Per­fekt bis ins letz­te De­tail

WELT­MEIS­TER­SCHAFT 2018 Ein Be­such in Russ­land

Tageblatt (Luxembourg) - - Russia 2018 - Olivier Jeitz

Mor­gen Abend en­det die Welt­meis­ter­schaft 2018. Ta­ge­blatt-Mit­ar­bei­ter Olivier Jeitz hat in den ver­gan­ge­nen Jah­ren an so ei­ni­gen Fuß­ball-Groß­ver­an­stal­tun­gen teil­ge­nom­men und war auch in Russ­land un­ter­wegs. Ein Stim­mungs­be­richt. Es ist schon är­ger­lich, wenn man sich auf der Fahrt vom Flug­ha­fen in die Mos­kau­er In­nen­stadt im ein­zi­gen Ta­xi wähnt, in dem der Fah­rer lie­ber west­li­che Mu­sik im Ra­dio hört statt die Schluss­pha­se des Ach­tel­fi­nal­spiels zwi­schen Russ­land und Spa­ni­en. Aus­ge­rech­net das Spiel des Gast­ge­bers scheint den Fah­rer nicht zu in­ter­es­sie­ren, so dass man als Fahr­gast ah­nungs­los über das Ge­sche­hen et­was süd­li­cher im Lu­sch­ni­ki-Sta­di­on bleibt. Plötz­lich be­ginnt an der ro­ten Am­pel der Ta­xi­fah­rer auf der Ne­ben­spur zu hu­pen, zu brül­len, er schlägt durch das ge­öff­ne­te Fens­ter mit der fla­chen Hand auf die Fah­rer­tür und möch­te am liebs­ten sein gan­zes Au­to in Ein­zel­tei­le zer­le­gen. Russ­land hat die Sen­sa­ti­on ge­schafft und Spa­ni­en aus­ge­schal­tet.

Auf dem Weg zur In­nen­stadt fül­len sich die Stra­ßen im­mer mehr – nicht mit dem in Mos­kau zu fast je­der Ta­ges­zeit ge­wohn­ten dich­ten Ver­kehr, son­dern mit Au­to­kor­sos. Er wird ge­hupt, Fah­nen ge­schwenkt und ge­sun­gen. Fröh­li­che Men­schen strö­men im Zen­trum zu­sam­men und der Ju­bel kennt kei­ne Gren­zen. So geht es bis weit nach Mit­ter­nacht wei­ter, be­vor wie­der Ru­he ein­kehrt.

Für die meis­ten Fuß­ball-Fans dürf­te ei­ne solch aus­ge­las­se­ne Fei­er nach ei­nem gro­ßen Er­folg nichts Au­ßer­ge­wöhn­li­ches sein – für rus­si­sche Ver­hält­nis­se aber schon. Ge­fei­ert wird in Russ­land meis­tens noch auf Kom­man­do, spon­ta­nes Fei­ern gibt es kaum. Tags dar­auf rei­ben sich die Mos­ko­wi­ter im­mer noch ver­wun­dert die Au­gen und be­rich­ten, noch nie ei­ne sol­che Eu­pho­rie in ih­rer Hei­mat­stadt er­lebt zu ha­ben. Die Fuß­ball-WM ist de­fi­ni­tiv an­ge­kom­men.

Vor der WM gab es als Fan vie­le Grün­de, das Tur­nier in Russ­land zu mei­den: Ei­ner­seits die po­li­ti­sche Si­tua­ti­on mit dem Ukrai­neKon­flikt, der Skri­pal-Af­fä­re oder über­haupt we­gen des au­to­ri­tä­ren Re­gimes, zu­dem die di­rek­te Angst vor Ter­ror, Hoo­li­gans und der Kri­mi­na­li­tät oder die kom­pli­zier­te Vi­sum-Pro­ze­dur. So fan­den mit Aus­nah­me der deut­schen Fans auch nur we­ni­ge we­st­eu­ro­päi­sche Zu­schau­er den Weg zur WM. Die meis­ten Be­su­cher ka­men je­doch aus­ge­rech­net aus den USA, de­ren Na­tio­nal­mann­schaft nicht qua­li­fi­ziert war, al­ler­dings han­del­te es sich da­bei um Un­ter­stüt­zer der süd- und mit­tel­ame­ri­ka­ni­schen Län­der.

Be­fragt man aber die aus­län­di­schen Fans vor Ort, so schwär­men al­le von der her­vor­ra­gen­den Or­ga­ni­sa­ti­on. Tat­säch­lich, wenn man die po­li­ti­sche Si­tua­ti­on und ei­ni­ge mo­ra­li­schen Be­den­ken aus­klam­mert, ist es Russ­land ge­lun­gen, ein aus Fan-Sicht tol­les Tur­nier zu or­ga­ni­sie­ren. Da­für lie­ßen sich die Rus­sen auch ei­ni­ges ein­fal­len, was die­ses Tur­nier von an­de­ren Welt- und Eu­ro­pa­meis­ter­schaf­ten un­ter­schei­det.

So muss­te sich je­der Be­su­cher nach dem Kauf ei­nes Ti­ckets re­gis­trie­ren und er­hielt da­für die so­ge­nann­te „Fan-ID-Kar­te“. Die­sen Aus­weis mit Na­men und Fo­to muss­te je­der Be­su­cher im und ums Sta­di­on sicht­bar um­ge­hängt ha­ben und für die aus­län­di­schen Gäs­te galt die Fan-ID-Kar­te zu­dem als Vi­sum, so dass man un­kom­pli­ziert nach und in­ner­halb von Russ­land rei­sen konn­te. Da die­ser Fan-Aus­weis erst nach dem Kauf ei­nes Ti­ckets und ei­ner Per­so­nen­über­prü­fung aus­ge­stellt wur­de, hielt man Hoo­li­gans aus den Sta­di­en fern. Ei­ne Kehr­sei­te hat­te die Fan-ID-Kar­te den­noch: Da die­se Kar­te in Sta­di­en und Flug­hä­fen ge­scannt wur­de und man in vie­len Bars und Re­stau­rants die in­di­vi­du­el­le Kar­ten­num­mer ein­ge­ben muss­te, um in den Wi­Fi-Ge­nuss zu kom­men, dürf­te es für die rus­si­schen Be­hör­den wohl kein Pro­blem sein, das Be­we­gungs­bild des „glä­ser­nen Fans“zu er­stel­len.

Mit Hil­fe der Fan-ID-Kar­te so­wie stren­gen Kon­trol­len wur­de eben­falls ver­sucht, den Schwarz­markt­han­del vor den Sta­di­en zu un­ter­bin­den. Auch wenn ver­ein­zelt Kar­ten ih­ren Be­sit­zer kurz­fris­tig wech­sel­ten, so wa­ren die Aus­ma­ße des Schwarz­han­dels doch deut­lich ge­rin­ger als bei ei­ner WM 2006 in Deutsch­land oder ei­ner EM 2008 in Ös­ter­reich und der Schweiz, wo die Be­hör­den ta­ten­los zu­sa­hen, wenn Kar­ten sta­pel­wei­se an­ge­bo­ten wur­den.

Auch in Sa­chen Si­cher­heit über­lie­ßen die Or­ga­ni­sa­to­ren nichts dem Zu­fall: An­ders als noch bei der Eu­ro­pa­meis­ter­schaft in Frank­reich, wo we­ni­ge Mo­na­te nach den Ter­ror-An­schlä­gen die teils spär­lich sicht­ba­ren Si­cher­heits­maß­nah­men vor den Sta­di­en ein eher mul­mi­ges Ge­fühl be­rei­te­ten, wur­den in Russ­land die Be­su­cher schon groß­räu­mig vor den Sta­di­en kon­trol­liert.

Auch der Aus­lass nach den Spie­len lief ge­ord­ne­ter als in Frank­reich: Vol­un­te­ers auf ho­hen Ten­nis­schieds­rich­t­er­stüh­len ga­ben in Rus­sisch und in Eng­lisch via Me­ga­fon freund­lich An­wei­sun­gen und we­ni­ger freund­lich auf­ge­legt stan­den im Fün­fMe­ter-Ab­stand Sol­da­ten ent­lang der We­ge, um je­den Dräng­ler, der ab­seits der We­ge ab­kür­zen woll­te, wie­der in die Rei­hen zu wei­sen, so­dass sich der Zu­schau­er­fluss ef­fi­zi­ent und oh­ne Pa­nik aus den Sta­di­en be­weg­te. Na­tür­lich sind die­se Maß­nah­men nur mach­bar ge­we­sen dank ei­nes enor­men per­so­nel­len Auf­wands, dem man oft in ost­eu­ro­päi­schen Län­dern be­geg­net.

Wer aber die frü­he­re Ost­blo­ckMen­ta­li­tät bei den Gast­ge­bern er­war­te­te, der irr­te ge­wal­tig. Auf­grund der bis ins De­tail ge­plan­ten Or­ga­ni­sa­ti­on so­wie ei­ner sehr gro­ßen Gast­freund­lich­keit der Ein­hei­mi­schen dürf­te man als Fan die­se Fuß­ball-WM in gu­ter Er­in­ne­rung be­hal­ten, vor­aus­ge­setzt man blen­det ei­ni­ge Aspek­te ab­seits des rol­len­den Bal­les aus.

Au­ßer­ge­wöhn­lich: Die Rus­sen fei­er­ten nicht auf Kom­man­do, son­dern spon­tan

Die Kon­trol­len vor den Sta­di­en wa­ren gründ­lich

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