Köln: Kei­ner muss in Haft

Über­ra­schen­des Ur­teil nach Ar­chiv­ein­sturz: Be­wäh­rung für Bau­über­wa­cher, drei Frei­sprü­che

Wolfsburger Allgemeine - - PANORAMA - VON PE­TRA AL­BERS UND ANDRE­AS DAMM

KÖLN. Die Bil­der des ein­ge­stürz­ten Köl­ner Ar­chivs gin­gen um die Welt: ein Trüm­mer­berg, dar­un­ter be­gra­ben zwei Män­ner und un­zäh­li­ge his­to­ri­sche Do­ku­men­te. Neun­ein­halb Jah­re spä­ter das Ur­teil: acht Mo­na­te auf Be­wäh­rung we­gen fahr­läs­si­ger Tö­tung für ei­nen Bau­über­wa­cher der Köl­ner Ver­kehrs­be­trie­be (KVB). Frei­spruch für die drei an­de­ren An­ge­klag­ten – ei­ne KVB-Über­wa­che­rin und zwei Mit­ar­bei­ter von Bau­fir­men.

Er sei froh, dass der Pro­zess die Ein­sturz­ur­sa­che „ein­deu­tig und zwei­fels­frei“ge­klärt ha­be, sagt der Vor­sit­zen­de Rich­ter Micha­el Gre­ve am Frei­tag im Köl­ner Land­ge­richt. Es sei nun klar, dass Feh­ler bei den Bau­ar­bei­ten für ei­ne neue U-BahnHal­te­stel­le vor dem Ar­chiv zu dem Un­glück 2009 ge­führt hät­ten. Was man nicht ein­deu­tig ha­be fest­stel­len kön­nen sei, wer dies im Ein­zel­nen zu ver­ant­wor­ten ha­be.

Ihm sei klar, so Gre­ve, dass die Frei­sprü­che ein „ge­wis­ses Un­ver­ständ­nis“her­vor­ru­fen könn­ten, „aber das darf nicht Maß­stab un­se­rer Ent­schei­dung sein“. Der ver­ur­teil­te KVB-Mit­ar­bei­ter sei sei­ner Pflicht zur Über­wa­chung nicht aus­rei­chend nach­ge­kom­men, der Ein­sturz hät­te dem­nach ver­hin­dert wer­den kön­nen, wenn er sei­ne Pflich­ten aus­ge­übt hät­te. Bei den frei­ge­spro­che­nen Mit­ar­bei­tern sei es so, dass sie zwar ih­re Sorg­falts­pflicht ver­letzt hät­ten, aber nicht zu be­wei­sen sei, dass dies für den Ein­sturz maß­geb­lich ge­we­sen sei. Rich­ter Gre­ve be­stritt, dass die Jus­tiz „die Gro­ßen lau­fen lässt und die Klei­nen hängt“. Man müs­se re­le­van­tes Fehl­ver­hal­ten in je­dem Ein­zel­fall be­wei­sen kön­nen, und das sei schwie­rig. Frank Pa­gel, Stief­va­ter ei­nes der To­des­op­fer, hat da­für kein Ver­ständ­nis: „Es tut weh. Ich muss das erst mal sa­cken las­sen“, sag­te er dem „Köl­ner Stadt-An­zei­ger“.

Das Un­glück ist dem Ge­richt zu­fol­ge so ab­ge­lau­fen: Beim Aus­hub der Gru­be sto­ßen Ar­bei­ter 2005 auf ei­nen Gesteins­block. Der lässt sich nicht be­sei­ti­gen, bleibt als Hin­der­nis im Bo­den – wo­durch in ei­ner un­ter­ir­di­schen Be­ton­wand, die dort ge­baut wird, ei­ne un­dich­te Stel­le ent­steht. Am 3. März 2009 pas­siert es: Gro­ße Men­gen Sand und Was­ser bre­chen durch das Loch in die Bau­gru­be. Dem sechs­stö­cki­gen Ar­chiv wird – so Gre­ve – „förm­lich der Bo­den un­ter den Fü­ßen“ent­zo­gen. Mit­samt zwei­er Nach­bar­häu­ser. Für zwei Be­woh­ner kommt je­de Hil­fe zu spät: Ih­re Lei­chen wer­den un­ter Schutt ge­fun­den. Zwei Dut­zend Men­schen ent­ge­hen knapp dem Tod, 36 An­woh­ner ver­lie­ren ih­re Woh­nun­gen, 30 Re­gal­ki­lo­me­ter Ak­ten sind ver­schüt­tet. Der Pro­zess stand un­ter Zeit­druck, weil im März 2019 die Ver­jäh­rungs­frist en­det. Er konn­te recht­zei­tig ab­ge­schlos­sen wer­den, aber ist das Trau­ma be­wäl­tigt? „Ich ha­be das Ge­fühl, da sa­ßen die Fal­schen auf der An­kla­ge­bank“, sagt Frank De­ja von der Bür­ger­initia­ti­ve Köln kann auch an­ders. Von an­fangs über 70 Be­schul­dig­ten war nur ei­ne Hand­voll üb­rig ge­blie­ben. Dar­un­ter ein Po­lier, der we­gen Krank­heit ver­hand­lungs­un­fä­hig ist.

Das The­ma Ar­chiv­ein­sturz ist nicht durch: Die Stadt Köln be­zif­fert den Scha­den auf 1,2 Mil­li­ar­den Eu­ro. Wer den be­zah­len muss, wird The­ma ei­nes Zi­vil­ver­fah­rens, das die Stadt­ver­wal­tung und die KVB ge­gen die für den Bau der U-Bahn ver­ant­wort­li­chen Un­ter­neh­men füh­ren wol­len. Auch die Köl­ner Ober­bür­ger­meis­te­rin Hen­ri­et­te Re­ker (par­tei­los) hofft nach En­de des Straf­pro­zes­ses auf Scha­dens­er­satz: „Es ist zu­min­dest ein zar­tes Si­gnal für den Aus­gang des Zi­vil­pro­zes­ses.“

Da­mit mög­li­che An­sprü­che nicht ver­jäh­ren, hat die Mön­chen­glad­ba­cher Kanz­lei Ka­pell­mann vor­sorg­lich ge­gen 21 am U-Bahn-Bau be­tei­lig­te Per­so­nen und Fir­men beim Land­ge­richt ein selbst­stän­di­ges Be­weis­ver­fah­ren be­an­tragt. Ein Gut­ach­ter soll die Scha­dens­hö­he er­mit­teln. Erst wenn sämt­li­che Gut­ach­ten vor­lie­gen, will die Stadt ih­re Kla­ge an das Land­ge­richt schi­cken. Das wird frü­hes­tens im kom­men­den Jahr der Fall sein.

FO­TO: OLI­VER BERG/DPA

Trüm­mer lie­gen dort, wo sich das ein­ge­stürz­te Stadt­ar­chiv be­fand.

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