Der über­rum­pel­te Pa­ti­ent

In der Ber­li­ner Cha­rité wird ein um­strit­te­ner Hirn-Stent ein­ge­setzt. Mit dra­ma­ti­schen Fol­gen. Ein Lehr­stück über Pro­fi­te und la­xe Ge­set­ze.

Wolfsburger Allgemeine - - BLICK IN DIE ZEIT - Von Ga­BI StIEF

Ope­ra­ti­on statt Me­di­ka­men­te: Für Schlag­an­fall­pa­ti­en­ten wird der Ein­satz ei­nes Stents in die Hirn­ar­te­rie zu ei­nem dop­pel­ten Ri­si­ko. Ber­lin/Han­no­ver. Der Auf­tritt dau­ert nur vier Mi­nu­ten. Ein Rou­ti­ne­auf­tritt. Aber die­se vier Mi­nu­ten vorn am Red­ner­pult des Bun­des­tags wird Pe­ter Danckert als ei­nen der schreck­lichs­ten Mo­men­te sei­nes Le­bens in Er­in­ne­rung be­hal­ten.

Es ist ein Don­ners­tag­abend im Fe­bru­ar 2011, als ihm plötz­lich die Wor­te ver­rut­schen wie Schrit­te auf ei­ner eis­glat­ten Stra­ße. Aus „An­trag“wird „En­trag“, aus „ge­spro­chen“wird „ge­spron­gen“, aus „Bun­des­tag“„Bun­des­bahn“. Müh­sam formt er Sät­ze, zu­neh­mend ver­stört. Auch die Ab­ge­ord­ne­ten in der ers­ten Rei­he stut­zen. Ist der Kol­le­ge be­schwipst? Sol­len sie la­chen oder hel­fen?

Nach der Re­de sucht der 70-Jäh­ri­ge die Par­la­ments­ärz­tin auf. Sie ver­mu­tet ei­nen leich­ten Schlag­an­fall und weist ihn in die na­he Uni­k­li­nik ein. Die Ge­schich­te, die folgt, ist ei­ne Ge­schich­te des Ver­sa­gens. Sie sagt viel über ein Ge­sund­heits­sys­tem, das zu­lässt, dass pro­fit­ori­en­tier­te Fir­men Men­schen­le­ben ge­fähr­den, wäh­rend der Staat weg­schaut.

Pe­ter Danckert, ein Spit­zen­ju­rist, der einst Pro­mi­nen­te wie St­ef­fi Graf oder Hone­ckers De­vi­sen­be­schaf­fer Alex­an­der Schalck-Go­lod­kow­ski vor Ge­richt ver­trat, ist heu­te geh­be­hin­dert und von ei­nem Hirn­in­farkt ge­zeich­net. Die Ber­li­ner Cha­rité hat ihm kürz­lich nach zä­hen Ver­gleichs­ver­hand­lun­gen ein für die deut­sche Recht­spre­chung be­acht­li­ches Schmer­zens­geld ge­zahlt. In der re­nom­mier­ten Ein­rich­tung der Spit­zen­me­di­zin möch­te man das Gan­ze nun schnell ver­ges­sen. Es wä­re nicht klug.

Rück­blick: Ein Schlag­an­fall oder die Vor­stu­fe ei­nes Schlag­an­falls? Ex­per­ten wer­den spä­ter über die kor­rek­te me­di­zi­ni­sche Dia­gno­se strei­ten. Fest steht, dass Pe­ter Danckert be­reits drei Ta­ge nach dem Vor­fall im Bun­des­tag die Kli­nik wie­der ver­las­sen kann, und zwar be­schwer­de­frei, mit ei­nem Me­di­ka­men­ten-The­ra­pie­plan. Drei Wo­chen spä­ter, an ei­nem Wo­che­n­en­de, spürt er er­neut Taub­heits­ge­füh­le im lin­ken Bein. Ob­wohl die Sym­pto­me schnell ab­klin­gen, sucht er am Mon­tag die Neu­ro­lo­gie-Am­bu­lanz der Cha­rité auf. Die Dia­gno­se be­stä­tigt vor­aus­ge­gan­ge­ne Un­ter­su­chun­gen: ei­ne wich­ti­ge Hirn­ar­te­rie ist auf­grund von Kalk­ab­la­ge­run­gen ver­engt. Der Di­rek­tor der Neu­ro­lo­gie, der ihn be­han­delt, er­klärt ihm, dass er mit dem Ri­si­ko die­ser Ba­si­la­riss­te­no­se le­ben muss. Me­di­ka­men­te sei­en die ein­zig mög­li­che The­ra­pie. Ei­ne Ope­ra­ti­on schließt er aus.

Um­so über­rasch­ter ist Danckert, als er am nächs­ten Mor­gen von dem glei­chen Me­di­zi­ner te­le­fo­nisch ge­be­ten wird, sich so­fort für ei­nen Ein­griff auf der Stroke-Unit-Sta­ti­on der Cha­rité in Ber­lin-Ste­glitz zu mel­den. Er ha­be seit­dem häu­fig dar­über nach­ge­dacht, was die Ärz­te da­mals zu ih­rem nächt­li­chen Sin­nes­wan­del be­wegt hat, sagt Danckert. An je­nem Tag aber geht al­les ganz schnell.

Kaum ist er in der Kli­nik, in­for­miert ihn der Ärzt­li­che Lei­ter, dass ein Stent, ei­ne win­zi­ge hoh­le Ge­fäß­stüt­ze, in die Hirn­ar­te­rie ein­ge­setzt wer­den soll, um die Ve­ren­gung zu be­sei­ti­gen. Am Abend un­ter­schreibt Danckert ein Auf­klä­rungs­for­mu­lar, das we­der das sehr ho­he Ri­si­ko ei­nes Schlag­an­falls noch die Le­bens­ge­fahr durch die an­ste­hen­de Pro­ze­dur er­wähnt. Statt die Ge­hirn­ge­fä­ße – wie ver­ein­bart – mit­tels An­gio­gra­fie (Rönt­gen­un­ter­su­chung) dar­zu­stel­len und das Er­geb­nis an­schlie­ßend noch ein­mal mit dem Pa­ti­en­ten zu be­spre­chen, wird der Stent am nächs­ten Tag im­plan­tiert. Erst auf dem Ope­ra­ti­ons­tisch er­fährt Danckert, dass aus die­sem Grund ei­ne Voll­nar­ko­se an­steht. Der la­pi­da­re Hin­weis der Anäs­the­sis­tin: „Das ma­chen wir im­mer so.“

Pe­ter Danckert fühlt sich hilf­los und über­rum­pelt. Soll er sich weh­ren und ein­fach auf­ste­hen? Er bleibt und wird ope­riert. Mit dra­ma­ti­schen Fol­gen. Er er­lei­det ei­nen schwe­ren Schlag­an­fall. Ob wäh­rend oder kurz nach der Ope­ra­ti­on, kann nicht mehr ge­klärt wer­den.

Heu­te weiß Danckert, dass die­se Ope­ra­ti­on nicht hät­te statt­fin­den dür­fen. Doch war­um wur­de sie an­ge­setzt? Woll­te der be­han­deln­de Arzt den pro­mi­nen­ten Pa­ti­en­ten als Für­spre­cher für ein um­strit­te­nes Me­di­zin­pro­dukt ge­win­nen? Oder woll­te er ei­ner Schwei­zer Fir­ma ei­nen Ge­fal­len tun, die ih­re Stents we­gen nach­ge­wie­se­ner Ri­si­ken nicht in den USA ver­kau­fen durf­te und nun ver­such­te, in Eu­ro­pa Ge­schäf­te zu ma­chen?

Stents ret­ten Mil­lio­nen Herz­pa­ti­en­ten das Le­ben. Ver­su­che, das mil­li­me­ter­klei­ne Wun­der­werk auch im Ge­hirn zu plat­zie­ren, sind da­ge­gen mit be­son­ders ho­hem Ri­si­ko be­haf­tet. „Be­reits seit mehr als zehn Jah­ren ist das emi­nent ho­he Ri­si­ko ei­nes Schlag­an­falls oder so­gar des Ab­le­bens bei ei­ner Sten­tIm­plan­ta­ti­on in die Hirn­ar­te­rie be­kannt“, ur­teilt der Neu­ro­lo­ge Jörg Mül­ler, der sich als ei­ner von we­ni­gen Me­di­zi­nern be­reit er­klär­te, als Sach­ver­stän­di­ger ge­gen die Cha­rité auf­zu­tre­ten. Danckerts An­walt Frank Al­bert Sie­vers aus Han­no­ver spricht von ei­nem „rechts­wid­ri­gen me­di­zi­ni­schen Ein­griff oh­ne wirk­sa­me Auf­klä­rung“. So­gar die da­mals gül­ti­gen Leit­li­ni­en der Deut­schen Ge­sell­schaft für Neu­ro­lo­gie sei­en igno­riert wor­den. Sie emp­fah­len Me­di­ka­men­te an­stel­le ei­nes Ein­griffs.

Wer nach den Grün­den fragt, war­um es den­noch ge­schah, muss fest­stel­len, dass das sonst so li­be­ra­le Ame­ri­ka wirt­schaft­li­che In­ter­es­sen weit­aus stren­ger re­gle­men­tiert als die Eu­ro­pä­er – je­den­falls dann, wenn es um den Schutz von Pa­ti­en­ten geht. Wäh­rend Her­stel­ler von Me­di­zin­pro­duk­ten hier­zu­lan­de bei pri­va­ten Prüf­stel­len wie dem Tüv le­dig­lich ge­gen Ge­bühr ein so­ge­nann­tes CESie­gel be­an­tra­gen müs­sen, gibt es in den USA ei­ne zen­tra­le staat­li­che Be­hör­de na­mens Food and Drug Ad­mi­nis­tra­ti­on (FDA), die al­le Pro­duk­te auf ih­re Si­cher­heit prüft. Be­vor neue Hoch­ri­si­ko-Me­di­zin­pro­duk­te wie Im­plan­ta­te, Herz­schritt­ma­cher oder Pro­the­sen ver­kauft wer­den dür­fen, müs­sen Er­geb­nis­se kli­ni­scher Stu­di­en mit Pa­ti­en­ten vor­ge­legt wer­den. Er­folg­rei­che Stu­di­en.

Auch die Fir­ma Mi­crus, Her­stel­ler von Hirn-Stents, ver­such­te auf die­se Wei­se das

Be­hin­dert nach ei­ner ris­kan­ten Ope­ra­ti­on am Ge­hirn: Pe­ter Danckert. Ge­schäft in Gang zu brin­gen. Nach­dem die FDA ei­ne ge­ne­rel­le Zu­las­sung in Ame­ri­ka ver­wei­gert hat­te, be­auf­trag­te Mi­crus ei­ne Salz­bur­ger Pri­vat­uni mit der Durch­füh­rung ei­ner Für Herz­pa­ti­en­ten ein Wun­der­werk: Der Stent wei­tet ver­eng­te Ar­te­ri­en.

Stu­die. 2009, nach der Be­hand­lung von zwei Pa­ti­en­ten, stopp­te die haus­in­ter­ne Ethik­kom­mis­si­on die Ope­ra­tio­nen, da die Ri­si­ken als un­ver­tret­bar hoch ein­ge­schätzt wur­den. Als die Ärz­te der Ber­li­ner Cha­rité im März 2011 dem Pa­ti­en­ten Danckert den von Mi­crus ent­wi­ckel­ten Stent, den sie zwei Mo­na­te zu­vor für 2691 Eu­ro von ei­nem Fir­men­ver­tre­tern er­wor­ben hat­ten, im­plan­tier­ten, hät­ten sie von dem Ab­bruch der Her­stel­ler­stu­die wis­sen müs­sen. Ge­ra­de ein­mal vier Pa­ti­en­ten wa­ren eu­ro­pa­weit mit dem glei­chen Pro­dukt „ver­sorgt“wor­den. Danckert be­zwei­felt, dass der Ope­ra­teur Er­fah­rung mit die­sem Ein­griff hat­te. Der Me­di­zi­ner be­tont in ei­ner Er­klä­rung, er ha­be an ei­nem Kurs der Fir­ma Mi­crus teil­ge­nom­men und an Tier­mo­del­len trai­niert.

Wie üb­lich wur­de die Ope­ra­ti­on an je­nem Tag auf­ge­zeich­net; al­ler­dings feh­len in der an­dert­halb­stün­di­gen Do­ku­men­ta­ti­on die ent­schei­den­den 20 Mi­nu­ten. Die Se­quen­zen sei­en so schlecht ge­we­sen, dass sie von ei­ner me­di­zi­nisch­tech­ni­schen As­sis­ten­tin ver­nich­tet wur­den, heißt es bei der Cha­rité. Der Pfle­ge­be­richt ver­merkt um 16 Uhr, et­wa zwei St­un­den nach der Ope­ra­ti­on: Der Pa­ti­ent hat ei­ne ver­wa­sche­ne Spra­che und halb­sei­ti­ge Läh­mun­gen. Danckert wird in den fol­gen­den St­un­den we­der ent­spre­chend be­han­delt, noch sieht er den Ope­ra­ti­ons­arzt an sei­nem Bett.

Hät­te die Be­hin­de­rung, mit der Danckert bis heu­te kämpft, durch Me­di­ka­men­te ver­rin­gert oder gar be­sei­tigt wer­den kön­nen? Pe­ter Danckert hat nie auf­ge­ge­ben. Als er in der Re­ha zum ers­ten Mal al­lein von ei­ner Bank ha­be auf­ste­hen kön­nen, ha­be er ge­weint, er­zählt er. Er zwingt sich, oh­ne Roll­stuhl zu­recht­zu­kom­men. Er kehrt noch ein­mal in den Bun­des­tag zu­rück, hält wie­der Re­den und er­regt En­de 2011 gro­ße Auf­merk­sam­keit, weil er ge­mein­sam mit ei­nem SPDKol­le­gen er­folg­reich ge­gen das geplante Son­der­gre­mi­um des Bun­des­tags zur Eu­ro-Ret­tung vor dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt klagt.

Im Ok­to­ber 2013 en­det sein Man­dat im Bun­des­tag. Auf­grund sei­ner Er­kran­kung ver­zich­tet er auf ei­ne er­neu­te Kan­di­da­tur, ob­wohl er gern Po­li­ti­ker war. Erst En­de 2014 ent­schei­det sich der So­zi­al­de­mo­krat, auch in ei­ge­ner Sa­che ak­tiv zu wer­den. Er wen­det sich an Frank Al­bert Sie­vers, ei­nen an­er­kann­ten Spe­zia­lis­ten für Arzt­haf­tungs­recht, und klagt beim Land­ge­richt Ber­lin ge­gen die Cha­rité und sie­ben ih­rer füh­ren­den Ärz­te we­gen des Ver­dachts auf grob feh­ler­haf­te Be­hand­lung. Als die Ge­gen­sei­te En­de 2015 ei­nen Ver­gleich an­bie­tet, wil­ligt Danckert ein, ob­wohl da­mit ein Schuld­ein­ge­ständ­nis ver­mie­den wird. Er ha­be sei­ner Fa­mi­lie kei­nen mehr­jäh­ri­gen Pro­zess zu­mu­ten wol­len, sagt er.

Ein Är­ger­nis bleibt: Der per­sön­li­che ju­ris­ti­sche Er­folg än­dert nichts an der Lax­heit im Um­gang mit Me­di­zin­pro­duk­ten. Danckert kennt das Po­li­tik­ge­schäft und den Ein­fluss der In­dus­trie­lob­by. Er hat we­nig Hoff­nung, dass sein „Fall“Fol­gen hat und sich für Pa­ti­en­ten et­was än­dert.

Fo­toS: aLa­My, dPa

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