Aus­flugs­tipp

Im Al­to-Pa­lan­cia-Kreis – Ent­lang der Vía Ver­de Ojos Ne­gros von Bar­ra­cas bis hin­un­ter nach Se­gor­be

Costa Blanca Nachrichten - - Inhalt -

Ber­gidyll mit Was­ser­fall: Tour durchs my­thi­sche Al­to Pa­lan­cia mit dem Was­ser­fall Sal­to de la No­via

Se­gor­be – sk. Der Le­gen­de nach mischt sich in man­chen Voll­mond­näch­ten ein kla­gen­des Wim­mern un­ter das per­ma­nen­te Rau­schen der Was­ser­fäl­le, durch­dringt Ne­bel und die Käl­te der Ho­ch­ebe­ne des Al­to Pa­lan­cia in der Pro­vinz Ca­s­tel­lón und zieht von Na­va­jas über die An­bau­ge­bie­te bis nach Jé­ri­ca – ja so­gar ganz oben im fast 1.000 Me­ter ho­hem Bar­ra­cas will man von dem Kla­ge­lied schon ge­hört ha­ben, das Fran­cis­co Goya zu dem Stich „Lle­var a una cam­pe­si­na“in­spi­riert ha­ben soll.

Auf dem Bild trägt ein Bau­ers­jun­ge ein Mäd­chen über ei­nen Fluss. Recht viel mehr stellt Goya nicht dar. Kaum zu er­ken­nen, dass die jun­ge Frau in sei­nen Ar­men wohl tot ist. Auch den 30 Me­ter ho­hen ge­wal­ti­gen Was­ser­fall ver­ewig­te der Künst­ler nicht. Zu je­ner Zeit aber zo­gen die Lie­ben­den in ei­ner Nacht kurz vor der Hoch­zeit zur Cas­ca­da del Bra­zal bei Na­va­jas, um vor der wild­ro­man­ti­schen Ku­lis­se ih­re Lie­be auf ei­ne ge­fähr­li­che Pro­be zu stel­len. An ei­ner Eng­stel­le muss­te die An­ge­trau­te vor ver­sam­mel­tem Dorf mit ei­nem ge­wag­ten Sprung – dem Sal­to de la No­via – das an­de­re Ufer des Pa­lan­cia er­rei­chen. Glück­te das Ri­tu­al, stand die Ehe un­ter ei­nem gu­ten Stern. Miss­lang der Sprung, er­war­te­te das Volk von Na­va­jas die Auf­lö­sung ei­ner als un­frucht­bar er­ach­te­ten Ver­bin­dung.

Wie es die Le­gen­de will, stell­te sich einst ein Paar die­ser Pro­be, das sich be­son­ders in­nig ge­liebt ha­ben soll. An je­nem Tag aber mur­mel­ten die Dorf­be­woh­ner da­von, dass der Pa­lan­cia mit be­son­de­rer Wucht aus dem Berg schoss und die Tie­fe stürz­te. Doch die bei­den Lie­ben­den schlu­gen die War­nun­gen in den Wind. Sie woll­ten al­len be­wei­sen, was sie selbst längst wuss­ten. Al­so nahm das Mäd­chen be­herzt An­lauf. Doch sie knick­te um und fiel ins Was­ser. Ihr Lie­ben­der sprang ihr hin­ter­her. Doch auch ihn ris­sen die Flu­ten fort. Spä­ter fand man ih­re Kör­per fluss­ab­wärts, und das Dorf spreng­te vol­ler Wut die Eng­stel­le in die Luft, da­mit nie­mand mehr sprin­gen konn­te. In Voll­mond­näch­ten soll man seit­dem die Kla­gen der Lie­ben­den hö­ren, und in der wei­ßen Gischt wol­len die Dorf­be­woh­ner das Braut­kleid des Mäd­chens er­ken­nen, in den St­ei­nen dar­un­ter ih­ren Liebs­ten. Tags­über hört man vor al­lem das ver­gnüg­te Krei­schen spie­len­der Kin­der und das Ge­läch­ter Hun­der­ter von Na­h­aus­flüg­lern, die am Wo­che­n­en­de mit Pick­nick­kör­ben hin­un­ter zum Sal­to de la No­via zie­hen und sich am Fluss­ufer nie­der­las­sen. Die land­schaft­lich ma­le­risch, fast tro­pisch an­mu­ten­de Schlucht mit zwei spek­ta­ku­lä­ren Was­ser­fäl­len er­reicht man nach ei­nem fa­mi­li­en­freund­li­chen Spa­zier­gang, kaum mehr als zehn Mi­nu­ten von der in Bron­ze ge­gos­se­nen Skulp­tur der bei­den Lie­ben­den in Na­va­jas ent­fernt. Das klei­ne Berg­dorf mit kei­nen 800 Ein­woh­nern ist et­wa 40 Ki­lo­me­ter von Sag­un­to ent­fernt und über die Au­to­bahn A-23 Rich­tung Te­ru­el er­reich­bar. Zum ers­ten der bei­den Was­ser­fäl­le führt üb­ri­gens ein Steig hoch. Vor­sicht: Es ist nass, mat­schig, und man sitzt schnell un­frei­wil­lig auf dem Al­ler­wer­tes­ten. Al­so gu­tes Schuh­werk an­zie­hen. Ent­ge­hen las­sen soll­te man sich den Aus­blick und das Er­leb­nis, so nah an ei­nen Was­ser­fall her­an­zu­kom­men und bei­na­he un­ter ihm durch­zu­lau­fen, trotz­dem nicht.

Der Sal­to de la No­via gilt wohl als die gro­ße Tou­ris­musat­trak­ti­on im Hin­ter­land Ca­s­tel­lóns. Der Al­to-Pa­lan­cia-Kreis um sei­ne Haupt­stadt Se­gor­be hat mehr zu bie­ten, vor al­lem für Tou­ris­ten, die ger­ne mal ei­nen Tag oder ein ent­spann­tes Wo­che­n­en­de in der Na­tur ver­brin­gen wol­len, ur­ty­pi­sche Berg­dör­fer er­kun­den möch­ten oder ein­fach ger­ne Rad fah­ren oder wan­dern.

Das Ge­biet vol­ler Oli­ven-, Man­del und Jo­han­nis­brot­bäu­men zwi­schen den Oran­gen­hai­nen Va­len­ci­as und den Berg­re­gio­nen Ara­gón bei Te­ru­el wird von zwei Na­tur­parks flan­kiert, im Süd­wes­ten die Sier­ra de Cal­de­ro­na und im Os­ten die Sier­ra de Espa­dán. Rad­fah­rer zieht es meist auf den Bahn­tras­sen­rad­weg Vía Ver­de Ojos Ne- gros, mit ei­ner Län­ge von 160 Ki­lo­me­tern der längs­te Rad- und Wan­der­weg auf still­ge­leg­ten Ei­sen­bahn­tras­sen in ganz Spa­ni­en.

Als be­liebt gilt das et­wa 70 Ki­lo­me­ter lan­ge Teil­stück von Bar­ra­cas oben im Nor­den bis hin­un­ter nach Al­gi­mia de Al­fa­ra. Schon bei Cau­diel ver­schmel­zen die Vía

Ver­de und der Ca- mi­no del Cid. Bei die­sem kul­tur­tou­ris­ti­schen Weg be­gibt man sich auf die Spu­ren des Ara­berSchrecks und Va­len­cia-Ero­be­rers Ro­d­ri­go Díaz ali­as El Cid (1048 bis 1099) – was die­sen Aus­flug so­wohl land­schaft­lich als auch kul­tur­his­to­risch in­ter­es­sant macht. Denn man kommt an mau­ri

schen Wehr­tür­men wie

Die Sta­tue in Na­va­jas weist den Weg zum Ort des tra­gi­schen Ge­sche­hens

den Tor­re de Aní­bal bei Cau­diel vor­bei oder kann mit­tel­al­ter­lich an­mu­ten­de Dör­fer wie Jé­ri­ca mit sei­nem ein­zig­ar­ti­gen Mu­de­jarG­lo­cken­turm er­kun­den.

Ei­nen Ab­ste­cher wert ist die Kreis­haupt­stadt Se­gor­be. Ih­re ge­ra­de­mal 9.000 Ein­woh­nern las­sen er­ah­nen, dass man durch sie das Tor zu ei­ner länd­li­chen und sehr dünn­be­sie­del­ten Re­gi­on be­tritt. Da­zu passt üb­ri­gens die ty­pi­sche Gas­tro­no­mie. Meist gibt es Bo­ca­dil­los für Go­ril­las, echt pfun­di­ge Wurst­wa­ren, fri­tier­te Ta­pas oder def­ti­ge Ein­töp­fe. Kurz­um, die me­di­ter­ra­ne Leich­tig­keit lässt man auch ku­li­na­risch hin­ter sich.

Se­gor­be ist auch ei­ne Stadt mit Ge­schich­te. Ihr Stolz ist die Ka­the­dra­le, er­baut im 13. Jahr­hun­dert auf

den Res­ten ei­ner Mo­schee. Der ge­teil­te Sitz der Diö­ze­se Ca­s­tel­lón-Se­gor­be be­her­bergt ei­ne der be­deu­tends­ten Samm­lun­gen go­ti­scher Ma­le­rei in der Re­gi­on Va­len­cia. Fer­ner rühmt sich die Stadt mit ei­nem der äl­tes­ten und ei­nem ein­zig­ar­ti­gen Stier- und Pfer­de­trei­ben, die auf das 14. Jahr­hun­dert zu­rück­ge­hen­de En­tra­da­da de to­ros y ca­bal­los. Das als Fies­ta von in­ter­na­tio­na­lem In­ter­es­se aus­ge­wie­se­ne Spek­ta­kel fin­det Mit­te Sep­tem­ber statt. Bei die­ser Hatz gibt es zwi­schen Stie­ren und Zu­schau­ern kei­ne Ab­sper­rung, die Men­ge bil­det so­mit die Gas­se, durch die die Tie­re ge­trie­ben wer­den.

Die Kle­in­stadt lockt mit ver­win­kel­ten Gas­sen, dem Aquä­dukt und vor al­lem mit ih­rer be­ein­dru­cken­den Sil­hou­et­te, die man bei ei­nem Spa­zier­gang ent­lang der Stadt­mau­ern be­stau­nen kann. Ku­ri­os mu­tet der al­te Ge­fäng­nis­turm

an, im Öl­mu­se­um kann man die Ori­gi­nal­pres­se und his­to­ri­sches Ge­rät zur Her­stel­lung von Oli­ven­öl be­sich­ti­gen. Ihr Was­ser schöp­fen vie­le Leu­te üb­ri­gens von der Quelle der 50 Pro­vin­zen un­ten am Fluss. Aus der Fu­en­te de los 50 Caños kommt das Was­ser aus eben so vie­len Häh­nen her­aus und über je­dem prangt das Wap­pen ei­ner spa­ni­schen Pro­vinz.

Nur we­ni­ge Ki­lo­me­ter wei­ter in Na­va­jas hat ei­nen das Land­le­ben voll im Griff. Erst­mal tief durch­at­men. Hier ist die Luft sau­ber. Auf der Pla­za thront ei­ne gi­gan­ti­sche Ul­me über zwei Bars, die der Rich­ter Ro­que Pas­tor 1636 nach der Ver­trei­bung der Mo­ris­ken dort ge­pflanzt ha­ben soll. Wenn das mo­nu­men­ta­le Trum mal um­stürzt, bleibt vom Dorf nicht mehr viel.

Der Dorf­kern hängt an ei­nem Ab­hang überm Fluss, be­sticht mit sei­nen ty­pi­schen wind­schie­fen Pue­b­lo-Häu­sern, die sich wie Le­go­bau­stei­ne über­ein­an­der schach­teln. Da macht sich der ara­bi­sche Ein­fluss be­merk­bar. Der Ort wie man ihn von sei­ner La­ge her heu­te kennt, geht zu­rück auf Zayd Abu Zayd, dem letz­ten Stadt­hal­ter der Al­mo­ha­den des Klein­kö­nig­tums Va­len­cia vor der Re­con­quis­ta 1238. Nichts­des­to­trotz kann man am Dor­f­rand ei­nen ara­bi­schen Turm be­sich­ti­gen, der schon auf das 11. Jahr­hun­dert zu­rück­ge­hen soll.

Rund um das Dorf her­um ent­lang der Ru­ta de las Fu­en­tes kann man zahl­rei­che Was­ser­stel­len und Qu­el­len be­sich­ti­gen. Am Dor­f­rand ste­hen zu­dem ei­ni­ge eklek­ti­sche Pa­läs­te und wun­der­schö­ne Vil­len aus dem 19 Jahr­hun­dert. Na­va­jas lebt zwar tra­di­tio­nell vom Tro­cken­an­bau, ent­wi­ckel­te sich wohl nicht zu­letzt we­gen der al­ten Bahn­li­nie von den Mi­nen in Ojos Ne­gros run­ter nach Sag­un­to zu ei­nem be­lieb­ten Rück­zugs­ort rei­cher Va­len­cia­ner. Wie wich­tig das Was­ser für die Re­gi­on ist, merkt bei ei­nem Ab­ste­cher zum Stau­see. Der Pan­ta­no de Re­ga­jo liegt idyl­lisch im Wald ge­le­gen zwi­schen Na­va­jas und dem acht Ki­lo­me­ter ent­fern­ten Jé­ri­ca.

In dem 1.500 Ein­woh­ner gro­ße Dorf hat man das Ge­fühl, die Zeit sei ste­hen ge­blie­ben. Ver­blüf­fend, wie in­takt der Orts­kern des 1098 von El Cid er­ober­ten Jé­ri­ca heu­te noch er­scheint. 1255 mach­te Jai­me I. es zu ei­nem be­deu­ten­den Han­dels­ort, in dem er das Dorf zu ei­ner Sta­ti­on des Vieh­trieb­wegs Ca­mi­no Re­al von Ara­gón hin­un­ter nach Va­len­cia mach­te.

Von den Glanz­zei­ten zeu­gen heu­te noch die Rui­nen der trut­zi­gen go­ti­schen Er­mi­ta San Ro­que und der Burg über ihr. Der be­rühm­te Glo­cken­turm wur­de 1634 er­baut. Bis heu­te be­stimmt der ein­zi­ge Turm im Mu­de­jar-Stil in der Re­gi­on Va­len­cia die schö­ne Sil­hou­et­te Jé­ri­cas.

Fo­tos: Ste­phan Kip­pes

Die Kle­in­stadt Se­gor­be be­sticht durch ih­ren länd­li­chen Charme und ih­re schö­ne Sil­hou­et­te über dem Pa­lan­cia-Fluss.

Be­lieb­tes Aus­flugs­ziel: Der Sal­to de la No­via in Na­va­jas

Na­va­jas lockt mit sei­nen mit­tel­al­ter­li­chen Gas­sen.

Newspapers in German

Newspapers from Spain

© PressReader. All rights reserved.