Ein Hauch von Re­vo­lu­ti­on

ERS­TER WELT­KRIEG Als die Mon­ar­chie auf dem Spiel stand

Tageblatt (Luxembourg) - - Vorderseite - Pol Schock

Deut­sche Sol­da­ten am Fisch­markt bei ih­rem Rück­zug aus Lu­xem­burg-Stadt im No­vem­ber 1918: Für Lu­xem­burg be­gann nach dem En­de des Ers­ten Welt­kriegs ei­ne Pha­se mit un­kla­rem Aus­gang, in der so­wohl die Dy­nas­tie als auch die Un­ab­hän­gig­keit des Lan­des auf dem Spiel stan­den.

Groß­her­zog Hen­ri und Staats­mi­nis­ter Xa­vier Bet­tel wer­den am mor­gi­gen Sonn­tag in ei­ner Ge­denk­ze­re­mo­nie an den Waf­fen­still­stand vor hun­dert Jah­ren er­in­nern. Für Lu­xem­burg be­gann da­mals ei­ne Pha­se mit un­kla­rem Aus­gang, bei dem so­wohl die Dy­nas­tie als auch die Un­ab­hän­gig­keit des Lan­des auf dem Spiel stan­den. Ein Kri­sen­jahr, das als Blau­pau­se für die par­la­men­ta­ri­sche De­mo­kra­tie dient. Als Emi­le Reuter am 19. De­zem­ber 1918 in ein Au­to­mo­bil steigt, weiß er nicht, mit wel­cher Bot­schaft er in we­ni­gen Ta­gen wie­der in Lu­xem­burg aus­stei­gen wird. Wenn al­les nach Plan ver­läuft, bleibt es beim Al­ten. Beim Sta­tus quo. Im schlimms­ten Fall steht al­les auf dem Spiel: die Exis­tenz Lu­xem­burgs als un­ab­hän­gi­ges, neu­tra­les Land mit groß­her­zog­li­cher Mon­ar­chie.

Al­les hängt da­von ab, wie die fran­zö­si­sche Re­gie­rung, die ge­ra­de da­bei ist, die Frie­dens­kon­fe­renz nach dem Gro­ßen Krieg vor­zu­be­rei­ten, Reuter emp­fan­gen wird. Als Staats­mi­nis­ter ei­nes über­fal­le­nen Lan­des, das nun end­lich vom Be­sat­zer be­freit ist. Das nun auf der Sei­te der Kriegs­ge­win­ner steht. Oder als Staat, der sei­nen Neu­tra­li­täts­sta­tus ver­letzt hat und mit dem Deut­schen Reich kol­la­bo­rier­te – dem Kriegs­ver­lie­rer. Um die Ent­schei­dung zu sei­nen Guns­ten zu be­ein­flus­sen, hat Reuter am Tag sei­nes Auf­bruchs die Mit­glied­schaft Lu­xem­burgs im Deut­schen Zoll­ver­ein nach 76 Jah­ren ge­kün­digt. Doch als Reuter mit sei­nen Ka­bi­netts­kol­le­gen Nikolaus Wel­ter und Au­gus­te Liesch in Pa­ris an­kommt, lässt man die Lu­xem­bur­ger De­le­ga­ti­on erst ein­mal war­ten. Vier Ta­ge ver­ge­hen im reg­ne­ri­schen Pa­ris bei au­ßer­ge­wöhn­lich mil­den Tem­pe­ra­tu­ren. Erst am 23. De­zem­ber er­hält Reuter ei­ne Ant­wort vom fran­zö­si­schen Au­ßen­mi­nis­ter Sté­phen Pi­chon. Sie ist eben­so kurz wie klar: Man re­de nicht mit ei­nem Ver­tre­ter der deutsch­freund­li­chen Groß­her­zo­gin.

Reuter weiß, was das be­deu­tet: Der kon­ser­va­ti­ve Po­li­ti­ker der Rechts­par­tei, der erst seit Sep­tem­ber die Re­gie­rung der na­tio­na­len Ein­heit an­führt, muss der Groß­her­zo­gin Ma­rie-Adel­heid ei­ne be­son­de­re Bot­schaft zu Weih­nach­ten über­brin­gen: Sie muss ab­dan­ken.

Ein Hauch von Re­vo­lu­ti­on

In Lu­xem­burg sind da­bei nicht al­le so be­trübt über die La­ge wie Reuter. Im Ge­gen­teil. Denn ähn­lich wie in an­de­ren eu­ro­päi­schen Län­dern hat­te sich auch in Lu­xem­burg ana­log zum Waf­fen­still­stand ei­ne re­vo­lu­tio­nä­re Be­we­gung ge­grün­det. Die Front ver­la­ger­te sich ins In­ne­re der Ge­sell­schaft. Die la­ten­ten Kon­flikt­her­de zwi­schen So­zia­lis­ten, Li­be­ra­len und Kon­ser­va­ti­ven dro­hen die Staa­ten aus­ein­an­der­zu­rei­ßen. Zen­tral wa­ren da­bei so­wohl so­zia­le und wirt­schaft­li­che For­de­run­gen wie auch po­li­ti­sche Teil­ha­be und die Ab­schaf­fung der Mon­ar­chie. Es war ein Flä­chen­brand, der sich über die von der Front rück­keh­ren­den deut­schen Sol­da­ten ver­brei­te­te. Sie bil­de­ten Rä­te und or­ga­ni­sier­ten sich de­mo­kra­tisch. Im ge­sam­ten Deut­schen Reich ent­stan­den sol­che Sol­da­ten­rä­te, zu de­nen sich die Ar­bei­ter an­schlos­sen. So auch im Groß­her­zog­tum, das zu die­sem Zeit­punkt de fac­to Be­stand­teil Deutsch­lands war.

Am 10. No­vem­ber 1918 ver­su­chen Ar­bei­ter- und Bau­ern­rä­te in Lu­xem­burg und Esch, die Re­vo­lu­ti­on aus­zu­ru­fen. Sie for­dern die Ein­füh­rung der Re­pu­blik, das all­ge­mei­ne Wahl­recht un­ab­hän­gig vom Ge­schlecht, die Ver­staat­li­chung von Ban­ken, In­dus­trie­un­ter­neh­men und Ei­sen­bahn so­wie den Acht­stun­den­tag. Am Mon­tag, 11. No­vem­ber, macht das Escher Ta­ge­blatt mit den Wor­ten auf: „Das Lu­xem­bur­ger Volk ver­langt die Ab­dan­kung der Groß­her­zo­gin.“

Doch die Rä­te­re­pu­blik schei­ter­te schnell. Denn die Re­vo­lu­ti­on konn­te po­li­tisch ka­na­li­siert wer­den. Es wa­ren die So­zia­lis­ten, die die For­de­run­gen der Stra­ße auf­grif­fen und ins Par­la­ment brach­ten. Sie or­ga­ni­sier­ten ei­ne Wahl über die Ab­schaf­fung der Mon­ar­chie. Doch das An­lie­gen schei­ter­te: Mit 21 Stim­men da­ge­gen, 19 da­für und drei Ent­hal­tun­gen wur­de die so­for­ti­ge Ab­schaf­fung der Mon­ar­chie ab­ge­lehnt. (Sie­he auch Bei­trag von Jac­ques Maas, S. 8.)

Da­mit konn­te die Re­gie­rung Reuter der re­vo­lu­tio­nä­ren Be­we­gung vor­erst den Wind aus den Se­geln neh­men. Doch der Burg­frie­den wehr­te nur kurz, denn das Par­la­ment ver­ab­schie­de­te das Ab­hal­ten ei­nes Re­fe­ren­dums über die zu­künf­ti­ge Staats­form. Und als sich die Nach­richt aus Frank­reich En­de De­zem­ber ver­brei­te­te, dass die Al­li­ier­ten die Groß­her­zo­gin als Kol­la­bo­ra­teu­rin be­zeich­ne­ten, for­der­ten Li­be­ra­le und So­zia­lis­ten er­neut die so­for­ti­ge Ab­dan­kung von Ma­rieA­del­heid. Sie grün­de­ten ein Ko­mi­tee, das am 9. Ja­nu­ar 1919 aber­mals die Re­pu­blik aus­ru­fen ließ und dies­mal auch die Un­ter­stüt­zung ei­nes Frei­korps von rund 150 Sol­da­ten hin­ter sich hat­te.

Ein his­to­ri­scher Trep­pen­witz

Doch die Sa­che ging er­neut schief. Es mag wie ein his­to­ri­scher Trep­pen­witz klin­gen, aber es wa­ren aus­ge­rech­net Trup­pen der fran­zö­si­schen Re­pu­blik, die ein­grif­fen und die al­te Ord­nung wie­der­her­stell­ten. Al­ler­dings gab die Re­gie­rung Reuter am Tag dar­auf be­kannt, dass Groß­her­zo­gin Ma­rie-Adel­heid zu­guns­ten ih­rer jün­ge­ren Schwes­ter Char­lot­te ab­dan­ken wird. Und in ei­nem Re­fe­ren­dum soll­te das Volk über die Fra­ge der Staats­form ab­stim­men. Für So­zia­lis­ten und Li­be­ra­le war das vor­erst ein Er­folg: Die un­ge­lieb­te Fürs­tin war weg. So schrieb der lin­ke Jour­na­list Gust van Wer­ve­ke er­freut: „Für die Fürs­tin der Rechts­par­tei, für die ‚prin­ces­se bo­che‘ war kein Platz auf dem Thro­ne von Lu­xem­burg. (...) Pfaf­fen und Preu­ßen, Preu­ßen und Pfaf­fen kne­te­ten ihr wei­ches Hirn nach ih­rem Wil­len.“

Das Kri­sen­jahr 1919, das im No­vem­ber 1918 be­gann, bei dem Lu­xem­burg als Staat vor dem Schei­tern stand, auch vor dem Hin­ter­grund an­ne­xio­nis­ti­scher Sze­na­ri­en mit Bel­gi­en oder Frank­reich, en­de­te schließ­lich am 28. Sep­tem­ber 1919. Ei­ne gro­ße Mehr­heit von 78 Pro­zent stimm­te für den Er­halt der Mon­ar­chie un­ter Groß­her­zo­gin Char­lot­te – le­dig­lich 20 Pro­zent wa­ren für die Re­pu­blik. Nur in ei­ni­gen Ar­bei­ter­ge­gen­den in Esch und Rü­me­lin­gen hat­te es Mehr­hei­ten für die Re­pu­blik ge­ge­ben. Da­bei wa­ren es die ers­ten frei­en uni­ver­sel­len Wah­len in Lu­xem­burg, bei de­nen je­der Bür­ger über 21 oh­ne Wahl­pflicht teil­neh­men durf­te. Der His­to­ri­ker Mi­chel Pau­ly spricht des­halb von ei­ner „Mon­ar­chie von Vol­kes Gna­den“.

Lu­xem­burg war am 11. No­vem­ber 1918 als vor­de­mo­kra­ti­sches Land in ein Kri­sen­jahr ein­ge­stie­gen und stieg am 28. Sep­tem­ber 1919 als ge­stärk­te kon­sti­tu­tio­nel­le Mon­ar­chie wie­der aus.

Pfaf­fen und Preu­ßen, Preu­ßen und Pfaf­fen kne­te­ten ihr wei­ches Hirn nach ih­rem Wil­len

Jour­na­list Gust van Wer­ve­ke

Fo­to: Bat­ty Fi­scher/Pho­to­thèque VDL

Groß­her­zo­gin Ma­rie-Adel­heid (l.), ih­re Schwes­ter Char­lot­te so­wie US-Ge­ne­ral Pers­hing (3.v.l.) auf dem Bal­kon des groß­her­zog­li­chen Pa­lasts beim Emp­fangder ame­ri­ka­ni­schen Trup­pen am 21. No­vem­ber 1918

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