Show­down am Tag des Re­fe­ren­dums

SPA­NI­EN Ka­ta­lo­ni­en sucht die Kon­fron­ta­ti­on

Tageblatt (Luxembourg) - - Katalonien - Von un­se­rem Kor­re­spon­den­ten Ralph Schul­ze, Ma­drid

Feld­la­ger im Ha­fen Bar­ce­lo­nas. Mehr als 100 Mann­schafts­wa­gen der spa­ni­schen Na­tio­nal­po­li­zei und der pa­ra­mi­li­tä­ri­schen Guar­dia Ci­vil par­ken vor meh­re­ren Kreuz­fahrt­schif­fen, die an der Mo­le lie­gen.

Die Oze­an­rie­sen, die nor­ma­ler­wei­se Ur­lau­ber übers Mit­tel­meer trans­por­tie­ren, die­nen der­zeit als schwim­men­de Ka­ser­nen. Hier schla­fen vie­le der rund 10.000 Po­li­zis­ten, die von der spa­ni­schen Re­gie­rung zur Ver­stär­kung in die re­bel­li­sche spa­ni­sche Re­gi­on Ka­ta­lo­ni­en ge­schickt wur­den. Das Po­li­zis­ten­heer soll da­für sor­gen, dass ein ein­sei­ti­ges Un­ab­hän­gig­keits­re­fe­ren­dum am 1. Ok­to­ber nicht statt­fin­den kann.

Da­bei dürf­ten die Be­am­ten am Wahl­sonn­tag, wenn sie aus­schwär­men, um Wahl­lo­ka­le zu schlie­ßen, auf hef­ti­ge Pro­tes­te sto­ßen: Zehn­tau­sen­de frei­wil­li­ge Wahl­hel­fer der se­pa­ra­tis­ti­schen Bür­ger­platt­form As­sem­blea Na­cio­nal Ca­ta­la­na (ANC), der Ka­ta­la­ni­schen Na­tio­nal­ver­samm­lung, wol­len sich den Be­am­ten ent­ge­gen­stel­len und die Wahl­ur­nen ver­tei­di­gen: „Mit fried­li­chem Wi­der­stand, null Ge­walt und ma­xi­ma­ler Kühn­heit“, wie es in ei­nem ANC-Auf­ruf heißt.

An Tau­sen­den Bal­ko­nen und Fens­tern in der Re­gio­nal­haupt­stadt Bar­ce­lo­na hän­gen die rot­gel­ben ka­ta­la­ni­schen Flag­gen, meist auch noch mit dem mar­kan­ten Stern der Un­ab­hän­gig­keits­be­we­gung ver­ziert. Da­ne­ben we­hen Tü­cher, auf de­nen in ei­nem gro­ßen wei­ßen Kreis das ein­deu­ti­ge schwarz­ge­druck­te Wort „Sí“prangt. An un­zäh­li­gen Haus­fas­sa­den, Bus­hal­te­stel­len und La­ter­nen­pfäh­le kle­ben Flug­blät­ter mit dem Text „Vo­tem per ser lli­u­res“(Wir wäh­len, um frei zu sein) oder „De­mo­cràcia“(De­mo­kra­tie). Kla­re Bot­schaf­ten für die Un­ab­hän­gig­keit.

Die Geg­ner der Ab­spal­tung sind der­weil kaum sicht­bar: Aus Angst vor Re­pres­sa­li­en trau­en sich nur we­ni­ge, ei­ne spa­ni­sche Fah­ne aus dem Fens­ter zu hän­gen. Ob­wohl den Um­fra­gen zu­fol­ge die Be­völ­ke­rung in der Fra­ge der Un­ab­hän­gig­keit ge­spal­ten ist.

Bis­her war es vor al­lem ei­ne Pro­pa­gan­da­schlacht, die sich bei­de Sei­ten lie­fer­ten. Doch die po­li­zei­li­chen Auf­rüs­tung und stei­gen­de Span­nun­gen auf den Stra­ßen las­sen die Sor­ge wach­sen, dass es am Wahl­sonn­tag auch zu Kra­wal­len kom­men könn­te. Es wird be­fürch­tet, dass mi­li­tan­te Grup­pen aus ganz Spa­ni­en und dem Aus­land nach Bar­ce­lo­na un­ter­wegs sein könn­ten.

Vor­be­rei­tun­gen lau­fen auf Hoch­tou­ren

Die Volks­ab­stim­mung war im Sep­tem­ber vom ka­ta­la­ni­schen Par­la­ment in Bar­ce­lo­na be­schlos­sen, aber vom spa­ni­schen Ver­fas­sungs­ge­richt auf An­trag der Zen­tral­re­gie­rung in Ma­drid sus­pen­diert wor­den. Ei­ne Ab­spal­tung vom Kö­nig­reich Spa­ni­en ist in der „Con­sti­tu­ción“, der spa­ni­schen Ver­fas­sung, nicht vor­ge­se­hen. Spa­ni­ens kon­ser­va­ti­ver Re­gie­rungs­chef Ma­ria­no Ra­joy kün­dig­te an, mit der Här­te des Ge­set­zes zu re­agie­ren: „Ich wer­de al­les Not­wen­di­ge un­ter­neh­men, um die­ses Re­fe­ren­dum zu ver­hin­dern.“

Doch die Vor­be­rei­tun­gen lau­fen auch kurz vor dem Ab­stim­mungs­tag wei­ter: Mit­ten im Stadt­zen­trum Bar­ce­lo­nas, der Re­gio­nal­haupt­stadt Ka­ta­lo­ni­ens, ver­tei­len seit Ta­gen jun­ge Un­ab­hän­gig­keits­ak­ti­vis­ten wei­ße Wahl­zet­tel, auf de­nen in Ka­ta­la­nisch und Spa­nisch die Ab­stim­mungs­fra­ge steht: „Wol­len Sie, dass Ka­ta­lo­ni­en ein un­ab­hän­gi­ger Staat in Form ei­ner Re­pu­blik wird?“Dar­un­ter zwei Käst­chen, die an­ge­kreuzt wer­den kön­nen. Sí oder No.

„Ich wer­de mit Ja stim­men, weil es hier um die Zu­kunft un­se­rer Kin­der geht“, sagt ein äl­te­rer, grau­haa­ri­ger Herr mit Ja­ckett. Spa­ni­en ha­be Ka­ta­lo­ni­en, das schon län­ger um mehr Au­to­no­mie bit­te, nur mit Ab­sa­gen und Ver­bo­ten ge­ant­wor­tet. „Jetzt reicht es. Wir glau­ben, dass es uns mit ei­nem ei­ge­nen Staat bes­ser ge­hen wird.“Der Rent­ner, der gleich vier Wahl­zet­tel „für die Fa­mi­lie“mit­nimmt, passt über­haupt nicht in das Bild ei­nes Ra­di­ka­len, so wie es der spa­ni­sche Mi­nis­ter­prä­si­dent Ra­joy von den Se­pa­ra­tis­ten zeich­net: „Ka­ta­lo­ni­en“, be­haup­tet Ra­joy, „ist in der Hand von Ex­tre­mis­ten.“

Der Wil­le, am Sonn­tag ab­zu­stim­men, ist ganz of­fen­bar groß in der Be­völ­ke­rung: In ei­ner Schlan­ge war­ten die Men­schen brav, um je­nen Stimm­zet­tel zu be­kom­men, den es of­fi­zi­ell nicht ge­ben darf. Wo­her die Pa­pie­re stam­men? Ei­ner der Ak­ti­vis­ten, auf des­sen T-Shirt in gro­ßen Let­tern das Wort „In­de­pen­dèn­cia“(Un­ab­hän­gig­keit) steht, grinst nur und zuckt mit den Schul­tern. Auch im In­ter­net kur­sie­ren die­se Stimm­do­ku­men­te – zum Aus­dru­cken am Heim­com­pu­ter.

Die Ab­stim­mungs­be­für­wor­ter ha­ben auf dem Ge­län­de der Uni­ver­si­tät Bar­ce­lo­nas, nicht weit vom be­kann­ten Treff­punkt Pla­ça de Ca­ta­lun­ya und der Fla­nier­mei­le La Ram­bla ent­fernt, ei­nen In­fo­stand auf­ge­baut. Pla­ka­te mit der Auf­schrift „Sí a la re­púb­li­ca“ (Ja zur Re­pu­blik)“de­ko­rie­ren ih­ren Tisch. Mit ei­nem klei­nen Kar­ton auf dem „Caixa de re­sis­tèn­cia“(Wi­der­stands­kas­se) steht, wird um Spen­den ge­be­ten. Ob­wohl die Po­li­zei jeg­li­che Wahl­kam­pa­gne un­ter­bin­den soll, tauch­ten die Si­cher­heits­kräf­te hier nicht auf.

An­dern­orts ist die Po­li­zei ak­ti­ver: Et­li­che Dru­cke­rei­en wur­den in Ka­ta­lo­ni­en durch­sucht; mehr als 100 In­ter­net­sei­ten, die für das Re­fe­ren­dum war­ben, wur­den blo­ckiert. 14 ka­ta­la­ni­sche Spit­zen­be­am­te der Re­gio­nal­re­gie­rung, die das il­le­ga­le Ple­bis­zit vor­be­rei­tet ha­ben sol­len, ka­men vor­über­ge­hend in Ge­wahr­sam und müs­sen dem­nächst mit An­kla­ge rech­nen.

In vie­len Ge­mein­den wird nicht ge­wählt

Auch ge­gen den ka­ta­la­ni­schen Mi­nis­ter­prä­si­den­ten Carles Pu­ig­de­mont sind Er­mitt­lun­gen we­gen Rechts­beu­gung und Un­ge­hor­sam im Gan­ge. Ton­nen­wei­se be­schlag­nahm­te die Po­li­zei Wahl­ma­te­ri­al. Ge­ra­de erst wur­den im Hin­ter­land Bar­ce­lo­nas, in der Kle­in­stadt Igua­la­da, in ei­ner La­ger­hal­le 2,5 Mil­lio­nen Wahl­zet­tel und 100 Stim­mur­nen kon­fis­ziert. Im Dorf Bi­gues i Ri­ells kas­sier­ten die Be­am­ten in ei­nem Ver­steck gleich 9,8 Mil­lio­nen Stimm­zet­tel ein.

Doch je­de Be­schlag­nah­me­ak­ti­on wird von hef­ti­gen Pro­tes­ten be­glei­tet. „Vo­ta­rem“(Wir wer­den ab­stim­men), ru­fen die Men­schen mit ge­ball­ten Fäus­ten. In Igua­la­da flog we­nig spä­ter ein Mo­lo­tow-Cock­tail ge­gen die Ka­ser­ne der am Ein­satz be­tei­lig­ten Guar­dia Ci­vil, ei­ner pa­ra­mi­li­tä­ri­schen Po­li­zei­ein­heit der Zen­tral­re­gie­rung, die in Ka­ta­lo­ni­en be­son­ders un­be­liebt ist. „Haut ab, Be­sat­zungs­kräf­te“, schallt den GCBe­am­ten ent­ge­gen, die man­cher­orts von der ka­ta­la­ni­schen Re­gio­nal­po­li­zei, den Mos­sos d’Es­qua­dra, vor dem wü­ten­den Volk ge­schützt wer­den müs­sen.

Ein Vor­ge­schmack auf das, was an die­sem Sonn­tag blüht. Tau­sen­de Wahl­lo­ka­le will Ka­ta­lo­ni­ens Re­gie­rungs­chef Carles Pu­ig­de­mont in sei­ner ab­trün­ni­gen Re­gi­on öff­nen. Vor al­lem in öf­fent­li­chen Schu­len und Ge­sund­heits­zen­tren, die der ka­ta­la­ni­schen Ver­wal­tung un­ter­ste­hen. Ka­ta­lo­ni­ens In­nen­mi­nis­ter Jo­aquim Forn gab in­zwi­schen zu, „dass man nicht über­all wäh­len kön­nen wird“. Und er for­der­te die Ka­ta­la­nen auf, „auf die Stra­ße zu ge­hen“, wenn man sie nicht ab­stim­men las­se.

Noch aus ei­nem an­de­ren Grund wer­den nicht über­all die Wahl­lo­ka­le öff­nen: Nur et­wa 700 der ins­ge­samt 947 ka­ta­la­ni­schen Ge­mein­den wer­den von Sym­pa­thi­san­ten der in der Re­gi­on re­gie­ren­den Un­ab­hän­gig­keits­front Junts pel Sí (Ge­mein­sam für das Ja) re­giert. In den an­de­ren ha­ben zum Bei­spiel die So­zia­lis­ten die Macht, die das ein­sei­ti­ge Re­fe­ren­dum nicht un­ter­stüt­zen und kei­ne Wahl­lo­ka­le be­reit­stel­len wol­len. Die spa­ni­en­treu­en Bür­ger­meis­ter se­hen sich An­fein­dun­gen aus­ge­setzt und wer­den auf Pla­ka­ten und Kund­ge­bun­gen vor ih­ren Rat­häu­sern als „Fein­de des Vol­kes“ge­brand­markt.

„Die Tem­pe­ra­tur steigt“, warn­te Spa­ni­ens Jus­tiz­mi­nis­ter Ra­fa­el Ca­ta­lá an­ge­sichts der bro­deln­den Stim­mung in Ka­ta­lo­ni­en, die auch vor den Kir­chen nicht halt­macht. Rund 400 ka­tho­li­sche Pfar­rer der Re­gi­on un­ter­stütz­ten in ei­nem of­fe­nen Brief das Un­ab­hän­gig­keits­re­fe­ren­dum und ba­ten die spa­ni­sche Re­gie­rung, „dass das le­gi­ti­me Stre­ben des ka­ta­la­ni­schen Vol­kes er­hört wer­de“.

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