Uns­terb­li­che Schwä­ne

„BAL“Die Ge­schich­te zwei­er Tän­ze­rin­nen

Tageblatt (Luxembourg) - - Tanz -

Jo­se­phi­ne und Clau­di­ne Bal, zwei lu­xem­bur­gi­sche Tän­ze­rin­nen, ge­bo­ren um 1920 in Bro­der­bour, fei­er­ten mit ih­rem 1962 ge­grün­de­ten „Bal­let na­tio­nal folk­lo­ri­que du Lu­xem­bourg“in den 1960er und 1970er Jah­ren in­ter­na­tio­na­le Er­fol­ge. An­läss­lich ei­ner Tour­nee 1976 in der da­ma­li­gen Turk­me­ni­schen So­zia­lis­ti­schen So­wjet­re­pu­blik sol­len die bei­den spur­los ver­schwun­den sein. Au­ßer ei­ni­gen Fo­tos und Ar­ti­keln aus spa­ni­schen und so­wje­ti­schen Zei­tun­gen über die Auf­trit­te der Trup­pe gibt es kei­ne ge­si­cher­ten Do­ku­men­te.

Hu­mor und Schmerz

Ali­ce La­wrence, ei­ne noch le­ben­de Tän­ze­rin der Trup­pe, ha­be der Cho­reo­gra­fin Si­mo­ne Mous­set Son­der­ba­res er­zählt: Ge­rüch­te und Mys­te­riö­ses, wo­bei sich Wahr­heit und Dich­tung of­fen­sicht­lich ver­mi­schen.

Mit „Bal“wür­digt Mous­set nun die­se bei­den Grö­ßen des lu­xem­bur­gi­schen Volks­tan­zes. Ih­re neu­es­te Krea­ti­on ist an der Ge­schich­te der bei­den Schwes­tern an­ge­lehnt und über­nimmt Ele­men­te und Sze­nen aus de­ren Stü­cken. Wir be­such­ten Mous­set und ih­re Mit­tän­ze­rin Eli­sa­beth Schil­ling bei ei­ner Pro­be.

Aus ei­nem Ak­kor­de­on er­klin­gen herz­zer­rei­ßen­de, me­lan­cho­li­sche Tö­ne, ei­ne Mu­sik, die ei­ner­seits an mo­der­nen Tan­go und an­de­rer­seits an et­was Schmerz­haf­tes den­ken lässt. Kein Wun­der, auf der Büh­ne ist ge­ra­de ei­ne der bei­den Fi­gu­ren ge­stor­ben.

Das neue Stück von Si­mo­ne Mous­set ver­bin­det zeit­ge­nös­si­schen Tanz mit Folk­lo­re­ele­men­ten, Thea­ter und Do­ku­men­ta­ti­on. „Do­ku­men­ta­ri­sches Thea­ter“, sagt sie selbst, sei ein mög­li­cher Be­griff da­für. Un­ge­wöhn­lich – für ein Tanz­stück – ist in „Bal“auch der ge­spro­che­ne Text; und vor al­lem: „Bal“ist lus­tig. Mous­set und Schil­ling wol­len auch zei­gen, dass Tan­zen nicht tod­ernst sein muss und der Zu­schau­er zum La­chen ge­bracht wer­den kann. Ih­nen ge­lingt dies, oh­ne die Gren­ze zum Slap­stick zu über­schrei­ten.

Vor al­lem aber wür­digt „Bal“zwei be­deu­ten­de Tän­ze­rin­nen. Der Volks­tanz stand am An­fang der Kar­rie­re von Jo­se­phi­ne und Clau­di­ne Bal. Durch ei­nen Auf­ent­halt in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten sei­en sie in den Kon- takt mit zeit­ge­nös­si­schem Tanz ge­kom­men und ver­misch­ten fort­an bei­de Sti­le, er­zählt Mous­set.

Das ers­te Bal­lett der zwei war „Jo­sia­ne, d’Meed­chen vum Land“in dem u.a. bö­se Geis­ter vor­kom­men. Die bei­den Prot­ago­nis­tin­nen tra­gen die Na­men ih­rer Töch­ter: Jo­sia­ne und Maud. Ihr zwei­tes Stück der Trup­pe hieß „Thus­nel­da, Kö­ni­gin von Tur­kes­tan“. Ei­ni­ge hät­te dar­in ein schlech­tes Omen ge­se­hen. Hin­zu kam, dass ih­re Ehe­män­ner bei­de ein Jahr vor ih­rem Ver­schwin­den bei ei­nem Trak­tor­un­fall ums Le­ben ge­kom­men sein sol­len. Al­les zu­sam­men er­gibt die bes­ten Grund­la­gen für die wil­des­ten Ge­rüch­te und ha­be wohl da­zu bei­ge­tra­gen, dass nach 1976 vie­le Leu­te die Rea­li­tät mit den In­hal­ten der Stü­cke und den Ge­rüch­ten ver­mischt hät­ten, meint Mous­set.

Se non è ve­ro ...

„Die Ge­schich­te des 'Bal­let na­tio­nal folk­lo­ri­que' ist ei­ne Ge­schich­te von Er­in­ne­run­gen, auch manch­mal fal­schen, von Zwei­feln und Ge­rüch­ten. All das wur­de in 'Bal' ver­ar­bei­tet“, sagt Si­mo­ne Mous­set. Ka­rin Kre­mer, Di­rek­to­rin des „Mier­scher Kul­tur­haus“, woll­te ih­rer­seits an die Tra­di­ti­on der Folk­lo­re in Mersch an­knüp­fen. Die Ge­mein­de war in den 1970er Jah­ren ein Zen­trum der Folk­lo­re­sze­ne, so­gar mit ei­nem in­ter­na­tio­na­len Folk­lo­re­tref­fen. Aber sie woll­te auf kei­nen Fall tra­di­tio­nel­le Folk­lo­re auf die Büh­ne brin­gen.

„Es ging nicht dar­um, lu­xem­bur­gi­sche Folk­lo­re zu prä­sen­tie­ren, die ist quan­ti­ta­tiv ge­se­hen zu mit­tel­mä­ßig. Die Fra­ge ist: Was hat Folk­lo­re uns heu­te noch zu sa­gen?“Kre­mer be­auf­trag­te Mous­set mit ei­nem Pro­jekt und gab ihr da­bei freie Hand, wie das für Künst­ler „en ré­si­dence“üb­lich ist.

Auch Si­mo­ne woll­te kei­ne tra­di­tio­nel­le Folk­lo­re auf die Büh­ne brin­gen, be­gann je­doch ei­ne Re­cher­che über Volks­tän­ze in Lu­xem­burg. In der Fo­to­thek der Stadt Lu­xem­burg stieß sie auf ein Bild der Ge­schwis­ter Bal und bei wei­te­ren Nach­for­schun­gen auf de­ren un­glaub­li­che Ge­schich­te.

Wie sa­gen die Ita­lie­ner: „Se non è ve­ro, è ben tro­va­to“(Wenn es nicht wahr ist, ist es doch gut er­fun­den). In Zei­ten von „fa­ke news“ei­ne per­fek­te Ge­schich­te, die er­zählt wer­den will.

Foto: Di­dier Syl­vest­re

Was hat Folk­lo­re uns heu­te noch zu sa­gen? Si­mo­ne Mous­set ver­mischt in ih­rem Stück „Bal“Volks­tän­ze, zeit­ge­nös­si­schen Tanz und Thea­ter. Da­bei ließ sie sich von der un­glaub­li­chen Le­bens­ge­schich­te von Jo­se­phi­ne und Clau­di­ne Bal in­spi­rie­ren, zwei Schwes­tern, die mit ih­rem „Bal­letna­tio­nal folk­lo­ri­que du Lu­xem­bourg“in­ter­na­tio­na­le Er­fol­ge fei­er­ten, doch heu­tefast ver­ges­sen sind.Clau­de Mo­li­na­ro

Newspapers in German

Newspapers from Luxembourg

© PressReader. All rights reserved.