„Mo­ga­di­schu war ein Wen­de­punkt“

Heu­te vor 40 Jah­ren wur­de die „Lands­hut“ent­führt – FDP-Po­li­ti­ker Ger­hart Baum blickt zu­rück

Wolfsburger Allgemeine - - PANORAMA - VON LI­SA NE­U­MANN

BER­LIN. Der Start in Pal­ma de Mallor­ca läuft noch plan­mä­ßig – aber be­reits ei­ne hal­be St­un­de spä­ter ist Pas­sa­gie­ren und Be­sat­zung der „Lands­hut“klar, dass sie in höchs­ter Le­bens­ge­fahr schwe­ben. Vier der 90 Flug­gäs­te zie­hen plötz­lich Waf­fen und Spreng­stoff aus ih­ren Ta­schen und zwin­gen Ka­pi­tän Jür­gen Schu­mann, den Kurs zu än­dern. Die Ent­füh­rer sind Pa­läs­ti­nen­ser, die die RAF-Ter­ro­ris­ten Gu­drun Ens­s­lin, Andre­as Baa­der, Jan-Carl Ras­pe und Irm­gard Möl­ler frei­pres­sen wol­len. Ein fünf­tä­gi­ges Mar­ty­ri­um be­ginnt, bis am 18. Ok­to­ber 1977 die Spe­zi­al­ein­heit der GSG 9 die in Mo­ga­di­schu ge­stran­de­te Ma­schi­ne stürmt und die Gei­seln be­freit. Am Tag dar­auf wird im El­sass die Lei­che des fünf Wo­chen zu­vor ent­führ­ten Ar­beit­ge­ber­prä­si­den­ten Hanns Mar­tin Schley­er im Kof­fer­raum ei­nes Au­tos ge­fun­den.

Für FDP-Po­li­ti­ker Ger­hart Baum war die­ses Schluss­fa­nal des Deut­schen Herbs­tes ein Wen­de­punkt für die Bun­des­re­pu­blik. Baum, da­mals Par­la­men­ta­ri­scher Staats­se­kre­tär im In­nen­mi­nis­te­ri­um, hat die dra­ma­ti­schen Ver­hand­lun­gen mit den Flug­zeug­ent­füh­rern haut­nah mit­er­lebt.

Herr Baum, was hat Sie da­mals be­son­ders be­wegt?

Mei­ne Sor­ge war, dass die­se Odys­see en­det, oh­ne dass wir ei­ne Mög­lich­keit ge­habt hät­ten, ein­grei­fen zu kön­nen. Wir hat­ten die größ­te Mü­he, auf das Ge­sche­hen Ein­fluss zu neh­men, auch muss­ten wir über­le­gen, wo wir zu­grei­fen kön­nen. Da wa­ren wir auf Part­ner an­ge­wie­sen, die uns hel­fen – und ei­ni­ge Staa­ten ha­ben das nicht ge­tan, an­ge­fan­gen von den Ita­lie­nern. Das war die ers­te Lan­dung, und die Ita­lie­ner wa­ren froh, die Ma­schi­ne wie­der los­zu­wer­den. Sie ha­ben sie nicht dar­an ge­hin­dert.

Der Flug­ka­pi­tän und drei der Ent­füh­rer star­ben, al­le an­de­ren konn­ten ge­ret­tet wer­den. Wie war die Stim­mung in Deutsch­land in den Ta­gen nach der Er­stür­mung der „Lands­hut“?

Uns war be­wusst: Nun ging es nicht mehr al­lein um Schley­er. Es war das ers­te Mal, dass die RAF-Ter­ro­ris­ten die Be­völ­ke­rung zur Ziel­schei­be mach­ten. Ziel­schei­be der RAF wa­ren bis­her und spä­ter Re­prä­sen­tan­ten von Wirt­schaft, Po­li­tik und Jus­tiz. Wir muss­ten ent­schei­den: Las­sen wir jetzt die in­haf­tier­ten Ter­ro­ris­ten frei? Wir ha­ben un­se­re Hal­tung nicht ge­än­dert – und das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat uns freie Hand ge­las­sen. We­der die Gei­sel­nah­me Schley­ers noch die der „Lands­hut“hat uns ver­an­lasst, RAF-Mör­der frei­zu­las­sen.

Hal­ten Sie es für ver­tret­bar, nicht mit Er­pres­sern zu ver­han­deln?

Ver­han­deln soll­te man schon. Ein­fach um Zeit zu ge­win­nen. Auch im Fall Schley­er ha­ben wir das so ge­hand­habt. Wir woll­ten ihn fin­den und ret­ten. Des­halb ha­ben wir vor­ge­täuscht, auf die For­de­rung mög­li­cher­wei­se ein­zu­ge­hen.

Wenn Gei­sel­neh­mer Lö­se­geld for­dern, soll­te man dann zah­len?

Man soll­te die Zah­lung von Lö­se­gel­dern per se nicht aus­schlie­ßen. Man muss das aber von Si­tua­ti­on zu Si­tua­ti­on ab­wä­gen. Gei­sel­nah­men kön­nen auch zu ei­ner Art Geld­druck­ma­schi­ne wer­den, so wie der IS das hand­habt. Aber ich schlie­ße es nicht aus, den Ent­füh­rern ent­ge­gen­zu­kom­men. Ich bin nach der Ent­füh­rung der „Lands­hut“im Auf­trag der Bun­des­re­gie­rung in So­ma­lia ge­we­sen, um die Ver­spre­chun­gen ge­gen­über dem Staats­chef Bar­re zu be­kräf­ti­gen und un­se­re Dank­bar­keit, dass er un­se­rem Grenz­schutz freie Hand ge­las­sen hat. Wir ha­ben da­für ge­zahlt. Wir hat­ten kei­ne an­de­re Wahl.

Die in Stamm­heim in­haf­tier­ten RAF-Mit­glie­der, die durch die Ent­füh­rung frei­ge­presst wer­den soll­ten, ha­ben sich nach der Be­frei­ung der Gei­seln das Le­ben ge­nom­men ...

Die ge­sam­te Ak­ti­on war ein Wen­de­punkt. Mit der Nacht von Stamm­heim wur­de ei­ne ro­te Li­nie über­schrit­ten. Glück­li­cher­wei­se hat­ten wir nach dem Münch­ner Olym­pia­de­ba­kel die Son­der­trup­pe GSG 9 auf­ge­baut, die für sol­che Si­tua­tio­nen her­vor­ra­gend trai­niert war.

Wel­che Leh­ren von da­mals gel­ten noch heu­te für die Ter­ro­ris­mus­be­kämp­fung?

Der heu­ti­ge Ter­ro­ris­mus ist ein ganz an­de­rer. Heu­te wer­den wahl­los Men­schen an­ge­grif­fen. Beim is­la­mis­ti­schen Ter­ror ist das Ziel Ra­che und die Ver­brei­tung von Angst und Schre­cken. Beim Ter­ror von rechts ist es Frem­den­feind­lich­keit. Wir dür­fen nicht die Fas­sung ver­lie­ren und die Wer­te un­se­rer Ver­fas­sung auf­ge­ben. Wir dür­fen dem Dä­mon der Angst nicht nach­ge­ben.

Den­noch hat sich in der deut­schen Si­cher­heits­po­li­tik in den ver­gan­ge­nen Jah­ren viel ge­än­dert. Hal­ten Sie das für an­ge­mes­sen?

Es wur­de ge­ra­de in letz­ter Zeit ei­ne Se­rie von neu­en frei­heits­ein­schrän­ken Ge­set­zen und Maß­nah­men be­schlos­sen, die uns auf den Weg zum Über­wa­chungs­staat ge­bracht ha­ben. Ich er­war­te, dass die neue Re­gie­rung ei­ni­ges re­pa­riert und den Kurs nicht fort­setzt.

FO­TO: DPA

Deut­sche Ge­schich­te: Am 13. Ok­to­ber 1977 stürmt die GSG 9 in Mo­ga­di­schu die „Lands­hut“, kur­ze Zeit spä­ter lan­den die Pas­sa­gie­re un­ver­sehrt in Frank­furt am Main (u. re.). We­ni­ge Ta­ge vor­her wird Ar­beit­ge­ber­prä­si­dent Schley­er ent­führt, das Bild oben rechts zeigt den Tat­ort. Im Kri­sen­stab (2. v. li. u.) wird rund um die Uhr ge­ar­bei­tet. Spä­ter über­nimmt Bun­des­kanz­ler Hel­mut Schmidt (2. v. re. u.) die po­li­ti­sche Ver­ant­wor­tung für die Er­eig­nis­se der Ta­ge.

„Heu­te ist Ter­ro­ris­mus an­ders“: Ger­hart Baum, Zeit­zeu­ge des Deut­schen Herbs­tes.

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