Schulz hat den Kaf­fee auf

BUN­DES­TAG Der Spit­zen­kan­di­dat der SPD im Wahl­kamp­fend­spurt

Tageblatt (Luxembourg) - - Europa | Deutschland - Von un­se­rem Kor­re­spon­den­ten Wer­ner Kol­hoff, Braun­schweig

Am Sonn­tag in ei­ner Wo­che sind in Deutsch­land Bun­des­tags­wah­len. Der Wahl­kampf be­fin­det sich im End­spurt. Un­ser Kor­re­spon­dent Wer­ner Kol­hoff hat sich bei ei­nem Auf­tritt von Mar­tin Schulz in Braun­schweig um­ge­se­hen. Dort gif­tet der SPDKanz­ler­kan­di­dat ge­gen die Pres­se und for­dert ein neu­es Du­ell. Was die Ba­sis will, ist kei­ne neue gro­ße Ko­ali­ti­on. Ei­ne jun­ge Frau, die sich mit „Ich bin die Ka­trin vom Par­tei­vor­stand“vor­stellt, er­klärt den 20 frei­wil­li­gen Ord­nern, wie sie das Seil hal­ten müs­sen, da­mit es ein Spa­lier gibt. Ei­ne St­un­de spä­ter kommt Mar­tin Schulz hier­durch. Im Tri­umph­zug zieht der Mer­kelHer­aus­for­de­rer auf den Schloss­platz in Braun­schweig. Die Mu­sik spielt „Wie sehr wir leuch­ten“. Al­les ist wie im­mer auf der Schulz-Tour. Der Kan­di­dat lacht, er macht Sel­fies mit Sym­pa­thi­san­ten und klatscht Hän­de ab. Es ist der Tag, an dem be­kannt wird, dass die SPD in den Um­fra­gen auf 20 Pro­zent ab­ge­rutscht ist. Der Tief­punkt des bis­he­ri­gen Wahl­kamp­fes.

Hier ist das nicht zu spü­ren, zu­mal nach et­li­chen Schau­ern ge­nau zu Be­ginn der Ver­an­stal­tung die Son­ne raus­kommt. Al­ler­dings, nur rund 500 Zu­hö­rer, das ist nicht ge­ra­de viel. Ak­ti­vis­ten ver­tei­len „Jetzt ist Schulz“-Win­k­ele­men­te an sie. Wie die Stim­mung sei? „Ge­ra­de­zu eu­pho­risch“, sagt SPD-Ak­ti­vist Ke­vin Win­ter, 28, und meint das ernst. „Von den Um­fra­gen lässt sich kei­ner un­ter­krie­gen.“

Chris­tos Pan­ta­zis, Land­tags­ab­ge­ord­ne­ter und Un­ter­be­zirks­chef, sagt, er krie­ge die Wut, wenn er se­he, wie die SPD run­ter­ge­macht wer­de von der Pres­se. Kei­ne kri­ti­schen Fra­gen an Mer­kel, aber an den So­zi­al­de­mo­kra­ten wer­de per­ma­nent her­um­ge­mä­kelt. „Sor­ry, aber das ist Hof­be­richt­er­stat­tung“, fin­det der 41Jäh­ri­ge und fügt noch hin­zu: „Aber das schließt hier eher die Rei­hen.“Die letz­ten Ma­le hat die SPD den Wahl­kreis im­mer ge­won­nen.

Kamp­fes­lus­tig, aber auch ein biss­chen mü­de

Trotz, Wut und ei­ne ir­gend­wo her ge­nom­me­ne Zu­ver­sicht, das ist auch die Ton­la­ge des Kan­di­da­ten. Schulz hat in der Schluss­pha­se zwei neue The­men ge­fun­den, die er mit ei­nem bei­ßen­den Un­ter­ton vor­trägt. Das ei­ne ist das „so­ge­nann­te Du­ell“, wie er es nennt. Er for­dert die Kanz­le­rin auf, sich ei­ner zwei­ten Fern­seh­de­bat­te zu stel­len. „Zu Was­ser, zu Lan­de oder in der Luft – ich ste­he zur Ver­fü­gung.“Aber es sei ja klar, war­um sich Mer­kel ver­wei­ge­re. Sie wol­le nicht über die Zu­kunft der Ren­ten dis­ku­tie­ren, nicht über die von ihr ge­plan­te Ver­dopp­lung der Rüs­tungs­aus­ga­ben, nicht über die Lei­se­tre­te­rei ge­gen­über Trump. „Sie ist ei­ne Welt­meis­te­rin des Un­ge­fäh­ren.“

Der SPD-Vor­sit­zen­de wirkt kamp­fes­lus­tig, aber auch ein biss­chen mü­de. Je­den­falls ver­has­pelt er sich ein paar Mal, vi­el­leicht weil er die­se Re­de der­zeit zwei, drei Mal am Tag hal­ten muss. Ein­mal sagt er: „Ei­ner der 35 Jah­re aufs Amt geht …“und woll­te ei­gent­lich sa­gen, dass ei­ner, der 35 Jah­re ar­bei­tet, im Ren­ten­al­ter nicht auch noch auf staat­li­che Un­ter­stüt­zung an­ge­wie­sen sein soll. Ein ein­zi­ger Kra­kee­ler ver­sucht, sich Ge­hör zu ver­schaf­fen und Schulz wid­met ihm sei­nen Stan­dard-Spruch für sol­che Si­tua­tio­nen: „Ey Kol­le­ge, wenn Ar­gu­men­te Glücks­sa­che sind, dann hast du heu­te ei­ne Pech­sträh­ne.“Die Zu­hö­rer la­chen, der Mann wird von Po­li­zis­ten weg­ge­drängt.

Die zwei­te Atta­cke gilt der Pres­se. Wenn er mor­gens die Ar­ti­kel le­se, „da hab ich den Kaf­fee schon auf, be­vor ich ihn ge­trun­ken ha­be“, sagt Schulz. Da wer­de ge­schrie­ben, ei­ner, der nicht stu­diert ha­be, kön­ne nicht Kanz­ler wer­den. Oder, dass er den Charme ei­nes Bus­fah­rers ha­be. Die Ver­ach­tung, die aus sol­chen Sät­zen spre­che, sei schlimm, sagt Schulz nun sehr laut. „Ich will, dass wir in die­sem Land Re­spekt vor­ein­an­der ha­ben. Der Bus­fah­rer hat den glei­chen Re­spekt ver­dient wie je­der an­de­re.“

Scott („Beam me up Scot­ty“) Gla­sen­app ge­fällt das. Der 26Jäh­ri­ge in VW-Ja­cke ar­bei­tet bei ei­ner Lo­gis­tik­fir­ma in Braun­schweig als Last­wa­gen­fah­rer. SPD-Mit­glied ist er nicht. „Der Schulz ist für die klei­nen Leu­te“, sagt er. „Der haut die wirk­li­chen Pro­ble­me auf den Tisch.“Nur ei­ne gro­ße Ko­ali­ti­on dür­fe die SPD nach der Wahl nicht ma­chen, „das wä­re doch das Glei­che wie jetzt auch“. Mit die­ser An­sicht ist Gla­sen­app nicht al­lein. Ei­gent­lich sagt das hier je­der, den man da­nach fragt. „Kanz­ler oder Op­po­si­ti­on“, meint auch Braun­schweigs SPD-Chef Pan­ta­zis.

„In der Gro­ko ma­chen wir doch nur

wie­der die Ar­beit und kön­nen da­von nicht pro­fi­tie­ren“. Mar­tin Schulz geht auf mög­li­che Ko­ali­tio­nen mit kei­nem Wort ein. Er trägt wie der­zeit über­all auch in Braun­schweig die vier Punk­te vor, „die für mich nicht ver­han­del­bar sind“: Ge­rech­te Löh­ne, bes­se­re Schu­len, si­che­re Ren­ten so­wie mehr Zu­sam­men­halt in Eu­ro­pa. „Es gibt ei­ne Al­ter­na­ti­ve. Sie ha­ben die Wahl“, ruft er am En­de aus.

Ey Kol­le­ge, wenn Ar­gu­men­te Glücks­sa­che sind, dann hast du heu­te ei­ne Pech­sträh­ne Als Schulz von ei­nem Zwi­schen­ru­fer ge­stört wird, bringt er den Spruch, den er in sol­chen Si­tua­tio­nen im­mer bringt

„Es gibt ei­ne Al­ter­na­ti­ve. Sie ha­ben die Wahl“: Mar­tin Schulz kämpft auch in Pots­dam wei­ter um die Kanz­ler­schaft

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