Ha­mas ruft zu neu­er In­ti­fa­da auf

AUF­STAND Ra­di­kal­is­la­mi­sche Or­ga­ni­sa­ti­on for­dert „Tag des Zorns“

Tageblatt (Luxembourg) - - Vorderseite - Ste­fa­nie Jär­kel, Je­ru­sa­lem

Die ra­di­kal­is­la­mi­sche Pa­läs­ti­nen­ser-Or­ga­ni­sa­ti­on Ha­mas hat nach der Je­ru­sa­lem-Ent­schei­dung von US-Prä­si­dent Do­nald Trump zu ei­ner neu­en In­ti­fa­da ge­gen Is­ra­el auf­ge­ru­fen. Bei Zu­sam­men­stö­ßen zwi­schen Pa­läs­ti­nen­sern und is­rae­li­schen Si­cher­heits­kräf­ten im West­jor­dan­land so­wie im Ga­za­strei­fen wur­den meh­re­re Men­schen durch Ge­schos­se ver­letzt.

Ei­ni­ge De­mons­tran­ten war­fen St­ei­ne auf is­rae­li­sche Sol­da­ten, an­de­re rie­fen: „Tod für Ame­ri­ka. Tod dem Dumm­kopf Trump.“

Die Pa­läs­ti­nen­ser soll­ten den Auf­stand ins Herz des „zio­nis­ti­schen Fein­des“tra­gen, for­der­te Ha­mas-An­füh­rer Is­mail Ha­ni­jeh im Ga­za­strei­fen. Er rief für heute zu Pro­tes­ten und ei­nem „Tag des Zorns“auf. Das is­rae­li­sche Mi­li­tär ver­stärk­te sei­ne Trup­pen im West­jor­dan­land und ver­setz­te wei­te­re Ein­hei­ten in Alarm­be­reit­schaft. Die EU-Au­ßen­be­auf­trag­te Fe­de­ri­ca Mo­g­her­i­ni kün­dig­te an, mit Ne­tan­ja­hu am Mon­tag in Brüs­sel über das The­ma zu be­ra­ten.

Nach der An­er­ken­nung Je­ru­sa­lems als Is­ra­els Haupt­stadt durch die USA flu­chen die Pa­läs­ti­nen­ser – die Is­rae­lis zei­gen Ge­nug­tu­ung. Die Hei­li­ge Stadt war im­mer schon der sen­si­bels­te Punkt im Streit zwi­schen bei­den Völ­kern. Der Mu­ez­zin der Al-Ak­sa-Mo­schee auf dem Tem­pel­berg ruft ge­gen Mit­tag zum Ge­bet. Sein Ge­sang er­schallt über den Platz vor der Kla­ge­mau­er am Fu­ße des Hü­gels in der Je­ru­sa­le­mer Alt­stadt. Gläu­bi­ge Ju­den be­ten vor den mas­si­ven St­ei­nen, sin­gen und ste­cken Zet­tel mit Wün­schen in die Rit­zen des Mau­er­werks.

Der Tem­pel­berg, für die Mus­li­me Al-Ha­ram Al-Scha­rif (das ed­le Hei­lig­tum), ist bei­den Re­li­gio­nen hei­lig – und da­mit der per­fek­te Zank­ap­fel zwi­schen Is­rae­lis und Pa­läs­ti­nen­sern. Die An­er­ken­nung Je­ru­sa­lems als Haupt­stadt Is­ra­els durch die USA be­feu­ert den Streit auf ein Neu­es – mit nicht ab­seh­ba­ren Fol­gen.

„Ich den­ke, das ist kei­ne gu­te Sa­che, das zu tun“, schimpft Osa­ma Scheich, Pa­läs­ti­nen­ser aus Je­ru­sa­lem, über die Ent­schei­dung von US-Prä­si­dent Do­nald Trump. Der 19 Jah­re al­te Scheich ist ei­ner der we­ni­gen, die an die­sem Tag ar­bei­ten – in der Wech­sel­stu­be sei­ner Fa­mi­lie am Jaf­faTor zur Alt­stadt. „In Je­ru­sa­lem be­fin­det sich die Al-Ak­sa-Mo­schee und die ge­hört zu uns und nicht zu ihm“, sagt der jun­ge Mann mit den kur­zen brau­nen Haa­ren. Trump ha­be kein Recht, hier et­was zu ver­tei­len, was nicht ihm ge­hö­re. „Al-Ak­sa ist für al­le Mus­li­me wich­tig, nicht nur für die Pa­läs­ti­nen­ser.“

In der Je­ru­sa­le­mer Alt­stadt herrscht am gest­ri­gen Don­ners­tag­mit­tag weit­ge­hend ge­spens­ti­sches Stil­le. Ein Hund kläfft, ein Ra­dio plärrt ir­gend­wo, doch die Lä­den der Pa­läs­ti­nen­ser blei­ben fast al­le ge­schlos­sen. Die Pa­läs­ti­nen­ser strei­ken aus Pro­test ge­gen die Ent­schei­dung Trumps. Der Chef der ra­di­kal-is­la­mi­schen Ha­mas, Is­mail Ha­ni­ja, ruft wäh­rend­des­sen zu ei­nem neu­en Pa­läs­ti­nen­ser­auf­stand auf. Es gibt die Sor­ge, dass es nach den heu­ti­gen Frei­tags­ge­be­ten zu ei­ner neu­en Ex­plo­si­on der Ge­walt kom­men könn­te.

Je­ru­sa­lem ist Ju­den, Chris­ten und Mus­li­men hei­lig. In der Alt­stadt liegt der Tem­pel­berg. Nach is­la­mi­schem Glau­ben ritt der Pro­phet Mo­ham­med von dort aus in den Him­mel. An die­ser Stel­le steht heute der Fel­sen­dom mit sei­ner gol­de­nen Kup­pel. Da­ne­ben be­fin­det sich die Al-Ak­saMo­schee. Die Stät­ten bil­den das dritt­wich­tigs­te is­la­mi­sche Hei­lig­tum.

Für die Ju­den ist der Ort eben­falls von höchs­ter Be­deu­tung, weil dort zwei jü­di­sche Tem­pel stan­den. Die Kla­ge­mau­er am Fuß des Tem­pel­bergs ist der Über­rest der ehe­ma­li­gen west­li­chen Stütz­mau­er des zwei­ten Tem­pels, der von den Rö­mern im Jahr 70 zer­stört wur­de.

„Das gibt wie­der Krieg“

An der Kla­ge­mau­er sind an die­sem Tag vie­le Men­schen und fei­ern fröh­lich. Män­ner sin­gen bei der Bar Miz­wa ih­rer Söh­ne, Frau­en wer­fen da­zu Sü­ßig­kei­ten. Gläu­bi­ge be­ten an der Mauer. Tou­ris­ten fo­to­gra­fie­ren sich zur Er­in­ne­rung ge­gen­sei­tig.

„Es ist die rich­ti­ge Zeit da­für“, sagt Jo­na­than Cha­rasch, groß, breit, schwar­ze Kip­pa auf dem Kopf, über die Ent­schei­dung Trumps. „Für al­le Leu­te an­ders­wo ist das jetzt ir­gend­wie 'Wow', aber es ist nicht neu, für die Ju­den war Je­ru­sa­lem seit Tau­sen­den von Jah­ren die Haupt­stadt von Is­ra­el.“Der Fa­mi­li­en­va­ter ar­bei­tet na­he der Alt­stadt in ei­nem Fala­fel­la­den.

Auch Li­or Ba­ra­schi fin­det Trumps Ent­schei­dung gut. Aber: „Das gibt wie­der Krieg, ganz si­cher“, sagt die 20-jäh­ri­ge Is­rae­lin mit den lan­gen blon­den Haa­ren. Aus Angst vor pa­läs­ti­nen­si­schen Atta­cken ge­he sie schon seit län­ge­rem nicht mehr in die Alt­stadt „aber jetzt wirk­lich nicht mehr“. Nach der An­er­ken­nung durch die USA sei die sen­si­ble Si­tua­ti­on noch an­ge­spann­ter.

Ga­lid Dscha­ba­ri hat ähn­li­che Sor­gen – auch wenn er als mus­li­mi­scher Pa­läs­ti­nen­ser Trumps Ent­schei­dung nicht lobt. „Die An­er­ken­nung macht die Si­tua­ti­on noch kom­pli­zier­ter und noch ge­fähr­li­cher“, sagt der 57 Jah­re al­te Si­cher­heits­mann aus Ost-Je­ru­sa­lem. Wenn die US-Bot­schaft um­zie­hen wer­de, wer­de es zu­dem wei­te­ren Är­ger ge­ben.

Is­ra­el er­ober­te 1967 im SechsTa­ge-Krieg un­ter an­de­rem Ost­Je­ru­sa­lem von Jor­da­ni­en und an­nek­tier­te den Stadt­teil spä­ter. Die in­ter­na­tio­na­le Ge­mein­schaft er­kennt die­sen Schritt nicht an. Die Pa­läs­ti­nen­ser wol­len Ost-Je­ru­sa­lem als Haupt­stadt für ei­nen künf­ti­gen un­ab­hän­gi­gen Staat Pa­läs­ti­na. Is­ra­el be­an­sprucht die gan­ze Stadt für sich. Die Alt­stadt mit der Kla­ge­mau­er und dem Tem­pel­berg liegt in Ost-Je­ru­sa­lem.

Für den pa­läs­ti­nen­si­schen Ana­lys­ten Mu­han­nad Ab­dul­ha­mid zer­stört die Ent­schei­dung Trumps die Chan­ce auf ei­nen Frie­dens­pro­zess. „Je­ru­sa­lem war und ist his­to­risch ge­se­hen das re­li­giö­se, kul­tu­rel­le und po­li­ti­sche Zen­trum für die Pa­läs­ti­nen­ser“, sagt Ab­dul­ha­mid. „Oh­ne das gibt es kein Pa­läs­ti­na.“

Wenn man die­sen Teil aus­klam­me­re, blei­be nichts mehr üb­rig, wor­über man ver­han­deln kön­ne. Den Pa­läs­ti­nen­sern wer­de nichts an­de­res üb­rig blei­ben, als al­le Kon­tak­te zu den USA ab­zu­bre­chen und aus jeg­li­chen Frie­dens­ge­sprä­chen aus­zu­stei­gen.

„Je­ru­sa­lem ist die Wie­ge der jü­di­schen Kul­tur und Zi­vi­li­sa­ti­on“, sagt da­ge­gen Ge­rald St­ein­berg, Po­li­tik­pro­fes­sor an der Bar-IlanU­ni­ver­si­tät, über die Be­deu­tung der Stadt für Is­ra­el und die Ju­den in al­ler Welt. „Die bi­bli­sche Ge­schich­te geht zu­rück auf Kö­nig Da­vid, Kö­nig Sa­lo­mon und die Tem­pel.“

Ge­biet mit Son­der­sta­tus

Die Aus­sa­ge von Pa­läs­ti­nen­sern, dass es kei­ne jü­di­schen Wur­zeln in Je­ru­sa­lem ge­be, ma­che die An­er­ken­nung als Haupt­stadt Is­ra­els um­so wich­ti­ger. „Die po­li­ti­sche An­er­ken­nung ist ei­ne Art der Kom­pen­sa­ti­on, um den Schmerz zu lin­dern, den die Ge­schich­te er­zeugt hat“, sagt St­ein­berg. 70 Jah­re lang ha­be die in­ter­na­tio­na­le Ge­mein­schaft Je­ru­sa­lem als „Cor­pus Se­pa­ra­tum“(deutsch: ab­ge­son­der­ter Kör­per) an­ge­se­hen, als ein Ge­biet mit Son­der­sta­tus.

Ei­ni­ge Tou­ris­ten­grup­pen las­sen sich am gest­ri­gen Don­ners­tag auch nicht von Be­rich­ten über mög­li­che Zu­sam­men­stö­ße zwi­schen Pa­läs­ti­nen­sern und is­rae­li­schen Si­cher­heits­kräf­ten ab­schre­cken.

Eve­lyn Gre­gel und Le­on­hard Geb­hardt aus Ber­lin be­rei­sen ei­ne Wo­che das Hei­li­ge Land und er­kun­den an die­sem Tag die Alt­stadt. Angst vor An­grif­fen ha­ben sie kei­ne. „Be­den­ken hät­te ich eher, nach Beth­le­hem oder Ra­mal­lah zu fah­ren“, sagt der 27Jäh­ri­ge. Sei­ne Freun­din sagt zu der Si­tua­ti­on: „Wir wol­len ei­nen Tag die Stadt auf uns wir­ken las­sen, und da ge­hört das eben auch da­zu.“Heute wol­len sie wei­ter nach Ei­lat im Sü­den Is­ra­els fah­ren.

Nur acht Mi­nu­ten zu Fuß vom Tem­pel­berg liegt das wich­tigs­te Hei­lig­tum der Chris­ten: die Gr­a­bes­kir­che. Sie soll sich der Über­lie­fe­rung nach an der Stel­le be­fin­den, wo Chris­tus nach sei­nem Tod am Kreuz be­er­digt wur­de und wie­der auf­er­stand. Tra­di­tio­nell fei­ern Gläu­bi­ge dort das Os­te­rer­eig­nis.

Der Be­ne­dik­ti­ner­mönch Ni­ko­de­mus Schna­bel lebt seit 14 Jah­ren in der Hei­li­gen Stadt. „Je­ru­sa­lem ist ein­fach ei­ne Stadt, die vier­ein­halb­tau­send Jah­re auf dem Bu­ckel hat und ei­ne Ge­schich­te, die teil­wei­se er­in­nert und teil­wei­se ver­drängt wird“, sagt der Lei­ter der Dor­mi­tio-Ab­tei am Ran­de der Alt­stadt. „Wenn die Is­rae­lis sa­gen, Je­ru­sa­lem ist 3.000 Jah­re alt und die ewi­ge Haupt­stadt Is­ra­els, muss man sa­gen: Nein, Je­ru­sa­lem ist 4.500 Jah­re alt, ei­ne ka­na­anäi­sche Stadt, in der ein Göt­ter­him­mel ver­ehrt wur­de mit Wet­ter­gott­hei­ten und Mut­ter­gott­hei­ten.“

Die Pa­läs­ti­nen­ser wie­der­um wür­den ver­drän­gen, dass es die jü­di­schen Tem­pel gab, weil das nicht in ihr Ge­schichts­bild pas­se, sagt Pa­ter Ni­ko­de­mus. „Die Stadt ist ge­schicht­lich und re­li­gi­ös sehr auf­ge­la­den.“In je­der Re­li­gi­on ge­be es zu­dem Strö­mun­gen, die Je­ru­sa­lem für sich al­lein ha­ben woll­ten.

Die Chris­ten wür­den al­ler­dings in der Stadt kaum ei­ne Rol­le spie­len, sagt der Mönch. Im­mer­hin mach­ten sie nur zwei Pro­zent der Be­völ­ke­rung aus.

„Je­ru­sa­lem ist wie ein fei­nes Spinn­ge­we­be“, sagt er. „Da kann man sich nicht ele­fan­tös dar­in be­we­gen, das tut den Men­schen nicht gut.“(dpa)

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