Ein Bru­der­du­ell

Car­lo und Pier­rot Feie­rei­sen im Wahl­kampf

Tageblatt (Luxembourg) - - Vorderseite - Luc La­boul­le

In der Ge­mein­de Schiff­lin­gen tre­ten die bei­den Brü­der Car­lo (LSAP) und Pier­rot Feie­rei­sen (CSV) als Spit­zen­kan­di­da­ten ih­rer je­wei­li­gen Par­tei­en zu den Gemeindewahlen an. Ei­ne au­ßer­ge­wöhn­li­che Si­tua­ti­on, denn laut Wahl­ge­setz kann nur ei­ner von bei­den in den Ge­mein­de­rat kom­men. 2005 und 2011 hat­te Car­lo die Na­se vorn. Doch nach dem Rück­zug von Bür­ger­meis­ter Ro­land Schrei­ner (LSAP) wit­tert die CSV Mor­gen­luft.

Kein Streit­ge­spräch soll­te es wer­den. Sach­lich woll­ten sie blei­ben, die Brü­der Car­lo (39) und Pier­rot Feie­rei­sen (49), die bei­de die Nach­fol­ge von LSAP-Bür­ger­meis­ter Ro­land Schrei­ner in Schiff­lin­gen an­tre­ten wol­len.

Ei­ne Freun­din, de­ren Va­ter 1999 bei der LSAP für die Gemeindewahlen kan­di­dier­te, hat­te Car­lo Feie­rei­sen da­mals mit zu ei­nem Wahl­treff der Par­tei ge­nom­men, wie er er­zählt. Dort knüpf­te er ers­te Kon­tak­te zu den So­zia­lis­ten, die ihn an­schlie­ßend ein­lu­den, bei ih­nen in der Ju­gend­sek­ti­on mit­zu­ma­chen.

Zur glei­chen Zeit be­gann auch Pier­rot Feie­rei­sen sich po­li­tisch zu en­ga­gie­ren. Er war schon vor­her beim christ­li­chen Ge­werk­schafts­bund LCGB ak­tiv ge­we­sen, 1999 kam er dann zur CSV. An­ders als sein fast zehn Jah­re jün­ge­rer Bru­der war er da­mals aber schon aus dem El­tern­haus aus­ge­zo­gen. Das Mit­tel­kind der Fa­mi­lie, die Schwes­ter Dia­ne, ist bei der Ge­mein­de Schiff­lin­gen im Be­reich der Öf­fent­lich­keits­ar­beit an­ge­stellt.

„Kei­ner von uns bei­den wuss­te da­mals vom po­li­ti­schen En­ga­ge­ment des an­de­ren. Bei uns zu Hau­se war Po­li­tik kein The­ma“, er­klärt Car­lo Feie­rei­sen. „Erst als der Ge­mein­de­rat 1999 zum ers­ten Mal tag­te und die Kom­mis­sio­nen zu­sam­men­ge­setzt wur­den, kam her­aus, dass wir bei­de bei un­ter­schied­li­chen Par­tei­en ak­tiv wa­ren.“

Für ihn sei es von An­fang an klar ge­we­sen, dass er sich in der LSAP zu Hau­se fühlt, be­tont Car­lo, der seit 2005 das Schöf­fen­amt in Schiff­lin­gen be­klei­det. Seit 2012 ist er Prä­si­dent der lo­ka­len LSAP-Sek­ti­on und in die­sem Jahr zum ers­ten Mal Spit­zen­kan­di­dat auf der LSAP-Lis­te für die Gemeindewahlen.

Auch Pier­rot Feie­rei­sen tritt zum ers­ten Mal als Spit­zen­kan­di­dat an. Seit zwölf Jah­ren ist er Prä­si­dent der Schiff­lin­ger CSVSek­ti­on. Bei den Wah­len 2005 und 2011 lan­de­te er je­des Mal weit hin­ter sei­nem jün­ge­ren Bru­der. 2011 er­hielt Pier­rot zwar nach Marc Spautz die zweit­meis­ten Stim­men auf der CSV-Lis­te, doch weil sein Bru­der Car­lo als Zweit­ge­wähl­ter auf der LSAPLis­te über 800 Stim­men mehr be­kom­men hat­te, muss­te Pier­rot wei­chen. So schreibt es das Wahl­ge­setz vor. Mit­glie­der des Ge­mein­de­rats dür­fen nicht di­rekt mit­ein­an­der ver­wandt sein. Im Zwei­fels­fall hat der Kan­di­dat mit den meis­ten Stim­men den Vor­tritt.

Tra­di­tio­nell ist die LSAP die stärks­te Par­tei in der ehe­ma­li­gen Ar­bei­ter­stadt Schiff­lin­gen. 2005

Ei­ne knap­pe Mehr­heit ist nicht gut, um ernst­haft zu ar­bei­ten. Wir brau­chen ei­ne star­ke Mann­schaft, die die Ge­mein­de führt. Das ist kein Thea­ter oder Ca­ba­ret hier. Car­lo Feie­rei­sen, Schöf­fe und LSAP-Spit­zen­kan­di­dat

Auf­grund mei­nes Wahl­re­sul­tats 2011 hat mich die Par­tei zum Spit­zen­kan­di­da­ten er­nannt Pier­rot Feie­rei­sen CSV-Spit­zen­kan­di­dat

konn­te sie mit Ro­land Schrei­ner die ab­so­lu­te Mehr­heit im Ge­mein­de­rat er­rei­chen. 2011 muss­te die LSAP zwar Fe­dern las­sen, er­hielt aber im­mer noch mehr als dop­pelt so vie­le Lis­ten­stim­men wie die CSV, die die So­zia­lis­ten vor sechs Jah­ren als Ju­ni­or­part­ner mit ins Boot hol­te.

Seit der lang­jäh­ri­ge Bür­ger­meis­ter Ro­land Schrei­ner Mit­te März die­ses Jah­res an­ge­kün­digt hat, dass er nicht mehr bei den Gemeindewahlen kan­di­die­ren wer­de, wit­tert die CSV Mor­gen­luft.

„Auf­grund mei­nes Wahl­re­sul­tats 2011 hat die Par­tei mich zum Spit­zen­kan­di­da­ten er­nannt“, sagt Pier­rot Feie­rei­sen. Mit dem Ex-Mi­nis­ter, Ab­ge­ord­ne­ten und CSV-Prä­si­den­ten Marc Spautz und dem ak­tu­el­len Schöf­fen Paul Wei­mers­kirch kann er auf pro­mi­nen­te Un­ter­stüt­zer zäh­len, auch wenn Spautz selbst kei­ne Am­bi­tio­nen auf ein lo­kal­po­li­ti­sches Man­dat hat, wie Pier­rot Feie­rei­sen be­stä­tigt. Als „star­kes Team“kämpft die CSV in Schiff­lin­gen vor al­lem um Lis­ten­stim­men.

Die LSAP hin­ge­gen muss am 8. Ok­to­ber nicht nur den Ab­schied von Ro­land Schrei­ner ver­kraf­ten. Auch der im Ju­li 2016 ver­stor­be­ne Ge­mein­de­rat Guy Fehr und Ray­mond Hopp, der 2011 den drit­ten Platz be­leg­te, feh­len. Doch Car­lo Feie­rei­sen gibt sich kämp­fe­risch: „Wir ha­ben ei­ne neue Mann­schaft, aber wir tre­ten si­cher­lich nicht an, um den an­de­ren das Feld zu über­las­sen.“

Auf Par­tei­e­be­ne kön­nen bei­de sich vor­stel­len, die ak­tu­el­le LSAP-CSV-Ko­ali­ti­on wei­ter­zu­füh­ren, auch wenn Car­lo Feie­rei­sen sich noch nicht de­fi­ni­tiv fest­le­gen will. „Schiff­lin­gen steht vor gro­ßen Her­aus­for­de­run­gen, des­halb ist es wich­tig, dass sich Leu­te zu­sam­men­fin­den, die gut mit­ein­an­der aus­kom­men und zu­sam­men­hal­ten: Ei­ne knap­pe Mehr­heit ist nicht gut, um ernst­haft zu ar­bei­ten. Wir brau­chen ei­ne star­ke Mann­schaft, die die Ge­mein­de führt. Das ist kein Thea­ter oder Ca­ba­ret hier“, sagt der 39-Jäh­ri­ge. Auch Pier­rot fin­det, dass die zwi­schen­mensch­li­chen Be­zie­hun­gen im Schöf­fen­rat stim­men müs­sen.

Doch ne­ben der „Che­mie“muss es be­kannt­lich auch pro­gram­ma­ti­sche Über­schnei­dun­gen ge­ben, da­mit ei­ne Ko­ali­ti­on funk­tio­nie­ren kann. So­bald es bei den Feie­rei­sens nicht mehr um Per­so­nen, son­dern um In­hal­te geht, hört der Spaß je­doch auf. Ins­be­son­de­re beim The­ma Ver­kehr wird aus ei­ner sach­li­chen Dis­kus­si­on schnell ein lei­den­schaft­li­ches Streit­ge­spräch un­ter Stock­schiff­lin­ger Brü­dern, dem Au­ßen­ste­hen­de bis­wei­len nur noch schwer fol­gen kön­nen. Ver­ges­sen ist die Ko­ali­ti­on, die LSAP und CSV in den ver­gan­ge­nen sechs Jah­ren in Schiff­lin­gen ver­eint hat. Wer das letz­te Wort hat, ge­winnt. Und bei den Feie­rei­sens kann es dau­ern, bis end­lich ei­ner nach­gibt.

„Sand in die Au­gen ge­streut“

Wäh­rend Car­lo Feie­rei­sen die Fra­ge nach der Neu­ge­stal­tung der In­dus­trie­bra­che Esch-Schiff­lin­gen als Chan­ce für die be­tei­lig­ten Ge­mein­den und ei­ne en­ge­re Zu­sam­men­ar­beit mit Esch/Al­zet­te be­trach­tet, for­dert Pier­rot Feie­rei­sen ei­ne bes­se­re Ver­kehrs­an­bin­dung für die Schiff­lin­ger Bür­ger. Die CSV ha­be be­reits 2010 dar­auf hin­ge­wie­sen, dass die Ge­mein­de ei­ne neue Ver­bin­dungs­stra­ße brau­che, die von der Cité Lees­bierg über die Bra­che di­rekt zur Au­to­bahn A4 führt, da­mit die rue du Mou­lin nicht mehr als Schleich­weg ge­nutzt wer­de, meint Pier­rot. Die­se Ver­bin­dungs­stra­ße sei für die CSV die Vor­aus­set­zung für die Schlie­ßung der drei Bahn­über­gän­ge.

Da­mit ist Car­lo Feie­rei­sen über­haupt nicht ein­ver­stan­den: „Es ist ein­fach falsch zu be­haup­ten, man kön­ne die drei Bahn­über­gän­ge of­fen las­sen, nach­dem wir die Un­ter­füh­rung ha­ben“, ent­rüs­tet sich der Ers­te Schöf­fe. Da­zu muss man wis­sen, dass ei­ne Un­terb­zw. Über­füh­rung nach dem Weg­fall der Bahn­schran­ken die ein­zi­ge Mög­lich­keit ist, die Glei­se zu über­que­ren, die die Ge­mein­de Schiff­lin­gen qua­si ent­zwei­en. „Der da­ma­li­ge In­fra­struk­tur­mi­nis­ter Wi­se­ler hat uns in An­we­sen­heit von Marc Spautz ge­sagt, dass Schiff­lin­gen kei­ne zwei­te Un­ter­füh­rung be­kom­men wird“, un­ter­streicht Car­lo Feie­rei­sen. Jetzt, nach­dem Ar­cel­orMit­tal sein Werk ge­schlos­sen hat, bö­ten sich ganz neue Mög­lich­kei­ten. Auch die LSAP set­ze sich nun für den Bau der Ver­bin­dungs­stra­ße ein, prä­zi­siert Car­lo.

„Aber ihr habt das erst nach der In­fo­ver­samm­lung im Hall po­ly­va­lent in eu­ren Wahl­fly­er auf­ge­nom­men, weil die Leu­te sich be­schwert ha­ben“, er­wi­dert Pier­rot.

„Ja, aber vor­her war es nicht mach­bar, weil das Stahl­werk noch in Be­trieb war. Jetzt ist die Si­tua­ti­on ei­ne an­de­re“, ent­geg­net Car­lo. Und wei­ter: „Ihr habt den Leu­ten nur Sand in die Au­gen ge­streut. Mit der LSAP wer­den die Bahn­schran­ken noch min­des­tens 15 Jah­re in Be­trieb blei­ben. So lan­ge wird es dau­ern, bis die In­dus­trie­bra­che ur­ba­ni­siert ist.“

„Auf den Zug auf­ge­sprun­gen“

Im Grun­de ge­nom­men woll­ten LSAP und CSV das Glei­che, er­klärt Pier­rot. „Wir re­den nur über den Zeit­punkt, wann die­se drei Bahn­schran­ken ge­schlos­sen wer­den. Wir plä­die­ren schon seit 2010 da­für und ihr seid jetzt zu Recht auf den Zug auf­ge­sprun­gen, das strei­te ich gar nicht ab...“, meint Pier­rot. „Nein, nein“, un­ter­bricht ihn Car­lo, „wir sind auf den Zug auf­ge­sprun­gen, aber wir ha­ben nie be­haup­tet, die drit­te Un­ter­füh­rung wer­de ge­baut, weil wir aus Ge­sprä­chen mit dem Mi­nis­te­ri­um und der Stra­ßen­bau­ver­wal­tung wuss­ten, dass sie die­se Un­ter­füh­rung nicht mit­tra­gen wür­den.“

Kein Streit­ge­spräch soll­te es wer­den. Und es wur­de doch eins. Ab die­sem Punkt konn­ten wir den bei­den Brü­dern erst ein­mal nicht mehr fol­gen, denn sie dis­ku­tier­ten nur noch un­ter sich, ver­wie­sen, um sich zu ori­en­tie­ren, auf ihr El­tern­haus, auf Or­te und Na­men, die ver­mut­lich nur Stock­schiff­lin­gern ein Be­griff sind. Jeg­li­cher Ver­such, das The­ma zu wech­seln, schei­ter­te vor­erst an der Un­ter­füh­rung.

Bis das Ge­spräch auf ein­mal wie­der sach­li­cher wur­de. „Die CSV for­dert ein Ge­samt­ent­wick­lungs­kon­zept“, sagt Pier­rot. Car­lo ver­weist auf den neu­en Flä­chen­nut­zungs­plan, der die Stadt­ent­wick­lung re­gelt. Bür­ger­par­ti­zi­pa­ti­on wol­len bei­de.

Schiff­lin­gen müs­se auch in die Sport­in­fra­struk­tur in­ves­tie­ren und brau­che mehr klei­ne Ge­schäf­te, da­mit die Bür­ger wie­der im Dorf­zen­trum ein­kau­fen kön­nen, sagt Car­lo. Das re­du­zie­re auch den in­ner­ört­li­chen Ver­kehr. Und mehr Schul­raum, we­gen des Wachs­tums. Auch in der So­zi­al­po­li­tik über­neh­me die Ge­mein­de Ver­ant­wor­tung.

Pier­rot stimmt ihm zu, doch be­män­gelt die Art und Wei­se, wie die Din­ge um­ge­setzt wer­den. Schiff­lin­gen brau­che ei­ne Be­le­bung der Ge­schäfts­welt, meint auch der CSV-Spit­zen­kan­di­dat. Ne­ben dem Ver­kehr of­fen­bar ein wei­te­res kon­tro­ver­ses The­ma in Schiff­lin­gen, denn es ent­fach­te ein wei­te­res Streit­ge­spräch, dies­mal über die „Mai­son Schou“, in dem die Aus­drü­cke „fünf vor zwölf“und „ich ver­ste­he die Welt nicht mehr“ei­ne wich­ti­ge Rol­le spie­len. Doch das wür­de jetzt de­fi­ni­tiv zu weit füh­ren.

Pier­rot Feie­rei­sen (CSV)

Car­lo Feie­rei­sen (LSAP)

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