Ein tie­fer Riss

Geg­ner der Ab­spal­tung von Spa­ni­en füh­len sich be­droht

Costa del Sol Nachrichten - - Thema Der Woche -

Bar­ce­lo­na – sk. „Es gibt ei­nen di­rek­ten und all­ge­gen­wär­ti­gen Druck. Du muss Po­si­ti­on be­zie­hen, wenn du es nicht tust, dann ma­chen das die an­de­ren für dich. Und wenn du Po­si­ti­on be­zo­gen hast, dann darfst du kei­ne Zwei­fel mehr an­mel­den, es wird nicht ger­ne ge­se­hen, die Dinge zu hin­ter­fra­gen“, schrieb der 20-jäh­ri­ge Stu­dent Ru­bén Gar­cía del Hor­no auf der Le­ser­brief­sei­te von „El Pe­rió­di­co“.

Es gibt Bars in Ka­ta­lo­ni­en, in de­nen das Für und Wi­der der Un­ab­hän­gig­keit nicht dis­ku­tiert wer­den darf. Freun­de mei­den das The­ma Re­fe­ren­dum. Man­che Fa­mi­li­en­tref­fen lau­fen un­an­ge­nehm ab, Un­ab­hän­gig­keits­be­für­wor­ter und Geg­ner las­sen sich die­ser Ta­ge kaum mehr an ei­nen Tisch brin­gen. Es gibt so­gar Ehe­paa­re, die mit ge­misch­ten ideo­lo­gi­schen Ge­füh­len von so star­ker Au­s­prä­gung wie dem ka­ta­la­ni­schen Na­tio­na­lis­mus und dem spa­ni­schen Pa­trio­tis­mus sich die Abend­nach­rich­ten in ge­trenn­ten Zim­mern an­se­hen.

Der Ein­druck der All­ge­gen­wär­tig­keit der Un­ab­hän­gig­keits­be­we­gung und ih­res Ein­flus­ses auf die Ge­sell­schaft hat sich in den letz­ten Wo­chen un­ge­mein ver­stärkt. Man kann nicht mehr dar­über re­den, nie­man­den mehr über­zeu­gen und sich nir­gend­wo mehr un­vor­ein­ge­nom­men in­for­mie­ren. „Ob ein un­ab­hän­gi­ges Ka­ta­lo­ni­en wirt­schaft­lich ge­se­hen mög­lich wä­re oder nicht, hängt da­von ab, wel­cher Sch­wa­ger mit am Tisch sitzt oder – das ist das Glei­che – wel­che Zei­tung du liest oder wel­chen Fern­seh­ka­nal du ein­schal­test. Ich hät­te ger­ne die de­fi­ni­ti­ve Stu­die in Hän­den, mit der man al­le über­zeu­gen könn­te, aber es gibt sie nicht“, schreibt ei­ne Le­se­rin in „El Pe­rió­di­co“.

„Man hat mir na­he­ge­legt, Ter­ras­sa zu ver­las­sen, ge­droht, dass ich dort nicht wie­der auf­wa­chen wür­de, dass ich ein schlech­ter Ka­ta­la­ne, ein Idi­ot, ein Stück Schei­ße und ei­ne ekel­haf­te Sch­wuch­tel sei“, sag­te der Bür­ger­meis­ter von Ter­ras­sa, Jor­di Ball­art. Die­se Schimpf­ti­ra­den pras­sel­ten auf das Ober­haupt der größ­ten Ge­mein­de des ka­ta­la­ni­schen Städ­te- und Ge­mein­de­bunds ein, die für das Re­fe­ren­dum am 1. Ok­to­ber kei­ne kom­mu­na­len Räu­me zur Ver­fü­gung stel­len wird. Ei­ni­ge Amts­kol­le­gen, die wie er den­ken, hat­ten auch schon De­mons­tra­tio­nen von Na­tio­na­lis­ten vor der ei­ge­nen Haus­tür. Ein Drit­tel al­ler Bür­ger­meis­ter des Bun­des dürf­te ei­ne schwe­re Zeit durch­ma­chen, denn sie stimm­ten nicht in die ka­ta­la­ni­sche Hym­ne der 700 Stadt­ober­häup­ter mit ein, die das Re­fe­ren­dum un­ter­stüt­zen.

Ka­ta­la­ni­sche Zei­tun­gen wie „El Pe­rió­di­co“spre­chen von ei­ner Spi­ra­le des Schwei­gens und war­nen vor ei­ner so­zia­len Spal­tung, meist in „wir“die Be­für­wor­ter und „die da“, die Geg­ner. Das lädt ge­ra­de da­zu ein, mit dem Fin­ger auf den po­li­ti­schen Geg­ner zu zei­gen. Wie auf die 14 Stadt­rä­te aus Llei­da, die sich mit ih­rem Fo­to auf Pla­ka­ten in den Stra­ßen wie­der­fan­den un­ter dem Slo­gan: „Sie wol­len uns nicht wäh­len las­sen.“Be­reits im Ju­ni hat­te die Ju­gend­grup­pe der ra­di­ka­len CUP sie als „Fein­de des Volks“ver­un­glimpft, weil sie an­geb­lich ih­ren Bür­gern „das Recht auf Selbst­be­stim­mung“ver­wei­gern. Da­bei leis­tet die Stadt­re­gie­rung aus So­zia­lis­ten, PP und Ci­u­dad­a­nos ei­ner Ent­schei­dung des Ver­fas­sungs­ge­richts Fol­ge. Mit der Wei­ge­rung kom­mu­na­le Räu­me für das Re­fe­ren­dum zur Ver­fü­gung stel­len, möch­te sie nicht zu­letzt Be­am­te und An­ge­stell­te da­vor be­wah­ren, sich straf­bar zu ma­chen.

Vor al­lem die Geg­ner der Un­ab­hän­gig­keits­be­we­gung fürch­ten ei­ne Spal­tung der Ge­sell­schaft, sie spü­ren, dass der Dis­kurs der Un­ab­hän­gig­keit Ober­hand ge­winnt. Und ei­ne Zu­schrift kam von dem 55-jäh­ri­gen Leh­rer Jor­ge Na­var­ro. „In Ka­ta­lo­ni­en wur­de die De­mo­kra­tie per­ver­tiert. Jetzt ha­ben wir ei­ne „Emo­ti­o­no­kra­tie“, wo die Macht der Emo­tio­nen und Ge­füh­le zählt. Die ka­ta­la­ni­sche Ge­sell­schaft ist dar­an er­krankt, der Pro­cés hat uns krank ge­macht, er hat uns ge­spal­ten und drückt al­lem sei­nen Stem­pel auf.“

Wie muss sich ein Bür­ger­meis­ter oder Stadt­rat füh­len, wenn er sich beim Bä­cker an­stellt und die Bli­cke sei­ner Mit­bür­ger und Wäh­ler im Rü­cken spürt? „Ich fin­de es in­ak­zep­ta­bel und wer­de es nicht to­le­rie­ren, dass Ra­di­ka­le mich be­dro­hen“, sag­te die PP-Stadt­rä­tin Do­lors López ent­schie­den und er­stat­te­te Anzeige.

Es gibt so­gar Ehe­paa­re, die sich die Abend­nach­rich­ten ge­trennt an­se­hen

Fo­to: dpa

Die Stim­mung ist auf­ge­heizt und macht ei­ne Ver­stän­di­gung un­mög­lich.

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