Sel­te­ner Wahl, öf­ter Volks­ent­schei­de?

Par­tei­en im Bun­des­tag ar­bei­ten An Kom­pro­miss für um ein Jahr ver­län­ger­te Le­gis­lA­tur­pe­ri­ode

Wolfsburger Allgemeine - - POLITIK - VON DIE­TER WONKA

BERLIN. We­ni­ger Wahl­kampf, mehr In­hal­te. Auf die­se Kurz­for­mel möch­ten die Bun­des­tags­par­tei­en ih­ren Vor­stoß zur Ver­län­ge­rung der Le­gis­la­tur­pe­ri­ode von vier auf fünf Jah­re brin­gen. „Das min­dert den po­li­ti­schen Ein­fluss der Bür­ge­rin­nen und Bür­ger – ein Jahr spä­ter wäh­len be­deu­tet ein Jahr spä­ter ent­schei­den, wer re­giert und wel­che The­men auf die Agen­da kom­men“, warnt da­ge­gen die „Bür­ger­lob­by open­Pe­ti­ti­on“.

Ihr Grün­der Jörg Mitzlaff wirbt für mehr Dia­log und mehr di­gi­ta­le Be­tei­li­gung und meint: „Ei­ne Ver­län­ge­rung wä­re nur le­gi­tim, wenn es da­für mehr Al­ter­na­ti­ven zur Be­tei­li­gung von Bür­ge­rin­nen und Bür­gern gä­be.“Die Be­we­gung Mehr De­mo­kra­tie e.V. hat so­fort aus­ge­rech­net, dass bei ei­nem fünf­jäh­ri­gen Bun­des­tags­tur­nus für ei­nen 18-Jäh­ri­gen im Lauf sei­nes Le­bens drei bis vier Bun­des­tags­wah­len weg­fal­len wür­den. Hin­nehm­bar wä­re dies nur, wür­den gleich­zei­tig bun­des­wei­te Volks­ab­stim­mun­gen ein­ge­führt. SPD, Grü­ne und die FDP, als sie noch im Bun­des­tag ver­tre­ten war, hat­ten da­zu be­reits Ge­setz­ent­wür­fe ein­ge­bracht. Lin­ke und Grü­ne ha­ben ih­re Zu­stim­mung zu ei­ner ver­län­ger­ten Le­gis­la­tur­pe­ri­ode an das Be­kennt­nis zu mehr di­rek­ter De­mo­kra­tie ge­bun­den. Die SPD sym­pa­thi­siert mit die­ser Kom­bi­na­ti­on. Theo­re­tisch könn­te so auch ge­gen den CDU-Wil­len im nächs­ten Bun­des­tag ei­ne Mehr­heit zu­stan­de kom­men. In­so­fern könn­te die an­ge­kün­dig­te De­bat­te gleich nach der Sep­tem­ber­wahl zu ei­ner Kraft­pro­be krea­ti­ver Mehr­heit im deut­schen Bun­des­tag wer- den. Denn in Bay­ern steht CSU-Chef Horst See­ho­fer an der Spit­ze der Be­we­gung pro Volks­ent­scheid. Trotz man­cher Be­den­ken auch aus sei­nen Rei­hen, dass da­mit der Ein­druck ge­schürt wür­de, die CSU han­de­le aus Angst vor der AfD oder set­ze da­mit auf Po­pu­lis­mus.

Da­bei be­tont See­ho­fer, er ver­ste­he über­haupt nicht, wie ein Po­li­ti­ker an Volks­ent­schei­den zwei­feln kön­ne. Es schaf­fe Ver­trau­en in der Be­völ­ke­rung, wenn Bür­ger ernst ge­nom­men wer­den, mit­re­den und ge­stal­ten kön­nen. „Wir ver­dan­ken un­se­re Man­da­te aus­nahms­los den Bür­gern.“Man dür­fe kei­nes­falls den Ein­druck er­we­cken, Bür­ger stör­ten Po­li­ti­ker beim Re­gie­ren. Gin­ge es nach See­ho­fer, in­zwi­schen auch ab­ge­si­chert durch ei­ne CSUMit­glie­der­be­fra­gung, könn­te zu­künf­tig so­gar das Grund­ge­setz per Volks­ent­scheid mit Zwei­drit­tel­mehr­heit ge­än­dert wer­den, mit Aus­nah­me der „Ewig­keits­ga­ran­ti­en“.

Zu de­nen ge­hö­ren un­ter an­de­rem die Wür­de des Menschen, sei­ne Un­ver­sehrt­heit und die Mei­nungs­frei­heit. Selbst über neue EU-Mit­glie­der und, wie Fi­nanz­mi­nis­ter Mar­kus Sö­der meint, über die Flücht­lings­po­li­tik soll­te per Volks­ent­scheid mit­be­stimmt wer­den.

Doch genau da­vor warnt auch der ers­te Stich­wort­ge­ber der jet­zi­gen Ver­län­ge­rungs­de­bat­te, der schei­den­de Bun­des­tags­prä­si­dent Nor­bert Lam­mert (CDU). Wie die Kanz­le­rin mei­nen Lam­mert und die Ho­no­ra­tio­ren der Christ­de­mo­kra­ten, die De­mo­kra­tie näh­me Scha­den, ver­lö­re das Par­la­ment Ent­schei­dungs­rech­te. Die Kanz­le­rin er­in­nert in die­sem Zu­sam­men­hang an den Br­ex­it-Be­schluss, mit dem Groß­bri­tan­ni­en sei­nen Aus­tritt aus der EU in Gang setz­te. „Mei­ne Hal­tung ist ab­so­lut ge­fes­tigt, dass ich das un­ter kei­nen Um­stän­den möch­te“, be­tont An­ge­la Mer­kel.

Mei­ne Hal­tung ist ab­so­lut ge­fes­tigt, dass ich das un­ter kei­nen Um­stän­den möch­te. An­ge­la Mer­kel, Bun­des­kanz­le­rin, über Volks­ent­sChei­de.

FO­TO: DPA

Al­le fünf statt al­le vier Jah­re zwei Kreu­ze: Die Le­gis­la­tur­pe­ri­ode soll ver­län­gert, mehr di­rek­te De­mo­kra­tie ge­för­dert wer­den.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.