Die Al­pen ver­än­dern sich ra­sant

Fle­ra-Prä­si­den­tin Yoo Ja Lud­wig ist be­geis­ter­te Al­pi­nis­tin

Tageblatt (Luxembourg) - - Vorderseite - Text: Chrëscht Be­ne­ké Fo­tos: pri­vat

Erst mit rund 25 Jah­ren fand die heu­te 42-jäh­ri­ge Yoo Ja Lud­wig zum Berg­sport.

Seit gut zehn Jah­ren ist sie Prä­si­den­tin der Klamm­spann Et­tel­bréck und seit drei Jah­ren eben­falls des na­tio­na­len Ver­ban­des Fle­ra. Sel­ber klet­tert die Leh­re­rin im „Mo­du­lai­re“des Die­kir­cher Nord­stad-Ly­cée am liebs­ten klas­si­sche al­pi­ne Rou­ten und hat die­sen Au­gust mit ih­rem Seil­part­ner Eric Ber­the un­ter an­de­rem den 7a schwe­ren Chant du Cy­g­ne an der be­rühm­ten Ei­ger-Nord­wand ab­ge­hakt.

Ta­ge­blatt: Ein Klas­si­ker als ers­te Fra­ge: War­um steigt man auf ei­nen Berg?

Yoo Ja Lud­wig: Je­der hat da sei­ne ei­ge­ne Mo­ti­va­ti­on, für mich ist es die Ehr­lich­keit des Ber­ges. Je­de der le­gen­dä­ren Rou­ten ei­nes Cas­sin, Bonat­ti oder Mess­ner ist ei­ne ganz be­son­de­re Her­aus­for­de­rung. Ich bin dann in der Na­tur und ganz bei mir sel­ber. Wer schon ein­mal ge­klet­tert ist, weiß, dass dann der Kopf von al­lem leer wird. Man ist mit sei­ner gan­zen Kon­zen­tra­ti­on nur noch im ei­ge­nen Kör­per, in je­dem Mus­kel, in je­der Be­we­gung. Beim al­pi­nen Klet­tern ha­be ich kei­ne Zeit, mich um mich zu küm­mern, son­dern ich muss ein­fach le­ben.

Am 1. Ok­to­ber 1992, al­so ziem­lich ge­nau vor 25 Jah­ren, stand mit Eu­gè­ne Ber­ger zum ers­ten Mal ein Lu­xem­bur­ger auf dem Mount Eve­r­est. Wel­che Be­deu­tung hat die­se Leis­tung hier­zu­lan­de noch?

Man braucht nicht dar­über zu strei­ten, dass das da­mals ei­ne völ­lig au­ßer­ge­wöhn­li­che Leis­tung war und ein be­son­de­res Er­leb­nis, das man sich für Geld nicht kau­fen kann. Ich glau­be aber auch, dass dies heu­te lei­der kaum noch nach­wirkt. Auf je­den Fall bei den Klet­te­rern, denn hier wird vor al­lem an klei­ne­ren Wän­den wie in der gut be­such­ten Ber­dor­fer Wan­ter­bach ge­klet­tert. Die Sze­ne der Al­pi­nis­ten ist da­ge­gen klei­ner und hier hat die­se Leis­tung im­mer noch ih­ren Wert. Nach ihm war ja nur noch 2001 Phil­ip­pe Per­lia oben und Ray­mond Behm schei­ter­te, glau­be ich, zwei­mal dar­an, sei­ne Lis­te der Se­ven Sum­mits zu kom­plet­tie­ren.

Reizt auch Sie der höchs­te Gip­fel der Welt?

Der Eve­r­est wur­de mit dem Ver­schwin­den ei­nes Teils des Hil­la­ry Step kurz vor dem Gip­fel jetzt ja ein­fa­cher (lacht), aber nein, das in­ter­es­siert mich nicht. Mein Mann Hen­ri Gel­ler ist viel mehr als ich in den ho­hen Ber­gen un­ter­wegs, aber nicht mal ihn reizt die­se Be­stei­gung. Es gibt so viel an­de­res, was man in den Ber­gen er­le­ben kann.

Das 19. und 20. Jahr­hun­dert stan­den im Zei­chen der gro­ßen al­pi­nen Pio­nier­leis­tun­gen, ehe es zum Jahr­tau­send­wech­sel im­mer ru­hi­ger wur­de. Wel­che Zie­le kann der Al­pi­nis­mus heu­te noch ha­ben?

Si­cher gab es vie­le Erst­be­stei­gun­gen in den Al­pen und auch welt­weit be­son­ders in der ers­ten Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts. Da­mals war so­gar ein Wett­streit un­ter den Na­tio­nen ent­stan­den, um Gip­fel zu „er­obern“. In Chi­na oder auch in der Ant­ark­tis gibt es auch heu­te Erst­be­ge­hun­gen und so­gar an den fran­zö­si­schen Gran­des Jo­ras­ses wur­de vor kur­zem noch ei­ne an­spruchs­vol­le neue Rou­te erst­be­gan­gen, doch hier­von be­kommt das brei­te Pu­bli­kum nichts mit. Um heu­te im Sport, nicht nur im Bergsteigen, Auf­merk­sam­keit zu be­kom­men, gilt nur noch das Ex­tre­me, zum Bei­spiel Spee­dRe­kor­de.

Vom Ex­pe­di­ti­ons­stil mit dem Be­la­gern des Ber­ges über den al­pi­nen Stil nur mit dem ei­ge­nen Ruck­sack hat sich das Bergsteigen ra­sant bis zu Aus­nah­me­ath­le­ten wie Ki­li­an Jor­net ent­wi­ckelt, der schon mal in Lauf­schu­hen den Mont Blanc oder den Mount Eve­r­est gleich zwei­mal in ei­ner Wo­che er­stürmt. Was hal­ten Sie da­von?

Es gibt si­cher­lich die Ten­denz, dass die Berg­stei­ger im­mer leich­ter, mit im­mer we­ni­ger Ma­te­ri­al un­ter­wegs sind und für die Spon­so­ren sind heut­zu­ta­ge be­son­ders die Speed-Re­kor­de in­ter­es­sant. Ich ha­be nichts ge­gen die­se Sti­le. Im Ge­gen­teil, ich be­wun­de­re sie so­gar. Je­der klet­tert, wie er kann und es für rich­tig hält. Mei­ne Welt ist das al­ler­dings nicht, ich bin eher klas­sisch al­pin un­ter­wegs. Wenn man den heu­ti­gen Pis­ten­al­pi­nis­mus, in dem Sher­pas auf prä­pa­rier­ten Rou­ten „Kun­den“den Mount Eve­r­est hoch­zie­hen, kri­ti­siert, dann soll­te man wis­sen, dass es auch in den Al­pen so viel Span­nen­des zu klet­tern gibt, wo man völ­lig un­ge­stört ist. Bei un­se­rer Tour in der Ei­ger-Nord­wand wa­ren wir die ein­zi­ge Seil­schaft.

Ge­ra­de in den Al­pen ha­ben wir in den letz­ten Wo­chen aber ei­nen sehr gro­ßen Berg­sturz ge­se­hen und es ka­men wie­der ei­ni­ge Wan­de­rer und Klet­te­rer ums Le­ben. Wird der Al­pi­nis­mus ge­fähr­li­cher?

Was die frü­he­ren Al­pi­nis­ten wie Ré­buf­f­at und Heck­mair mit ih­rer da­ma­li­gen Aus­rüs­tung klet­ter­ten, war ei­gent­lich sehr ex­trem und ge­fähr­lich und es ka­men auch et­li­che ums Le­ben. Heu­te klet­tern wir ei­ne die­ser Rou­ten und sa­gen da­nach: „Schön.“Aber es ist mit un­se­rer Aus­rüs­tung, Klei­dung, dem heu­ti­gen Trai­ning und un­se­ren Kennt­nis­sen der Rou­te nicht mit den Pio­nier­leis­tun­gen von da­mals ver­gleich­bar. Die Schwie­rig­kei­ten heu­te lie­gen ganz wo­an­ders: Die Na­tur ist ge­ra­de in den Al­pen da­bei, sich ra­sant schnell zu ver­än­dern. Als Berg­stei­ger mer­ken wir das und wir müs­sen uns dar­auf ein­stel­len.

Was mei­nen Sie?

Es ist be­kannt, dass nach und nach die Glet­scher ver­schwin­den, aber ge­nau das Glei­che pas­siert mit dem Per­ma­frost. Die Fel­sen wer­den viel un­sta­bi­ler und brü­chi­ger, was wir nicht zu­letzt an der Ei­ger-Nord­wand er­lebt ha­ben. Hier ist mitt­ler­wei­le die Nor­mal­tour – je­den­falls im Som­mer – un­mög­lich zu klet­tern. Und an vie­len Stel­len wä­re ein Bi­wak so wie frü­her auch nicht mehr mög­lich, da Schnee und Eis ver­schwun­den sind.

Nicht mal mehr das Was­ser zum Trin­ken kann man sich noch schmel­zen. Aber auch die Na­tur an sich ver­än­dert sich: Über­all in den Al­pen kenn­zeich­nen die Ar­ven die Baum­gren­ze. Ih­re Sa­men wer­den vom Tan­nen­hä­her ver­teilt, der sei­nen ge­wohn­ten Le­bens­raum auf glei­cher Hö­he bei­be­hält. Mit dem Kli­ma­wan­del wird es aber wär­mer, so dass sich die an­de­ren Bäu­me, de­ren Sa­men durch Wind ver­teilt wer­den, nach und nach hoch­ar­bei­ten und den Platz der Ar­ven ein­neh­men. So än­dert sich am En­de Flo­ra und Fau­na.

Sie ha­ben die be­rüch­tig­te Ei­ger-Nord­wand an­ge­spro­chen. Wie war der Chant du Cy­g­ne ei­gent­lich?

Nach der Tour war es nur toll. Ich bin zu­tiefst dank­bar, dass wir die­se le­gen­dä­re Tour noch klet­tern konn­ten, denn ich weiß nicht, ob das in ei­ni­gen Som­mern noch mög­lich sein wird. Auch wir ha­ben viel län­ger ge­braucht als ge­plant. Al­les, was man an­fasst und al­les, auf das man tritt, ist ex­trem brü­chig und kann weg­bre­chen. Wir muss­ten uns die­ser Tat­sa­che an­pas­sen und am En­de dann oh­ne ent­spre­chen­de Aus­rüs­tung oben auf dem Berg bi­wa­kie­ren, da es zu ge­fähr­lich ge­we­sen wä­re, in der Dun­kel­heit ab­zu­stei­gen.

Was heißt ei­gent­lich oben bi­wa­kie­ren?

Wir hat­ten kei­ne Sa­chen wie Schlaf­sack oder Iso­mat­te da­bei und auch kein Es­sen mehr. Zum Glück hat­ten wir aber noch Was­ser. Wir ha­ben uns ei­ne wind­ge­schütz­te Ecke ge­sucht, die Sei­le als Iso­la­ti­on un­ter uns ge­legt und uns bis zum Son­nen­auf­gang wach­ge­hal­ten, um die Ge­fahr des Er­frie­rens zu ver­mei­den.

Bi­wa­kie­ren auf dem Berg

Yoo Ja Lud­wig

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