Brüs­se­ler Trans­pa­renz­of­fen­si­ve

FREIHANDEL EU-Kom­mis­si­on legt Man­dats­ent­wür­fe für Ver­hand­lun­gen über In­ves­ti­ti­ons­ge­richt so­wie für Ab­kom­men mit Aus­tra­li­en und Neu­see­land vor

Tageblatt (Luxembourg) - - Vorderseite - Guy Kemp

In sei­ner Re­de zur La­ge der Eu­ro­päi­schen Uni­on kün­dig­te EUKom­mis­si­ons­prä­si­dent Je­anClau­de Juncker an, die eu­ro­päi­sche Han­dels­stra­te­gie wei­ter zu stär­ken.

In sei­ner Re­de zur La­ge der Eu­ro­päi­schen Uni­on kün­dig­te EU-Kom­mis­si­ons­prä­si­dent Je­an-Clau­de Juncker an, die eu­ro­päi­sche Han­dels­stra­te­gie wei­ter zu stär­ken. Ei­nen Tag spä­ter leg­te die Kom­mis­si­on gleich meh­re­re Vor­schlä­ge da­zu vor und lei­tet da­mit ih­re von Juncker an­ge­kün­dig­te Trans­pa­renz­be­mü­hun­gen ein.

Die EU-Han­dels­po­li­tik war in den letz­ten Jah­ren um­strit­ten. Vor al­lem das ge­plan­te Trans­at­lan­ti­sche Frei­han­dels­ab­kom­men TTIP mit den Ver­ei­nig­ten Staa­ten als auch das mitt­ler­wei­le ab­ge­schlos­se­ne und un­ter­zeich­ne­te Frei­han­dels­ab­kom­men zwi­schen der Uni­on und Ka­na­da sorg­ten in man­chen EU-Staa­ten, dar­un­ter Lu­xem­burg, für kon­tro­ver­se Dis­kus­sio­nen und Pro­tes­te. Ge­werk­schaf­ten so­wie vor­nehm­lich Um­welt- und Ver­brau­cher­schutz­or­ga­ni­sa­tio­nen är­ger­ten sich vor al­lem über die In­trans­pa­renz der Ver­hand­lun­gen und äu­ßer­ten die Be­fürch­tung, dass die aus­ge­han­del­ten Ab­kom­men zu ei­nem Ver­fall der eu­ro­päi­schen Stan­dards in Sa­chen So­zi­al-, Um­welt- und Ver­brau­cher­schutz füh­ren könn­ten.

Schieds­ge­rich­te er­set­zen

TTIP dürf­te mit dem Amts­an­tritt von Do­nald Trump zu­min­dest in der vor­ge­se­he­nen Form mitt­ler­wei­le Ge­schich­te sein. CETA hin­ge­gen wird am kom­men­den Don­ners­tag teil­wei­se und pro­vi­so­risch in Kraft tre­ten, nach­dem es im ver­gan­ge­nen Jahr nach lan­gem Hin und Her un­ter­zeich­net wur­de. Das Ab­kom­men wird erst dann voll­stän­dig an­ge­wandt wer­den kön­nen, wenn es zum ei­nen von al­len EU-Staa­ten ra­ti­fi­ziert wur­de und zum an­de­ren der Eu­ro­päi­sche Ge­richts­hof sein Gut­ach­ten über die Ver­ein­bar­keit des in dem Frei­han­dels­ab­kom­men vor­ge­se­he­nen In­ves­ti­ti­ons­ge­richts mit dem EU-Recht vor­ge­legt hat. Bel­gi­en konn­te im ver­gan­ge­nen Jahr der Un­ter­zeich­nung von CETA erst zu­stim­men, nach­dem auf Druck der wal­lo­ni­schen Re­gie­rung die fö­de­ra­le Re­gie­rung sich be­reit er­klär­te, ein sol­ches Gut­ach­ten beim EuGH ein­zu­ho­len. Die ent­spre­chen­de An­fra­ge hat Brüs­sel be­reits am Don­ners­tag ver­gan­ge­ner Wo­che dem Ge­richts­hof über­mit­telt. Das Gut­ach­ten wird frü­hes­tens in 18 Mo­na­ten er­war­tet.

Die EU-Kom­mis­si­on hat nun vor­ges­tern un­ter an­de­rem ein Man­dats­ent­wurf für die Auf­nah­me von Ver­hand­lun­gen über die Schaf­fung die­ses in CETA vor­ge­se­he­nen mul­ti­la­te­ra­len In­ves­ti­ti­ons­ge­richts vor­ge­legt. Die Ein­füh­rung die­ser neu­en Ge­richts­bar­keit war ei­ne For­de­rung des Eu­ro­päi­schen Par­la­ments, um das um­strit­te­ne und nicht öf­fent­li­che Sys­tem der Bei­le­gung von In­ves­tor-Staat-Strei­tig­kei­ten (In­ves­tor to Sta­te Dis­pu­te Set­t­le­ment, ISDS) zu er­set­zen. Die neue In­ves­ti­ti­ons­ge­richts­bar­keit ist üb­ri­gens nicht nur in CETA vor­ge­se­hen, son­dern auch im Frei­han­dels­ab­kom­men mit Viet­nam.

Die Ver­hand­lun­gen über das neue In­ves­ti­ti­ons­ge­richt sol­len ge­mein­sam mit Ka­na­da in der Kom­mis­si­on der Ver­ein­ten Na­tio­nen für in­ter­na­tio­na­les Han­dels­recht (Un­ci­tral) ge­führt wer­den. Nach An­ga­ben der EUKom­mis­si­on sei­en vie­le Re­gie­run­gen welt­weit der An­sicht, dass das bis­he­ri­ge ISDS-Sys­tem re­for­miert wer­den müs­se.

Nach den Vor­stel­lun­gen der Eu­ro­pä­er soll das In­ves­ti­ti­ons­ge­richt über un­ab­hän­gi­ge Rich­ter ver­fü­gen, die öf­fent­lich ta­gen und per­ma­nent an die­sem Ge­richts­hof be­schäf­tigt sind, was al­les im Ge­gen­satz zur bis­he­ri­gen Pra­xis steht. Zu­dem sol­len die Streit­par­tei­en, an­ders als bis­her, die Mög­lich­keit er­hal­ten, in Be­ru­fung zu ge­hen.

In­ter­es­sen­trä­ger ein­be­zie­hen

Da­ne­ben hat die EU-Kom­mis­si­on die bei­den Man­dats­ent­wür­fe für die Ver­hand­lun­gen über ein Frei­han­dels­ab­kom­men mit Aus­tra­li­en und Neu­see­land vor­ge­legt. Die­se sol­len, wie es in ei­ner Mit­tei­lung der Kom­mis­si­on heißt, auf den jüngst ab­ge­schlos­se­nen Ab­kom­men mit Ka­na­da, Viet­nam, Sin­ga­pur und Ja­pan auf­bau­en „und die Al­li­anz der Part­ner wei­ter ver­grö­ßern, die sich zu fort­schritt­li­chen Re­geln für ei­nen glo­ba­len Han­del be­ken­nen“.

Ne­ben der Er­schlie­ßung neu­er Han­dels­mög­lich­kei­ten für eu­ro­päi­sche Un­ter­neh­men dürf­te hin­ter den zu­neh­men­den han­dels­po­li­ti­schen Ak­ti­vi­tä­ten Brüs­sels noch mehr ste­cken. Zum ei­nen dürf­te die Kom­mis­si­on die in Han­dels­fra­gen selbst ge­wähl­te Iso­la­ti­on der Re­gie­rung von USPrä­si­dent Do­nald Trump nut­zen, um die eu­ro­päi­sche Po­si­ti­on zu stär­ken. Zum an­de­ren dürf­te Groß­bri­tan­ni­en das Nach­se­hen ha­ben, da es laut den bis da­hin gel­ten­den Ver­trä­gen erst die Aus­hand­lung neu­er Han­dels­be­zie­hun­gen mit Dritt­staa­ten auf­neh­men darf, wenn es im März 2019 aus der EU aus­ge­tre­ten ist. EUKom­mis­si­ons­prä­si­dent Juncker will die Ver­hand­lun­gen mit Aus­tra­li­en und Neu­see­land noch wäh­rend sei­ner Amts­zeit ab­schlie­ßen, al­so bis Herbst 2019.

Dass die EU-Kom­mis­si­on aus der Kri­tik und den Be­an­stan­dun­gen der ver­gan­ge­nen Jah­re über ih­re in­trans­pa­ren­te Hand­ha­bung der Han­dels­po­li­tik ih­re Leh­ren ge­zo­gen hat, ist dem Ver­spre­chen des EU-Kom­mis­si­ons­prä­si­den­ten wäh­rend sei­ner Re­de zu ent­neh­men, dass die Ver­hand­lun­gen über sol­che Ab­kom­men künf­tig in vol­ler Trans­pa­renz über die Büh­ne ge­hen wür­den. Die Kom­mis­si­on for­dert zu­dem die EU-Mit­glied­staa­ten auf, „die re­le­van­ten In­ter­es­sen­trä­ger auf na­tio­na­ler und re­gio­na­ler Ebe­ne in ei­nem mög­lichst frü­hen Sta­di­um in die Han­dels­ge­sprä­che“ein­zu­bin­den. Schließ­lich will die EUKom­mis­si­on selbst über die Schaf­fung ei­ner Be­ra­tungs­grup­pe für EU-Han­dels­ab­kom­men das Ge­spräch mit der Zi­vil­ge­sell­schaft su­chen.

Pro­test­ak­ti­on ge­gen das EU-Ka­na­da-Frei­han­dels­ab­kom­men ver­gan­ge­ne Wo­che vor dem Deut­schen Bun­des­tag

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