Er­bau­li­che Men­sch­lich­keit

JE­AN BACK „Trakl Blues“: ein bun­ter Rei­gen von Me­lo­di­en

Tageblatt (Luxembourg) - - Luxemburgensia - Eric Mei­ers

„Die nun­mehr rings­um er­fahr­ba­re, his­to­ri­sche Fül­le der Ar­chi­tek­tur, die wei­ten Plät­ze, die sich un­ter der Hit­ze aus­deh­nen … es ist die Hit­ze, den­ke ich mir, … in den schwülhei­ßen Gas­sen … Mann ist fremd. Ich bin mir selbst fremd ge­wor­den.“ Wenn es brenz­lig wird, fällt es schwer, ei­nen küh­len Kopf zu be­wah­ren. Der Be­ginn ei­ner neu­en Zeit kos­tet stets Selbst­über­win­dung. Die Ge­fasst­heit lehrt ei­nen Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten nicht mehr als Si­cher­hei­ten, als et­was Sta­ti­sches wahr­zu­neh­men, son­dern als et­was Dy­na­mi­sches, als et­was in ei­nem fort­wäh­ren­den Pro­zess Be­find­li­ches.

Es ist das Zu­sam­men­spiel von Ver­fall und Auf­bau, die Re­zi­pro­zi­tät je­ner Kräf­te, die das Le­ben vor­an­trei­ben, auf das es an­kommt. Aus je­der de­struk­ti­ven geht auch wie­der ei­ne kon­struk­ti­ve Zeit her­vor.

„Trakl Blues“(2017 bei Kre­mart Edi­ti­on er­schie­nen) er­zählt vom Los­rei­ßen von über­hol­ten ge­sell­schaft­li­chen so­wie so­zia­len Struk­tu­ren mit­tels künst­le­ri­scher Selbst­ver­wirk­li­chung.

Der lu­xem­bur­gi­sche Fo­to­graf und Schrift­stel­ler Je­an Back – am Di­ens­tag 64 Jah­re alt ge­wor­den – hält in die­ser No­vel­le die wo­mög­lich in­ten­sivs­te und prä­gends­te Zeit sei­ner Ju­gend fest. Schon der mit schwarz-wei­ßen Ab­bil­dun­gen von Film­ma­te­ri­al, ei­ner Le­se­bril­le, zwei­er Wer­k­aus­ga­ben Ge­org Tra­kls und ei­nem vol­len Aschen­be­cher ver­se­he­ne Schutz­um­schlag des De­cken­ban­des ver­spricht ei­ne li­te­ra­ri­sche Zei­t­rei­se. Ein­ge­bet­tet in die als Ur­laubs­rei­se nach Salz­burg aus­ge­stal­te­te Rah­men­er­zäh­lung, die den Brü­cken­schlag zwi­schen der heu­ti­gen (2015) und der da­ma­li­gen Zeit (1970er) voll­zieht, be­schreibt der Au­tor das Film­pro­jekt ei­ner Grup­pe ju­gend­li­cher Fil­ma­ma­teu­re.

Durch ei­nen ih­rer ehe­ma­li­gen Leh­rer das ers­te Mal mit dem Werk des ös­ter­rei­chi­schen Ly­ri­kers Ge­org Trakl in Kon­takt ge­kom­men und durch den Ver­fall der lu­xem­bur­gi­schen Stahl­in­dus­trie und den po­li­ti­schen Um­schwung im Land, für des­sen Spra­che über­aus emp­fäng­lich, in­spi­rier­te Tra­kls Bal­la­de „Die jun­ge Magd“die Ju­gend­freun­de zu aben­teu­er­li­chen Dreh­ar­bei­ten. Mit spär­li­chen fi­nan­zi­el­len Mit­teln, ei­ner dürf­ti­gen tech­ni­schen Aus­rüs­tung, da­für aber mit viel Al­ko­hol, Ta­bak und Fan­ta­sie schaff­ten es Je­an Back und sei­ne Freun­de Luss, Eve­ly­ne, Re­nal­do und Vic, ihr ci­ne­as­ti­sches Un­ter­fan­gen in die Tat um­zu­set­zen.

In der Fa­mi­lie und im nä­he­ren Um­feld nur auf Un­ver­ständ­nis sto­ßend, von der Po­li­tik hin­ge­gen un­ter­stützt, fand ih­re Ver­fil­mung beim lu­xem­bur­gi­schen Pu­bli­kum An­klang und lös­te so­gar in Salz­burg, der Ge­burts­stadt Tra­kls, Wo­gen der Be­geis­te­rung aus.

Von Trakl ge­prägt, fla­niert der Schrift­stel­ler 2015 durch Salz­burg und sieht die Stadt mit Tra­kls Au­gen, auch dort wo ei­gent­lich über­haupt kein Trakl zu er­ken­nen ist. Schritt für Schritt wer­den sprung­haft mit den Dreh­ta­gen ver­knüpf­te Er­in­ne­run­gen wach­ge­ru­fen, die in ei­ner per­sön­li­chen und ein­fühl­sa­men Er­zäh­lung neu ge­ord­net, die Ge­ne­se des sich zur Le­bens­ab­schnitts­auf­ga­be ge­mach­ten künst­le­ri­schen Ex­pe­ri­men­tes fest­hal­ten. Sinn und Zweck die­ses Bu­ches war zum ei­nen „nä­her auf die ehe­ma­li­ge Bruch­stel­le zwi­schen al­ter Ord­nung und ei­nem von man­chen Zwän­gen be­frei­ten Auf­bruch in ei­ne neue Zeit kul­tu­rel­len Schaf­fens in Lu­xem­burg ein­zu­ge­hen“und „die­sel­be in ei­nen Span­nungs­bo­gen zur Ak­tua­li­tät zu set­zen“.

Zum an­de­ren war es wohl das Ver­mit­teln von der dem Au­tor per­sön­lich sehr am Her­zen lie­gen­den Men­sch­lich­keit, de­ren wir in heu­ti­ger Zeit wie­der ein­mal er­man­geln. „Al­les hängt von der Be­we­gung ab. Al­les, al­les, al­les. Es ist ein Film. Kein Fo­to.“In Zei­ten des ge­sell­schaft­li­chen Wan­dels ist es mehr denn je von gro­ßer Be­deu­tung, nicht auf ei­nem Stand­punkt zu ver­har­ren, son­dern sich im Strom zu be­we­gen. Aus Al­tem, Über­leb­tem mit dem nö­ti­gen Re­spekt ge­mein­sam Neu­es schaf­fen, auf äs­the­tisch-phi­lo­so­phi­scher wie auch auf ge­sell­schaft­li­cher Ebe­ne. Iden­ti­tät kann man sich für kein Geld der Welt kau­fen, man muss sie sich müh­sam er­ar­bei­ten. Aber es lohnt sich!

In­fo

Je­an Back

Trakl Blues

ISBN 978-99959-39-44-1 160 Säi­ten, 19,95 Eu­ro

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