Das TNL und die Ethik

Tageblatt (Luxembourg) - - Kultur | Theater -

In sei­ner Er­öff­nungs­re­de stellt Frank Hoff­mann, der In­ten­dant des TNL, fest, dass die Sa­ti­re, die ja von der Über­trei­bung lebt, mitt­ler­wei­le von der Rea­li­tät über­holt wur­de. Folg­lich ris­kiert sie, rein mime­tisch ei­ne be­reits gro­tes­ke Rea­li­tät zu ko­pie­ren. Dies, so Hoff­mann, be­deu­tet nicht, dass sich das Thea­ter aus­schließ­lich mit erns­ten The­men aus­ein­an­der­set­zen soll­te, son­dern dass es wie­der, wie Schil­ler es be­reits aus­drück­te, ei­ne „mo­ra­li­sche An­stalt“wer­den muss – in­dem es z.B. die Rol­le des An­de­ren und die Funk­ti­on des Künst­lers hin­ter­fragt und the­ma­ti­siert.

Wer letz­tes Jahr Ju­li­an Sands Per­for­mance als ei­nes der High­lights der Sai­son emp­fand, kann sich die­ses Jahr über sein Come­back freu­en. Dies­mal wird er kei­ne Tex­te vom Dra­ma­tur­gen Ha­rold Pin­ter vor­tra­gen, son­dern ei­nen Text von Ste­phen Wyatt, in dem ein Sha­ke­speare-Schau­spie­ler in West­afri­ka tourt, in­sze­nie­ren – und vor­her ein kur­zes Stück prä­sen­tie­ren, in dem er sein Ta­lent zur Schau stel­len wird. Sha­ke­speare ist aber, wie wir gleich se­hen wer­den, bei­lei­be nicht der ein­zi­ge klas­si­sche Au­tor, den man in die­ser Sai­son im TNL (wie­der-)ent­de­cken kann. Wie auch ver­gan­ge­ne Sai­son trumpft das TNL wie­der mit Mehr­spra­chig­keit und bie­tet Stü­cke auf Fran­zö­sisch, Deutsch, Eng­lisch und Por­tu­gie­sisch an.

Die dies­jäh­ri­ge Re­si­denz geht an Da­ni­el Du­mont, der in Ber­lin lebt und im TNL sei­ne „Split­ter­ge­sich­te“in­sze­nie­ren wird, ei­ne Tra­gö­die, die da­mit be­ginnt, dass Re­na­te Sten­gel­mann zur Spit­zen­kan­di­da­tin der an­ste­hen­den Par­la­ments­wah­len wird, wes­we­gen ihr Ehe­mann nicht mehr auf ei­nen Mi­nis­ter­pos­ten hof­fen kann und kurz dar­auf von der Ober­flä­che ver­schwin­det. Wei­te­re deut­sche Vor­stel­lun­gen be­inhal­ten Ad­ap­tie­run­gen von Dos­to­je­w­skis No­vel­le „Auf­zeich­nun­gen aus dem Un­ter­grund“und von Büch­ners No­vel­le „Lenz“eben­so wie ei­ne Ins­ze­nie­rung von St­rind­bergs „Rausch“, ei­nem wah­ren Kri­mi­nal­fall, in dem sich Künst­ler Mau­rice den Tod sei­nes Kin­des wünscht – und die­ser aus Frust for­mu­lier­te „Wunsch“am Fol­ge­tag in Er­fül­lung geht.

Das fran­zö­sisch­spra­chi­ge Pro­gramm wird ab­ge­deckt von Guy Re­we­nigs Sa­ti­re „Com­ment blan­chir les bêtes noi­res sans les fai­re rou­gir“, in der der Afri­ka­ner Mwayé von sei­nen In­te­gra­ti­ons­ver­su­chen in Lu­xem­burg re­det, „Le Na­vi­re Night“(mit Fan­ny Ar­dant und nach ei­nem Film von Mar­gue­ri­te Du­ras) und Vi­ans le­gen­dä­rem „L’écu­me des jours“, das von Tom Dock­al in­sze­niert wird. So­phie Lan­ge­vin wird in Ma­rivaux’„La Dis­pu­te“der Fra­ge nach­ge­hen, wer eher be­trügt – Män­ner oder Frau­en? Und in An­ne Si­mons „Stran­gers“dient „L’in­ven­ti­on de Mo­rel“ei­ner Aus­ein­an­der­set­zung mit Er­in­ne­rungs- und Rea­li­täts­schlei­fen – ein brand­ak­tu­el­les The­ma in Zei­ten der Vir­tua­li­sie­rung un­se­rer Exis­ten­zen.

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