Geo­stra­te­gi­sches Schar­nier

KOM­MEN­TAR Gip­fel der EU mit dem West­bal­kan

Tageblatt (Luxembourg) - - Opinion - Ar­mand Back

Was Bei­trit­te an­geht, ist die Eu­ro­päi­sche Uni­on ein ge­brann­tes Kind. Die Os­ter­wei­te­rung 2004 mit zehn neu­en Staa­ten hat das Bünd­nis noch im­mer nicht ver­daut. Kein Wun­der dem­nach, dass man die Feh­ler aus der Ver­gan­gen­heit auf dem West­bal­kan nicht wie­der­ho­len will. Dort war­ten mit Ser­bi­en, Bos­ni­en und Her­ze­go­wi­na, Mon­te­ne­gro, Al­ba­ni­en, Ko­so­vo und Ma­ze­do­ni­en gleich sechs Staa­ten eben­so mehr oder we­ni­ger lang wie mehr oder we­ni­ger hoff­nungs­froh auf den Ein­lass in den welt­weit im­mer noch ex­klu­sivs­ten Staa­ten-Klub.

Sich voll­ends sel­ber über­las­sen will Brüs­sel die­se Län­der nicht. Sie gleich auf­neh­men geht auch nicht. Auf der ei­nen Sei­te ist die Pres­se zu ge­gän­gelt, die Jus­tiz zu kor­rupt, die or­ga­ni­sier­te Kri­mi­na­li­tät zu mäch­tig. Auf der an­de­ren Sei­te steht ei­ne EU, die höl­li­sche Angst hat, sich mit wei­te­ren Bei­trit­ten zu­sätz­lich zu schwä­chen. Al­so wer­den sie an die Sub­ven­ti­ons­trö­ge ge­las­sen und mit Ver­spre­chen ge­füt­tert.

Auch um den Ein­fluss Russ­lands oder der Tür­kei auf die­se geo­stra­te­gi­sche Schar­nier­re­gi­on mög­lichst klein zu hal­ten. Ein Ein­fluss, der ge­schicht­lich und kul­tu­rell-ge­sell­schaft­lich zwei­fels­oh­ne ge­ge­ben ist, wirt­schaft­lich aber ver­nach­läs­si­gens­wert er­scheint (das Han­dels­vo­lu­men mit der EU be­läuft sich auf 73, je­nes mit Russ­land auf nicht ein­mal fünf Pro­zent).

Nur kann das na­tür­lich nicht ewig so wei­ter­ge­hen. Wer­den Ver­spre­chen im­mer nur wie­der­holt und nie ein­ge­löst, geht der Glau­be dar­an ver­lo­ren. Und ge­nü­gend po­li­ti­schen Spreng­stoff, auch für Eu­ro­pa, bie­tet die Re­gi­on wei­ter­hin. Bei­spie­le hier­für gibt es zu­hauf. So ka­men die meis­ten Flücht­lin­ge im Jahr 2015 über die Bal­kan­rou­te nach Eu­ro­pa. Die Krie­ge in den 90ern ha­ben den Bal­kan zu ei­nem rie­si­gen Re­ser­voir an Hand­feu­er­waf­fen ge­macht. Fast al­le Re­gie­rungs­chefs zei­gen ein Fai­b­le für au­to­kra­ti­sche Ten­den­zen, schü­ren na­tio­na­lis­ti­sche Ängs­te und Hass auf die Nach­barn.

Kurz­um, den Men­schen in den Län­dern des West­bal­kan soll­te die EU noch stär­ker als bis­lang zur Sei­te ste­hen. Sie wird dort tat­säch­lich ge­braucht. Wenn dann, wie ges­tern ge­sche­hen, auch auf dem ers­ten West­bal­kanGip­fel seit 15 Jah­ren der Iran und Trump im Mit­tel­punkt ste­hen, ist das ein wahr­li­cher Jam­mer.

ab­ack@ta­ge­blatt.lu

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