Im Bann von Wüs­ten, Ber­gen und Meer

Bei ei­ner Rei­se an den Per­si­schen Golf ent­deck­te Dai­sy Schen­gen dass die­se Des­ti­na­ti­on ne­ben ocker­far­be­ne Dü­nen auch viel Se­hens­wer­tes zu bie­ten hat.

Tageblatt (Luxembourg) - - Magazin -

Tau­sche trü­bes Herbst­wet­ter mit ein­stel­li­gen Tem­pe­ra­tu­ren, Wind und Nie­sel­re­gen ge­gen Son­ne, Wär­me und Meer. Das An­ge­bot nehm ich ger­ne an und bre­che auf zu ei­nem Aben­teu­er – dem zu­nächst erst mal ein Flug von rund sechs­ein­halb St­un­den vor­aus­geht. Mit aus­rei­chend Lek­tü­re, Un­ter­hal­tung an Bord, ei­nem Ni­cker­chen oder ei­nem län­ge­ren Ge­spräch lässt sich die Zeit gut über­brü­cken.

Und ob­wohl die Ho­tels in Ra­sal-Khaimah (aus­ge­spro­chen „Ras-el-Kei­ma“) ein brei­tes An­ge­bot an Was­ser- und Land-Un­ter­hal­tung bie­ten, emp­fiehlt sich die län­ge­re An­rei­se erst für äl­te­re Kin­der und Ju­gend­li­che, die sie mit Ta­blet und Co. op­ti­mal aus­zu­nut­zen wis­sen.

Über Deutsch­land, Tsche­chi­en, Bul­ga­ri­en und das Schwar­ze Meer geht es wei­ter Rich­tung Tür­kei und Irak, bis sich am Bo­den der ma­jes­tä­ti­sche An­blick des „Spit­ze des Zel­tes“, wie der Lan­des­na­me über­setzt lau­tet, den Pas­sa­gie­ren er­öff­net.

Wie es sich an­fühlt, ei­ne neue Des­ti­na­ti­on zum al­ler­al­ler­ers­ten Mal an­zu­steu­ern, will ich von Ka­pi­tän Da­ni­el Col­ling wis­sen. „Es ist et­was Be­son­de­res und im­mer wie­der schön“, lä­chelt der er­fah­re­ne Pi­lot und setzt ge­mein­sam mit Co­pi­lot Charles Vic­tor die Bo­eing 737 sanft am Flug­ha­fen von Ras-al-Khaimah auf.

Mit ei­nem be­son­de­ren Pro­gramm wird die al­ler­ers­te Ma- schi­ne der neu­en Li­nie zwi­schen Lu­xem­burg und Ras-al-Khaimah, der gleich­na­mi­gen Haupt­stadt des Emi­rats, be­grüßt. Denn bis­her fliegt der lu­xem­bur­gi­sche Rei­se­an­bie­ter als ein­zi­ge west­eu­ro­päi­sche Flug­ge­sell­schaft das nörd­lichs­te der Ver­ei­nig­ten Ara­bi­schen Emi­ra­te di­rekt, oh­ne Zwi­schen­stopp, an.

Ei­nen ers­ten Vor­ge­schmack der sprich­wört­li­chen Gast­freund­schaft vor Ort lie­fern ei­ne ty­pi­sche Folk­lo­re­tanz- und Ge­s­angs­ein­la­ge ei­nes lo­ka­len Her­re­nen­sem­bles so­wie der Ge­nuss der ei­gens für die Will­kom­mens­ze­re­mo­nie kre­ierten rie­si­gen Ge­burts­tags­tor­te.

Land der Kon­tras­te, so könn­te man Ras-al-Khaimah, das über kei­ne Öl­vor­kom­men ver­fügt und sich seit den 70er Jah­ren dem Tou­ris­mus ver­schrie­ben hat, auch skiz­zie­ren. Mit rund 64 Ki­lo­me­tern Küs­ten­li­nie und Traum­strän­den baut das Land seit den 90ern kon­ti­nu­ier­lich sein Tou­ris­mus-Stand­bein aus. Die zahl­rei­chen Bau­krä­ne und Pro­jekt­ta­feln zeu­gen von ei­nem re­gen Vor­an­trei­ben der ört­li­chen Ho­tel­in­fra­struk­tur, die teil­wei­se auf künst­lich an­ge­leg­ten San­din-

Strand, Kul­tur, Gast­freund­schaft Tou­ris­mus statt Erd­öl

To­des­mu­ti­ger

Sturz über den Ab­grund

seln Platz nimmt. Die­se Ent­wick­lung stellt nur ei­nen Teil des am­bi­tio­nier­ten Kon­zep­tes zur Tou­ris­mus­för­de­rung des Emi­rats dar: Bis En­de 2018 will die Tou­ris­mus­ent­wick­lungs­be­hör­de von Ras-al-Khaimah nach ei­ge­nen An­ga­ben die Ein-Mil­lio­nen-Mar­ke bei den Be­su­chern er­rei­chen. Bis En­de 2025 sol­len es mehr als drei Mil­lio­nen Gäs­te wer­den.

Und trotz­dem wirkt RAK, wie der Lan­des­na­me auch ab­ge­kürzt wird, nicht so über­lau­fen und „bu­sy“wie das na­he ge­le­ge­ne Du­bai. Ne­ben der Land­schaft – ocker­far­be­ne Dü­nen in der AlWa­di-Wüs­te, die sich wun­der­bar fürs „Du­ne ba­shing“eig­nen; Vor­sicht, nichts für schwa­che Ner­ven! – war­tet das viert­größ­te Emi­rat mit dem Je­bel Jais, rund 2.000 Me­ter über dem Mee­res­spie­gel, dem höchs­ten Berg der VAE, auf. Am Ran­de der Haupt­stadt, am Fu­ße des Ber­ges, ha­ben sich Men­schen klei­ne Oa­sen vom kar­gen Fels­rie­sen er­kämpft, in de­nen sie un­ter an­de­rem Man­gos und Dat­teln, ei­ne Art Na­tio­nal­frucht, an­bau­en.

Hoch oben auf dem Je­bel Jais wur­de vor ei­nem hal­ben Jahr „Zi­pli­ne“, laut Guin­ness-Buch die längs­te Seil­rutsche der Welt, er­öff­net. Ganz mu­ti­ge Tou­ris­ten oder Men­schen, die ei­nen be­son­de­ren Ner­ven­kit­zel er­le­ben wol­len, wa­gen das Aben­teu­er. Da­bei sau­sen die Be­su­cher, die mit ei­nem Over­all mit Helm und Schutz­bril­le aus­ge­stat­tet sind, in ei­ner Art Ko­s­tüm mit Kopf-, Bein- und Ar­m­öff­nun­gen bäuch­lings fest­ge­schnürt mit dem Blick in den Ab­grund an ei­nem Stahl­seil mit bis zu 150 St­un­den­ki­lo­me­tern über ei­ne Dis­tanz von rund 2.800 Me­tern über das Tal.

Wem so viel Ac­tion all die Ener­gie ge­raubt hat, darf dann abends beim Aus­flug in die Wüs­te der un­ter­ge­hen­den Son­ne zu­schau­en. Kit­schig, ro­man­tisch, ein­fach schön. Aber Obacht, wer den Son­nen­un­ter­gang in Bild fest­hal­ten will, muss sich spu­ten. Knap­pe zehn Mi­nu­ten dau­ert das Spek­ta­kel, die Ach-wie-schönSeuf­zer sind ei­nem auch Mo­na­te nach dem Ur­laub noch sehr prä­sent.

Kon­tras­te er­le­ben, Tra­di­tio­nen haut­nah spü­ren – in Ras-al-Khaimah ist das heu­te noch mög­lich. Ein Abend im Be­dui­nen-Camp mit Auf­trit­ten von Feu­er­künst­lern und Bauch­tän­ze­rin­nen lässt ein Ge­fühl von Tau­send und ei­ner Nacht auf­kom­men. Im au­then­tisch ge­stal­te­ten Camp zwi­schen me­ter­ho­hen Dü­nen ge­nießt man an nied­ri­gen Ti­schen und Sitz­bän­ken ty­pisch ori­en­ta­li­sche Kü­che mit Hum­mus, Fala­fel und Schisch Ke­bab. Im „Be­du­in Oa­sis Camp“kann man au­ßer­dem ei­nen Aus­ritt auf dem Rü­cken ei­nes Ka­mels wa­gen (ei­ne ziem­lich wa­cke­li­ge An­ge­le­gen­heit und eben­falls nichts für Zart­be­sai­te­te) oder sich in San­dBo­ar­ding üben.

Mehr über die jahr­hun­der­te­al­te Kul­tur­ge­schich­te der Re­gi­on er­fah­ren Be­su­cher im „Na­tio­nal Mu­se­um“der Haupt­stadt. Dort wird die Ge­schich­te des Emi­rats mit we­ni­gen Ex­po­na­ten, aber nicht min­der ein­drucks­voll, wie­der­ge­ge­ben.

Un­ter­ge­bracht im ehe­ma­li­gen Do­mi­zil des Scheichs und sei­ner Fa­mi­lie (bis 1964), ist das Ge­bäu­de des „Na­tio­nal Mu­se­um“ei­gent­lich ei­ne Fe­s­tung, die erst 1987 ih­rer jet­zi­gen Auf­ga­be zu­ge­führt wur­de. Da­rin wird die Ge­schich­te der Vor­fah­ren Ras-al-Khai­mahs, der Per­len­tau­cher, er­zählt, die ihr Le­ben bei je­dem Tauch­gang ris­kier­ten, und ih­re ein­fa­chen Werk­zeu­ge für ih­re wag­hal­si­ge Ar­beit aus­ge­stellt.

Gleich­zei­tig be­rich­tet die Aus­stel­lung über die Ver­gan­gen­heit von „Jul­far“, so der ehe­ma­li­ge Na­me des Lan­des. Ne­ben den Per­len­tau­chern war „Jul­far“aber vor al­lem als Pi­ra­ten­hoch­burg be­rühmt-be­rüch­tigt. Groß­bri­tan­ni­en sorg­te sich um den Han­del mit In­di­en, den es durch die See­räu­ber­hor­den be­droht sah. 1820 schlos­sen die Bri­ten mit den Emi­ra­ten am Per­si­schen Golf ei­nen Frie­dens­ver­trag, so­dass geo­po­li­tisch Ru­he ein­keh­ren und den Pi­ra­ten Ein­halt ge­bo­ten wer­den konn­te. Dar­aus ent­wi­ckel­te sich ein Pro­tek­to­rat der Bri­ten für die Staa­ten des Per­si­schen Golfs, die in An­leh­nung an die aus­ge­han­del­te Waf­fen­ru­he im 19. und 20. Jahr­hun­dert als so­ge­nann­te „Tru­ci­al Sta­tes“, be­frie­de­te Staa­ten, be­kannt wa­ren.

In der Ge­schich­te des Lan­des wird die bri­ti­sche Prä­senz au­ßer­dem un­zer­trenn­lich mit der Lan­des­tei­lung in zwei „En­kla­ven“ver­bun­den. En­de der 1960er Jah­re zog sich Groß­bri­tan­ni­en aus der Re­gi­on zu­rück. Am 2. De­zem­ber 1971 schlos­sen sich sechs der sie­ben heu­ti­gen Ver­ei­nig­ten Ara­bi­schen Emi­ra­te, als nun un­ab­hän­gi­ge Staa­ten, in ei­ner Fö­de­ra­ti­on zu­sam­men.

Ras-al-Khaimah zö­ger­te zu­nächst. Der Grund: die Su­che nach Öl­vor­kom­men. Wür­de man wel­che fin­den, blie­be man un­ab­hän­gig. Blie­be die Su­che er­folg­los, wür­de man dem Staa­ten­ver­bund bei­tre­ten, so der Plan da­mals. Drei Mo­na­te such­te man ver­ge­bens nach Erd­öl. Als kei­nes zum Vor­schein kam, war der Weg in die Fö­de­ra­ti­on vor­ge­zeich­net. Am 11. Fe­bru­ar 1972 trat RAK dem Staa­ten­ver­bund bei.

Ei­nen Be­such wert ist au­ßer­dem die Mo­ham­med-bin-Sa­le­mMo­schee, ei­ne gro­ße und tra­di­tio­nel­le Ge­bets­städ­te – Tou­ris­ten ist der Zu­gang un­ter­sagt. Sie liegt un­weit der Küs­te in der Haupt­stadt und be­ein­druckt auch äu­ßer­lich durch ih­re Ar­chi­tek­tur (ein Mi­na­rett fehlt). Der Is­lam ist die vor­herr­schen­de Re­li­gi­on in Ras-al-Khaimah. Den­noch ge­hö­ren auf­grund der zahl­rei­chen „Ex­pats“, Men­schen, die im Emi­rat le­ben und ar­bei­ten, auch Kir­chen zum Stadt­bild.

Land­schaft, Kul­tur, Son­ne – Emo­tio­nen und Er­in­ne­run­gen an ei­nem Ur­laub wie aus ei­nem Mär­chen­buch sind Mit­bring­sel, die man in kei­nem La­den vor Ort kau­fen kann. Was sich aber wun­der­bar als Ge­schenk für die Da­heim­ge­blie­be­nen oder für ei­nen selbst eig­net, sind Ge­wür­ze, Schals und Tü­cher – und Gold. Da in den Emi­ra­ten erst seit die­sem Jahr ein Mehr­wert­steu­er­satz von fünf Pro­zent gilt, ist Gold­schmuck – in al­len For­men und Va­ria­tio­nen er­hält­lich – für eu­ro­päi­sche Ver­hält­nis­se sehr güns­tig und ein sehr ge­schätz­tes Mit­bring­sel. Feil­schen ge­hört da­bei zum gu­ten Ton.

Am letz­ten Tag der Rei­se be­su­chen wir Du­bai. Das ab­so­lu­te Kon­trast­pro­gramm zu RAK. Lau­ter, grö­ßer, ge­schäf­ti­ger. Ein wun­der­ba­res Aus­flugs­ziel, wenn man abends in die Ru­he des klei­nen Nach­bar-Emi­rats am Per­si­schen Golfs zu­rück­keh­ren und das ur­laub­s­ty­pi­sche „Far­ni­en­te“mit ori­en­ta­li­scher Gast­freund­schaft ge­nie­ßen kann.

Ocker­far­be­ne Dü­nen und schrof­fe Berg­fel­sen: Ras-al-Khaimah bie­tet land­schaft­li­che Viel­falt für je­den Ge­schmack

Du­bai und das teu­ers­te Ho­tel der Welt„Burj al Ar­ab“sind nur ei­ne Au­to­stun­de von Ras-al-Khaimah ent­fernt

Ro­man­tik pur: der Son­nen­un­ter­gang in der Wüs­te

Fa­mi­li­en­ur­laubs­de­s­ti­na­ti­on: Was­ser­spiel­park und Pri­vatstrand di­rekt vor dem Ho­tel

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