Kal­ku­lier­ter Zoff mit Pu­tin?

Spek­ta­kel um ent­tarn­ten Spi­on hilft ge­gen Russo­phi­lie­ver­dacht

Tageblatt (Luxembourg) - - Vorderseite - Von un­se­rem Kor­re­spon­den­ten Man­fred Mau­rer, Wien

Ein pen­sio­nier­ter Of­fi­zier des ös­ter­rei­chi­schen Bun­des­hee­res wur­de als rus­si­scher Spi­on ent­tarnt. Un­ge­wöhn­lich an dem Fall ist, dass Wien ihn an die gro­ße Glo­cke hängt.

Ein pen­sio­nier­ter Of­fi­zier des ös­ter­rei­chi­schen Bun­des­hee­res wur­de als rus­si­scher Spi­on ent­tarnt. Un­ge­wöhn­lich an dem Fall ist, dass Wien ihn an die gro­ße Glo­cke hängt. Um 6 Uhr früh er­reich­te die Re­dak­tio­nen ges­tern die Ein­la­dung zu ei­ner Pres­se­kon­fe­renz, auf der Bun­des­kanz­ler Se­bas­ti­an Kurz (ÖVP) und Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter Ma­rio Ku­na­sek (FPÖ) zwei­ein­halb St­un­den spä­ter kund­ta­ten, was man in Wien frü­her mög­lichst ver­schwie­gen ge­re­gelt hat: Ein ehe­ma­li­ger Bun­des­heerOberst soll 20 Jah­re lang für den rus­si­schen Mi­li­tär­ge­heim­dienst GRU spio­niert und da­für 300.000 Eu­ro kas­siert ha­ben. Ob­wohl der 70-Jäh­ri­ge längst in Ren­te ist, soll er noch die­ses Jahr Ge­heim­nis­se ver­ra­ten ha­ben. Eben­falls ges­tern ging bei der Staats­an­walt­schaft Salz­burg die ent­spre­chen­de An­zei­ge ein: Ge­gen den Mann wird nun we­gen mut­maß­li­chen Ver­rats von Staats­ge­heim­nis­sen er­mit­telt.

Was der Of­fi­zier ver­ra­ten ha­ben soll, sag­ten Kurz und Ku­na­sek nicht. Sie spra­chen aber auf­fal­lend aus­führ­lich über mög­li­che po­li­ti­sche Kon­se­quen­zen. Falls sich der Ver­dacht be­stä­ti­ge, wer­de dies „das Ver­hält­nis zwi­schen Russ­land und der Eu­ro­päi­schen Uni­on nicht ver­bes­sern“, warn­te Kurz. „Spio­na­ge ist in­ak­zep­ta­bel“, be­ton­te der Kanz­ler. Ku­na­sek gab sich em­pört, weil die Cau­sa be­wei­se, „dass es auch nach En­de des Kal­ten Krie­ges Spio­na­ge gibt“.

Die­se Er­kennt­nis soll­te der Bun­des­re­gie­rung frei­lich nicht neu sein. Denn dass Wien un­ge­ach­tet al­ler geo­po­li­ti­scher Kli­ma­ver­än­de­run­gen stets ein Auf­marsch­ge­biet für Spio­na­ge­trupps aus al­ler Her­ren Län­der war und ist, steht schwarz auf weiß in den Jah­res­be­rich­ten des Bun­des­am­tes für Ver­fas­sungs­schutz (BVT). Im 2017er-Be­richt et­wa heißt es: Die Re­pu­blik Ös­ter­reich wird, wie be­reits in den Jah­ren zu­vor, als be­vor­zug­tes Ope­ra­ti­ons­ge­biet für aus­län­di­sche Nach­rich­ten­diens­te er­ach­tet. Und wei­ter: „Es wird da­von aus­ge­gan­gen, dass an Ver­tre­tungs­be­hör­den in Ös­ter­reich Nach­rich­ten­dienst­of­fi­zie­re sta­tio­niert sind, de­ren Ver­ant­wor­tungs­be­reich sich ne­ben Ös­ter­reich auch auf an­de­re Län­der der Eu­ro­päi­schen Uni­on er­streckt.“BVT-Chef Pe­ter Gridling hat­te erst im Ju­ni so­gar da­von ge­spro­chen, dass Ös­ter­reich „ein pri­vi­le­gier­ter Be­reich der Ope­ra­tio­nen“von Ge­heim­diens­ten sei.

Es wird al­so nie­man­den in Wien wirk­lich über­rascht ha­ben, dass auch Wla­di­mir Pu­tin hier sei­ne Lau­scher hat. Auch im Bun­des­heer, wo man In­si­dern zu­fol­ge Spio­na­ge­fäl­le bis­lang aber mög­lichst dis­kret be­han­del­te. Ver­däch­ti­ge er­hiel­ten recht­zei­tig ei­nen Tipp, da­mit sie das Wei­te su­chen konn­ten.

Mos­kau will von nichts wis­sen

Man fragt sich al­so, war­um in der ak­tu­el­len Cau­sa, die of­fi­zi­ell nur ein Ver­dachts­fall ist, Bun­des­kanz­ler und Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter zu ei­ner Pres­se­kon­fe­renz aus­rück­ten, um dort gleich den Zaun­pfahl gen Mos­kau zu schwin­gen.

Will Ös­ter­reich da­mit je­nem Russo­phi­lie­ver­dacht ent­ge­gen­wir­ken, in den es ge­ra­ten ist, seit die mit der Pu­tin-Par­tei Ge­ein­tes Russ­land durch ei­nen Ko­ope­ra­ti­ons­ver­trag ver­bun­de­ne FPÖ mit­re­giert? Erst im Som­mer hat­te die von der FPÖ no­mi­nier­te Au­ßen­mi­nis­te­rin Ka­rin Kn­eissl in­ter­na­tio­nal mit ei­nem Knicks für Auf­se­hen ge­sorgt, den sie nach ei­nem Tänz­chen vor dem ex­tra in die Stei­er­mark zu ih­rer Hoch­zeit ein­ge­flo­ge­nen Kreml­chef ge­macht hat­te. Ei­gent­lich woll­te sie schon An­fang De­zem­ber in Mos­kau an­tan­zen. We­gen der Spio­na­ge­af­fä­re sag­te sie je­doch ges­tern den Be­such um­ge­hend ab, was ei­gent­lich der Re­gie­rungs­li­nie wi­der­spricht, ge­ra­de in schwie­ri­gen Pha­sen erst recht das Ge­spräch zu su­chen. Der rus­si­sche Ge­schäfts­trä­ger in Wien wur­de ins Au­ßen­amt zi­tiert. Auch Kn­eissl warn­te vor ei­ner „schwer­wie­gen­den Be­las­tung für die bi­la­te­ra­len Be­zie­hun­gen zwi­schen Ös­ter­reich und Russ­land“.

Si­gnal an be­freun­de­te Di­ens­te

Soll­te Wien ein­ge­denk der Zwei­fel an Ös­ter­reichs West­bin­dung auf Zoff mit Mos­kau spe­ku­liert ha­ben, so ist die­se Rech­nung auf­ge­gan­gen. In der rus­si­schen Haupt­stadt gibt man sich je­den­falls al­les an­de­re als zer­knirscht, son­dern geht in die Ge­gen­of­fen­si­ve. Au­ßen­mi­nis­ter Ser­gej La­w­row zeig­te sich „un­an­ge­nehm über­rascht“über die Vor­wür­fe. Er kön­ne sich nicht für ei­ne Sa­che ent­schul­di­gen, „von der wir nichts wis­sen“, sag­te La­w­row und warf Ös­ter­reich „Me­ga­fon­Di­plo­ma­tie“vor. Die Rus­sen wa­ren es of­fen­bar bis­her ge­wohnt, sol­che Pro­ble­me in al­ler Dis­kre­ti­on ab­zu­han­deln. Ös­ter­reichs Bot­schaf­ter Jo­han­nes Ei­g­ner wur­de ins rus­si­sche Au­ßen­amt zi­tiert, wo ihm La­w­row er­klä­ren ließ, „wie Wien sich ver­hal­ten soll­te, wenn es Fra­gen an Russ­land hat“.

Das Spio­na­ge­dra­ma hat noch ei­nen wei­te­ren aus der Sicht Ös­ter­reichs güns­ti­gen Ne­ben­ef­fekt: Der Hin­weis auf den ver­rä­te­ri­schen Oberst war Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter Ku­na­sek zu­fol­ge von ei­nem be­freun­de­ten Nach­rich­ten­dienst ge­kom­men. Seit die ös­ter­rei­chi­schen Ge­heim­diens­te al­le­samt un­ter Kon­trol­le von FPÖ-Mi­nis­tern sind, hat­ten sich die­se nach­rich­ten­dienst­li­chen Freund­schaf­ten et­was ab­ge­kühlt. Im­mer wie­der wur­den an­ge­sichts der FPÖ-Ver­bin­dun­gen nach Mos­kau Zwei­fel an der Ver­trau­ens­wür­dig­keit des BVT kol­por­tiert. Erst vor we­ni­gen Ta­gen war be­kannt ge­wor­den, dass sich das BVT die­ses Jahr „frei­wil­lig“vor­über­ge­hend aus der so­ge­nann­ten Ber­ner Grup­pe in­ter­na­tio­na­ler Ge­heim- und Nach­rich­ten­diens­te zu­rück­ge­zo­gen hat, „um Ver­trau­ens­vor­be­hal­ten be­wusst ent­ge­gen­zu­wir­ken“, wie das FPÖ­ge­führ­te In­nen­mi­nis­te­ri­um be­stä­tig­te.

Mit der promp­ten, so­gar Är­ger mit Mos­kau pro­vo­zie­ren­den Re­ak­ti­on auf den Tipp ei­nes be­freun­de­ten Di­ens­tes dürf­te Ös­ter­reich auch ei­nen Ver­trau­ens­test be­stan­den ha­ben.

Falls sich der Ver­dacht be­stä­tigt, wird dies das Ver­hält­nis zwi­schen Russ­land und der Eu­ro­päi­schen Uni­on nicht ver­bes­sern

Bun­des­kanz­ler Se­bas­ti­an Kurz

Im Au­gust die­ses Jah­res tanz­te Ös­ter­reichs FPÖ-Au­ßen­mi­nis­te­rin Kn­eissl noch mit Russ­lands Prä­si­dent Pu­tin auf ih­rer Hoch­zeit in der Stei­er­mark

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