Durch­bruch für Was­ser­stoff

EI­SEN­BAHN Zü­ge mit Brenn­stoff­zel­len sol­len sol­che mit Die­sel­mo­to­ren er­set­zen

Tageblatt (Luxembourg) - - Economie | Technik - Hel­mut Wyr­wich

In Deutsch­land hat das Bun­des­amt für Ei­sen­bah­nen erst­mals ei­nem mit Was­ser­stoff an­ge­trie­be­nen Zug die Be­triebs­ge­neh­mi­gung er­teilt.

Der (noch) fran­zö­si­sche Kon­zern Al­st­om wird künf­tig sein Mo­dell Co­ra­dia iLint mit Was­ser­stoff be­trie­ben auf der Stre­cke zwi­schen Bre­men und Cux­ha­ven fah­ren las­sen. Der Prä­si­dent des Bun­des­am­tes über­reich­te Al­st­om am Di­ens­tag die Ur­kun­de mit der Be­triebs­ge­neh­mi­gung im Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Ver­kehr und In­fra­struk­tur.

Al­st­om hat­te den Zug in Salz­git­ter zu­sam­men mit dem Land Nie­der­sach­sen ent­wi­ckelt. Die Bun­des­re­gie­rung un­ter­stütz­te die Ent­wick­lungs­ar­bei­ten mit acht Mil­lio­nen Eu­ro. „Der Was­ser­stoff­zug ist ein Mei­len­stein für ei­ne sau­be­re und zu­kunfts­ori­en­tier­te Mo­bi­li­tät“, sag­te der für For­schung, Ent­wick­lung und In­no­va­ti­on zu­stän­di­ge Al­st­om-Vi­ze­prä­si­dent Wolf­ram Schwab beim Er­halt der Ur­kun­de.

Die Ent­wick­lungs­ar­bei­ten hat­ten 2017 be­gon­nen. In der ur­sprüng­li­chen Idee woll­te Al­st­om so­wohl den Zug als auch das Sys­tem der Was­ser­stof­fer­zeu­gung und der Ver­sor­gung des Zugs ent­wi­ckeln. Im Lau­fe der Ar­bei­ten stell­te sich je­doch her­aus, dass es sich um ein kom­ple­xes Sys­tem han­delt, das oh­ne Part­ner nicht zu ver­wirk­li­chen ist. Part­ner in der Ent­wick­lung wur­de der Spe­zia­list für In­dus­trie­ga­se Lin­de, der die zur Er­zeu­gung von Was­ser­stoff nö­ti­ge Strom­ver­sor­gung über ein Wind­rad er­mög­licht und den Zug so mit Was­ser­stoff ver­sor­gen kann.

Die nö­ti­gen Tanks hat der Zug auf dem Dach. Der im No­vem­ber 2017 ge­schlos­se­ne Ver­trag sieht die Lie­fe­rung von ins­ge­samt 14 Zü­gen des Mo­dells Co­ra­dia iLint mit Was­ser­stoff-Brenn­stoff­zel­len vor. Die Zü­ge sol­len zwi­schen Bre­men und Cux­ha­ven ver­keh­ren und mit ei­ner Tank­fül­lung 1.000 Ki­lo­me­ter fah­ren kön­nen. Die Ver­trä­ge se­hen ei­ne War­tung und Ener­gie­ver­sor­gung über ei­nen Zei­t­raum von 30 Jah­ren vor.

Deutsch-fran­zö­si­sches Joint Ven­ture

Die Ver­kehrs­spar­te des ehe­ma­li­gen Tech­no­lo­gie­kon­zerns Al­st­om wird im kom­men­den Jahr in das deutsch-fran­zö­si­sche Joint Ven­ture Sie­mens Al­st­om ein­tre­ten. Sie­mens führt da­bei sei­ne Ei­sen­bahn­spar­te (Mo­bi­li­täts­spar­te) und den noch ver­blei­ben­den Ver­kehrs­be­reich des ehe­ma­li­gen Al­st­om-Kon­zerns zu­sam­men und über­nimmt die Ka­pi­tal­mehr­heit des Joint Ven­ture.

Kom­pli­ka­tio­nen zeich­nen sich da­bei ab. Al­st­om ist in­ter­na­tio­nal er­folg­reich, las­tet aber in Frank­reich – weil vom Staats­un­ter­neh­men SNCF ab­hän­gig – sei­ne Fa­b­ri­ken nicht aus. Ga­ran­ti­en für Ar­beits­plät­ze hat Sie­mens bis 2022 zu­ge­stan­den. Da­nach sind Sa­nie­run­gen mit der Schlie­ßung von Stand­or­ten nicht aus­zu­schlie­ßen.

Die Ent­wick­lung des Zugs mit Brenn­stoff­zel­len-An­trieb ist für bei­de Län­der wich­tig. In Deutsch­land sind et­wa 40 Pro­zent des Schie­nen­net­zes – vor al­lem Ne­ben­li­ni­en – nicht elek­tri­fi­ziert. Auch in Frank­reich sind Ne­ben­li­ni­en wie et­wa in der Bretagne von Ren­nes nach St. Ma­lo nur dann elek­tri­fi­ziert, wenn sie vom TGV be­fah­ren wer­den. Die in Deutsch­land ent­wi­ckel­te Stra­te­gie lau­tet, die­se Ne­ben­li­ni­en nicht mehr von mit Die­sel­mo­to­ren be­trie­be­nen Zü­gen be­fah­ren zu las­sen, son­dern von Was­ser­stoff-Brenn­stoff­zel­len-Zü­gen.

Die jetzt in Nie­der­sach­sen ge­neh­mig­ten Zü­ge er­rei­chen ih­re Reich­wei­te von 1.000 Ki­lo­me­tern bei ei­ner Ge­schwin­dig­keit von 130 km/h. Sie sind da­mit ei­nem die­sel­be­trie­be­nen Zug eben­bür­tig.

Die Was­ser­stoff-Phi­lo­so­phie ist in Deutsch­land und in Frank­reich un­ter­schied­lich. In Deutsch­land ha­ben sich die Ener­gie- und Au­to­mo­bil­kon­zer­ne zu­sam­men­ge­tan, um Was­ser­stoff zu för­dern. Auch fran­zö­si­sche Kon­zer­ne wie Air Li­qui­de und To­tal sind in die­sem Be­reich tä­tig. Shell hat be­reits 40 Was­ser­stoff-Tank­säu­len in Be­trieb, will auf 400 auf­sto­cken. In Deutsch­land sol­len ent­lang der Au­to­bah­nen Was­ser­stoff-Tank­säu­len ent­ste­hen.

Un­ter­schied­li­che Stra­te­gi­en

Das Pro­blem ist das glei­che wie je­nes bei den Elek­tro­fahr­zeu­gen. Mer­ce­des hat be­reits zwölf Mil­lio­nen Test­ki­lo­me­ter mit ver­schie­de­nen Fahr­zeu­gen ab­sol­viert. In Ham­burg und in Stuttgart fah­ren Bus­se des öf­fent­li­chen Per­so­nen­nah­ver­kehrs mit Brenn­stoff­zel­len. Aber: Die Prei­se sind für ei­nen Durch­bruch zu hoch.

In Frank­reich hat Um­welt­mi­nis­ter Ni­co­las Hu­lot sei­nen Was­ser­stoff­plan vor­ge­stellt. Al­ler­dings will er zu­nächst re­gu­lie­ren las­sen. So will er ein in­ter­na­tio­na­les Zen­trum für Was­ser­stoff­re­gu­lie­rung er­rich­ten. Das Par­la­ment soll in­des über die Nut­zung von Was­ser­stoff im Ei­sen­bahn­be­reich nach­den­ken. Hu­lot be­rück­sich­tigt in sei­nem Plan nicht, dass fran­zö­si­sche Fir­men durch ih­re prak­ti­sche Er­fah­rung in Deutsch­land längst viel wei­ter sind. So zum Bei­spiel Al­st­om mit ei­nem Auf­trag über 14 Was­ser­stoff­zü­ge in Nie­der­sach­sen. Auch liegt der Schwer­punkt des fran­zö­si­schen Re­gie­rungs­plans eher auf der In­dus­trie als auf der Mo­bi­li­tät, wo das Elek­tro­fahr­zeug Vor­rang hat. Und: Wäh­rend Frank­reich ge­ra­de 100 Mil­lio­nen Eu­ro an Mit­teln pro Jahr für die För­de­rung der Was­ser­stoff­tech­nik zur Ver­fü­gung stel­len will, sind es in Deutsch­land 250 Mil­lio­nen.

Hu­lot hin­ge­gen hat ei­ne Chan­ce ver­säumt. Er hät­te mit­hil­fe der in Deutsch­land tä­ti­gen fran­zö­si­schen Un­ter­neh­men ei­nen fran­zö­sisch-deut­schen Plan er­stel­len und dem Was­ser­stoff als Er­satz­tech­no­lo­gie für den Die­sel­mo­tor ei­nen gro­ßen Schritt nach vor­ne ver­hel­fen kön­nen. Er hat den na­tio­na­len Al­lein­gang vor­ge­zo­gen.

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