ßen­aus­bau­bei­trä­ge.

Bür­ger­nä­he ist auch et­was, das Ai­wan­ger ver­kör­pert. Der zwei­fa­che Va­ter – sei­ne Le­bens­ge­fähr­tin ist Freie-Wäh­ler-Land­rä­tin – scheint om­ni­prä­sent bei Ver­an­stal­tun­gen. Der stu­dier­te Agrar­in­ge­nieur be­treibt ei­nen klei­nen Bau­ern­hof in Rahstorf und ist Hob­by­jä­ger. Und auch nach zehn Jah­ren in der Lan­des­po­li­tik spricht er so ei­nen aus­ge­präg­ten nie­der­baye­ri­schen Dia­lekt, dass er manch­mal Äu­ße­run­gen wie­der­ho­len muss.

An sich wä­re Ai­wan­ger al­so je­mand, der wie der Ide­al­ty­pus ei­nes CSU-Po­li­ti­kers klingt. Doch bei sei­nem spä­ten Ein­stieg in die Po­li­tik erst mit 30 Jah­ren ent­schied sich Ai­wan­ger be­wusst für die Frei­en Wäh­ler. Die CSU war ihm zu ar­ro­gant, wie er ein­mal sag­te.

Fo­to: dpa

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