„ÖVP ist am bes­ten Weg zum Rechts­po­pu­lis­mus“

IN­TER­VIEW Über TV-Over­kill, die „Nor­ma­li­sie­rung von rechts“und die Angst der Zei­tun­gen

Tageblatt (Luxembourg) - - Vorderseite - Ar­mand Back, Wien

Das sagt Sprach­wis­sen­schaft­le­rin Ruth Wo­dak über Ös­ter­reichs gro­ße kon­ser­va­ti­ve Par­tei und Jung­star Sebastian Kurz im Ta­ge­blatt-In­ter­view.

Ruth Wo­dak er­klärt, wie­so Eu­ro­pas Rechts­po­pu­lis­ten so sehr zur ös­ter­rei­chi­schen FPÖ auf­schau­en. Die Sprach­wis­sen­schaft­le­rin ana­ly­siert da­ne­ben den Wan­del des kon­ser­va­ti­ven Su­per­jung­stars und Wahl­sieg­fa­vo­ri­ten Sebastian Kurz und was das für die EU be­deu­tet. Pro­fes­sio­nel­ler­wei­se muss­te sich Wo­dak durch die Dut­zen­den TV-Du­el­le zur Kanz­ler­wahl schau­en. Nun fühlt sie sich in frü­he­ren For­schun­gen be­stä­tigt: Die­ses For­mat ent­mün­digt den Zu­schau­er – und da­mit den Wäh­ler. Ta­ge­blatt: Rechts­po­pu­lis­ten wis­sen das In­ter­net und So­zia­le Me­di­en bes­ser zu nut­zen – sind die schlau­er?

Ruth Wo­dak: Hier spie­len meh­re­re Tat­sa­chen ei­ne Rol­le: Of­fen­bar ha­ben die­se Par­tei­en frü­her be­grif­fen, dass die Me­di­en­prä­senz zen­tral ist. Ih­re Stra­te­gie der Pro­vo­ka­ti­on und der Ta­bu­brü­che hängt ganz stark mit dem Ver­such, in den Me­di­en do­mi­nant zu sein, zu­sam­men. Dies be­schrei­be ich in mei­nem Buch (sie­he Kas­ten) als das rechts­po­pu­lis­ti­sche Per­pe­tu­um Mo­bi­le; al­so kon­ti­nu­ier­lich Agen­da Set­ting zu be­trei­ben, das gibt es schon lan­ge. Dies hat Jörg Hai­der zum Bei­spiel mit gro­ßem Er­folg ge­macht – und die Me­di­en sind al­le auf­ge­sprun­gen, von News bis Pro­fil, je­de Wo­che gab es ein Ti­tel­blatt mit Hai­der, je­de Äu­ße­rung wur­de ei­ne Ti­tel­zei­le – und das ha­ben die an­de­ren rechts­po­pu­lis­ti­schen Par­tei­en teil­wei­se sel­ber ent­wi­ckelt, teil­wei­se über­nom­men. Wir wis­sen von ver­öf­fent­lich­ten in­ter­nen Pa­pie­ren der AfD, dass man die­se Stra­te­gie ganz ex­pli­zit ver­folgt: je­de Wo­che ein Skan­dal! Bei Trump ist das eben­falls of­fen­sicht­lich: Je­der schaut ge­bannt, was er in sei­nen Tweets in der Früh schreibt – und dann mit­tags und abends und in der Nacht – und al­les hängt an­schei­nend da­von ab. In­so­fern hängt die Me­di­en­prä­senz mit der Pro­vo­ka­ti­ons­stra­te­gie und den be­wuss­ten Ta­bu­brü­chen zu­sam­men, mit ei­nem ma­ni­fes­ten Kam­pa­gnen-Ha­bi­tus, dau­er­me­di­en­prä­sent zu sein.

Wie nutzt die FPÖ die neu­en Me­di­en für die Ver­brei­tung ih­rer Agen­da?

Bei der FPÖ ha­be ich be­ob­ach­tet, dass sie mit Kam­pa­gnen auf So­ci­al Me­dia be­gon­nen hat, die na­tür­lich viel Geld ge­kos­tet ha­ben. Die­se Kam­pa­gnen sind si­cher sehr teu­er, bei­spiels­wei­se bei den Co­mic-Bü­chern, die man auch her­un­ter­la­den kann und konn­te. Dies war schon 2008, 2010 der Fall. Al­le Schu­len wur­den be­lie­fert, die FPÖ be­sitzt ei­nen ei­ge­nen Vi­deo-Ka­nal, es gibt ei­ge­ne Web­sites wie „un­zen­su­riert.at“, sie hat ei­ne ei­ge­ne Hym­ne, ei­ge­ne Rap-Songs, es gibt die Face­book­sei­ten und so wei­ter. Dies sind nur die of­fi­zi­el­len Me­di­en­ka­nä­le. Da­ne­ben gibt es je­de Men­ge in­of­fi­zi­el­le. Das be­deu­tet ins­ge­samt, dass die FPÖ ei­ne gro­ße Reich­wei­te be­sitzt, nicht nur hin zu den so­ge­nann­ten „Eli­ten“, al­so den Le­sern von Qua­li­täts­zei­tun­gen, den Zu­schau­ern von ORF, son­dern man er­reicht al­le übe­r­all. Au­ßer­dem mach­ten vie­le FPÖ-Po­li­ti­ker ein NLP Trai­ning (al­so Neu­ro-Lin­gu­is­ti­sches Pro­gramm) – die­se Trai­nings gab es schon in den spä­ten 80er und frü­hen 90er Jah­ren. NLP ist ei­ne lin­gu­is­tisch fun­dier­te The­ra­pie, die in die­sem Fall auf das de­struk­ti­ve Ar­gu­men­tie­ren aus­ge­rich­tet wur­de: Das In­sti­tut für Sprach­wis­sen­schaf­ten (Uni­ver­si­tät Wien) hat sehr früh be­gon­nen, das Phä­no­men „Hai­der“zu be­ob­ach­ten und zu be­schrei­ben, ei­gent­lich seit 1986. Die mas­si­ven Ta­bu­brü­che be­gan­nen in den frü­hen 90ern, mit dem Volks­be­geh­ren „Ös­ter­reich zu­erst“.

Auf Face­book ist ei­ne an­de­re Spra­che mög­lich als auf öf­fent­li­chen Ka­nä­len – färbt das zu­rück?

Da gibt es na­tür­lich ei­ne In­ter­de­pen­denz. Es gibt meh­re­re Ebe­nen und da­mit auch Wech­sel­wir­kun­gen. Ei­ner­seits wird al­les, was in ei­nem In­ter­view vor­kommt, in ei­nem die­ser vie­len TV-Ge­sprä­che, in den Zei­tun­gen re­pro­du­ziert und re­kon­textua­li­siert, auch in den Nach­rich­ten wird be­rich­tet und kom­men­tiert. Gleich­zei­tig be­sit­zen die So­zia­len Netz­wer­ke ein Ei­gen­le­ben, die so­ge­nann­ten Echo-Kam­mern, und da gibt es auch Aus­tausch und Wech­sel­wir­kung. Und das wird dann auch wie­der be­rich­tet, falls es Nach­rich­ten­wert hat. Ge­ra­de in den So­ci­al Me­dia kann man be­son­ders skan­da­li­sie­ren, und Fa­ke News ver­brei­ten, weil es auch an­ony­mi­siert ge­schieht. Den­ken Sie nur an die Dä­mo­ni­sie­rung von Hil­la­ry Cl­in­ton, wo plötz­lich be­haup­tet wur­de, sie hiel­te il­le­ga­le me­xi­ka­ni­sche Kin­der in ei­ner Piz­ze­ria in Washington ge­fan­gen – und die­se Fa­ke News wur­de nach Ma­ze­do­ni­en zu­rück­ver­folgt und die Be­trei­ber wa­ren hoch be­zahlt wor­den. Da geht al­so die Wech­sel­wir­kung von den an­ony­men Öf­fent­lich­kei­ten zu den Qua­li­täts­me­di­en.

In dem Be­reich hat die Pres­se ih­re Deu­tungs­ho­heit ver­lo­ren …

Die Pres­se hat si­cher­lich die Deu­tungs­ho­heit ver­lo­ren. Es gibt aber noch wei­te­re Ebe­nen, et­wa die Ebe­ne der Ex­per­ten. Nach den Ge­sprächs­du­el­len im TV gibt es im­mer ei­ne Ex­per­ten­run­de, die uns Zu­schau­ern auf ei­ner Me­ta­ebe­ne er­klä­ren, wie wir das eben Ge­se­he­ne zu ver­ste­hen hät­ten. Das ist al­so qua­si ei­ne Stu­fen­ab­fol­ge: Erst fin­det die Aus­ein­an­der­set­zung statt, die na­tür­lich schon vor­an­ge­kün­digt und be­wor­ben wird – es fin­det ei­ne Ver­mark­tung der Po­li­tik statt. Dann kommt die nächs­te Stu­fe: Nach der Aus­ein­an­der­set­zung hö­ren wir die Nach­rich­ten, die na­tür­lich das TV-Du­ell zu­sam­men­fas­sen; hier­auf gibt es ei­ne Ex­per­ten­run­de in den Nach­rich­ten, die das Ge­spräch noch­mals ana­ly­siert, meist ein Po­li­tik­wis­sen­schaft­ler und ein Jour­na­list, und dann gibt es noch spä­ter Dis­kus­si­ons­run­den von Jour­na­lis­ten über das Du­ell. Man be­kommt be­stimm­te In­ter­pre­ta­tio­nen so­zu­sa­gen gut ver­packt nach Hau­se ge­lie­fert. Ich den­ke mir manch­mal – ich schaue mir die TVE­vents na­tür­lich pro­fes­sio­nel­ler­wei­se an –, ich bin im fal­schen Film: Weil die be­re­den nicht die Dis­kus­si­on, die ich sel­ber ge­hört ha­be, sie in­ter­pre­tie­ren na­tür­lich auch je nach be­stimm­ten Vor­lie­ben. Die­se Me­ta­ges­prä­che pas­sie­ren zu schnell, man merkt sich das ja auch nicht al­les so ge­nau – das wis­sen wir aus vie­len so­zi­al­psy­cho­lo­gi­schen und lin­gu­is­ti­schen Stu­di­en. Nach dem Event fängt erst das On­li­ne-Pos­ten an. Da greift man auf ei­ne fer­ti­ge Band­brei­te an In­ter­pre­ta­tio­nen zu­rück. Es wird al­so über die In­ter­pre­ta­tio­nen de­bat­tiert und sel­ten dar­über, was al­les ge­sagt wur­de. Da­durch ge­hen vie­le In­hal­te ver­lo­ren. Lei­der ist auch vor al­lem dann et­was nach­rich­ten­taug­lich, wenn es zu ei­nem Skan­dal kommt, zu ei­nem Kon­flikt. Po­si­ti­ves hat sel­ten ei­nen sol­chen Nach­rich­ten­wert, und da­durch ver­stär­ken sich Kon­flik­te, es ent­wi­ckelt sich ei­ne Dy­na­mik, die zu ei­ner star­ken Po­la­ri­sie­rung füh­ren kann.

Ist das ei­ne ab­sicht­li­che Ir­re­füh­rung der Zu­schau­er oder pas­siert das zwangs­läu­fig durch die­se TV-For­ma­te?

Heut­zu­ta­ge wird al­les an die Kon­su­men­ten ver­packt wei­ter­ge­lie­fert. Als wür­den wir Zu­schau­er nur vorm Fern­se­her sit­zen und uns freu­en, dass uns das mund­ge­recht ser­viert wird. In­so­fern wer­den In­for­ma­ti­on und Par­ti­zi­pa­ti­on ver­än­dert. Wahr­schein­lich nicht ab­sicht­lich, son­dern auf­grund der Ver­mark­tung von Po­li­tik … Man wird letzt­lich, wenn man sich nicht da­ge­gen wehrt, in ei­ne pas­si­ve Rol­le ge­drängt. Al­les an­de­re wür­de be­wuss­te Ar­beit und Re­fle­xi­on, kri­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung er­for­dern, ei­ne sehr be­wuss­te Ent­schei­dung: Bei­spiels­wei­se Ex­per­te eins sagt X, Ex­per­te zwei sagt Y, sel­ber ge­hört ha­be ich aber Z, ich könn­te mir das so­gar noch mal an­schau­en, ich le­se mir das jetzt noch mal durch – dann tre­te ich ei­nen Schritt zu­rück, und bil­de mir ei­ne

Heut­zu­ta­ge wird al­les an die Kon­su­men­ten ver­packt wei­ter­ge­lie­fert. Als wür­den wir Zu­schau­er nur vorm Fern­se­her sit­zen und uns freu­en, dass uns das mund­ge­recht ser­viert wird. In­so­fern wer­den In­for­ma­ti­on und Par­ti­zi­pa­ti­on ver­än­dert.

Ruth Wo­dak

Man muss ver­su­chen, zu ei­ner sinn­vol­len und in­halt­li­chen Dis­kus­si­on zu fin­den. Wahr­schein­lich muss man sich et­was Neu­es er­ar­bei­ten, wo auch ein sinn­vol­ler Um­gang mit So­ci­al Me­dia mit­ein­be­zo­gen wird. Ge­ra­de die­ser Wahl­kampf wä­re ein An­lass, sich das auch in den Me­di­en zu über­le­gen.

Mei­nung. Das wä­re idea­li­ter kri­ti­sches Hö­ren oder kri­ti­sches und be­wuss­tes Aus­ein­an­der­set­zen, ver­langt aber letzt­lich Zeit und Ar­beit: Dies er­for­dert Dis­tan­zie­rung und Hin­ter­fra­gen. Durch die Ver­mark­tung von Po­li­tik wer­den wir aber in ei­ne Rol­le ge­drängt als pas­si­ve Kon­su­men­tin. Da­durch wird ei­nem das Den­ken aber ab­ge­nom­men. Die­ses Phä­no­men emp­fin­de ich als be­droh­lich für ei­ne de­mo­kra­ti­sche Ge­sell­schaft. Als Uni­ver­si­täts­leh­ren­de ver­su­che ich ja auch Stu­die­ren­den kri­ti­sches Hin­ter­fra­gen und Re­fle­xi­on na­he zu brin­gen. Wir wol­len ja Ju­gend­li­chen bei­brin­gen, dass man Events und Äu­ße­run­gen hin­ter­fragt, dass man dis­ku­tiert, dass man nicht al­les für ba­re Mün­ze nimmt, dass man viel­leicht noch et­was re­cher­chiert. In­so­fern fin­det in Ös­ter­reich jetzt mit sei­nen Dut­zen­den TV-Du­el­len und Ge­sprächs­run­den lei­der ein Over­kill statt.

Sind die­se Dis­kus­sio­nen dann noch span­nend?

Vie­les wird lei­der un­in­ter­es­sant. Ich ha­be mir jetzt ei­ni­ge TVSen­dun­gen mit Kern, Kurz, Stra­che, Lu­n­acek und Strolz an­ge­schaut – und was sol­len die­se Po­li­ti­ker und Po­li­ti­ke­rin­nen noch Neu­es sa­gen? Nie­mand hat ge­nü­gend Zeit, wirk­lich zu dis­ku­tie­ren. Es fin­det kei­ne Aus­ein­an­der­set­zung statt, wo zwei un­ter­schied­li­che Po­si­tio­nen kon­sen­su­al ver­eint wer­den oder bei­de über­ein­stim­men, nicht ei­ner Mei­nung zu sein. Es gibt ein Auf­ein­an­der­pral­len von Po­si­tio­nen, je­der und je­de ver­sucht, sich mög­lichst zu pro­fi­lie­ren, es fin­den – me­ta­pho­risch ge­sagt – Kämp­fe statt. Nicht zu­fäl­lig wird stän­dig von „Du­el­len“ge­spro­chen.

Par­tei­en aus der Mit­te über­neh­men nicht nur Po­si­tio­nen, son­dern auch Spra­che von Rechts­po­pu­lis­ten. Auch in Ös­ter­reich ist das wie­der der Fall ...

Ja, ei­ne sol­che Über­nah­me kann man deut­lich be­ob­ach­ten. Ich be­zeich­ne die­ses Phä­no­men als „Nor­ma­li­sie­rung von rechts“. Es fin­det ei­ne Dif­fun­die­rung von In­hal­ten, von zu­nächst rechts­au­ßen bzw. rechts-ex­tre­men, mar­gi­na­li­sier­ten Po­si­tio­nen zu Main­stream-Po­si­tio­nen statt, na­tür­lich nicht grad­li­nig, und auch nicht zu al­len The­men. Bei man­chen The­men wie dem so­ge­nann­ten Aus­län­der­the­ma ist es of­fen­sicht­lich: Kurz und Stra­che sind hier prak­tisch de­ckungs­gleich. Was mich doch sehr über­rascht und ge­wun­dert hat, weil ich Sebastian Kurz wäh­rend sei­ner Amts­zeit als Staats­se­kre­tär noch per­sön­lich ken­nen­ler­nen konn­te. Ich war da­mals Mit­glied im so­ge­nann­ten Ex­per­ten­rat, als Lin­gu­is­tin. Vor zwei­ein­halb Jah­ren ha­be ich da­mit auf­ge­hört. Da­mals, zu Be­ginn, hat sich Kurz um ei­ne Ve­rän­de­rung der aus­gren­zen­den Rhe­to­rik be­müht, hat ver­sucht, ein eher in­klu­si­ves „wir“– In­te­gra­ti­on durch Leis­tung – zu lan­cie­ren. Das wur­de da­mals der Slo­gan der ÖVP: In­te­gra­ti­on durch Leis­tung. Seit der Flücht­lings­si­tua­ti­on 2015 und seit­dem sich Kurz – wie wir ja nun auch wis­sen – auf den Wahl­kampf und die Par­tei­über­nah­me vor­be­rei­tet hat, hat sich die Po­si­ti­on völ­lig ver­än­dert. Jetzt ist die of­fi­zi­el­le ÖVP-Li­nie in vie­len Be­lan­gen de­ckungs­gleich mit je­nen der FPÖ: im Flücht­lings­the­ma, im In­te­gra­ti­ons­the­ma, bei­spiels­wei­se der Slo­gan „Stopp der il­le­ga­len Mi­gra­ti­on“… Wo­bei so­gar Flücht­lin­ge als il­le­ga­le Mi­gran­ten ti­tu­liert wer­den, auf­grund der Tat­sa­che, dass sie nicht schon in Ita­li­en oder Grie­chen­land um Asyl an­su­chen, son­dern nach Ös­ter­reich, Deutsch­land oder Schwe­den flüch­ten, sind sie, so Kurz in meh­re­ren TV-Du­el­len und In­ter­views, nach Du­blinVer­fah­ren il­le­gal über die ös­ter­rei­chi­schen Gren­zen ge­langt. Als ob man Grie­chen­land, Spa­ni­en und Ita­li­en al­le Flücht­lin­ge zu­mu­ten könn­te. Dies ist ei­ne neue Po­si­ti­on für die ÖVP, vor al­lem wenn man de­ren christ­lich-so­zia­le Tra­di­ti­on be­denkt. Hier scheint es sich um ei­nen Wett­kampf um die FPÖ-Wäh­ler zu han­deln. Kurz hat durch die­sen Schwenk, so sa­gen die Mei­nungs­for­scher, der FPÖ sie­ben bis acht Pro­zent weg­ge­nom­men.

Kann man sich als De­mo­krat noch dar­über freu­en, dass die FPÖ ver­drängt wird, wenn auch mit ih­ren ei­ge­nen Ide­en? Da hat man ja nichts ge­won­nen.

So­weit wir wis­sen, hat Kurz kei­ne Neo­na­zis und kei­ne schla­gen­den Bur­schen­schaf­ter in der Par­tei. In­so­fern gibt es ei­ne Gren­ze zu ex­trem rechts. Die FPÖ ist – schaut man sich de­ren Pro­gramm an – ex­trem rechts. Es ist si­cher zu be­grü­ßen, dass sie mo­men­tan nicht an ers­ter Stel­le steht, wo­nach es ja lan­ge Zeit aus­ge­se­hen hat­te. An­de­rer­seits ist es be­dau­er­lich, dass Kurz ge­nau mit den FPÖ-Agen­den ge­win­nen wird und nicht mit ei­ner so­li­da­ri­schen, ra­tio­na­len Asyl­po­li­tik, die eu­ro­pa­weit be­stimmt wer­den müss­te. Kurz ist of­fen­sicht­lich auf den Vi­se­grad-Kurs ge­schwenkt und das fin­de ich selbst sehr scha­de.

Das be­deu­tet doch auch, dass man der FPÖ recht gibt, sie in ih­ren Ide­en le­gi­ti­miert.

Das se­he ich auch so. Or­bán und Kac­zyn­ski sind da­mit in ih­ren Flücht­lings­po­si­tio­nen le­gi­ti­miert und ge­stärkt. Wenn Sie sich das FPÖ-Volks­be­geh­ren „Ös­ter­reich zu­erst“von 1992 an­se­hen, ist das qua­si de­ckungs­gleich mit vie­lem, was die ÖVP jetzt ver­langt. Teil­wei­se wur­de al­ler­dings von den di­ver­sen Re­gie­run­gen seit 1993 vie­les schon um­ge­setzt.

Da­mals, 1992, stan­den 300.000 Leu­te, in­klu­si­ve der ÖVP und Kir­chen­ver­tre­ter, am Hel­den­platz bei ei­ner an­ti­fa­schis­ti­schen Mas­sen­kund­ge­bung, dem so­ge­nann­ten Lich­ter­meer. Die SPÖ hat sich auch ver­än­dert, wenn auch nicht so stark. Der An­ti­fa­schis­mus ist prä­sent ge­blie­ben, aber die Ab­gren­zung zu man­chen FPÖ-Po­si­tio­nen nicht mehr so ein­deu­tig wie noch un­ter Fay­mann. Man will nicht mehr klar sa­gen: Mit die­sen ex­trem Rech­ten kön­nen wir nicht. Das wur­de, ab­ge­se­hen von der Wie­ner SPÖ, bis­lang nicht mehr so klar ge­sagt.

Kann man sich als Par­tei über­haupt noch so ab­gren­zen?

Es zeigt sich, dass auf lo­ka­ler Ebe­ne Zu­sam­men­ar­beit mög­lich ist. Man muss den­noch kla­re Gren­zen set­zen, das hat Kern auch ver­sucht. Im so­ge­nann­ten Kri­te­ri­en­ka­ta­log um­fasst der ers­te Punkt ganz ex­pli­zit die For­de­rung nach „Ein­hal­tung der Men­schen­rech­te und den Kampf ge­gen Fa­schis­mus“. War­um wird das nicht of­fen ge­sagt? Es herrscht na­tür­lich die Hoff­nung, „von de­nen“Wäh­ler zu be­kom­men – Pro­test­wäh­ler. Ich hal­te das für ei­ne fehl­ge­lei­te­te Hoff­nung in­so­fern, als Leu­te, die die FPÖ wäh­len, dies be­wusst ma­chen. Nie­mand muss FPÖ wäh­len, es gibt auch an­de­re Pro­test­par­tei­en. Da kann man sich als so­zi­al­de­mo­kra­ti­sche Par­tei deut­lich und ein­deu­tig zum An­ti­fa­schis­mus und zu den Men­schen­rech­ten be­ken­nen. Na­tür­lich geht man da­mit auch ein Ri­si­ko ein, aber ein kla­res Pro­fil be­ein­druckt vie­le. Bei der ÖVP hin­ge­gen lau­tet die Fra­ge nicht, ob sie ei­ne Ko­ali­ti­on ein­ge­hen oder ei­nen Kon­sens ver­han­deln muss, denn sie ist fast de­ckungs­gleich mit der FPÖ. Wie es der ehe­ma­li­ge Grü­ne Peter Pilz poin­tiert for­mu­lier­te: Kurz sei der bes­se­re Stra­che.

Wür­den Sie die ÖVP un­ter Kurz als rechts­po­pu­lis­tisch ein­stu­fen?

Die ÖVP un­ter Kurz ist am bes­ten Weg zum Rechts­po­pu­lis­mus, nicht nur was Mi­gra­ti­on und Asyl, auch was den so­ge­nann­ten Wohl­stand­chau­vi­nis­mus be­trifft: Man schürt Neid und Res­sen­ti­ment. Dies ge­schieht, in­dem die ÖVP et­wa die Min­dest­si­che­rung für an­er­kann­te Flücht­lin­ge kür­zen will. Mit dem Ar­gu­ment, die­se dürf­ten doch erst et­was be­kom­men, wenn sie ge­nug ein­ge­zahlt hät­ten, al­so nach fünf Jah­ren. Ich hal­te dies für ei­nen Trug­schluss – Flücht­lin­ge kom­men doch nicht frei­wil­lig, sie müs­sen lan­ge war­ten, bis sie über­haupt ar­bei­ten dür­fen (soll­ten sie ei­nen po­si­ti­ven Asyl­be­scheid er­hal­ten). Kurz mein­te aber, dass das Geld, das da­mit ein­ge­spart wür­de, ös­ter­rei­chi­schen Fa­mi­li­en zu­gu­te­kä­me. Ei­ne sol­che Po­li­tik kre­iert Neid – denn Men­schen glau­ben dann, die Flücht­lin­ge näh­men den ös­ter­rei­chi­schen Fa­mi­li­en et­was weg. Man kann die Ideo­lo­gie und die In­hal­te des Rechts­po­pu­lis­mus klar de­fi­nie­ren, auch wenn es na­tür­lich vie­le Un­ter­schie­de zwi­schen den ein­zel­nen Par­tei­en gibt: Es geht um ei­nen star­ken Na­tio­na­lis­mus, manch­mal auch um Eth­no-Na­tio­na­lis­mus, um ei­ne hier­ar­chi­sche Struk­tur in der Par­tei, um ei­ne Füh­rungs­per­sön­lich­keit ver­sam­melt, um kon­ser­va­ti­ve Wer­te und um Law-and-Or­derPo­li­tik. Vie­le Rechts­po­pu­lis­ten sind sehr an­ti-in­tel­lek­tu­ell ein­ge­stellt – dies ist si­cher bei der ÖVP nicht der Fall. Auch die Ge­schlech­ter­und Fa­mi­li­en­po­li­tik ist nicht so kon­ser­va­tiv wie et­wa in der pol­ni­schen PiS. In der Ins­ze­nie­rung, im Wohl­fahrt­schau­vi­nis­mus und in der In­te­gra­ti­ons­po­li­tik so­wie in der Law-and-Or­der-Dy­na­mik ist die ÖVP je­doch am bes­ten Weg zum aus­ge­präg­ten Rechts­po­pu­lis­mus.

Sie sa­gen, die FPÖ sei ei­ne rechts­ex­tre­me Par­tei. Wie­so schreibt das dann kei­ne ös­ter­rei­chi­sche Ta­ges­zei­tung? Die wer­den im schlimms­ten Fall als Rechts­po­pu­lis­ten be­ti­telt.

Bei der Ti­tu­lie­rung der FPÖ sind vie­le vor­sich­tig. Schließ­lich wur­den in der Zeit von 2000 bis 2006 vie­le Leu­te, auch Wis­sen­schaft­ler, von Hai­der ge­klagt auf­grund sol­cher Äu­ße­run­gen. Der Po­li­to­lo­ge An­ton Pe­lin­ka wur­de bei­spiels­wei­se von Hai­der zwei Mal ge­klagt. Es gab vie­le po­li­ti­sche In­ter­ven­tio­nen im ORF. Vie­le Leu­te ma­chen sich auch nicht die Mü­he, et­wa das Hand­buch der Frei­heit­li­chen Par­tei, das man sich von der FPÖ-Web­sei­te her­un­ter­la­den kann, zu­min­dest an­zu­se­hen. Das ist voll von rechts­ex­tre­mem Jar­gon, die Ge­schlech­ter­po­li­tik ist ab­so­lut ana­chro­nis­tisch und vie­les er­in­nert an na­tio­nal­so­zia­lis­ti­sche Ideo­lo­ge­me. Es gibt jetzt ein neu­es Buch von Hans Hen­ning Schar­sach, der die schla­gen­den Bur­schen­schaf­ten, der vie­le FPÖMit­glie­der an­ge­hö­ren, pe­ni­bel re­cher­chiert hat. Das Maut­hau­sen Ko­mi­tee hat eben­falls vie­le re­zen­te Fäl­le von Wie­der­be­tä­ti­gung in ei­nem neu­en Buch pu­bli­ziert. Das Buch von Alex­an­der Pollak, „Der Hass­pre­di­ger“, be­schreibt den Wer­de­gang, die Äu­ße­run­gen und die Po­li­tik des FPÖ-Vi­ze­bür­ger­meis­ters von Wien, Jo­hann Gu­de­nus, in vie­len De­tails.

Wie krie­gen wir wie­der et­was An­stand in die po­li­ti­sche Spra­che, in den Dis­kurs zu­rück? Oder kön­nen wir das ver­ges­sen?

Nein, das müs­sen wir nicht ver­ges­sen. Ei­ne Sehn­sucht be­steht vie­ler­orts nach ra­tio­na­ler, in­halt­li­cher und sach­li­cher Dis­kus­si­on, mag sie auch kon­flikt­ge­tra­gen sein. Man muss ver­su­chen, zu ei­ner sinn­vol­len und in­halt­li­chen Dis­kus­si­on zu fin­den. Wahr­schein­lich muss man sich et­was Neu­es er­ar­bei­ten, wo auch ein sinn­vol­ler Um­gang mit So­ci­al Me­dia mit ein­be­zo­gen wird. Ge­ra­de die­ser Wahl­kampf wä­re ein An­lass, sich das auch in den Me­di­en zu über­le­gen. Das bö­se Auf­wa­chen am Sonn­tag­abend könn­te da­zu füh­ren, dass uns klar wird: Die­se Art von Aus­ein­an­der­set­zung ist de­mo­kra­tie­schäd­lich.

Sebastian Kurz, der ÖVP-Su­per­jung­star

Chris­ti­an Kern, der SPÖ-Kanz­ler (Fo­to: AFP/Ge­org Hoch­muth)

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