An­ar­chie ist mach­bar

OT­TO WAALKES Blö­deln, knö­deln, jö­deln

Tageblatt (Luxembourg) - - Biografie - Oli­ver Sei­fert

Kurz vor sei­nem 70. Ge­burts­tag ver­öf­fent­licht der gro­ße deut­sche Ko­mi­ker Ot­to Waalkes sei­ne Au­to­bio­gra­fie „Klein­hirn an al­le“. Das al­les war ab­zu­se­hen. Als Vier­jäh­ri­ger liest er in der Eck­knei­pe Bild-Schlag­zei­len vor (für zehn Pfen­nig Pau­schal­ho­no­rar), als Fünf­jäh­ri­ger führt er Pup­pen­spie­le im Hin­ter­hof auf (für zwei Pfen­nig Ein­tritt pro Per­son). Ot­to Ger­hard, ge­ru­fen „Ott­je“, sucht früh die Öf­fent­lich­keit für sei­ne Ta­len­te, spä­ter in der Schu­le zeich­net er Ka­ri­ka­tu­ren von Leh­rern und Mit­schü­lern, auch ers­te mu­si­ka­li­sche Vor­trä­ge sind zu bestau­nen.

Der zier­li­che, eher schüch­ter­ne Jun­ge kann nicht an­ders, lässt sei­ner Viel­sei­tig­keit frei­en Lauf, sucht die Büh­ne als sei­nen na­tür­li­chen Ort der Selbst­ver­wirk­li­chung. Nach­dem die Kar­rie­re als Front­mann der Beat­band The Rust­lers noch als Te­enager jäh be­en­det ist, stellt sich die Fra­ge, wie geht es wei­ter?

Dass es wei­ter­geht, als Front­mann in ir­gend­ei­ner an­de­ren künst­le­risch ex­po­nier­ten Funk­ti­on, ist son­nen­klar, für Ot­to Ger­hard Waalkes, vor 70 Jah­ren am 22. Ju­li 1948 in Em­den ge­bo­ren, und für al­le, die ihn ken­nen. Was soll er auch tun? Nach dem Abi ist er in al­len Jobs gran­di­os ge­schei­tert, ob als Werft­mit­ar­bei­ter (nicht schwin­del­frei), Fo­to­gra­fen­hil­fe (zu un­ter­for­dert), Mö­bel­pa­cker (zu schwach) oder Wä­sche­aus­fah­rer (zu un­zu­ver­läs­sig). Auch das Stu­di­um der Kunst­päd­ago­gik mit der Per­spek­ti­ve als Leh­rer: nicht wirk­lich was für ihn. Al­so bas­telt er an ei­nem mu­si­ka­li­schen So­lo­pro­gramm, in­ter­pre­tiert Songs, er­zählt Wit­ze, gibt den schrä­gen Al­lein­un­ter­hal­ter.

Voll­tref­fer, das Pu­bli­kum in den klei­nen Bars und Kn­ei­pen bee­umelt sich, der jun­ge Mann Mit­te 20 hat sei­ne Be­ru­fung ge­fun­den: als Ko­mi­ker, der schnell zur deut­schen Hu­mor-In­stanz wird.

Amü­san­tes Cre­do ei­ner Exis­tenz

Wenn Ot­to, wie ihn die Welt nur kurz nennt, in sei­ner ge­ra­de er­schie­ne­nen Au­to­bio­gra­fie „Klein­hirn an al­le“gleich im Vor­wort be­tont, ei­gent­lich nichts wei­ter ge­macht zu ha­ben, als „zu blö­deln, zu knö­deln und zu jö­deln“, dann ist es auch das amü­san­te Cre­do ei­ner Exis­tenz, die für ihn eben die­se ei­ne Mis­si­on be­reit­hal­ten konn­te und woll­te. Ei­ne lo­gi­sche Ent­wick­lung, ei­ne le­bens­lan­ge Lei­den­schaft, ei­ne phä­no­me­na­le Leis­tung. Das kann gar nicht oft ge­nug her­vor­ge­ho­ben und ge­wür­digt wer­den, ins­be­son­de­re in An­be­tracht der spät ge­bo­re­nen Ge­ne­ra­tio­nen, für die Ma­rio Barth und Mi­ckie Krau­se die Spaß-Kö­ni­ge der Na­ti­on dar­stel­len und de­nen Ot­to als skur­ri­les Fak­to­tum längst un­ter­ge­gan­ge­ner ul­ki­ger Zwer­gen­rei­che gilt.

Denn der Ost­frie­se macht Stand-up-Come­dy, als der Be­griff noch nicht er­fun­den ist, sei­ne ab­wechs­lungs­rei­chen Al­bern­hei­ten sind chao­ti­sche Pio­nier­ta­ten zur Be­grün­dung ei­nes Gen­res im deutsch­spra­chi­gen Raum. Ot­to ist Ot­to, kei­ne Fi­gur, kei­ne Rol­le, ei­ne na­tür­lich wit­zi­ge Per­son oh­ne dop­pel­te Iden­ti­tä­ten. Das ist Teil des Ot­to-Prin­zips, des­sen klu­ge Sch­licht­heit und cle­ve­re Ef­fi­zi­enz nicht Kon­zept markt­na­her Kul­tur­pro­duk­ti­on sind, son­dern Er­geb­nis­se des Zu­falls und der Im­pro­vi­sa­ti­on („An­ar­chie war mach­bar“). Ot­to macht, was Ot­to kann, Ot­to darf, was Ot­to will.

In Sket­chen und Par­odi­en, sa­ti­ri­schen Qui­ckies, lied­haf­ten Ver­ball­hor­nun­gen, ge­reim­tem Non­sens, gro­tes­ken Zeit­por­träts, in Büh­nen­shows, Ki­no­fil­men und Fern­seh­se­ri­en, als Ko­mi­ker, Schau­spie­ler, Re­gis­seur, Ka­ri­ka­tu­rist, Mu­si­ker, Syn­chron­spre­cher – als Ot­to. Se­ri­ös ins De­tail zu ge­hen bei die­sem rie­si­gen OEu­vre, ist schier un­mög­lich. Er­spa­ren wir uns be­lie­bi­ge Bei­spie­le, je­der hat si­cher­lich sei­nen größ­ten Ot­to-Mo­ment pa­rat!

Mö­gen die glor­rei­chen Zei­ten der Ot­to­ma­nia auch Jah­re zu­rück­lie­gen, vie­les ist in den ko­mi­schen Ka­non auf­ge­nom­men und wird ganz selbst­ver­ständ­lich zi­tiert. In sei­nem zu­rück­bli­cken­den Buch – mehr Er­in­ne­run­gen als Au­to­bio­gra­fie – ver­sucht Ot­to Waalkes erst gar nicht, den Ur­sa­chen sei­nes Er­fol­ges de­zi­diert nach­zu­spü­ren, son­dern dankt lie­ber in al­ler Be­schei­den­heit und De­mut den Ga­ran­ten: sei­nem fort­wäh­ren­den Glück (wird sehr oft her­vor­ge­ho­ben!), sei­nem Ma­na­ger Hans Ot­to Mer­tens und sei­nen Au­to­ren aus der Neu­en Frank­fur­ter Schu­le Ro­bert Gern­hardt, Pe­ter Knorr und Bernd Ei­lert, der auch bei „Klein­hirn an al­le“mit­ge­hol­fen hat. Kon­kre­te Plä­ne ha­ben ihn so­wie­so nie ge­reizt, we­der fürs Le­ben noch für die Kar­rie­re, Un­er­war­te­tes und Über­ra­schen­des schon mehr.

Da­für ste­hen auch von ihm frei­mü­tig be­schrie­be­ne Ei­gen­schaf­ten wie Unor­dent­lich­keit, Ver­gess­lich­keit, Sprung­haf­tig­keit, Spon­ta­ni­tät, Fle­xi­bi­li­tät; man­che von Vor­teil, man­che we­ni­ger. Pri­va­te Schwä­chen und Feh­ler kom­men in der kri­ti­schen Wür­di­gung sei­ner selbst aus­gie­big zur Spra­che, nicht nur we­gen zwei ge­schei­ter­ten Ehen.

Was Ot­tos Er­in­ne­rungs­buch so le­sens­wert macht, ist aber nicht nur der dif­fe­ren­zie­ren­de, sach­li­che und doch hei­te­re Ton, son­dern die Ver­knüp­fung wich­ti­ger Le­bens­da­ten mit Re­fle­xio­nen ei­ner­seits über Be­son­der­hei­ten der je­wei­li­gen Zeit und an­de­rer­seits über Be­grif­fe wie Er­folg, Pro­mi­nenz, Öf­fent­lich­keit, Ko­mik, Kunst, Gott, Fans. „Klein­hirn an al­le“ist al­so – trotz des ein­deu­ti­gen Ru­fes des Au­tors – al­les an­de­re als ein Scherz­ar­ti­kel, bie­tet ne­ben Bio­gra­fie auch Kul­tur­ge­schich­te und Ge­sell­schafts­ana­ly­se. So viel Tief­gang in so vie­len Zei­len von ei­nem für sei­ne ober­fläch­li­che, ba­na­le Wit­zig­keit Ge­schol­te­nen, der obend­rein ei­ne Kri­tik sei­nes Spät­werks gleich mit­lie­fert: „Was hät­te ich an­de­rer­seits denn ma­chen sol­len, die letz­ten 30 Jah­re?“

Hier ist halt ei­ner noch für Über­ra­schun­gen gut: Ot­to der Gro­ße als ge­bil­de­ter Herr­scher über des lus­ti­ge, einst mäch­ti­ge Ot­to-Im­pe­ri­um, das nie un­ter­geht, selbst wenn es über die Jah­re wei­ter schrumpft. Nicht nur sei­ne ewig treu­en Ge­folgs­leu­te, für die in ei­ner sym­pa­thi­sche­ren Welt Be­zeich­nun­gen wie Ot­to­ma­nen oder Ot­to Nor­mal­ver­brau­cher kre­iert wor­den wä­ren, wis­sen das.

Newspapers in German

Newspapers from Luxembourg

© PressReader. All rights reserved.