Der Sinn des Spiels

Über den ma­gi­schen Mo­ment beim Fuß­ball

Wolfsburger Allgemeine - - TAGESTHEMEN - VON WLA­DI­MIR KAMINER

► Je­des Spiel hat ei­nen Mo­ment der Wahr­heit, in dem sein Sinn of­fen­bar wird. Im Bas­ket­ball ist es der Mo­ment, wenn zwei Spie­ler ne­ben­ein­an­der hoch­sprin­gen und mit den Ar­men so rudern, als glaub­ten sie, flie­gen zu kön­nen. Noch ein Schwung, ein kräf­ti­ger Stoß, und sie he­ben ab, dre­hen ein paar Run­den un­ter der De­cke der Hal­le, bis sie ein of­fe­nes Fens­ter fin­den und mit lau­tem Ga­ckern hin­aus­flie­gen, zur Son­ne, zur Frei­heit.

Beim Eis­ho­ckey ist es der Mo­ment, in dem die Spie­ler mit vol­ler Kraft ge­gen die Ab­sper­rung knal­len. Als woll­ten sie sa­gen: „Lasst uns hier raus! Weg vom ewi­gen Eis.“Die Ab­sper­rung hält aber je­den Auf­prall aus.

Im Fuß­ball kennt je­der den span­nends­ten Mo­ment: Das ist, wenn der Ball am Ran­de des Spiel­fel­des eben die­ses ver­lässt. Ge­ra­de eben lie­fen die ei­nen mit dem Ball noch in ei­ne Rich­tung, die an­de­ren lie­fen ih­nen ent­ge­gen, der Tor­wart sprang bei­na­he aus der Ho­se vor Auf­re­gung, der Schieds­rich­ter war völ­lig au­ßer Atem.

Doch kaum hat­te der Ball die wei­ße Li­nie über­schrit­ten, war es, als hät­te ein Zau­be­rer die Luft aus der Sze­ne raus­ge­las­sen. Der Tor­wart blieb ste­hen, die Spie­ler hör­ten auf zu ren­nen und gin­gen ein­an­der aus dem Weg, wie die Zom­bies in den Fil­men, wenn sie mer­ken, dass der le­cke­re Mensch, den sie ge­ra­de ver­spei­sen woll­ten, ei­ner von ih­nen ist. Das Ge­drän­gel hört auf.

Das Feld, das Tor, die Schieds­rich­ter und das Pu­bli­kum ver­lie­ren plötz­lich jeg­li­chen Sinn und wer­den zur Ku­lis­se ei­nes Thea­ter­stücks, das längst zu En­de ist. Dann aber kommt der Ball wie­der aufs Feld, der Schieds­rich­ter pfeift, und al­les fängt wie­der von vor­ne an.

Wla­di­mir Kaminer ist Schrift­stel­ler in Ber­lin.

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