SPD-Par­tei­tag gibt grü­nes Licht

DEUTSCH­LAND Par­tei­tag stimmt nach har­ter De­bat­te für Son­die­run­gen mit der Uni­on – schlech­tes Wah­l­er­geb­nis für Schulz

Tageblatt (Luxembourg) - - Vorderseite - Von un­se­rem Kor­re­spon­den­ten Wer­ner Kol­hoff, Ber­lin

Die SPD öff­net die Tür für „er­geb­nis­of­fe­ne“Ge­sprä­che mit der Uni­on über ei­ne Zu­sam­men­ar­beit bei der Re­gie­rungs­bil­dung und spricht ih­rem Chef Mar­tin Schulz das Ver­trau­en aus.

Es geht ums Gan­ze. Je­den­falls wenn man Gott­hard Krupp glaubt, SPD-Ge­nos­se aus der Haupt­stadt. Er ver­teilt vor dem Ber­li­ner Mes­se­ge­bäu­de ein Flug­blatt. Von „Exis­tenz­kri­se“der SPD ist da die Re­de. Krupp for­dert ei­nen „Be­frei­ungs­schlag“, die Er­neue­rung in der Op­po­si­ti­on. Kei­ne gro­ße Ko­ali­ti­on, kei­ne Min­der­heits­re­gie­rung, kei­ne „er­geb­nis­of­fe­nen“Ge­sprä­che mit der Uni­on, wie sie Mar­tin Schulz im Na­men des Vor­stands vor­schlägt. Die­se Stim­mung der Ba­sis ist die Hür­de, die der Par­tei­chef über­win­den muss. Es ge­lingt ihm nur mit Mü­he.

Krupp ist nicht al­lein. Vie­le Ar­beit­neh­mer­ver­tre­ter ha­ben sein Flug­blatt un­ter­zeich­net. „Wir wer­den uns zof­fen“, hat Schulz schon am Vor­abend beim Pres­se­emp­fang ge­ahnt. „Das wird ein har­ter Par­tei­tag“, sagt Ber­lins Re­gie­ren­der Bür­ger­meis­ter Micha­el Mül­ler in sei­nem Gruß­wort, das ganz un­ty­pisch zur ernst­haf­ten Re­de wird. Er ver­langt, „dass wir in den nächs­ten vier Jah­ren aus­lo­ten, ob es nicht ei­ne Macht­op­ti­on jen­seits der Uni­on gibt“. Er meint ei­ne rot-rot-grü­ne Ko­ali­ti­on. Al­le su­chen nach Aus­we­gen aus der Zwick­müh­le, in der die SPD steckt.

Der Ber­li­ner Lan­des­ver­band hat ei­nen An­trag ein­ge­bracht, wo­nach es schon nach den ers­ten Son­die­run­gen mit der Uni­on ei­nen Mit­glie­der­ent­scheid dar­über ge­ben soll, ob die Ge­sprä­che wei­ter­ge­hen. Der An­trag wird spä­ter ab­ge­lehnt, es soll aber ei­nen Son­der­par­tei­tag ge­ben, be­vor for­mel­le Ko­ali­ti­ons­ver­hand­lun­gen auf­ge­nom­men wer­den. Und dann den Mit­glie­der­ent­scheid.

Ke­vin Küh­nert, Ju­so-Chef, sagt of­fen, was hin­ter sol­chen Vor­stö­ßen steht, was auch ihn an­treibt mit sei­nem An­trag, zwar mit den an­de­ren Par­tei­en zu re­den, aber eben nicht „er­geb­nis­of­fen“. Son­dern oh­ne die Mög­lich­keit ei­ner gro­ßen Ko­ali­ti­on. „Es gibt kein Ver­trau­en mehr, dass die Ent­schei­dun­gen der Spit­ze den In­ter­es­sen der Ba­sis ent­spre­chen.“Küh­nert ist, ob­wohl erst 28 Jah­re alt, der heim­li­che Star des Par­tei­ta­ges, weil er hier Schulz’ här­tes­ter Ge­gen­spie­ler ist. Auf Schritt und Tritt wird er von Ka­me­ras ver­folgt. Und er re­det gut. In der gro­ßen Ko­ali­ti­on wer­de die SPD im­mer mehr „verzwer­gen“, sagt Küh­nert. „Wir ha­ben als jun­ge Ge­ne­ra­ti­on das In­ter­es­se, dass von un­se­rer Par­tei noch et­was üb­rig bleibt“. Die Ju­sos ju­beln und hal­ten „No Groko“-Schil­der hoch.

„Er­geb­nis­of­fe­ne“Ge­sprä­che

Die Mit­glie­der der Par­tei­füh­rung ar­gu­men­tie­ren da­ge­gen. Ste­phan Weil, Nie­der­sach­sens Mi­nis­ter­prä­si­dent, zi­tiert Wil­ly Brandt: „Erst das Land, dann die Par­tei“. Hu­ber­tus Heil, schei­den­der Ge­ne­ral­se­kre­tär, be­tont, wenn man ei­ne Op­ti­on von vorn­her­ein aus­schlie­ße, dann sei man ganz schnell bei Neu­wah­len. Und die wol­le nie­mand.

Frak­ti­ons­che­fin Andrea Nah­les sagt, sie rie­che Angst aus vie­len Re­de­bei­trä­gen. In Wirk­lich­keit sei doch An­ge­la Mer­kel in ei­ner schwa­chen Po­si­ti­on. „Wir ver­schen­ken nichts“. Nah­les ver­saut sich al­ler­dings ih­ren Auf­tritt, als sie hin­zu­fügt: „Bät­schi.“Sie wie­der­holt das Wort „Bät­schi“so­gar noch.

Mar­tin Schulz gibt in sei­ner Re­de sei­ne „per­sön­li­che Ga­ran­tie“, dass die Ge­sprä­che wirk­lich „er­geb­nis­of­fen“ge­führt wür­den. Wie viel die­se Ga­ran­tie noch wert ist, ist al­ler­dings die Fra­ge. Schulz be­kommt bei sei­ner Wie­der­wahl nur 81,9 Pro­zent Zu­stim­mung, nach 100 Pro­zent im März. „Das Ge­fühl, dass Mar­tin Schulz nicht die Per­spek­ti­ve der Par­tei ist, das macht sich doch lang­sam breit“, sagt ein lang ge­dien­ter Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ter. Schulz’ Re­de, 75 Mi­nu­ten lang, ist brav. Al­le The­men sind drin. Aber es springt kein Fun­ke über. Und für sei­nen Vor­schlag, bis 2025 die „Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Eu­ro­pa“zu ver­wirk­li­chen – mit ei­nem neu­en Ver­fas­sungs­ver­trag, aber oh­ne die Staa­ten, die nicht mit­ma­chen wol­len – ern­tet er bei vie­len Eu­ro­pa­po­li­ti­kern in den ei­ge­nen Rei­hen Kopf­schüt­teln.

Vik­to­ria Spie­gel­berg-Ka­mens, Ge­werk­schaf­te­rin aus Hes­senSüd, sagt Schulz ins Ge­sicht, sie ha­be das Ge­fühl, „dass das, was du sagst, nicht aus dei­nem Her­zen kommt“. Spie­gel­berg hat auch bei Schulz Angst aus­ge­macht.

Ei­ne tief ver­un­si­cher­te Par­tei

Die De­bat­te dau­ert fast fünf St­un­den, 91 der rund 600 Teil­neh­mer mel­den sich. Vie­le Alt­vor­de­re be­ob­ach­ten das Trei­ben von au­ßen, und auch un­ter ih­nen hat je­der ei­ne an­de­re Idee, wie die SPD aus der Zwick­müh­le her­aus­kommt. Uwe-Kars­ten Heye, Ex-Re­gie­rungs­spre­cher Ger­hard Schrö­ders, wä­re für ei­ne Min­der­heits­re­gie­rung. Ge­si­ne Schwan, Ex-Prä­si­dent­schafts­kan­di­da­tin, wie­der­um ist da­ge­gen. „Man wird uns die Miss­er­fol­ge an­hän­gen, Er­fol­ge blei­ben bei der Re­gie­rung.“Mar­kus Me­ckel, letz­ter DDR-Au­ßen­mi­nis­ter, ist für ein „Ke­nia“-Ex­pe­ri­ment. Uni­on plus SPD plus Grü­ne. „War­um nichts Neu­es pro­bie­ren?“Und Wolf­gang Na­gel, frü­her Bau­se­na­tor in Ber­lin, wür­de die gro­ße Ko­ali­ti­on ma­chen: „Es ge­hört mehr Rück­grat da­zu, in har­ten Ver­hand­lun­gen zu Kom­pro­mis­sen zu kom­men, als der ei­ge­nen Par­tei nach dem Mund zu re­den, da­mit wir uns in un­se­rem Ver­ein wohl­füh­len.“

Die SPD ist tief ver­un­si­chert, das ist das Er­geb­nis die­ses Par­tei­ta­ges. Kein Weg ist noch si­cher. Am En­de wird ab­ge­stimmt, der Leit­an­trag des Vor­stan­des setzt sich mit deut­li­cher Mehr­heit durch. Nächs­te Wo­che fin­det das ers­te Ge­spräch mit der Uni­on statt. Dann be­ginnt die gro­ße Rei­se ins Un­ge­wis­se.

Es ge­hört mehr Rück­grat da­zu, in har­ten Ver­hand­lun­gen zu Kom­pro­mis­sen zu kom­men, als der ei­ge­nen Par­tei nach dem Mund zu re­den, da­mit wir uns in un­se­rem Ver­ein wohl­füh­len Wolf­gang Na­gel, frü­her Bau­se­na­tor in Ber­lin

Nur mehr we­nig wah­re Freu­de bei der SPD ...

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