Ge­fahr für ei­ne wund ge­scheu­er­te Par­tei

Nicht aus­zu­schlie­ßen, dass die So­zi­al­de­mo­kra­tie in ei­ner neu­en Gro­ßen Ko­ali­ti­on zer­bre­chen wür­de

Wolfsburger Allgemeine - - TAGESTHEMEN - VON ANDRE­AS NIESMANN

► In mehr als sie­ben Jah­ren als SPD-Chef ist Sig­mar Ga­b­ri­el zwei­mal über sich hin­aus­ge­wach­sen: Als er die Par­tei nach der ver­lo­re­nen Wahl 2009 auf­bau­en muss­te und als er sie nach der Wahl­nie­der­la­ge 2013 in die Gro­ße Ko­ali­ti­on ge­führt hat. Man muss sich das vor Au­gen füh­ren, um zu be­grei­fen, wie groß die Her­aus­for­de­rung ist, vor der Mar­tin Schulz jetzt steht: Er muss die bei­den größ­ten po­li­ti­schen Leis­tun­gen sei­nes Vor­gän­gers auf ei­nen Schlag wie­der­ho­len. Sein Wah­l­er­geb­nis ist schlech­ter, sei­ne Au­to­ri­tät als Par­tei­chef klei­ner, die Un­si­cher­heit sei­ner Ge­nos­sen um­so grö­ßer. Wenn man so will, hat Schulz die schwie­rigs­te po­li­ti­sche Auf­ga­be vor sich, die es in Deutsch­land zur­zeit zu ver­ge­ben gibt. Der SPD-Par­tei­tag hat ihn mit ei­nem re­spek­ta­blen Er­geb­nis auf die Wegstre­cke ge­schickt. Vor­erst sta­bi­li­siert ihn das. Trotz­dem ist es gut mög­lich, dass er noch schei­tert.

Schulz hat ei­nen Kurs ge­fun­den, auch wenn er den aus Rück­sicht auf die ver­ängs­tig­te SPD-Ba­sis noch nicht laut ver­kün­den mag. „Er­geb­nis­of­fen“wol­le er die Ge­sprä­che mit der Uni­on füh­ren, be­teu­ert er. In Wahr­heit weiß je­der in der SPD, wo­hin Schulz steu­ert: in Rich­tung Gro­ße Ko­ali­ti­on.

Der Kurs ist hoch­ris­kant. Für Schulz per­sön­lich, für sei­ne Par­tei – aber auch für das Land. Na­tür­lich gibt es gu­te Grün­de für ein er­neu­tes Re­gie­rungs­bünd­nis aus Uni­on und SPD. Man kann sie je­den Mor­gen in der Zei­tung le­sen. Ein irr­lich­tern­der US-Prä­si­dent be­droht den Welt­frie­den. Der Kampf ge­gen die Flucht­ur­sa­chen in Afri­ka kommt nicht vor­an. Wirt­schaft­lich ge­rät der Wes­ten durch auf­stre­ben­de Mäch­te in Asi­en un­ter Druck. Und die EU braucht Ant­wor­ten, um die schwers­te Kri­se seit ih­rer Grün­dung zu be­ste­hen. Kann Deutsch­land es sich in die­ser La­ge leis­ten, als Hort der Sta­bi­li­tät aus­zu­fal­len? Man kann die­se Fra­ge glatt mit Nein be­ant­wor­ten – und ei­ne Gro­ße Ko­ali­ti­on be­für­wor­ten.

Al­ler­dings soll­te man die Ri­si­ken nicht ver­schwei­gen, die da­mit ein­her­gin­gen. Die SPD ist nach drei Wahl­nie­der­la­gen in Fol­ge ei­ne wund ge­scheu­er­te Par­tei. Die De­bat­te um ei­ne er­neu­te Re­gie­rungs­be­tei­li­gung an der Sei­te der Uni­on wur­de auch beim Par- tei­tag bei­na­he pa­nisch ge­führt. Der Gr­a­ben zwi­schen Be­für­wor­tern und Geg­nern ist tief.

Soll­te Schulz das Meis­ter­stück ge­lin­gen, die neu­ro­ti­schen Ge­nos­sen ein vier­tes Mal in ein Bünd­nis mit der Uni­on zu füh­ren, hät­te das ei­nen Preis. Die ge­sell­schaft­li­chen Rän­der wür­den stär­ker, künf­ti­ge Re­gie­rungs­bil­dun­gen da­durch schwe­rer. Die SPD wä­re ei­ne ge­spal­te­ne Par­tei, gut mög­lich, dass sie in Um­fra­gen wei­ter ver­lie­ren wür­de. Die mar­gi­na­li­sier­ten Schwes­ter­par­tei­en in den eu­ro­päi­schen Nach­bar­län­dern die­nen als mah­nen­des Bei­spiel. Man kann nicht mal aus­schlie­ßen, dass die deut­sche So­zi­al­de­mo­kra­tie 154 Jah­re nach ih­rer Grün­dung zer­bre­chen wür­de. Das wä­re ein wirk­lich ho­her Preis für ei­ne Re­gie­rungs­bil­dung.

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