Po­len kämpft um den Sonn­tag

PAR­LA­MENT Auf­re­gung we­gen Ver­kaufs­ver­bot

Tageblatt (Luxembourg) - - Polen - Von un­se­rem Kor­re­spon­den­ten Jens Mat­tern, Warschau

In Po­lens Par­la­ment ist es ges­tern zu tu­mult­ar­ti­gen Sze­nen ge­kom­men. Aus­lö­ser ist die Ent­schei­dung der Re­gie­rung, nur noch zwei ver­kaufs­of­fe­ne Sonn­ta­ge im Mo­nat zu­zu­las­sen. In der Be­völ­ke­rung ist der Sonn­tags­ein­kauf sehr be­liebt und auch wirt­schaft­lich wich­tig. Die na­tio­nal­kon­ser­va­ti­ve Re­gie­rung in Po­len hat ei­ne Ent­schei­dung ge­trof­fen, die sie bei ih­ren Wäh­lern ei­ni­ges an Sym­pa­thie kos­ten kann. Der ver­kaufs­of­fe­ne Sonn­tag wird teil­wei­se ab­ge­schafft.

Der Aus­schuss für den Ar­beits­markt des Par­la­ments Se­jm hat die­se Wo­che be­schlos­sen, ab Ja­nu­ar den ver­kaufs­of­fe­nen Sonn­tag nur zwei­mal im Mo­nat zu­zu­las­sen. Da­mit lös­te die re­gie­ren­de Recht und Ge­rech­tig­keit (PiS) ein Wahl­ver­spre­chen ge­gen­über dem Kle­rus und der Ge­werk­schaft So­li­dar­nosc ein – zum Teil je­den­falls.

Die Ent­schei­dung führ­te zu Auf­re­gung. „Die PiS will uns das Ein­kau­fen am Sonn­tag ver­bie­ten“, schreibt die auf­la­gen­star­ke Bou­le­vard­zei­tung Fakt über die Re­gie­rungs­par­tei. Denn in Po­len, wo über 90 Pro­zent der Be­völ­ke­rung der ka­tho­li­schen Kir­che an­ge­hö­ren, hat sich durch ei­ne Li­be­ra­li­sie­rung der Wirt­schaft nach der Wen­de ei­ne neue Sonn­tags­tra­di­ti­on eta­bliert – der Auf­ent­halt in Kul­tur­tem­peln, oft nach dem Kirch­gang.

In rie­si­gen Ver­brau­cher­märk­ten und Ein­kaufs­zen­tren wu­selt es nur so am sieb­ten Ta­ge, an dem der Herr ge­ruht hat und man es ihm ei­gent­lich nach­tun soll­te. Vor al­lem Fa­mi­li­en ver­brin­gen dort ih­re Zeit, es gibt Piz­za­stän­de so­wie das Ki­no­an­ge­bot. Die we­ni­ger Kauf­kräf­ti­gen schau­en sich das al­les eben nur an.

Zu­dem ar­bei­tet die Mit­tel­schicht oft sehr lan­ge, da blei­be nur der Sonn­tag für den gro­ßen Ein­kauf, so Stim­men aus Be­fra­gun­gen der pol­ni­schen Me­di­en. Nach Um­fra­gen sind 85 Pro­zent der Po­len Ge­wohn­heits­ein­käu­fer am Sonn­tag, 59 Pro­zent spre­chen sich ge­gen Ein­schrän­kun­gen an die­sem Tag aus, die auch die Be­stel­lun­gen im In­ter­net be­tref­fen. Nach Be­rech­nung des Pol­ni­schen Ra­tes für Han­dels­zen­tren wür­den 36.000 Men­schen ih­re Ar­beit bei ei­nem teil­wei­sen Ver­kaufs­ver­bot ver­lie­ren. „Kon­sum ist der Haupt­mo­tor des Wachs­tums“, so die Vor­sit­zen­de der Un­ter­neh­mer­ver­tre­tung Le­viatan, Hen­ry­ka Boch­ni­arz.

Im Se­jm kam es ges­tern zu tu­mult­ar­ti­gen Sze­nen um den Sta­tus des Sonn­tags. Der li­be­ra­le Ab­ge­ord­ne­te Rys­zard Pe­tru ar­gu­men­tier­te, dass die Su­per­märk­te im Süd­os­ten Po­lens 50 Pro­zent ih­res Um­sat­zes mit Sonn­tags­ein­käu­fen der Ukrai­ner ma­chen. Da­bei woll­te er das Red­ner­pult trotz Über­schrei­tung der Re­de­zeit nicht ver­las­sen.

Auf der an­de­ren Sei­te geht vie­len die Ein­schrän­kung nicht weit ge­nug. Der Spre­cher der So­li­dar­nosc, Marek Le­wan­dow­ski, er­in­ner­te die PiS an ihr Wahl­ver­spre­chen, nach­dem es al­le Sonn­ta­ge sein soll­ten. So hält es auch die Kir­che. Der Erz­bi­schof von Warschau, Ka­zi­mierz Nycz, hält am Han­dels­ver­bot al­ler Sonn­ta­ge fest und wirft den Geg­nern „Dem­ago­gie“vor.

Durch Mehr­hei­ten in Se­jm und Se­nat sind die Ein­schrän­kun­gen be­schlos­se­ne Sa­che. Auch der der Kir­che na­he­ste­hen­de Prä­si­dent An­drzej Du­da wird un­ter­schrei­ben.

Doch wäh­rend die Ein­grif­fe in das Jus­tiz­sys­tem, für die Po­len auf eu­ro­päi­scher Ebe­ne kri­ti­siert wird, für vie­le Bür­ger eher ei­nen abs­trak­ten Cha­rak­ter ha­ben, wird das Aus­blei­ben der ge­lieb­ten Sonn­tags­be­schäf­ti­gung deut­li­cher spür­bar sein. Hin­zu kommt, dass die PiS ei­nen wei­te­ren Zeit­ver­treib ein­schrän­ken will – der Al­ko­hol­kon­sum in der Öf­fent­lich­keit soll ein­ge­schränkt wer­den.

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