Cham­ping

NICHT AL­LE BETEN, DIE IN DIE KIR­CHE GE­HEN

Tageblatt (Luxembourg) - - Forum - Frank Ber­te­mes

Und die­ses Zitat ei­nes Un­be­kann­ten dürf­te wohl be­kannt sein. Ge­nau­so wie Jo­hann Wolf­gang von Goe­thes mehr als zu­tref­fen­de Fest­stel­lung: „Es ist gar viel Dum­mes in den Sat­zun­gen der Kir­che. Aber sie will herr­schen, und da muss sie ei­ne bor­nier­te Mas­se ha­ben, die sich duckt und die ge­neigt ist, sich be­herr­schen zu las­sen. Die ho­he reich­do­tier­te Geist­lich­keit fürch­tet nichts mehr als die Auf­klä­rung der un­tern Mas­sen.“ Die­se Mas­se, die heut­zu­ta­ge viel­leicht „auf­ge­klärt“sein mag, doch die Ma­chen­schaf­ten der Una Sanc­ta Ca­tho­li­ca trotz­dem wei­ter­hin zu er­tra­gen be­reit zu sein scheint – trotz der im Ma­ri­en­lan­de „voll­zo­ge­nen“Tren­nung des Staa­tes von al­len Kir­chen?

Mit­nich­ten – ist der mün­di­ge und kri­ti­sche Bür­ger an die­ser Stel­le wie­der ein­mal ge­neigt zu be­mer­ken. Und die­se Fest­stel­lung der durch­aus noch mit sehr viel Luft nach oben ver­blei­ben­den Rest­ar­beit in punc­to „Tren­nung“und ef­fi­zi­en­tem Lai­zis­mus konn­te die­ser re­li­gi­ons­re­sis­ten­te Bür­ger erst kürz­lich in ei­nem im „Ge­men­ge­rei­der“sei­ner Ge­mein­de ver­öf­fent­lich­ten kom­mu­na­len Bud­get­pos­ten aus­ma­chen.

Ein Bud­get, in dem ei­ne be­acht­li­che Sum­me an Steu­er­gel­dern des Wahl­vol­kes in di­ver­se Ar­bei­ten an ei­ner der Kir­chen der Ge­mein­de „in­ves­tiert“und der Ein­woh­ner­schaft völ­lig läs­sig in dem er­wähn­ten Be­richt prä­sen­tiert wur­de.

Wohl­wis­send na­tür­lich, dass die­ses mehr­heit­lich nichts mit Kir­che und de­ren we­nig be­such­ten „Ver­an­stal­tun­gen“am Hut hat und so, als ob rein gar nichts im Kon­text Tren­nung von Kir­che und Staat pas­siert wä­re.

Das Prin­zip: „Wei­ter so“

Das völ­lig un­ge­niert nach dem Prin­zip: Wei­ter so! Ach, ist dem denn wirk­lich so?

Es gibt je­den­falls im­mer mehr kri­ti­sche Stim­men, die ei­ne wah­re und ra­di­ka­le Tren­nung der Kir­chen vom Geld des Steu­er­zah­lers in re­al for­dern und de­nen die er­ziel­ten Er­geb­nis­se im „Kampf“ge­gen Kir­chen und Kir­chen­fa­bri­ken noch längst nicht weit ge­nug ge­hen. Denn um was es den Kle­ri­ka­len und ih­ren di­ver­sen U-Boo­ten (meint Un­ter­or­ga­ni­sa­tio­nen) wirk­lich geht, dürf­te ob der Er­eig­nis­se der letz­ten Mo­na­te wahr­lich längs­tens be­kannt sein …

Und nach die­sen ein­lei­ten­den Be­mer­kun­gen dann zum ei­gent­li­chen The­ma die­ses Bei­tra­ges, dem Cham­ping – nein, oh­ne ein „H“zu viel … Es gibt die­sen sin­ner­wei­ter­ten eng­li­schen Be­griff näm­lich durch­aus. Ein mo­der­ner Aus­druck, der eben im Kon­text „Kir­che“zu ver­ste­hen ist.

Cham­ping, das sim­ple Kon­zept des Cam­pings in al­ten Kir­chen. Ne­ben dem Aus­druck „Glam­ping“, der gla­mou­rö­ses Cam­ping be­deu­tet, gibt es in En­g­land seit ei­ni­gen Jah­ren ei­nen neu­en Trend: „Cham­ping“eben – ei­ne Mi­schung aus Church (engl. Kir­che) und – ja ge­nau – Cam­ping. In al­ten Kir­chen schla­fen, es­sen, trin­ken … Weil es im­mer we­ni­ger Kirch­gän­ger gibt, ließ man sich et­was an­de­res ein­fal­len.

Zum Teil wer­den Kir­chen ent­weiht und für pri­va­te Zwe­cke ver­kauft oder eben von Mon­tag bis Sams­tag an­der­wei­tig ge­nutzt. Oder auch ein Ho­tel aus der Kir­che ent­ste­hen las­sen: Es­sen, wo frü­her ge­be­tet wur­de, Fernsehen, wo einst das Hoch­zeits­paar ein­mar­schier­te … Hier trifft his­to­risch auf mo­dern, der Charme kann blei­ben, trotz Um­funk­tio­nie­rung. Sta­tu­en, Säu­len, Gie­bel kön­nen er­hal­ten blei­ben, So­fas, Ti­sche und The­ke ein­fach drum­her­um ge­baut wer­den, Früh­stück gibt es im Kir­chen­schiff … „Kir­che“ein­mal völ­lig an­ders er­le­ben – und auch für At­he­is­ten für ein­mal wie­der in­ter­es­sant!

Zum Cham­ping dann: Für den kom­men­den Som­mer bie­ten die Be­trei­ber in En­g­land 26 al­te Kir­chen zum Cham­ping an, Cam­ping-Kir­chen, die man zwi­schen dem 26. März und dem 30. Sep­tem­ber bu­chen kann. In­di­vi­du­ell, ver­steht sich – ein Zwangs­cam­ping mit an­de­ren Nut­zern ist al­so aus­drück­lich nicht vor­ge­se­hen. In ge­ne­rell un­be­heiz­ten Kir­chen (man ver­weist auf die im Prin­zip an­ge­neh­me Küh­le in­ner­halb der Kir­chen­ge­bäu­de im Som­mer) hat der Kom­fort na­tür­lich sei­ne Gren­zen, ori­en­tiert sich das Cham­ping in der Tat eher an Cam­ping-Aus­rüs­tung als an Lu­xus­ho­tels …

Was kann man dar­aus schlie­ßen?

Kir­chen trotz­dem im Dorf las­sen

Wenn man sich die Tat­sa­che der ge­ne­rell eher leer ste­hen­den Kir­chen be­wusst ist und die Kir­che trotz­dem „im Dorf“las­sen will (und das auf Kos­ten al­ler Ein­woh­ner*in­nen ei­ner Dorf­ge­mein­schaft), so soll­te man sich als Ge­mein­de­ver­ant­wort­li­che ei­ne mög­lichst sinn­vol­le Nut­zung die­ser Ge­bäu­de mit oft in­ter­es­san­ter Ar­chi­tek­tur über­le­gen – his­to­ri­scher Ge­bäu­de, die man durch­aus er­hal­ten soll.

Denn die „klas­si­sche“Art der Kir­chen­nut­zung mit oft nur mehr sel­te­nen Got­tes­diens­ten hat ganz ein­fach aus­ge­dient.

Das The­ma Um­nut­zung und Leer­stand von Kir­chen müss­te egal wie auch hier­zu­lan­de erns­ter ge­nom­men wer­den und ent­spre­chen­de Ide­en in den Ge­mein­den mit den Bür­ge­rin­nen und Bür­gern dis­ku­tiert wer­den. Wie sind die Kos­ten die­ser Im­mo­bi­li­en, die man durch­aus er­hal­ten soll­te, denn ehr­lich und dies ob der be­kann­ten Si­tua­ti­on noch prak­ti­zie­ren­der „Chris­ten“zu recht­fer­ti­gen? Rie­si­ge Kos­ten, die oh­ne ir­gend­ei­ne De­bat­te mit der Ein­woh­ner­schaft, die die­se Ge­bäu­de mehr­heit­lich sel­ten bis nie be­tre­ten, ein­fach so von den Steu­er­gel­dern fi­nan­ziert wer­den? Um ei­nen ge­le­gent­li­chen Got­tes­kult zu pfle­gen, ei­ner Fa­bel­ge­stalt „Gott“zu hul­di­gen, ei­nen Form­got­tes­dienst vor spär­li­chem Pu­bli­kum ab­zu­hal­ten, al­so ins­ge­samt ge­se­hen ei­ne Ver­an­stal­tung in di­ver­sen For­men und Ak­ten auf­recht­zu­er­hal­ten, mit der die we­nigs­ten über­haupt noch ir­gend­et­was am Hut ha­ben? Auf Kos­ten al­ler Steu­er­zah­ler?

Ei­ne ent­spre­chen­de De­bat­te mit mehr Krea­ti­vi­tät im Sin­ne ei­nes Er­halts und ei­ner sinn­vol­len Nut­zung von Kir­chen kann je­den­falls kein Feh­ler sein. Aus­stel­lungs - und Kon­zer­träu­me, Bi­b­lio­the­ken, Ate­liers und Ver­samm­lungs­räu­me für Ver­ei­ne, Buch­hand­lun­gen, kom­bi­nier­ter Wohn­raum mit Ki­nos, Ca­fés, Re­stau­rants usw. , vie­les wä­re mög­lich.

Cham­ping als Reiz­wort in die­sem Kon­text ist al­so nur ei­ner der mög­li­chen Vor­schlä­ge …

Und noch ein­mal Goe­the zum Schluss: „Es gilt am En­de doch nur: Vor­wärts!“

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