Mehr Auf­klä­rung für mehr Ak­zep­tanz

IM RAT­HAUS Dis­kus­si­ons­run­de für Frei­wil­li­ge, Bür­ger und Asyl­su­chen­de

Tageblatt (Luxembourg) - - Esch - Lau­ra To­mas­si­ni

Am Mitt­woch fand im Escher Rat­haus ei­ne vom „Ser­vice à l’éga­lité des chan­ces“or­ga­ni­sier­te In­fo­ver­an­stal­tung zum The­ma Flücht­lin­ge und Frei­wil­li­gen­ar­beit statt. Bür­ger­meis­te­rin Ve­ra Spautz stell­te sich zu­sam­men mit Ver­ant­wort­li­chen un­ter­schied­li­cher Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen und ei­ni­gen Asyl­su­chen­den selbst den An­mer­kun­gen und

Fra­gen der Escher Bür­ger.

Seit 2015 ist die in­ter­na­tio­na­le Flücht­lings­kri­se ein The­ma. Auch Lu­xem­burg bie­tet je­des Jahr meh­re­ren Hun­dert Asyl­su­chen­den Un­ter­schlupf und so­mit die Chan­ce auf ein neu­es Le­ben oh­ne Krieg. Al­ler­dings trifft die Pro­ble­ma­tik nicht bei je­dem auf Ver­ständ­nis. Im Rah­men der Kam­pa­gne „Mär sinn Escher“sol­len seit Sep­tem­ber Ver­an­stal­tun­gen und Auf­füh­run­gen rund ums The­ma Flücht­lin­ge den Ein­woh­nern der Mi­net­te-Me­tro­po­le ei­nen Ein­blick in den All­tag der Be­trof­fe­nen er­mög­li­chen und so­mit für mehr Ver­ständ­nis sor­gen.

Wich­tig sei zu­erst die ge­naue De­fi­ni­ti­on ei­nes Asyl­su­chen­den, so AS­TI-Prä­si­den­tin Lau­ra Zuc­co­li: „Ein Flücht­ling kommt zu uns aus ganz spe­zi­fi­schen Mo­ti­ven, die durch die Gen­fer Kon­ven­ti­on von 1951 de­fi­niert sind. Das Mo­tiv lau­tet nicht 'Ich su­che ein bes­se­res Le­ben oder ei­ne Ar­beit', sonst wür­den die Men­schen hier kei­nen Schutz er­hal­ten.“Wer dem­nach nicht ge­nü­gend Be­wei­se vor­le­gen kann, dass er im Hei­mat­land die per­sön­li­che Ver­fol­gung oder so­gar den Tod ris­kiert, muss wie­der zu­rück.

Er­fah­run­gen

In Esch le­ben zur­zeit et­wa 40 bis 50 Men­schen in Flücht­lings­hei­men, die meis­ten dar­un­ter Män­ner aus dem Iran, Sy­ri­en oder Eri­trea. Bertrand Dau­plais ar­bei­tet schon lan­ge im Foy­er ne­ben dem Ca­fé Pit­cher und kennt die Schick­sa­le der Be­woh­ner. Be­son­ders ei­ne Ge­schich­te, die Bertrand er­zähl­te, stach her­aus: „Ein Sy­rer hat­te ins­ge­samt acht Mal den Weg über das Meer nach Eu­ro­pa ge­wagt. Ein­mal war das Boot ge­ken­tert, wei­te­re Ma­le wur­de es von der Po­li­zei auf­ge­hal­ten und zu­rück­ge­schickt. Der Mann frag­te mich al­so: 'Soll ich mei­ne Fa­mi­lie auf solch ei­nen ge­fähr­li­chen Weg mit­neh­men?'“Mitt­ler­wei­le hat der ehe­ma­li­ge Fran­zö­sisch­leh­rer aus Alep­po den Schutz­sta­tus er­hal­ten und durf­te auch sei­ne Fa­mi­lie nach Lu­xem­burg ho­len. „Ich ha­be in sei­ner Zeit im Heim meh­re­re Ma­le mit sei­nen Kin­dern te­le­fo­niert und hör­te im Hin­ter­grund im­mer ein 'Tak­taktak'-Ge­räusch. Das wa­ren Ma­schi­nen­ge­weh­re“, be­rich­te­te Bertrand.

Auch Diab Hjair kennt die Sor­gen in­ner­halb der Foy­ers: „Es ist schwer, an sei­ne Fa­mi­lie zu den­ken und zu ler­nen.“Trotz­dem hat Diab sei­ne Ängs­te über­wun­den und so­gar den Sprach­test für Lu­xem­bur­gisch be­stan­den. Mitt­ler­wei­le ar­bei­tet er in den Hei­men als Über­set­zer, doch der Weg bis da­hin war schwer: „Das Pro­blem von Flücht­lin­gen ist, dass wir Flücht­lin­ge sind.“Ibra­hi­ma Dia­gne kennt die Vor­ur­tei­le ge­gen Asyl­su­chen­de auch, doch er er­mu­tigt bei­de Sei­ten, sich für an­de­re zu öff­nen. Er hat sei­nen vor­läu­fi­gen Platz in Esch ge­fun­den und ar­bei­tet nun in der „Me­sa, la mai­son de la tran­si­ti­on“.

Mög­lich sind solch po­si­ti­ve Ent­wick­lun­gen al­ler­dings nur durch die Ar­beit von Frei­wil­li­gen. Ro­my Hut­ma­cher, Michè­le Ret­ter und Mi­chel Speltz sind nur ei­ni­ge der zahl­rei­chen Lu­xem­bur­ger, die ih­re freie Zeit eh­ren­amt­lich nut­zen. Im Team der Or­ga­ni­sa­ti­on „Mir wël­len iech ons Hee­mecht wei­sen“ver­an­stal­tet Ro­my kul­tu­rel­le Aus­flü­ge für Flücht­lin­ge. „Wenn man erst mal mit­ein­an­der in Kon­takt tritt, dann fal­len Be­rüh­rungs­ängs­te ganz schnell weg und die Leu­te ver­ges­sen, dass ihr Ge­gen­über ein Flücht­ling ist und se­hen nur noch den Men­schen“, er­klär­te Ro­my.

Be­son­ders bei Fuß­ball­spie­len oder Kon­zer­ten in der Rockhal ver­ges­sen auch die Asyl­su­chen­den selbst ih­re Ängs­te und Vor­ur­tei­le ge­gen­über der frem­den Kul­tur und kön­nen ein­fach mal Bür­ger sein. Die­se Er­fah­rung kann auch Michè­le be­stä­ti­gen, die Sprach­kur­se in den Foy­ers an­bie­tet: „Flücht­lin­ge sind Men­schen wie an­de­re auch. Ich ha­be noch kei­nen ge­trof­fen, dem ich nicht mein Haus, mei­nen Hund oder so­gar mei­ne Kin­der an­ver­trau­en wür­de. Man muss nur Ängs­te zu­erst ab­bau­en.“

„Nicht kom­pa­ti­bel“

Ge­nau die­se Ängs­te drück­ten al­ler­dings ei­ni­ge an­we­sen­de Bür­ger wäh­rend der Dis­kus­si­ons­run­de im Escher Rat­haus aus. Al­len An­mer­kun­gen vor­an der Klas­si­ker „Is­lam und Chris­ten­tum sind nun mal nicht kom­pa­ti­bel“, di­rekt ge­folgt von der Fra­ge, ob nicht die An­we­sen­heit der Flücht­lin­ge schuld an der Ab­schaf­fung des tra­di­tio­nel­len Re­li­gi­ons­un­ter­richts sei. Aber es gab auch po­si­ti­ves Feed­back. So mein­te ein Spre­cher der ur­sprüng­lich ne­ga­tiv ein­ge­stell­ten Bür­ger­initia­ti­ve aus Esch-Neu­dorf, dass „nur über In­for­ma­ti­on Ak­zep­tanz er­langt wer­den kann“. Hier konn­ten die Wo­gen ge­glät­tet wer­den und das ge­plan­te Flücht­lings­heim trifft nun nicht mehr nur auf Ab­leh­nung.

„Wenn Sie mich an­schau­en, bin ich dann so an­ders als Sie selbst?“, frag­te ei­ner der an­we­sen­den Flücht­lings­heim­be­woh­ner in die Run­de. „Nicht al­les ist ro­sig bei Flücht­lin­gen, aber es ist auch nicht al­les schlecht“, mein­te Ibra­hi­ma wei­ter. Je­der Mensch ha­be sei­ne Ge­schich­te zu er­zäh­len, aber Po­li­zei, Ge­fäng­nis­se und Rich­ter sei­en nicht erst seit der An­kunft von Asyl­su­chen­den in Lu­xem­burg ge­schaf­fen wor­den. „Ich glau­be, das Pro­blem liegt in der Kom­mu­ni­ka­ti­on. Es ist in Ord­nung, wenn ihr Be­fürch­tun­gen habt, aber dann dis­ku­tiert mit uns dar­über“, sag­te Ibra­hi­ma.

Rund 120 Men­schen hat­ten sich zur In­fo­ver­an­stal­tung im Escher Rat­haus ein­ge­fun­den

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