Ita­lie­ni­sche Wer­te für Mos­lems

UM­FRA­GE In­nen­mi­nis­ter Min­niti will ei­ne „qua­li­fi­zier­te­re As­si­mi­la­ti­on“von Ein­wan­de­rern

Tageblatt (Luxembourg) - - Italien - Von un­se­rem Kor­re­spon­den­ten Wolf H. Wa­gner, Flo­renz

Rund ei­ne Mil­li­on Mos­lems le­ben der­zeit in Ita­li­en. Nach An­sicht des In­nen­mi­nis­ters Mar­co Min­niti müs­sen sie sich as­si­mi­lie­ren und ita­lie­ni­sche Wer­te an­neh­men. Da­zu ge­hö­re Bil­dung für

Frau­en, die Mög­lich­keit, An­ders­gläu­bi­ge zu lie­ben so­wie Au­to zu fah­ren. Ita­li­en trägt seit Jah­ren im­mer wie­der die Haupt­last der Flücht­lings­wel­le aus Nah­ost und Nord­afri­ka. In­zwi­schen ge­hö­ren so­wohl ver­schlei­er­te Frau­en als auch vie­le Far­bi­ge zum nor­ma­len Stra­ßen­bild ita­lie­ni­scher Städ­te. Wer die Auf­ent­halts- und Ar­beits­er­laub­nis er­hal­ten hat, sucht sich ei­ne Woh­nung. Wenn­gleich schon in den preis­wer­te­ren Stadt­tei­len, so doch nicht in Ghet­tos.

Von au­ßen her be­trach­tet sieht so ein ganz nor­ma­les, von In­te­gra­ti­on ge­präg­tes Zu­sam­men­le­ben aus. Dies ent­spricht auch den Vor­stel­lun­gen des ita­lie­ni­schen In­nen­mi­nis­ters Mar­co Min­niti. In ei­nem Ver­trag mit den is­la­mi­schen Glau­bens­ver­bän­den hat­te der Mi­nis­ter An­fang des Jah­res Ver­ein­ba­run­gen über ein fried­li­ches Zu­sam­men­le­ben ge­trof­fen. Da­zu ge­hört die freie Glau­bens­aus­füh­rung, je­doch auch ei­ne Trans­pa­renz in den re­li­giö­sen Ein­rich­tun­gen, ei­ne Of­fen­le­gung der Fi­nan­zie­run­gen, Öff­nung für al­le, Pre­dig­ten in Ita­lie­nisch.

Ein Drit­tel nicht zur In­te­gra­ti­on be­reit

Ei­ne Um­fra­ge ei­nes Mei­nungs­for­schungs­in­sti­tuts zeich­net aber ein be­denk­li­ches Bild. Auf die Fra­ge, ob sie sich in Ita­li­en in­te­griert füh­len, ge­ben 65 Pro­zent der Ein­wan­de­rer an, in­te­griert zu sein oder es in Zu­kunft zu wol­len. 31 Pro­zent sind je­doch der Auf­fas­sung, hier le­ben zu kön­nen, oh­ne sich an­pas­sen zu müs­sen. Be­son­ders hoch ist die­ser An­teil un­ter den Al­ten, 70 Pro­zent wol­len in ih­rer Kul­tur wei­ter­le­ben.

Je­der vier­te be­frag­te Mos­lem er­klär­te, er kön­ne die „Be­weg­grün­de der Ter­ro­ris­ten ver­ste­hen“. Dies be­un­ru­higt Mi­nis­ter Min­niti nicht: „Zu Zei­ten der Ro­ten Bri­ga­den ha­ben auch vie­le Lin­ke die BR-At­ten­tä­ter als 'fehl­ge­lei­te­te Ge­nos­sen' an­ge­se­hen.“

Die Ant­wor­ten auf die­se Fra­gen hän­gen auch mit dem Wohl­be­fin­den der Be­frag­ten zu­sam­men. Zwei Drit­tel füh­len sich in Ita­li­en gut auf­ge­ho­ben, mehr als die Hälf­te ge­ben an, nach drei Jah­ren Auf­ent­halt ita­lie­ni­sche Freun­de ge­fun­den zu ha­ben. Vor al­lem in den Süd­re­gio­nen ist die Zu­stim­mung groß.

Den­noch brin­gen die Ein­wan­de­rer vie­le ih­rer Ge­pflo­gen­hei­ten oder An­sich­ten mit. So er­klä­ren 32 Pro­zent der Be­frag­ten, mos­le­mi­sche Frau­en brauch­ten nicht zu ar­bei­ten oder ei­ne Aus­bil­dung zu ge­nie­ßen, weil sie sich um das Wohl der Kin­der und des Man­nes zu küm­mern hät­ten. Vier von zehn spra­chen sich so­gar strikt ge­gen ei­ne hö­he­re Bil­dung aus. Das Le­ben sol­le sich in­ner­halb der mus­li­mi­schen Ge­mein­de ab­spie­len. 51 Pro­zent sind ge­gen ei­ne Ehe mit An­ders­re­li­giö­sen, 57 Pro­zent spre­chen da­ge­gen aus, dass die Töch­ter ei­ne abend­li­che Dis­ko­thek oder an­de­re Ver­an­stal­tun­gen be­su­chen, 46 Pro­zent ver­bie­ten den Kin­dern ei­gen­stän­di­gen Ur­laub mit Freun­den. Und je­der vier­te Be­frag­te ist oh­ne­hin der Auf­fas­sung, Frau­en soll­ten kein Au­to fah­ren. Mo­der­ner den­ken da­bei je­doch die Jun­gen: Fast die Hälf­te spricht sich ge­gen das Schlei­er­ge­bot aus, zwei Drit­tel plä­die­ren für höchst mög­li­che Bil­dung. Das ent­spricht Er­fah­run­gen, wie sie be­reits vor Jahr­zehn­ten mit der In­te­gra­ti­on tür­ki­scher Fa­mi­li­en in Deutsch­land ge­macht wur­den.

Maß­nah­men er­for­der­lich

Mi­nis­ter Min­niti nann­te die von der kon­ser­va­ti­ven Ta­ges­zei­tung La Na­zio­ne in Auf­trag ge­ge­be­ne Stu­die „in­ter­es­sant und auf­schluss­reich“. Man wer­de, so der Mi­nis­ter, die Da­ten auf­merk­sam stu­die­ren und ent­spre­chen­de Schluss­fol­ge­run­gen dar­aus zie­hen. Die Auf­ga­be sei es, ei­ne „qua­li­fi­zier­te­re As­si­mi­la­ti­on“in die We­ge zu lei­ten, in der die kul­tu­rel­len Wer­te Ita­li­ens ver­mit­telt wür­den.

Aus­gren­zung sei kei­ne Op­ti­on, da dies ei­ner­seits zu ei­ner noch stär­ke­ren Iso­la­ti­on der mus­li­mi­schen Ge­mein­schaf­ten, an­de­rer­seits zu mehr Un­si­cher­heit und Angst in der ein­hei­mi­schen Be­völ­ke­rung füh­re. Dies je­doch die­ne nur ex­tre­mis­ti­schen po­li­ti­schen An­sich­ten, die eben­falls nicht mit der Kul­tur des Lan­des über­ein­stimm­ten.

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