Wel­che We­ge füh­ren aus Hartz IV hin­aus?

10, 20 oder 50 Eu­ro mehr Ar­beits­lo­sen­geld lö­sen das Pro­blem nicht

Wolfsburger Allgemeine - - TAGESTHEMEN - VON RAS­MUS BUCHSTEINER

► Es ist heu­te nicht ir­gend­ein Tag im Bun­des­tag. An­ge­la Mer­kel stellt sich zum vier­ten Mal zur Wahl als Re­gie­rungs­che­fin. In mehr als zwölf Jah­ren als Kanz­le­rin hat sie auch ge­ern­tet, was an­de­re ge­sät ha­ben – be­son­ders in der Ar­beits­markt­po­li­tik. Das deut­sche Job­wun­der mit der Hal­bie­rung der Er­werbs­lo­sig­keit seit 2005 hat sei­nen Ur­sprung auch in den Agen­da-Re­for­men.

Auf den Tag ge­nau vor 15 Jah­ren, am 14. März 2003, hat Ger­hard Schrö­der mit sei­ner Re­de den An­stoß da­zu ge­ge­ben. Es be­gann mit der Er­kennt­nis, dass So­li­da­ri­tät kei­ne Ein­bahn­stra­ße ist. Oder, wie Schrö­der for­mu­lier­te, dass es nie­man­dem ge­stat­tet sein dür­fe, sich zu­rück­zu­leh­nen und zu­mut­ba­re Ar­beit ab­zu­leh­nen. Das ist ein Ge­bot der Fair­ness ge­gen­über all je­nen, die mit ih­ren Steu­ern den Staat erst leis­tungs­fä­hig ma­chen.

15 Jah­re nach Schrö­ders Agen­da-Re­de ist Hartz IV im­mer noch das gro­ße Reiz­wort der Re­pu­blik. Nichts macht das so deut­lich wie die re­flex­haf­te Auf­re­gung über die Äu­ße­run­gen des künf­ti­gen Ge­sund­heits­mi­nis­ters Jens Spahn. Des­sen The­se, dass Hartz IV nicht Ar­mut be­deu­te, son­dern die Ant­wort der So­li­dar­ge­mein­schaft auf Ar­mut sei, wirft be­rech­tig­te Fra­gen auf. Die De­bat­te dar­über muss ge­führt wer­den: Wo be­ginnt und wo en­det die Für­sor­ge­pflicht des Staa­tes?

Mit dem Ar­beits­lo­sen­geld II, so hat es auch das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt mehr­fach be­stä­tigt, ga­ran­tiert der Staat das Exis­tenz­mi­ni­mum. Mit 416 Eu­ro, die ein Al­lein­ste­hen­der mo­nat­lich für Er­näh­rung, Klei­dung, Kör­per­pfle­ge und die Be­dürf­nis­se des täg­li­chen Le­bens er­hält. 416 Eu­ro, die auch noch für die kul­tu­rel­le Teil­ha­be rei­chen sol­len. Viel ist das wahr­lich nicht. Hartz IV soll aber auch kein Le­bens­mo­dell auf Dau­er sein. Das Ar­beits­lo­sen­geld II ist ein Ret­tungs­ring für den so­zia­len Not­fall.

In ei­nem Punkt hat Spahn recht: In Deutsch­land muss nie­mand hun­gern, weil staat­li­che Leis­tun­gen zu ge­ring be­mes­sen wä­ren. Doch es stellt sich die Fra­ge nach Chan­cen, nach der Mög­lich­keit zur Teil­ha­be. Die Be­darfs­be­rech­nung – ge­ra­de wenn es um die Re­gel­sät­ze für Kin­der und Ju­gend­li­che geht – soll­te re­gel­mä­ßig über­prüft, po­li­tisch hin­ter­fragt und gut be­grün­det wer­den. Mit 10, 20 oder 50 Eu­ro mehr Ar­beits­lo­sen­geld II im Mo­nat ist das Pro­blem je­doch nicht ge­löst.

Wich­ti­ger sind We­ge aus Hartz IV her­aus – ech­te Per­spek­ti­ven. Die Gro­ße Ko­ali­ti­on, die heu­te an­tritt, hat die his­to­ri­sche Chan­ce, die Zahl der Be­dürf­ti­gen deut­lich zu ver­rin­gern. Sie muss sie nur nut­zen. Die Zie­le, die im Ko­ali­ti­ons­ver­trag for­mu­liert wur­den, sind lei­der noch zu va­ge. Da­bei muss es jetzt um klu­ge För­der­pro­gram­me ge­hen, die mehr Lang­zeit­ar­beits­lo­se in Be­schäf­ti­gung brin­gen als bis­her, und um Bil­dung, die ver­hin­dert, dass sich Be­dürf­tig­keit von Ge­ne­ra­ti­on zu Ge­ne­ra­ti­on ver­erbt.

’’ ZI­TAT DES TA­GES Un­ser Ziel muss hö­her ge­steckt sein, als dass die Men­schen von Hartz IV oder an­de­ren Trans­fer­leis­tun­gen le­ben.

Frank-Wal­ter St­ein­mei­er, Bun­des­prä­si­dent.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.