Der Neu­an­fang

Ein an­de­rer Blick auf die Neu­wah­len von 2013

Tageblatt (Luxembourg) - - Vorderseite - Pol Schock

Vor fünf Jah­ren kam es in Lu­xem­burg zu Neu­wah­len. Für die CSV ist bis heu­te je­der dar­an schuld – au­ßer die Kon­ser­va­ti­ven selbst. Kurz vor den Wah­len im Herbst hat sich an die­sem ver­ein­fa­chen­den Nar­ra­tiv nichts ge­än­dert. Ging es je­doch nur um die Macht­po­li­tik von „Gam­bia“? Oder gab es tat­säch­lich Miss­stän­de, die Neu­wah­len un­aus­weich­lich mach­ten? Un­ser et­was an­de­rer Blick.

Vor fünf Jah­ren kipp­te die CSV-LSAPRe­gie­rung. Für die CSV wa­ren die Schul­di­gen schnell aus­ge­macht: „Al­le, au­ßer wir!“Kurz vor den be­vor­ste­hen­den Wah­len im Herbst scheint sich die­ses Nar­ra­tiv de­fi­ni­tiv durch­zu­set­zen: Es ging da­mals le­dig­lich um Macht­po­li­tik – al­so dar­um, die CSV zu stür­zen. Aber stimmt das? War da nicht noch mehr? Ein Ge­gen­ent­wurf.

Ju­li 2013: Kurz vor 21 Uhr tritt Lau­rent Mo­sar (CSV) ans Red­ner­pult. Der Cham­ber­prä­si­dent at­met tief durch, blickt in den Plenar­saal. Seit fast sie­ben St­un­den tagt das Par­la­ment nun un­un­ter­bro­chen. Die Op­po­si­ti­ons­par­tei­en ha­ben ge­mein­sam mit der LSAP die Re­gie­rung bis aufs Äu­ßers­te at­ta­ckiert – oder das, was noch von

der Re­gie­rung üb­rig ge­blie­ben ist. Je­an-Clau­de Juncker hat sich wäh­rend zwei St­un­den ver­sucht, zu recht­fer­ti­gen, der Pre­mier hät­te auch län­ger ge­re­det, ge­fi­li­bus­tert, wenn man ihn ge­las­sen hät­te. Mo­sar ist mü­de, die Mi­nis­ter sind mü­de, die Par­la­men­ta­ri­er sind mü­de. Al­so macht der Cham­ber­prä­si­dent es kurz: „Nach den Er­eig­nis­sen der ver­gan­ge­nen Wo­chen, Ta­ge, St­un­den er­lau­be ich mir, je­dem Ein­zel­nen ge­ruh­sa­me Ta­ge in den nächs­ten Wo­chen zu wün­schen. Ich be­dan­ke mich und da­mit ist die Sit­zung auf­ge­ho­ben.“Som­mer­fe­ri­en. En­de der Ge­schich­te.

Doch nichts war klar. Über­haupt nichts war klar. Die Cham­ber hat­te ver­säumt, über die Miss­trau­ens­an­trä­ge ab­zu­stim­men. Sie hat­te ver­säumt, der Re­gie­rung das Ver­trau­en zu ent­zie­hen. Sie hat­te ge­schwie­gen. Und auch die Re­gie­rung war nicht zu­rück­ge­tre­ten. Juncker hat­te le­dig­lich an­ge­kün­digt, er wür­de dem Groß­her­zog Neu­wah­len vor­schla­gen. Ein­fach so, oh­ne Rück­tritt, oh­ne Ver­ant­wor­tung zu über­neh­men, oh­ne de­mo­kra­ti­sche Le­gi­ti­ma­ti­on. Der Pre­mier hat die Volks­ver­tre­ter schlicht­weg über­gan­gen.

Bis heu­te ist nicht klar, war­um Lau­rent Mo­sar die An­trä­ge nicht zur Ab­stim­mung brach­te. Und bis heu­te ist auch nicht klar, was Je­an-Clau­de Juncker, der Chef der Exe­ku­ti­ve, mit Lau­rent Mo­sar, dem Chef der Le­gis­la­ti­ve, in ei­ner Ecke des Plenar­saals be­spro­chen hat, kurz be­vor die Par­la­men­ta­ri­er in die Fe­ri­en ge­schickt wur­den.

Aber klar ist: Der 10. Ju­li 2013 soll­te ei­ne par­la­men­ta­ri­sche Stern­stun­de wer­den. Der Tag wur­de je­doch zum De­ba­kel. Es war der Hö­he­punkt der in­sti­tu­tio­nel­len Kri­se Lu­xem­burgs un­ter Pre­mier Je­an-Clau­de Juncker.

Ver­häng­nis­vol­le Af­fä­ren

Wie konn­te es so weit kom­men? Die Ant­wort liegt ir­gend­wo zwi­schen dem in­sti­tu­tio­nel­len Prag­ma­tis­mus in Lu­xem­burg und Je­an-Clau­de Junckers Nim­bus. Im Zwei­fel ent­schied der Re­gie­rungs­chef im Al­lein­gang bar je­der Ver­fas­sungs­grund­la­ge. Und im Zwei­fel wur­den in Lu­xem­burg Ar­ran­ge­ments ge­trof­fen – nach dem Mot­to: so in­sti­tu­tio­nell wie nö­tig, so in­for­mell wie mög­lich.

Die­ser Zu­stand führ­te in den Jah­ren zwi­schen 2009 und 2013 zu ei­ner Ku­mu­la­ti­on von Af­fä­ren, die den Rechts­staat ins Wan­ken brach­ten. Af­fä­re Num­mer eins: Wick­rin­gen-Liwin­gen. Seit 2009 schwel­te die­ser Kon­flikt, 2011 wur­de er öf­fent­lich, 2012 brach­te er die Re­gie­rung Juncker-As­sel­born II fast zum Plat­zen. Der Hin­ter­grund wa­ren zwei un­ter­schied­li­che Bau­pro­jek­te. Der Un­ter­neh­mer Jo­ël Rol­lin­ger woll­te in Wick­rin­gen ein Shop­ping­cen­ter bau­en und er­hielt da­für ei­ne Ge­neh­mi­gung. We­nig spä­ter gab die Re­gie­rung be­kannt, ein na­tio­na­les Fuß­ball­sta­di­on in Liwin­gen er­rich­ten zu wol­len – ge­mein­sam mit dem Un­ter­neh­mer Fla­vio Bec­ca. Da­mit sich das Pro­jekt, ei­ne so­ge­nann­te Pu­b­lic-pri­va­te-Part­nership, auch fi­nan­zi­ell aus­zah­len konn­te, in­ten­dier­ten Re­gie­rung und Bec­ca, ein Ein­kaufs­zen­trum zu bau­en. Das Pro­blem: Nur we­ni­ge Ki­lo­me­ter ent­fernt soll­te Rol­lin­gers Shop­ping­cen­ter ent­ste­hen.

Al­so in­ter­ve­nier­ten die Mi­nis­ter Je­anMa­rie Hals­dorf (CSV) und Jean­not Krecké (LSAP) so­wie Pre­mier Juncker zu­guns­ten von Bec­ca. Rol­lin­ger soll­te über­re­det wer­den, von sei­nem be­reits ge­neh­mig­ten Pro­jekt ab­zu­se­hen und mit in das Sta­di­on­pro-

Ich hät­te mir nie vor­stel­len kön­nen, dass aus­ge­rech­net die LSAP mir ein Bein stel­len wür­de

Je­an-Clau­de Juncker am 10. Ju­li 2013

jekt in Liwin­gen ein­zu­stei­gen. Im Ju­ni 2012 er­ho­ben die bei­den Ab­ge­ord­ne­ten François Bausch („déi gréng“) und Clau­de Meisch (DP) schließ­lich schwe­re Vor­wür­fe. Sie spra­chen von „Kor­rup­ti­on“und „Er­pres­sung“. Man ha­be zu­nächst ver­sucht, Rol­lin­gers Pro­jekt nach­träg­lich zu kip­pen, dann soll­te ihm ein An­ge­bot ge­macht wer­den, was er nicht ab­leh­nen konn­te. Hals­dorf soll ei­nen be­son­de­ren Zins­satz für Rol­lin­ger di­rekt bei Spar­kas­sen-Di­rek­tor Je­anClau­de Finck aus­ge­han­delt und Rol­lin­ger ver­bal ge­droht ha­ben, wäh­rend die Re­gie­rung den Trans­fer der Ge­schäfts­flä­chen von Wick­rin­gen nach Liwin­gen vor­bei an al­len ad­mi­nis­tra­ti­ven Pro­ze­du­ren be­schlos­sen ha­ben soll. Die Staats­an­walt­schaft er­mit­tel­te, konn­te je­doch nicht aus­rei­chend Be­wei­se fin­den.

Für die CSV-LSAP-Re­gie­rung war die­se Af­fä­re ei­ne Här­te­pro­be. Sie hielt aber zu­sam­men, da bei­de Par­tei­en in ei­nem Boot sa­ßen. Doch die­ses be­gann, zu brö­ckeln.

Luc Frie­den

Ein wei­te­rer Schritt in Rich­tung Ko­ali­ti­ons­bruch wa­ren die Af­fä­ren um Luc Frie­den. Zum ei­nen die Car­go­lux-Ge­schich­te. Frie­den ver­kauf­te 2012 im Al­lein­gang ein Drit­tel der Car­go­lux-Ak­ti­en an Qa­tar Air­ways. Oh­ne Ab­spra­che mit dem Ver­wal­tungs­rat und den an­de­ren Ak­tio­nä­ren. Als der un­or­tho­do­xe De­al pu­blik wird, muss sich Frie­den vor dem Par­la­ment ver­ant­wor­ten. Im No­vem­ber des­sel­ben Jah­res zieht sich Qa­tar Air­ways wie­der aus dem Lu­xem­bur­ger Flug­un­ter­neh­men zu­rück. Nur ei­nen Mo­nat spä­ter wird Frie­dens Haus­halts­ent­wurf von Juncker und Je­an As­sel­born (LSAP) des­avou­iert.

Ei­ne wei­te­re Af­fä­re um Frie­den lei­tet Ge­ne­ral­staats­an­walt Ro­bert Bie­ver ein. Er be­schul­dig­te den CSV-Mi­nis­ter der Ein­fluss­nah­me auf die Jus­tiz. Frie­den ha­be in sei­ner Zeit als Jus­tiz- und Po­li­zei­mi­nis­ter Druck auf Bie­ver und auf die Un­ter­su­chungs­rich­te­rin der „Bom­me­leeër“-Af­fä­re Do­ris Woltz aus­ge­übt. Er soll da­mals über die Er­mitt­lun­gen „nicht amü­siert“ge­we­sen sein und un­miss­ver­ständ­lich ge­fragt ha­ben: „Habt ihr sonst nichts zu tun?“

Die LSAP war nach die­sen Vor­wür­fen ei­gent­lich ge­willt, aus der Re­gie­rung zu tre­ten, wie es aus Krei­sen der LSAPSpit­ze heißt. Am 13. Ju­ni über­brach­ten Alex Bo­dry und Je­an As­sel­born Juncker die un­fro­he Bot­schaft. Der Pre­mier soll ge­fasst re­agiert ha­ben. Doch die Pres­se­kon­fe­renz von Ro­bert Bie­ver am sel­ben Mor­gen kipp­te die­se Ent­schei­dung. Bie­ver be­teu­ert bis heu­te, dass er Frie­den nicht ent­las­ten woll­te. Der Ge­ne­ral­staats­an­walt woll­te le­dig­lich be­to­nen, dass Frie­dens ver­such­te Ein­fluss­nah­me die Staats­an­walt­schaft nicht be­ein­druckt ha­be. Aber sei­ne Sät­ze wer­den von der Pres­se als Rück­zie­her ge­deu­tet. Die Stim­mung dreht sich, die LSAP auch.

Der Bruch

War­um Bie­ver ei­ne Pres­se­kon­fe­renz ein­be­ru­fen hat? We­gen der letz­ten und ent­schei­den­den Af­fä­re: der SREL-Af­fä­re. Im No­vem­ber 2012 war be­kannt ge­wor­den, dass der Ge­heim­dienst­chef Mar­co Mil­le ein Ge­spräch mit Je­an-Clau­de Juncker mit­tels prä­pa­rier­ter Arm­band­uhr auf­ge­zeich­net hat­te. Das Ge­spräch, in dem es um den Groß­her­zog, den „Bom­me­leeër“und ei­ne chif­frier­te CD ging, ge­lang an die Pres­se und in die Öf­fent­lich­keit. We­nig spä­ter be­schloss das Par­la­ment auf Initia­ti­ve der Op­po­si­ti­ons­par­tei­en, ei­nen Un­ter­su­chungs­aus­schuss ein­zu­set­zen, um die Un­ge­reimt­hei­ten des Ge­heim­diens­tes auf­zu­de­cken. Und was die­ser nach und nach ans Licht brach­te, war un­ge­heu­er­lich. Der SREL hat ein Ei­gen­le­ben ge­führt: il­le­ga­le Ab­hör- und Be­schat­tungs­ak­tio­nen, Geld­trans­fers so­wie Au­to­ver­käu­fe. Zu­dem das ge­ziel­te Er­stel­len von Dos­siers. Ei­nes da­von be­zog sich auf den Ge­ne­ral­staats­an­walt Ro­bert Bie­ver, der in der „Bom­me­leeër“-Af­fä­re er­mit­tel­te: Er soll­te durch Pä­do­phi­lie-Vor­wür­fe dis­kre­di­tiert wer­den. Und so war Bie­vers Pres­se­kon­fe­renz am 13. Ju­ni der Ver­such ei­nes Be­frei­ungs­schlags. Er woll­te sei­ne Eh­re und nicht Frie­den ret­ten.

Der Un­ter­su­chungs­aus­schuss konn­te schließ­lich nach­wei­sen, dass der Pre­mier für sämt­li­che Ver­feh­lun­gen des Ge­heim­diens­tes ver­ant­wort­lich war. Denn Juncker wuss­te von vie­len Rechts­brü­chen, wie er mit­tels „Sa­la­mi-Tak­tik“– al­so scheib­chen­wei­se – dem Aus­schuss ge­stand. Zu­dem un­ter­steht der Ge­heim­dienst dem Staats­mi­nis­ter – er ist al­so de ju­re im­mer ver­ant­wort­lich. Des­halb das Fa­zit des Be­richts: „La re­s­ponsa­bi­lité po­li­tique du mi­nist­re d’Etat est en­ga­gée.“

Und so kam es zur Sit­zung am 10. Ju­li vor fünf Jah­ren, bei der das Par­la­ment ei­gent­lich der Re­gie­rung die Le­gi­ti­ma­ti­on ent­zie­hen woll­te. Da­zu kam es nicht, es kam den­noch zu Neu­wah­len.

Die CSV sprach da­mals von ei­nem ab­ge­kar­te­ten Spiel, von ei­nem Kuh­han­del und sah sich in der Op­fer­rol­le. Es sei ein­zig und al­lei­ne dar­um ge­gan­gen, sie zu stür­zen. Und es stimmt: In al­len po­li­ti­schen Krei­sen war die Er­kennt­nis ge­wach­sen, dass ei­ne Re­gie­rung oh­ne CSV an­zu­stre­ben sei. Ei­ne Op­po­si­ti­on, die nur mahnt, aber nicht zu­packt, die le­dig­lich bellt, aber nicht zu­beißt, ist je­doch ei­ne Far­ce. Ver­ein­facht aus­ge­drückt: In der Po­li­tik geht es im­mer auch um Po­li­tik. Doch eben auch um mehr: um Recht­staat­lich­keit und de­mo­kra­ti­sche Prin­zi­pi­en. Die Af­fä­ren sind kei­ne Er­fin­dung von „Gam­bia“. Sie sind Grund­la­ge für den Bruch von 2013. Für den Neu­an­fang, die St­un­de null.

10. Ju­li 2013: Der Tag, an dem das Par­la­ment die Re­gie­rung stür­zen woll­te

Die Cham­ber tag­te mehr als sie­ben St­un­den – zum Schluss wur­de je­doch ver­ges­sen, über die Miss­trau­ens­an­trä­ge ab­zu­stim­men

Newspapers in German

Newspapers from Luxembourg

© PressReader. All rights reserved.