Vom Dorf im Huns­rück ins Lei­ne­schloss

Ga­b­rie­le And­ret­ta (SPD) wird in der kon­sti­tu­ie­ren­den Sit­zung zur Land­tags­prä­si­den­tin ge­wählt

Wolfsburger Allgemeine - - NIEDERSACHSEN - VON MICHA­EL B. BER­GER

HAN­NO­VER. Auf ih­rem Wunsch­zet­tel zu Be­ginn ih­rer Be­rufs­kar­rie­re hat ge­wiss nicht Land­tags­prä­si­den­tin ge­stan­den. Eher Wis­sen­schaft­le­rin, Pro­fes­so­rin. Aber ir­gend­wann hat Ga­b­rie­le And­ret­ta, pro­mo­vier­te So­zi­al­wir­tin, zu spü­ren be­kom­men, das bei­des gleich­zei­tig geht – Po­li­ti­ke­rin und Wis­sen­schaft­le­rin.

Seit Di­ens­tag ist die Frau, die nie ganz die Sprach­me­lo­die des Huns­rück ab­ge­legt hat, aus dem sie stammt, Land­tags­prä­si­den­tin ge­wor­den. Die ers­te Frau auf die­sem Pos­ten in Nie­der­sach­sen. Aber dass das nicht so blei­ben soll, hat sie in ih­rer ers­ten Re­de klar­ge­macht. Denn 37 Frau­en ge­gen­über 100 Män­nern im Land­tag ist kei­ne viel­ver­spre­chen­de Quo­te. „Wir müs­sen über­le­gen, wie wir und die Par­tei­en den Frau­en mehr Chan­cen bie­ten“, sagt And­ret­ta.

Seit 1998 sitzt sie, die zu­vor am So­zio­lo­gi­schen For­schungs­in­sti­tut in Göt­tin­gen und an der Uni­ver­si­tät ge- ar­bei­tet hat, im Land­tag. Ih­re ers­ten Jah­re dort hat And­ret­ta als durch­aus har­te in Er­in­ne­rung. Denn da­mals war sie prak­tisch ei­ne Al­lein­er­zie­hen­de, muss­te Töch­ter­chen Lu­na, die kurz nach Li­nus kam, noch ge­stillt wer­den, wes­halb die jun­ge Göt­tin­ger Ab­ge­ord­ne­te oft fo­to­gra­fiert wur­de, wenn sie das Ba­by am Bauch hat­te. „Heu­te er­öff­net so­gar der Land­tag ei­ne Ki­ta“, sagt And­ret­ta und lacht.

And­ret­ta er­wähnt in ih­rer An­tritts­re­de Cla­ra Zet­kin, die Frau­en­recht­le­rin und Kom­mu­nis­tin – ein neu­er Ton im Lan­des­par­la­ment. Aber sie wol­le, sagt sie sehr be­stimmt, „ei­ne Prä­si­den­tin für al­le sein“, fair, ge­recht und un­par­tei­isch.

Lan­ge Zeit galt sie als Spre­che­rin der SPD, wenn es um Wis­sen­schafts­po­li­tik ging. Sie, die aus ei­nem klas­si­schen so­zi­al­de­mo­kra­ti­schen Ar­bei­ter­haus­halt stammt, den es heu­te gar nicht mehr so gibt, hat sich hoch­ge­ar­bei­tet. Sie war die ers­te, die in ih­rem Dorf ein Abitur er­warb, die stu­dier­te, die ei­nen Dok­tor­ti­tel hat­te, die ein Sti­pen­di­um be­kam. Der Va­ter, ein Mau­rer, staun­te. Auch we­gen die­ses Bil­dungs­we­ges hat sie die Stu­di­en­ge­büh­ren ge­hasst. Po­li­ti­siert sei sie durch Wil­ly Brandt und sei­nen Slo­gan „Mehr Bil­dung wa­gen“.

Für den Ein­tritt in die Ju­soHoch­schul­grup­pe in Göt­tin­gen reich­te das, wo sie mit Ste­phan Weil und Tho­mas Op­per­mann po­li­ti­sier­te, als die noch lan­ge Haa­re hat­ten. Für den Ein­tritt in die SPD nicht, denn die stand für den Na­to-Dop­pel­be­schluss, die Nach­rüs­tung. Bei­des kam. Ir­gend­wann kam auch And­ret­ta in die SPD.

Sie ge­wann im­mer grö­ße­ren Spaß an ih­rem Land­tags­man­dat, das sie stets di­rekt ge­wann. Und we­gen der Kin­der war ein Sprung nach Ber­lin gar nicht drin. Denn And­ret­ta ist ein Fa­mi­li­en­mensch. Nun macht Lu­na Abitur und die Mut­ter die Land­tags­prä­si­den­tin. Sie wird, kei­ne Fra­ge, ei­ne am­bi­tio­nier­te Prä­si­den­tin. Die Po­li­tik müs­se die Bür­ger, die sich ab­ge­hängt füh­len, zu­rück­ge­win­nen, hat sie ge­sagt.

FO­TO: DPA

Pre­mie­re: Mit Ga­b­rie­le And­ret­ta, der hier Mi­nis­ter­prä­si­dent Ste­phan Weil gra­tu­liert, gibt es erst­mals ei­ne Land­tags­tags­prä­si­den­tin

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.