Aus My­tho­lo­gie wer­den Ge­mäl­de

AUS­STEL­LUNG Gi­u­lia And­rea­ni im „Cent­re d’art Nei Liicht“in Dü­de­lin­gen

Tageblatt (Luxembourg) - - Malerei - Chris­ti­an Schaack

Die in Ve­ne­dig ge­bo­re­ne Künst­le­rin be­schreibt ih­re Ar­beit als ei­ne per­ma­nen­te Su­che nach Sta­bi­li­tät auf ei­nem ge­wal­ti­gen Trüm­mer­hau­fen. Gi­u­lia And­rea­ni for­mu­liert dies auf fol­gen­de Wei­se: „Da das Aus­gra­ben von schrift­li­chen Do­ku­men­ten und Fo­tos ei­ne Con­di­tio si­ne qua non für mei­ne Kunst dar­stellt, kann ich be­haup­ten, dass die Neu­in­ter­pre­ta­tio­nen von Ar­chi­ven den Kör­per mei­ner Ma­le­rei ge­stal­ten.“

Man kann mit Fug und Recht be­haup­ten, dass die Ma­le­rin ei­ne kom­ple­xe vi­su­el­le Welt er­schafft, wel­che die gro­ße Ge­schich­te mit un­se­rer Zeit ver­bin­det. Da­bei ent­ste­hen aus Fak­ten Fik­tio­nen, aus der Ver­gan­gen­heit wird Ge­gen­wart und die gro­ße Ge­schich­te wird mit klei­nen Ge­schich­ten auf­ge­mischt. In­dem sie al­te Fo­tos auf­spürt und wie­der­ent­deckt, nutzt sie die­se, um die größt­mög­li­chen nar­ziss­ti­schen oder gro­tes­ken Aspek­te der Macht zu ent­lar­ven.

Ih­re Bil­der schwan­ken so zwi­schen Iro­nie und Zy­nis­mus hin und her, es ent­ste­hen zeit­ge­nös­si­sche Al­le­go­ri­en, wel­che auf dem kul­tu­rel­len Schutt Eu­ro­pas grün­den. In den Au­gen der Künst­le­rin dient die Ma­le­rei da­zu, das Un­sag­ba­re aus­zu­drü­cken, das Un­sicht­ba­re zu zei­gen, die Ge­wiss­hei­ten zu er­schüt­tern und das letz­te Wort zu be­kom­men. Doch sind dies nur hoch­tra­ben­de Vor­stel­lun­gen, oder ge­ben die Wer­ke tat­säch­lich all dies her?

Das Ge­mäl­de „L’en­lè­ve­ment d’Eu­ro­pe“deu­tet zum Bei­spiel al­lei­ne mit dem Ti­tel ei­ne An­leh­nung an die grie­chi­sche My­tho­lo­gie an. Als ge­schätzt acht­jäh­ri­ges Mäd­chen wird die Göt­tin Eu­ro­pa auf ei­nem Ope­ra­ti­ons­tisch dar­ge­stellt. Um sie her­um ste­hen drei Chir­ur­gen und ei­ne Kran­ken­schwes­ter. Sie tra­gen die zwölf Ster­ne der eu­ro­päi­schen Flag­ge in ei­ner un­glei­chen Ver­tei­lung auf ih­rem Kit­tel.

Bot­schaft als Al­le­go­rie

Dis­kret sind da­bei die Ster­nen­far­ben der Sym­bo­lik der ein­zel­nen Fi­gu­ren an­ge­passt. Letz­te­re ent­spre­chen for­mell der kunst­his­to­ri­schen Iko­no­gra­fie der bi­bli­schen apo­ka­lyp­ti­schen Rei­ter. Links im Bild steht ein mit ori­en­ta­li­schem Kopf­tuch ver­mumm­ter Chir­urg, des­sen Ster­ne rot sind. Dies ent­spricht dem ro­ten Pferd der Apo­ka­lyp­se, wel­ches seit je­her den Krieg sym­bo­li­siert. Ge­nau die­se Fi­gur hält ei­nen Dolch in ih­rer lin­ken Hand. So kann man ei­gent­lich nur an ei­nen ISTer­ro­ris­ten den­ken, dem es vor­schwebt, je­man­dem die Gur­gel auf­zu­schlit­zen.

Die Kran­ken­schwes­ter steht da­ge­gen für Krank­heit und Furcht, da sie die grü­nen Ster­ne trägt. Hin­ter dem Chir­urg mit den wei­ßen Ster­nen lugt ein Bo­gen her­vor als Sym­bol von Rein­heit und Sieg. Ganz rechts steht ein drit­ter Arzt sym­bo­lisch für Tod und Hun­ger, da er dem schwar­zen Pferd mit­samt dem At­tri­but der Waa­ge ent­spricht. Die vier apo­ka­lyp­ti­schen Rei­ter ste­hen vor uns.

Dass ein Kind Eu­ro­pa sym­bo­li­siert weist zu­gleich auf die jün­ge­re Ge­schich­te so­wie auf die Zu­kunft un­se­res Kon­ti­nents hin. Das Ge­mäl­de soll über­haupt an die eu­ro­päi­schen Kri­sen aus der Ver­gan­gen­heit und dem Prä­sens er­in­nern. Die­se Bot­schaft soll be­wusst an­hand der My­tho­lo­gie und der Apo­ka­lyp­se als Al­le­go­rie mit­ge­teilt wer­den. Viel­leicht bleibt And­rea­ni et­was zu nah an der fo­to­gra­fi­schen Vor­la­ge, wenn man die bei­ge­füg­ten At­tri­bu­te ge­nau­er betrachtet.

Be­son­ders der Bo­gen und die Waa­ge sind recht pla­ka­tiv oder ide­en­los bei­ge­fügt. Ein Ver­gleich mit Al­brecht Dü­rers Holz­schnitt be­legt dies be­son­ders klar: Je­der Rei­ter be­nutzt sein At­tri­but auf auf­fäl­li­ge und na­tür­li­che Wei­se. Lo­bens­wert ist je­doch die Tat­sa­che, dass die Künst­le­rin über­haupt sym­bo­li­sche An­spie­lun­gen aus der Kunst­ge­schich­te mit his­to­ri­schen oder ak­tu­el­len An­deu­tun­gen ver­schmilzt.

Auch die Qua­li­tät der aus­ge­wähl­ten Fo­tos, wel­che rea­lis­tisch ab­ge­malt wer­den, bleibt durch­ge­hend an­spre­chend. Zu­dem be­hält der Be­trach­ter aus­rei­chend Spiel­raum, um sei­ne ei­ge­nen In­ter­pre­ta­tio­nen ein­flie­ßen zu las­sen.

Die Tat­sa­che, dass für die­ses Werk ein Fo­to, wel­ches die kind­li­che Ster­be­ra­te vor der Ent­wick­lung der An­ti­bio­ti­ka il­lus­triert, als his­to­ri­sche Vor­la­ge dient, er­mög­licht dem Be­su­cher in der Tat, wei­te­re Deu­tun­gen an den Tag zu le­gen.

And­rea­ni be­herrscht das Ma­len so ge­konnt, dass es ihr pro­blem­los ge­lingt, ge­ziel­te Aus­sa­gen im­mer auf den Punkt zu brin­gen. So wer­den zum Bei­spiel im Werk „L.E.F.“drei tan­zen­de Pin-ups mit ver­stüm­mel­ten Glied­ma­ßen dar­ge­stellt. Je­de Fi­gur schwingt ei­nen Hut, auf dem je­weils ei­ner der Be­grif­fe der fran­zö­si­schen Ma­xi­me „Li­ber­té, Ega­lité, Fra­ter­nité“ge­schrie­ben steht. Ir­gend­wie ha­ben die­se se­xy Ge­stal­ten ei­nen ek­li­gen Scha­den er­lit­ten … oder ist es die Ma­xi­me selbst? Oder ist al­lei­ne den Frau­en, trotz die­ser Ma­xi­me, Un­recht zu­ge­sto­ßen?

Zeit­do­ku­men­te

In wei­te­ren Wer­ken the­ma­ti­siert And­rea­ni ne­ben der ita­lie­ni­schen Dia­spo­ra ita­lie­ni­sche an­ti­fa­schis­ti­sche Po­li­ti­ker oder die Rol­le der star­ken Frau in der Ge­sell­schaft und auch noch die Fra­ge, wes­halb Me­du­sa den Män­nern Angst ein­jagt.

Im­mer wie­der die­nen ge­konnt aus­ge­wähl­te fo­to­gra­fi­sche Zeit­do­ku­men­te als Aus­gangs­punkt. Und im­mer wie­der er­gänzt die Künst­le­rin die­se mit al­le­go­ri­schen Kon­tex­ten oder mit sym­bo­li­schen At­tri­bu­ten auf über­ra­schen­de Wei­se.

Im Werk „La Bel­le est la Bête“soll auch das ge­mal­te Por­trät der blon­den Schau­spie­le­rin Fay Wray aus dem King-Kong-Film aus dem Jah­re 1933 den Be­trach­ter zum Gr­ü­beln ver­lei­ten. In der Tat trägt das Op­fer des Rie­sen­af­fen zer­fetz­te Klei­dungs­stü­cke und ei­ne durch­sich­ti­ge Ha­sen­mas­ke. Die­se Mas­ke soll das angst­er­füll­te Ge­sicht ins Ant­litz ei­ner sich re­bel­lie­ren­den Frau ver­wan­deln. Die zer­fetz­ten Kla­mot­ten wer­den zu ei­ner Be­dro­hung, die Frau ver­wan­delt sich sub­til in King Kong. Das Op­fer wird da­durch im End­ef­fekt zum Tä­ter. Ko­hä­rent zieht sich durch al­le Wer­ke ein kon­stan­tes Ver­ste­cken von An­deu­tun­gen, Ver­wand­lun­gen und Sym­bo­len.

Zum Teil sind ei­ni­ge da­von viel­leicht et­was zu dis­kret un­ter­ge­bracht oder zu gut ver­steckt. Falls der Be­su­cher sich je­doch aus­rei­chend Zeit und Ge­duld nimmt, um sich im Schaf­fen And­rea­nis auf In­ter­pre­ta­ti­ons­su­che zu be­ge­ben, wird sei­ne Mü­he si­cher­lich be­lohnt wer­den. Gu­te Kost ist hier nicht gleich leich­te Kost. Es lohnt sich al­so al­le­mal, in­mit­ten die­ser be­mer­kens­wer­ten Ko­hä­renz per­sön­li­che Aus­gra­bun­gen an­zu­stren­gen.

Die Aus­stel­lung ist noch bis zum 27. Ok­to­ber ge­öff­net.

„L’en­lè­ve­ment d’Eu­ro­pe“

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