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KRI­MI „Mord im Ori­ent­ex­press“bleibt auch in sei­ner fünf­ten Fas­sung ein Klas­si­ker

Tageblatt (Luxembourg) - - Kino - Clau­de Wolf

40 Jah­re nach Sid­ney Lu­mets ers­ter Ad­ap­ta­ti­on von Aga­tha Chris­ties be­rühm­ten Kri­mi „Mord im Ori­ent­ex­press“bringt Ken­neth Bra­nagh den Klas­si­ker er­neut ins Ki­no. Die Haupt­rol­le des bel­gi­schen Meis­ter­de­tek­tivs Her­cu­le Poirot über­nimmt er da­bei gleich selbst. Wer den le­gen­dä­ren Klas­si­ker nach dem eben­so be­rühm­ten Kri­mi von Aga­tha Chris­tie trotz zahl­rei­cher Auf­füh­run­gen im Fern­se­hen noch nie ge­se­hen hat, be­kommt hier ei­ne neue Chan­ce. Ge­nau wie ih­re Vor­gän­ger – die vor­lie­gen­de Ver­fil­mung ist im­mer­hin Num­mer fünf, al­ler­dings erst die zwei­te Ki­no­fas­sung – bringt die 2017er Auf­la­ge wie­der­um ein ex­zel­len­tes, en­ga­giert auf­spie­len­des En­sem­ble zu ei­ner span­nen­den Be­geg­nung mit der Fi­gur des ex­zen­tri­schen Pri­vat­de­tek­tivs Her­cu­le Poirot. Das Dreh­buch (von Micha­el Gre­en) hält sich eben­falls ganz an die Vor­la­ge.

Die Hand­lung be­ginnt in Je­ru­sa­lem, und zwar an der Kla­ge­mau­er: Der be­rühmt-be­rüch­tig­te und bis hin zum un­ver­meid­li­chen Schnauz­bart per­fekt in sei­nem ganz ei­ge­nen mo­di­schen Ent­wurf ge­styl­te De­tek­tiv Her­cu­le Poirot löst nach ei­nem höchst un­be­frie­di­gen­den Früh­stück im Ho­tel schnell noch ei­nen Fall und be­steigt dann die Fäh­re nach Istan­bul, von wo aus er mit dem Ori­ent­ex­press nach Lon­don fah­ren will. Kri­mi­na­lis­tisch will er sich dort nicht be­tä­ti­gen, son­dern ganz ein­fach nur ein paar Ta­ge Ur­laub ma­chen und das Le­ben ge­nie­ßen.

Mit der Hil­fe sei­nes Freun­des Bouc (Tom Ba­te­man), dem Di­rek­tor des be­rühm­ten Zu­ges, be­kommt Poirot in der völ­lig aus­ver­kauf­ten Ers­ten Klas­se doch noch ei­nen frei­en Platz. Lan­ge Zeit, um das lu­xu­riö­se Le­ben an Bord des le­gen­dä­ren Zu­ges zu ge­nie­ßen, bleibt ihm al­ler­dings nicht.

Kaum hat er die Mi­t­rei­sen­den ken­nen­ge­lernt, kommt es zu ei­nem höchst un­frei­wil­li­gen Zwi­schen­stopp in den win­ter­li­chen ju­go­sla­wi­schen Ber­gen, wo ei­ne La­wi­ne auf den Zug stürzt. Zu al­lem Un­glück liegt auch noch ei­ner der Pas­sa­gie­re, der zwie­lich­ti­ge Kunst­händ­ler Ed­ward Rat­chett (John­ny Depp), er­sto­chen in sei­nem Ab­teil.

Bei der völ­li­gen Ab­ge­schie­den­heit sind na­tür­lich al­le 13 Mit­fah­ren­den glei­cher­ma­ßen ver­däch­tig. Er­mit­telt wird ge­gen Rat­chetts An­ge­stell­te (Josh Gad, De­rek Ja­co­bi), ei­ne Prin­zes­sin (Ju­di Dench) und ih­re Zo­fe (Olivia Col­man), ei­ne Mis­sio­na­rin (Pe­ne­lo­pe Cruz), ei­nen Pro­fes­sor (Wil­lem Da­foe), ei­nen Arzt (Les­lie Odom), ei­ne Gou­ver­nan­te (Dai­sy Rid­ley), ei­ne Wit­we (Mi­chel­le Pfeif­fer), ein Gra­fen­paar (Ser­gej Pol­u­nin und Lu­cy Boyn­ton) und letzt­end­lich auch den Schaff­ner des Wag­gons (Mar­wan Ken­za­ri). All­mäh­lich kris­tal­li­siert sich her­aus, dass wohl kaum der Zu­fall die­se Rei­se­ge­sell­schaft zu­sam­men­ge­bracht hat, die im Ver­bor­ge­nen stär­ker zu­sam­men­hängt, als es den An­schein hat.

„Mord im Ori­ent­ex­press“ist klas­si­sches Ki­no. Nicht nur die Hand­lung bleibt dem von Aga­tha Chris­tie auf­ge­bau­ten Stoff treu, auch die fil­mi­sche Mach­art mu­tet in ih­rer Klas­sik mit­un­ter et­was alt­mo­disch an. Al­ler­dings sind die Sze­nen, an­ge­fan­gen in Je­ru­sa­lem, wei­ter­ge­führt in ei­nem bun­ten, quir­li­gen Istan­bul bis hin zu den ver­schnei­ten Land­schaf­ten spek­ta­ku­lär, selbst wenn dem Re­gis­seur ein his­to­ri­scher Feh­ler un­ter­läuft, wenn er die Kup­pel des Fel­sen­doms in Je­ru­sa­lem gol­den er­schei­nen lässt, ob­wohl sie 1934 noch schwarz war. Es sieht aus wie im Thea­ter, wenn der Fund der Lei­che aus der Vo­gel­per­spek­ti­ve in­sze­niert wird oder die Ver­däch­ti­gen am Ein­gang des Tun­nels wie auf dem Bild von Leo­nar­do da Vin­cis Abend­mahl auf­ge­reiht sind. Die lan­gen, un­ge­schnit­te­nen Ka­me­ra­fahr­ten sind da­für atem­be­rau­bend und ma­chen aus den ers­ten 20 Mi­nu­ten ein ech­tes Ki­nospek­ta­kel.

Sitzt man erst ein­mal in den Ber­gen fest, kommt die Hand­lung, trotz der hoch­ka­rä­ti­gen schau­spie­le­ri­schen Dar­bie­tun­gen, nur sehr lang­sam wei­ter, so dass der Zu­schau­er mit­un­ter den Ein­druck be­kommt, man wol­le ihm mit schö­nen Bil­dern und auf­wän­di­gen Ko­s­tü­men – es gibt jetzt un­wahr­schein­lich vie­le Na­h­auf­nah­men und fast nur noch Dia­lo­ge und Ver­hö­re – die Zeit ver­kür­zen. Hier muss man schon sehr ge­nau hin­hö­ren, um ei­nen ver­steck­ten Hin­weis auf den even­tu­el­len Mör­der zu be­kom­men.

Ken­neth Bra­nagh hat als le­gen­dä­rer Her­cu­le Poirot na­tür­lich am meis­ten Platz be­kom­men, was auch fa­bel­haft funk­tio­niert. Der ver­schro­be­ne, bril­lan­te Kopf mit dem statt­li­chen Schnurr­bart und dem un­ver­kenn­ba­ren fran­zö­si­schen Ak­zent ist so ge­stal­tet, dass der Zu­schau­er un­ge­wollt an sei­nen Lip­pen klebt. Den­noch ge­rät die Fi­gur in den 114 Mi­nu­ten des Films ein we­nig au­ßer Atem, der an­fäng­li­che Wort­witz weicht all­mäh­lich ei­ner ge­wis­sen Me­lan­cho­lie und ei­nem in­ne­ren mo­ra­li­schen Kon­flikt.

Al­le wei­te­ren Schau­spie­ler wie Ju­di Dench, Pe­né­lo­pe Cruz, Wil­lem Da­foe und Dai­sy Rid­ley ge­ben zwar ihr Bes­tes, um ih­re Rol­len glaub­haft zu ge­stal­ten, doch die Zeit ist schlicht­weg zu kurz, was bei die­ser hoch­ka­rä­ti­gen Be­set­zung frus­trie­rend ist.

Auch das Sze­na­rio ist für Kri­mi-Lieb­ha­ber und Tat­ort-An­hän­ger nicht im­mer ganz stim­mig. Denn wenn erst ein­mal al­le Fi­gu­ren ab­ge­han­delt sind und be­vor man ka­piert hat, wer wel­ches Mo­tiv ha­ben könn­te, ist der Fall schon ge­löst.

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