Tad­ler lässt die Pup­pen tan­zen

PFINGST­WO­CHEN­EN­DE Ma­rio­net­ten­fes­ti­val im Ös­ling

Tageblatt (Luxembourg) - - Objekttheater - Clau­de Mo­li­na­ro

2001 ent­schloss sich das Künst­ler­kol­lek­tiv Mas­ké­na­da, der ur­al­ten Tra­di­ti­on des Ma­rio­net­ten­thea­ters neu­es Le­ben ein­zu­hau­chen. Mit Er­folg: 2016 lock­te das Fes­ti­val fast 5.000 Zu­schau­er nach Tad­ler. Eins vor­weg: Es heißt zwar Ma­rio­net­ten­fes­ti­val, doch ge­nau ge­nom­men wer­den nur in ei­ner Hand­voll der an­ge­bo­te­nen Stü­cke klas­si­sche Ma­rio­net­ten be­nutzt, d.h. Pup­pen, die an Fä­den be­fes­tigt sind und auf die­se Wei­se von ei­nem Pup­pen­spie­ler be­wegt wer­den.

Die­ses Jahr wer­den in Tad­ler 20 Stü­cke auf­ge­führt, dar­un­ter drei in­ter­na­tio­nal aus­ge­zeich­ne­te Pro­duk­tio­nen: DJ Friet­ma­chi­ne (NL), Ma­no­vi­va (IT) und Le cha­pe­ron rouge (F).

Bei den lu­xem­bur­gi­schen Pro­duk­tio­nen ist das Wort Pup­pen­oder Ob­jekt­thea­ter an­ge­brach­ter, wie z.b. bei den zwei Stü­cken von An­nick Sin­ner. „D’Gol­die an déi dräi Bie­ren“sei ei­ne sehr ein­fa­che Ge­schich­te für klei­ne Kin­der ab an­dert­halb Jah­ren, er­klär­te sie uns. Es geht in dem Stück viel um Grö­ßen, um Dick­ten, um Farb­tö­ne, um laut und lei­se, schnel­len und lang­sa­men Rhyth­mus, dunk­le und hel­le Stim­men. Be­glei­tet wird sie bei ih­rer Dar­bie­tung vom Ak­kor­deo­nis­ten Eric Fal­che­ro.

Sin­ner hat al­le Ob­jek­te selbst ge­bas­telt. Ur­sprüng­lich soll­ten die drei Bä­ren durch rus­si­sche Ma­trjosch­ka-Pup­pen dar­ge­stellt wer­den. Da sie aber kei­ne ge­fun­den ha­be, die groß ge­nug sind, ha­be sie sie sel­ber aus Kar­ton­röh­ren ge­baut. Ne­ben den Fi­gu­ren ge­stal­tet sie auch die Büh­ne sel­ber.

Ent­ge­gen dem klas­si­schen Ma­rio­net­ten­thea­ter, wo die Pup­pen­spie­ler für das Pu­bli­kum oft ver­steckt sind, ist Sin­ner beim Spie­len die gan­ze Zeit sicht­bar. Die Fi­gu­ren hält sie beim Spie­len di­rekt in den Hän­den. Die Ob­jek­te wür­de ihr al­ler­dings die Ar­beit ver­ein­fa­chen, sagt sie: „Durch die Pup­pen ste­he ich nicht ganz 'nackt' auf der Büh­ne.“

Ihr zwei­tes Stück „D’Sch­néi­witt­chen an déi si­wen Zwer­gen“(für Kin­der ab drei Jah­ren) ba­sie­re auf der Näh­kis­te, die sie von ih­rer Oma ge­erbt ha­be. Sie ha­be ge­merkt, dass man aus den Ob­jek­ten, die dar­in ent­hal­ten sind, ein­fach Zwer­ge bas­teln kön­ne – und Schnee­witt­chen und die bö­se Kö­ni­gin mit nur ein paar Re­qui­si­ten.

Der Weg zum Ob­jekt­thea­ter kam für An­nick Sin­ner über ih­ren Be­ruf als Kin­der­gärt­ne­rin. Sie er­zäh­le qua­si je­den Tag in der Schu­le Ge­schich­ten und seit 20 Jah­ren il­lus­triert sie auch Bü­cher. „Ir­gend­wie ist das Ob­jekt­thea­ter ei­ne lo­gi­sche Fol­ge der bei­den Ak­ti­vi­tä­ten.“Das Schö­ne dar­an sei, dass man kei­ne Rie­sen­ob­jek­te brau­che, um die Kin­der zu be­geis­tern. Aber nicht nur Kin­der. Zwei Stü­cke – „D’Maus Ket­ti“und „De Wëll­ef­chen an de Fi­ischen“– ha­be sie in Ly­ze­en auf­ge­führt und auch die grö­ße­ren Kin­der lie­ßen sich noch ver­zau­bern.

Am meis­ten fas­zi­nie­re sie beim Ob­jekt­thea­ter, dass sie sel­ber noch be­geis­tert sei, wenn sie sich so et­was an­se­he: „Es ist fas­zi­nie­rend, wie we­nig man braucht, um in ei­ne Ge­schich­te hin­ein­ge­zo­gen zu wer­den, um sich ver­zau­bern zu las­sen und dass man mit klei­nen Din­gen ei­ne an­de­re Welt er­schaf­fen kann.“

Ge­sell­schafts­kri­tik im Hüh­ner­stall

Bei dem Stück „Ei, Ei, Ei?!“von Lin­da Bon­vi­ni und Lui­sa Be­vil­ac­qua geht es um die ewi­ge Fra­ge, ob das Ei vor der Hen­ne kam oder um­ge­kehrt. Da­bei wer­de auch die Be­zie­hung zwi­schen Tier und Mensch be­leuch­tet, er­klär­te uns Bon­vi­ni, die das Stück in­sze­nier­te. (Lui­sa Be­vil­ac­qua ist die Pup­pen­spie­le­rin.) „Wir ma­chen ein klei­nes Porträt un­se­rer Kon­sum­ge­sell­schaft und wer­fen ei­nen kri­ti­schen Blick auf die Mas­sen­tier­hal­tung.“

The­men­ge­recht be­fin­det sich die Büh­ne in ei­nem Hüh­ner­stall und die Zu­schau­er sit­zen auf Heu­bal­len. Auch bei „Ei, Ei, Ei?!“han­delt es sich nicht um klas­si­sches Ma­rio­net­ten­thea­ter. Be­nutzt wer­den Ob­jek­te aus dem All­tag und sel­ber ge­bas­tel­te. „Es ist ei­ne re­la­tiv ex­ak­te Ar­beit, um das rich­ti­ge Ob­jekt zu fin­den. Ei­ni­ge fan­den wir auf Floh­märk­ten, an­de­re muss­ten wir bas­teln.“

Un­ter­re­prä­sen­tier­tes Gen­re in Lu­xem­burg

Lin­da Bon­vi­ni ist haupt­be­ruf­lich Re­gis­seu­rin und Thea­ter­päd­ago­gin, dies ist aber ih­re ers­te Ar­beit für Kin­der. „Ob­jekt­thea­ter liegt uns bei­den sehr am Her­zen, doch ich per­sön­lich ha­be den Ein­druck, dass die­ses Gen­re in Lu­xem­burg un­ter­re­prä­sen­tiert ist, was scha­de ist“, er­klär­te sie.

Von ihr als Thea­ter­pro­fi woll­ten wir wis­sen, wor­in sich das Ob­jekt­thea­ter vom her­kömm­li­chen un­ter­schei­det. „Die Ar­beit mit Ob­jek­ten ist ei­ne sehr mi­nu­tiö­se. Sehr de­tail­liert, et­was, das man sich kaum vor­stel­len kann. Wo steht das Ob­jekt auf dem Tisch? Wie wir es da hin­ge­stellt? In wel­che Rich­tung schaut es? Es ist mei­ner Mei­nung nach das Gen­re, das die größ­te De­tail­ar­beit ver­langt, da­mit es funk­tio­niert.“

Das Stück rich­te sich an Kin­der ab acht Jah­ren. Er­wach­se­ne könn­ten es sich aber eben­falls an­se­hen, oh­ne dass sie sich un­ter­for­dert fühl­ten. „Die ers­te Fra­ge, die wir uns stell­ten, war nicht 'Was ma­chen wir für Kin­der', son­dern 'Was ma­chen wir?'. 'Ei, Ei, Ei?!' be­han­delt uni­ver­sel­le The­men, nichts, was un­ter die Gür­tel­li­nie geht.“

Erst als die Handlung fest­stand, ha­ben die bei­den den Wort­schatz an ein jün­ge­res Pu­bli­kum an­ge­passt. Schwie­ri­ge Wör­ter wür­den durch die Ob­jek­te und die Handlung er­klärt wer­den. „Wenn man sich das Gan­ze oh­ne Ob­jek­te vor­stellt, müss­ten wir viel mehr re­den. Hät­ten wir zu­erst ei­nen Text ge­schrie­ben, hät­ten wir wahr­schein­lich ei­ne Men­ge Ar­beit um­sonst ge­tan. Das, was wir sa­gen, ist auch das, was not­wen­dig ist.“

Den Rest er­zäh­len, par­don, spie­len die Pup­pen.

Un­ter den 20 Stü­cken be­fin­det sich auch die in­ter­na­tio­nal aus­ge­zeich­ne­te Pro­duk­ti­on „Le cha­pe­ron rouge“

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