„Was mich er­schreckt, ist ...“

Horst Heldt üBt Kri­tik Am Fuß­BAll und der Ge­sell­sChAft: Vier JournA­lis­ten­sChü­ler hA­Ben HAn­no­vers MA­nA­ger in­ter­viewt

Wolfsburger Allgemeine - - SPORT - VON JANIK MARX, LENNART HECHT, MAR­CO NEHMER UND JO­NAS NAYDA

Wie mei­nen Sie das?

Mir per­sön­lich war es nie wich­tig, ein be­stimm­tes Bild in der Öf­fent­lich­keit ab­zu­ge­ben. Was mich er­schreckt, ist, dass es heut­zu­ta­ge im­mer häu­fi­ger dar­um geht, wie laut man schreit. In­hal­te und die tat­säch­li­che Leis­tung spie­len oft kaum ei­ne Rol­le. Statt­des­sen er­göt­zen sich die Menschen am Leid an­de­rer. Die so­zia­len Me­di­en tun ein Üb­ri­ges. Da rich­ten Menschen an­hand blo­ßer Mut­ma­ßun­gen in ir­gend­wel­chen Fo­ren über an­de­re, oh­ne die ge­nau­en Hin­ter­grün­de zu ken­nen. Das hal­te ich für ei­ne ge­fähr­li­che Ent­wick­lung. Die­ses Phä­no­men gibt es ja lei­der nicht nur im Fuß­ball.

Bay­ern-Pro­fi Ro­bert Le­wan­dow­ski hat ge­sagt: „Fuß­ball ist Ka­pi­ta­lis­mus pur.“Wie steht der Ma­na­ger und wie der Mensch Horst Heldt zu die­ser Aus­sa­ge?

Als Ma­na­ger be­we­ge ich mich seit elf Jah­ren in ei­nem Bu­si­ness, das sich nach wirt­schaft­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen rich­tet, nach An­ge­bot und Nach­fra­ge – und das mit im­mer grö­ße­ren Sum­men agiert. Und tat­säch­lich bleibt da­bei viel Fuß­ball­ro­man­tik auf der Stre­cke. Das ist auch dem Um­stand ge­schul­det, dass die gan­ze Ge­sell­schaft sich ve­rän- dert hat. Über Wer­te wird im­mer erst dann ge­spro­chen, wenn ir­gend­et­was Schlim­mes pas­siert ist. Ich den­ke, dass wir in man­chen Be­rei­chen an die Gren­ze der Be­last­bar­keit her­an­kom­men und der Fuß­ball auf­pas­sen muss, dass er sei­ne Grund­tu­gen­den und Wer­te nicht ver­liert.

Was sind für Sie die Wer­te des Fuß­balls?

Al­le, die vom Fuß­ball le­ben, füh­ren ein pri­vi­le­gier­tes Le­ben. Ich glau­be, dass das auch an­er­kannt wird in­ner­halb der Ge­sell­schaft. Aber der Fuß­ball darf sich nicht so weit vom nor­ma­len Le­ben ent­fer­nen, dass er nicht mehr mit die­sem in Ein­klang zu brin­gen ist. Es muss nach wie vor mög­lich sein, dass man ver­schie­de­ne Fan­kul­tu­ren im Sta­di­on hat. Es muss be­zahl­bar sein, so­wohl für den „Cham­pa­gner­trin­ker“als auch für den „Kur­ven­ste­her“. Fuß­ball muss ein Spiel sein, bei dem der Sport im Mit­tel­punkt steht. Und wenn der Mit­tel­punkt sich ver­än­dert, in­dem zum Bei­spiel An­stoß­zei­ten nur ge­än­dert wer­den, da­mit in Asi­en Fuß­ball ge­schaut wer­den kann, dann muss man dar­über nach­den­ken, ob das sinn­voll ist.

Der Re­kord­trans­fer­som­mer mit Ney­mar, Dem­bé­lé und Co. hat neue Maß­stä­be ge­setzt. Auch Sie ha­ben mit Jo­na­thas ei­nen ver­eins­in­ter­nen Re­kord­ein­kauf ge­stemmt. Wer­den sol­che Trans­fers zur Re­gel bei Han­no­ver 96?

Für uns ist es schon ein rich­ti­ger Schluck aus der Pul­le ge­we­sen. Das wird mit Si­cher­heit auch nicht der letz­te Trans­fer in die­ser Grö­ßen­ord­nung sein, wenn man das Ziel er­rei­chen möch­te, zu wach­sen und sich wei­ter­zu­ent­wi­ckeln. Das ist das Ziel – und dann muss man auch sol­che zu­künf­ti­gen Trans­fers mit­ein­kal­ku­lie­ren.

Mit Stutt­gart wur­den Sie Meis­ter, mit Schal­ke Po­kal­sie­ger. Und mit Han­no­ver 96?

Un­ser Ziel muss es zum Bei­spiel sein, dass wir mit Han­no­ver 96 über die Lan­des­gren­zen hin­aus be­kann­ter wer­den. Wir wol­len wach­sen. Bay­ern, Dort­mund, Schal­ke oder der HSV sind schon ge­wach­se­ne Klubs, die über­re­gio­na­le Auf­merk­sam­keit ge­nie­ßen. Wir kön­nen uns noch in al­len Be­rei­chen wei­ter­ent­wi­ckeln.

Rund um Han­no­ver 96 herrscht trotz des ak­tu­el­len sport­li­chen Er­fol­ges kei­ne wirk­li­che Eu­pho­rie. Statt­des­sen sorgt der Stim­mungs­boy­kott der Ul­tra­sze­ne für ei­ne Spal­tung der Fan­kur­ve. Gibt es von­sei­ten des Ver­eins kon­kre­te Be­stre­bun­gen, auf die Fans zu­zu­ge­hen, um ei­nen Kom­pro­miss zu su­chen?

Mo­men­tan ha­ben wir die kom­pli­zier­te Si­tua­ti­on, dass es zwi­schen Ver­ein und ei­ner Grup­pe or­ga­ni­sier­ter Fans ak­tu­ell ein­fach ei­ne ge­rin­ge Ver­trau­ens­ba­sis gibt. Da­durch re­det man nicht mit­ein­an­der, son­dern über­ein­an­der. Das fin­de ich grund­sätz­lich scha­de.

Ge­hen Sie auf die Fans zu, um die Wie­der­auf­nah­me ei­nes Dia­lo­ges zu be­schleu­ni­gen?

Grund­sätz­lich kön­nen wir uns sol­che Ge­sprä­che sehr gut vor­stel­len. Zu ei­nem Dia­log ge­hö­ren aber im­mer zwei Sei­ten, die be­reit sind, auf­ein­an­der zu­zu­ge­hen. Und ei­nes darf man bei die­ser Dis­kus­si­on nicht ver­ges­sen: Wenn wir heu­te zu Hau­se ge­gen Ham­burg spie­len, dann kom­men 49 000 Menschen ins Sta­di­on. Mehr als 40 000 da­von un­ter­stüt­zen un­se­re Mann­schaft, eben­so wie die meis­ten Zu­schau­er beim Heim­spiel ge­gen Schal­ke das Team un­ter­stützt ha­ben. Un­se­re Mann­schaft spielt gu­ten Fuß­ball und ist ver­dient auf­ge­stie­gen, sie ist deut­lich in Vor­leis­tung ge­tre­ten und hat – da­von ab­ge­se­hen – auch die Politik des Ver­eins nicht zu ver­ant­wor­ten. Von da­her hal­te ich die Ent­schei­dung, die Un­ter­stüt­zung der Spie­ler ein­zu­stel­len, zum ak­tu­el­len Zeit­punkt für be­dau­er­lich und de­plat­ziert. Das än­dert nichts an mei­ner Über­zeu­gung, dass ein Dia­log zwi­schen Ver­ein und Fans grund­sätz­lich im­mer wün­schens­wert ist. Es muss un­ser Ziel sein, sol­che Ge­sprä­che so­bald wie mög­lich wie­der füh­ren zu kön­nen.

FO­TOS: IMA­GO, FENSKE

Horst Heldt ist seit März Ma­na­ger bei Han­no­ver 96. Die vier Journa­lis­ten­schü­ler Janik Marx, Lennart

Hecht, Mar­co Nehmer und Jo­nas Nayda (v. l.) tra­fen ihn zum Ge­spräch.

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