Ge­wagt, in­no­va­tiv ... und seicht

KLANG­WEL­TEN Von me­lo­di­schem Hard­core über Punk und Pop bis hin zur Klas­sik

Tageblatt (Luxembourg) - - Musik -

Post-Hard­core-Punch­li­nes

Die Leu­te im­mer so „Boah!“, und ich im­mer so „Meh!“: Ob­wohl ich

Coun­ter­parts’ Ak­tua­li­tät seit Jah­ren ver­fol­ge, hat es bei mir nie ge­klickt. Jetzt ist You’re Not You

Any­mo­re da, und jetzt ha­ben sie mich. Des­halb ge­he ich die­se Re­zen­si­on et­was an­ders an, oh­ne Rück­sicht auf jeg­li­che Dis­ko­gra­fie, und kon­zen­trie­re mich aus­schließ­lich auf ihr ak­tu­el­les Werk.

Coun­ter­parts’ me­lo­di­scher Hard­core (sprich: me­lo­di­sche Gi­tar­ren, der Ge­sang tut dies nur an­satz­wei­se) lehnt sich an Gen­re­grö­ßen wie Poi­son The Well, Shai Hu­lud und Mi­se­ry Si­gnals. Da­bei sind sie teil­wei­se so tie­risch schnell un­ter­wegs, dass ich Dar­kest Hour dem na­me-drop­ping hin­zu­fü­ge, oh­ne mit der Wim­per zu zu­cken. Man neh­me Ope­ner „Bou­quet“: Coun­ter­parts pa­cken die­sen Song mit ih­rer gan­zen Band­brei­te voll, und die glei­chen Ele­men­te wer­den Lied für Lied de­kli­niert und wei­ter de­stil­liert: epi­sche Pi­ckings, ver­hee­ren­de Break­downs, ein­gän­gi­ge Me­lo­di­en (Au­then­ti­zi­tät, null Pa­thos), und dann wä­ren da noch Bren­dan Mur­phys „Punch­li­nes“, die sich ins Hirn ein­nis­ten. „You haunt me li­ke an em­pty hou­se“(„Haunt me“), „I find it hard to feel ali­ve, whi­le my he­art beats in bor­ro­wed ti­me“(„Bou­quet“), „Collec­ting shards from mir­ror images of me, I am no idol for the weak“(„A me­mo­ry mis­re­ad“).

Die­se Zei­len kön­nen al­les und nichts be­deu­ten. Mir be­deu­ten sie al­les. Weil sie zeit­los sind. Weil sie fle­xi­bel sind. Und weil sie für al­les ste­hen, wo­für sich me­lo­di­scher bzw. Post-Hard­core ein­setzt: Ein Ven­til für Wut, Hoff­nung, Ent­täu­schung, Angst, Trau­er. Ver­mut­lich Ge­füh­le, die zu kom­plex sind, um sie prag­ma­tisch aus­zu­drü­cken.

Mal er­drü­ckend („No Ser­vant Of Mi­ne“, „Swim Be­ne­ath My Skin“), mal ver­spielt („Fra­gi­le Limbs“) oder at­mo­sphä­risch („You’re Not You Any­mo­re“) prägt Coun­ter­parts das Gen­re mit ei­nem zeit­lo­sen Denk­mal, bei dem man nach je­dem Durch­gang ge­trost zu­ge­ben kann: Hier fehlt nichts. Noch bes­ser: Das Al­bum ist jetzt schon ein Klas­si­ker, und es gibt noch so viel zu ent­de­cken.

Im Nach­hin­ein wür­de ich ger­ne auf Er­war­tun­gen zu­rück­grei­fen, um die­ses Werk bes­ser zu ka­te­go­ri­sie­ren. Noch nie, aus­ge­nom­men von ei­nem Erst­lings­werk, konn­te ich ein Al­bum so iso­liert und nüch­tern ge­nie­ßen wie die­ses. Schö­ne Er­fah­rung.

Ju­li­en Pri­mout

An­spiel­tipps: No Ser­vant of Mi­ne, A Me­mo­ry Mis­re­ad

Al­les et­was an­ders

Das neue Beat­steaks-Al­bum ist in mehr­fa­cher Hin­sicht an­ders als die vor­he­ri­gen Wer­ke. Hat­ten die Ber­li­ner bis­her meist je elf oder zwölf Lie­der ver­öf­fent­licht, ent­hält die Yours-Track­list bei 61 Mi­nu­ten gan­ze 21 (!).

An de­ren Ent­ste­hung wa­ren zu­dem meh­re­re Pro­du­zen­ten be­tei­ligt: ne­ben den al­ten Weg­ge­fähr­ten Mo­ses Schnei­der und Tom Kör­b­ler so­wie der Band selbst noch Ste­reo-To­tal-Mit­glied Bre­zel Gö­ring, Max Po­wer von der Ham­bur­ger Punk­rock-Band Mon­tre­al, Pier­re Bai­gor­ry ali­as Peter Fox (See­ed), Ste­phen Street (u.a. The Smiths, Ba­by­sham­bles), die Hip-Hop-Pro­du­zen­ten The Krauts und das frü­he­re Blu­men­topf-Mit­glied Se­pa­lot. Hin­zu ka­men die mu­si­ka­li­schen Stu­dio­gäs­te Chad Pri­ce (Sän­ger von All), Ste­reo To­tal, Ja­mie T, Deich­kind und Fa­rin Ur­laub. Die vie­len Kö­che ver­der­ben er­freu­li­cher­wei­se nicht im Ent­fern­tes­ten den Brei.

Es mag „Yours“teils an der Bril­lanz und Durch­schlags­kraft der letz­ten bei­den Al­ben feh­len, aber es ist eben kei­ne ge­wöhn­li­che Beat­steaks-Plat­te. Die Band be­trach­tet sie als ei­ne Art Mixtape. Je­der Song ist ir­gend­wie an­ders. Das wur­de ei­nem schon Mit­te Au­gust klar, als die Deich­kind-Kol­la­bo­ra­ti­on „L Auf Der Stirn“er­schien. Von Punk­rock kei­ne Spur; Funk und Reg­gae be­stim­men den Ea­sy-Lis­ten­in­gTrack. Teu­to­burg-Weiss über­lässt wei­test­ge­hend den Deich­kin­dern Philipp Grü­te­ring aka Kryp­tik Joe und Se­bas­ti­an „Por­ky“Dür­re das Feld. Die­se un­ty­pi­sche Num­mer, die mehr nach Deich­kind denn nach Beat­steaks klingt, er­staun­te ei­ni­ge Fans. Und sie ist nicht die ein­zi­ge Über­ra­schung.

„Yours“fängt mit „Break Down“, „40 De­grees“und „You In Your Me­mo­ries“stan­dard­mä­ßig an. In „Fil­thy Cri­me“klin­gen die Beat­steaks al­ler­dings wie The Po­li­ce, las­sen sich in „I Do“von The Krauts Hän­de­klatsch­s­am­ples un­ter­ju­beln, ro­cken mit Ste­reo To­tal auf Fran­zö­sisch („Ve­lo­so­lex“), ver­ar­bei­ten im Ti­tel­song Ein­flüs­se von Faith No Mo­re und den Beas­tie Boys, er­set­zen in dem ro­cki­gen „Attack and De­cay“den Ge­sang durch ei­ne Com­pu­ter­stim­me und ku­scheln mit Fa­rin Ur­laub („Ab­ba­du“). Da­zwi­schen klin­gen sie so, wie es zu er­war­ten war: laut, ro­ckig und un­ter­halt­sam. Gu­te Plat­te!

Kai Flo­ri­an Be­cker

An­spiel­tipps: Break Down, Ve­lo­so­lex, Yours

Mut zur Pein­lich­keit

Eins muss man Bran­don Flo­wers las­sen: Der Mann schreckt nicht vor Pein­lich­kei­ten zu­rück. Sei­ne Band The Kil­lers kommt aus Las Ve­gas und lie­fert kon­se­quen­ter­wei­se den Sound­track zu die­ser Stadt – The Kil­lers ste­hen seit im­mer für die ganz gro­ßen Ges­ten, das Pa­thos, den Glam. Da­hin­ter ver­steckt sich na­tür­lich ei­ne ge­wis­se Nei­gung zu Songs, de­ren Ver­falls­da­tum ei­nem im­mer schön deut­lich wäh­rend des ers­ten An­hö­rens ins Ge­sicht springt – ein biss­chen wie ei­ne Milch­pa­ckung, die man zu lan­ge im Kühl­schrank ver­ges­sen hat.

Auf dem neu­en Al­bum Won­der­ful Won­der­ful üben sich die Kil­lers an gro­ßem Sta­di­on­rock – ein Song wie „Rut“klingt, als wol­le Flo­wers un­be­dingt Bo­no da­von über­zeu­gen, sei­ne Band mit auf die nächs­te U2-Tour­nee zu neh­men. Mit U2 tei­len The Kil­lers auf „Won­der­ful Won­der­ful“die Nei­gung, ih­re Songs so auf­zu­bla­sen, dass ih­re in­halt­li­che Nich­tig­keit durch den schie­ren Pomp in Ver­ges­sen­heit ge­rät.

Hier ist der Al­bum­ti­tel fast Pro­gramm: Reicht es nicht aus, die Leu­te da­von zu über­zeu­gen, wie wun­der­bar die neue Plat­te doch ist, wird hier ein­fach noch ei­ne Schicht drauf­ge­legt, was sich hier in der Ver­dopp­lung des Wor­tes „Won­der­ful“wi­der­spie­gelt. Im Ge­gen­satz zu U2 – ei­ne Band, die ih­rem letz­ten re­le­van­ten Song wie ein Pen­sio­när sei­ner Ju­gend­lie­be nach­trau­ert – ge­lingt es den Kil­lers aber im­mer­hin noch, ein paar ein­gän­gi­ge und da­durch zu­min­dest kurz­wei­li­ge Songs zu schrei­ben. Ope­ner „Won­der­ful Won­der­ful“, das pop­pi­ge „The Man“oder die In­die-Rock-Hym­ne „Run for Co­ver“ha­ben al­le­samt präch­ti­ge Mit­sing­me­lo­di­en, kä­si­ge Syn­thies und Ohr­wurm­po­ten­zi­al. Flo­wers er­laubt es ei­nem hier, das Scham­ge­fühl, das man beim Hö­ren sol­cher Songs emp­fin­det, qua­si ka­thar­tisch auf­zu­lö­sen. Was dem Al­bum aber dann, will man die Par­al­le­len zu Las Ve­gas wei­ter­spin­nen, de­fi­ni­tiv fehlt, ist die schmut­zi­ge, tra­shi­ge Sei­te der Stadt – die Sei­te, die Da­vid Fos­ter Wal­lace in sei­nem Text „The Big Red Son“er­forsch­te, in­dem er hin­ter die Ku­lis­sen der Por­no-Awards in Ve­gas blick­te. Glam und Trash als In­kar­na­ti­on der vul­gä­ren Kehr­sei­te des (spä­tes­tens) seit Trump zer­brö­ckel­ten ame­ri­ka­ni­schen Traums: Dies wä­re ein mög­li­ches Er­for­schungs­ge­biet für die Band – falls die­se denn über­haupt Lust ha­ben soll­te, vom ein­di­men­sio­na­len Glam weg­zu­kom­men. Jeff Schin­ker

An­spiel­tipps: The Man, Run for

Co­ver

Nichts für Feig­lin­ge

Die lu­xem­bur­gi­sche Pia­nis­tin

Ca­thy Kri­er ist kei­ne Künst­le­rin, die es sich ein­fach macht. So­wohl in ih­ren Kon­zer­ten wie auch bei ih­ren CD-Pro­duk­tio­nen sucht sie die Her­aus­for­de­rung und stellt sich dem Pu­bli­kum bzw. dem Hö­rer mit oft ge­wag­ten Pro­gram­men. Auch die re­zen­te Auf­nah­me von Ca­thy Kri­er ist kein Main­stream-Pro­dukt. Und kei­ne CD, die man „mal so ne­ben­bei“hört. Un­ter dem Mot­to Pia­no – 20th Cen­tu­ry prä­sen­tiert die Pia­nis­tin Kla­vier­wer­ke von Al­ban Berg, Ar­nold Schön­berg und Bernd Alois Zim­mer­mann.

Die Über­ra­schung der CD dürf­ten aber Nua­ges Gris und Uns­tern!-Si­nist­re von … Franz Liszt sein. Die­se bei­den Spät­wer­ke aus den Jah­ren 1881 und 1886 sind kei­ne ty­pi­schen Liszt-Kom­po­si­tio­nen, son­dern ge­wag­te, bis da­hin kaum ge­hör­te Klang­kon­stel­la­tio­nen, die durch ih­re Mo­der­ni­tät be­reits das 20. Jahr­hun­dert vor­weg­neh­men.

Und in pia­nis­ti­scher Hin­sicht be­ginnt die­ses Jahr­hun­dert mit Ar­nold Schön­bergs 3 Kla­vier­stü­cken op. 11 (1909) und Al­ban Bergs Kla­vier­so­na­te nr.1 op.1 (1907/8). Nach dem 2. Welt­krieg hat die Darm­städ­ter Schu­le mit al­ten Tra­di­tio­nen ge­bro­chen und ver­sucht, neue We­ge zu ge­hen.

Ein Kom­po­nist, der so­wohl mit der al­ten Tra­di­ti­on wie auch mit den Er­run­gen­schaf­ten der Mo­der­ne ver­traut war, war der in Na­zi-Deutsch­land ver­fem­te Bernd Alois Zim­mer­mann. Ca­thy Kri­er stellt uns sein zwei­tei­li­ges Werk En­ch­idi­ri­on I + II vor, das und Zim­mer­manns Ent­wick­lung von der frei ato­na­len zur se­ri­el­len Mu­sik auf­zeigt.

Über die Auf­nah­me kann man sich nur mit Be­geis­te­rung äu­ßern. Ca­thy Kri­er ge­lingt es her­vor­ra­gend, Liszt Mo­der­ni­tät auf­blit­zen zu las­sen und im Ge­gen­zug in Bergs op. 1 noch spät­ro­man­ti­sche Klän­ge deut­lich zu ma­chen. Span­nend auch die drei kon­den­sier­ten Kla­vier­stü­cke von Schön­berg, die von Ca­thy Kri­ers eben­so sub­ti­len wie ana­ly­tisch ge­präg­ten An­schlag pro­fi­tie­ren. Bei dem Zim­mer­mann-Werk han­delt es sich mei­nes Wis­sens nach erst um die zwei­te Auf­nah­me über­haupt. Nach ih­ren hoch­ran­gi­gen Ja­na­cek-, Ra­meau- und Li­ge­ti-Ein­spie­lun­gen be­geis­tert auch die­se im Kam­mer­mu­sik­saal der Phil­har­mo­nie auf­ge­nom­me­ne CD in al­len Hin­sich­ten. Ei­ne mu­si­ka­lisch au­ßer­ge­wöhn­li­che Auf­nah­me, die den Hö­rer her­aus­for­dert. Al­so nichts für mu­si­ka­li­sche Feig­lin­ge! Alain Stef­fen

An­spiel­tipps: So­na­ta for Pia­no, Op. 1: Mä­ßig be­wegt, Small Pie­ces for Pia­no, Part I

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