Gus­ta­vo Gi­me­nos glück­li­ches Händ­chen für Mah­ler

PHIL­HAR­MO­NIE Ein Orches­ter wird im­mer bes­ser

Tageblatt (Luxembourg) - - Agenda Culturel - Alain Stef­fen

Ehe das „Orches­t­re phil­har­mo­ni­que“du Luxembourg mit sei­nem Chef­di­ri­gen­ten mit zwei Pro­gram­men auf Aus­lands­tour­nee geht, stell­ten die Mu­si­ker dem hie­si­gen Pu­bli­kum am Don­ners­tag ei­ne Aus­wahl dar­aus vor, näm­lich das sel­ten ge­spiel­te 1. Vio­lin­kon­zert von Be­la Bar­tok, den Quar­tett­satz so­wie die 4. Sym­pho­nie von Gus­tav Mah­ler. Im Film „Shut­ter Is­land“, der im Jah­re 1954 spielt, un­ter­läuft dem Re­gis­seur Mar­tin Scor­se­se ein klei­ner Feh­ler. In ei­ner Sze­ne spielt der Psych­ia­ter (Ben Kings­ley) ein al­te Schall­plat­te mit ei­ner Auf­nah­me von Gus­tav Mah­lers Kla­vier­quar­tett. Die­ser lan­ge ver­schol­le­ne, frag­men­ta­ri­sche Quar­tett­satz des sech­zehn­jäh­ri­gen Kom­po­nis­ten wur­de aber erst 1973 vom Kom­po­nis­ten, Di­ri­gen­ten und In­ten­dan­ten Pe­ter Ru­zi­cka wie­der­ent­deckt.

Gus­ta­vo Gi­me­no di­ri­gier­te die Orches­ter­fas­sung von Co­lin Mat­t­hews, der or­ches­tral Er­staun­li­ches aus die­sem doch sehr in­ti­mis­ti­schen Quar­tett her­aus­holt und in sei­ner Be­ar­bei­tung ganz deut­lich schon auf den rei­fe­ren Mah­ler hin­weist. Gi­me­no di­ri­gier­te die­ses Frag­ment mit Ver­ve und Lei­den­schaft, und das „Orches­t­re phil­har­mo­ni­que du Luxembourg“glänz­te mit wun­der­schö­nem Klang und ei­nem in al­len Hin­sich­ten sinn­li­chen Spiel.

Hin­zu kam Gi­me­nos un­trüg­li­ches Ge­spür für Klang­räu­me, In­nen­dy­na­mik und mu­si­ka­li­schen Puls. Eben­falls auf höchs­tem Ni­veau ge­lang den Mu­si­kern das 1. Vio­lin­kon­zert von Be­la Bar­tok, in dem sich un­er­füll­te Lie­be vom Kom­po­nis­ten zu der Gei­ge­rin Ste­fi Gey­er wi­der­spie­gelt und das so­mit auch un­voll­endet bleibt. Trotz großer Emo­tio­na­li­tät ist es ein doch eher sper­ri­ges Werk, das sich dem Hö­rer nicht beim ers­ten Mal er­schließt. Die jun­ge Gei­ge­rin Vil­de Fang spiel­te ei­nen atem­be­rau­ben­den ers­ten Satz und ihr hoch­sen­si­bles Spiel drück­te genau das aus, was Bar­tok wohl vor­schweb­te. Im zwei­ten Satz, der viel le­ben­di­ger und grif­fi­ger her­über­kam, ver­pass­te es die So­lis­tin al­ler­dings, ih­re Spiel­wei­se um­zu­stel­len, so dass ihr hauch­zar­ter Klang im Zu­sam­men­spiel mit dem Orches­ter oft gar nicht hör­bar war.

Un­ge­wohnt erns­te Vier­te von Mah­ler

Trotz­dem, die In­ter­pre­ta­ti­on von Vil­de Fang be­geis­ter­te und brach­te wohl man­chen im Saal da­zu, sich viel­leicht in­ten­si­ver mit die­sem et­was ver­kann­ten Vio­lin­kon­zert aus­ein­an­der­zu­set­zen. Gi­me­no und das OPL spiel­ten ma­kel­los und setz­ten mu­si­ka­li­sche Trans­pa­renz in den Mit­tel­punkt ih­rer In­ter­pre­ta­ti­on.

Die im Vor­jahr er­schie­nen Auf­nah­me des OPL und Gi­me­no mit Mah­lers Kla­vier­quar­tett und der 4. Sym­pho­nie ließ auf­hor­chen, weil sie sich oh­ne zu zö­gern zu den bes­ten Auf­nah­men die­ses Wer­kes zäh­len lässt. Ein Jahr spä­ter sind die Mu­si­ker an Mah­lers Sym­pho­nie noch ge­wach­sen. Wie sehr sich Gi­me­no mit dem Werk be­schäf­tigt hat, das merk­te man vor al­lem in den bei­den Mit­tel­sät­zen. Nach ei­nem klang­lich und spiel­tech­nisch wun­der­ba­ren Kopf­satz ver­lor sich das har­mo­nisch-nai­ve Grund­ge­rüst, weil Gi­me­no hier Orches­ter­stim­men, Me­lo­di­en und So­li hör­bar mach­te, die gar nicht na­iv sind, son­dern schon sehr mo­dern und auch sehr ernst. Herr­lich dann der drit­te Satz „Ru­he­voll“, des­sen Schön­heit und emo­tio­na­le Tie­fe Gi­me­no und das OPL voll aus­kos­te­ten, oh­ne da­bei je­mals lar­mo­yant zu wir­ken. Und im­mer wie­der zau­ber­te Gi­me­no mit den Strei­chern des OPL ei­nen schwe­ben­den, ja über­ir­disch an­mu­ten­den Klang. Auch die Sch­licht­heit des Schluss­sat­zes wur­de re­la­ti­viert.

So­lis­tin Ca­mil­la Til­ling, in Schwarz ge­klei­det, sang das „Himm­li­sche Le­ben“dann auch eher zu­rück­ge­nom­men, wäh­rend Gi­me­no den an sich hei­te­ren Satz mit ei­nem dunk­len, lang an­hal­ten­den Klang qua­si be­droh­lich oder mah­nend aus­klin­gen ließ. Ei­ne au­ßer­ge­wöhn­lich dich­te, ernst­haf­te und in­ter­es­san­te Sicht­wei­se die­ser in al­len Punk­ten her­vor­ra­gend vor­be­rei­te­ten Vier­ten, die auf der Tour­nee si­cher­lich viel Zu­spruch ern­ten wird. Hier wird Miah Pers­son den So­lo­part über­neh­men.

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