Auf frei­em Fuß

Ent­las­sung von Carles Pu­ig­de­mont sorgt für di­plo­ma­ti­sche Span­nun­gen

Costa del Sol Nachrichten - - Erste Seite - Tho­mas Lie­belt Ma­drid/Bar­ce­lo­na

Die Frei­las­sung von Carles Pu­ig­de­mont aus der U-Haft in Ne­u­müns­ter hat das Vor­ge­hen der spa­ni­schen Jus­tiz in Fra­ge ge­stellt. Soll­te der ent­mach­te­te ka­ta­la­ni­sche Ex-Prä­si­dent letzt­lich an Spa­ni­en aus­ge­lie­fert wer­den, könn­te er hier wo­mög­lich nur we­gen der Ver­un­treu­ung öf­fent­li­cher Gel­der und nicht mehr we­gen Re­bel­li­on an­ge­klagt wer­den. Die Ent­schei­dung der Rich­ter am OLG in Schles­wig- Hol­stein hat oben­drein noch das deutsch-spa­ni­sche Ver­hält­nis be­las­tet, wäh­rend ei­ne po­li­ti­sche Lö­sung des Kon­flik­tes in Ka­ta­lo­ni­en noch im­mer nicht nä­her­rückt.

In Er­man­ge­lung ei­nes Ca­va tut es auch Rot­käpp­chen-Sekt: Bei den ka­ta­la­ni­schen Se­pa­ra­tis­ten je­den­falls knal­len die Kor­ken, als „ihr“ent­mach­te­ter Re­gie­rungs­chef Carles Pu­ig­de­mont am Frei­tag nach nicht ein­mal zwei Wo­chen U-Haft die Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt Ne­u­müns­ter ver­lässt. Ta­ge­lang hat­ten sie vor dem Ge­fäng­nis aus­ge­harrt. In Ma­drid da­ge­gen: zi­tro­nen­sau­re Mie­nen. Die Cau­sa Pu­ig­de­mont zieht im­mer wei­te­re Krei­se und wird zu ei­ner Be­las­tung für das spa­nisch­deut­sche Ver­hält­nis. Der­weil kommt man ei­ner Lö­sung des Ka­ta­lo­ni­en­Kon­flikts kei­nen Mil­li­me­ter nä­her.

Für den 55-Jäh­ri­gen, der sich En­de Ok­to­ber ver­gan­ge­nen Jah­res mit vier Re­gie­rungs­mit­glie­dern ei­ner Ver­haf­tung in Ka­ta­lo­ni­en ent­zo­gen und nach Bel­gi­en ab­ge­setzt hat­te, be­deu­tet die Ent­schei­dung des Ober­lan­des­ge­richts (OLG) in Schles­wig ei­nen Etap­pen­sieg ge­gen die spa­ni­sche Jus­tiz. Aus­ge­stan­den ist die An­ge­le­gen­heit für ihn da­mit aber noch nicht.

Das OLG hat­te am ver­gan­ge­nen Don­ners­tag den von der Staats­an­walt­schaft be­an­trag­ten Aus­lie­fe­rungs­haft­be­fehl über­ra­schend al­lein we­gen des Vor­wurfs der Ver­un­treu­ung öf­fent­li­cher Gel­der er­las­sen. Den vom spa­ni­schen Obers­ten Ge­richts­hof vor­ge­brach­ten Haupt­vor­wurf der Re­bel­li­on ver­war­fen in­des die Rich­ter in Schles­wig. Was zur Fol­ge hat, dass Pu­ig­de­mont in Spa­ni­en jetzt al­len­falls we­gen Un­treue an­ge­klagt wer­den kann, soll­te er tat­säch­lich noch aus­ge­lie­fert wer­den.

Der Ers­te Se­nat des OLG ver­trat die An­sicht, „dass sich hin­sicht­lich des Vor­wurfs der Re­bel­li- on die Aus­lie­fe­rung als von vor­ne­her­ein un­zu­läs­sig er­weist“. Der nach deut­schem Recht in Be­tracht kom­men­de Straf­tat­be­stand des Hoch­ver­rats sei nicht er­füllt, weil Pu­ig­de­mont zu­zu­schrei­ben­de Ge­walt­ta­ten in Ka­ta­lo­ni­en kein Aus­maß er­reicht hät­ten, das den Wil­len der spa­ni­schen Ver­fas­sungs­or­ga­ne hät­te beu­gen kön­nen. „Das dem Ver­folg­ten zur Last ge­leg­te Ver­hal­ten wä­re in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land nach hier gel­ten­dem Recht nicht straf­bar“, heißt es wörtlich. Die­ser Satz ist Pu­ig­de­monts Schutz­schild.

Da­ge­gen, so das OLG in der Be­grün­dung sei­ner Ent­schei­dung wei­ter, er­wei­se sich der Vor­wurf der Kor­rup­ti­on „nicht als von vor­ne­her­ein un­zu­läs­sig“. Hier sei­en aber wei­te­re In­for­ma­tio­nen aus Ma­drid nö­tig, er­klär­ten die Rich­ter. Der Obers­te Ge­richts­hof muss al­so nach­lie­fern, weil – so das OLG – des­sen Sach­dar­stel­lun­gen noch nicht den An­for­de­run­gen des Ge­set­zes über die in­ter­na­tio­na­le Rechts­hil­fe in Straf­sa­chen ent­sprä­chen.

Die Jus­tiz in Spa­ni­en wirft dem ka­ta­la­ni­schen Ex-Re­gie­rungs­chef vor, das il­le­ga­le Un­ab­hän­gig­keits­re­fe­ren­dum am 1. Ok­to­ber 2017 ha­be 1,6 Mil­lio­nen Eu­ro an öf­fent­li­chen Gel­dern ge­kos­tet. Pu­ig­de­mont selbst hat­te stets be­haup­tet, die Aus­ga­ben sei­en mit pri­va­ten Spen­den ge­deckt wor­den. Auch der Vor­wurf der Ver­un­treu­ung steht al­so auf eher wa­cke­li­gen Bei­nen, was ei­ne Aus­lie­fe­rung an­be­trifft.

Das OLG hielt aber auch noch ein „Bon­bon“für die spa­ni­sche Jus­tiz be­reit. An­halts­punk­te da­für, dass Pu­ig­de­mont im Fal­le ei­ner Aus­lie­fe­rung der Ge­fahr po­li­ti­scher Ver­fol­gung aus­ge­setzt sein könn­te, „sind nicht er­sicht­lich“, hieß es ab­schlie­ßend.

Am Frei­tag­nach­mit­tag kam Pu­ig­de­mont un­ter Auf­la­gen aus der U-Haft frei. Zu­vor hat­ten die Se­pa­ra­tis­ten­ver­ei­ni­gun­gen ANC und Óm­ni­um Cul­tu­ral die Kau­ti­on von 75.000 Eu­ro über­wie­sen. Au­ßer­dem darf der 55-Jäh­ri­ge Deutsch­land nicht ver­las­sen und muss sich ein­mal wö­chent­lich bei der Po­li­zei mel­den, bis über das Aus­lie­fe­rungs­ver­fah­ren ab­schlie­ßend ent­schie­den ist. Das kann bis En­de Mai dau­ern. Pu­ig­de­mont reis­te noch am sel­ben Tag wei­ter nach Berlin – wo er sich fei­ern ließ.

Un­ab­hän­gig­keit re­vi­dier­bar

Die Haupt­stadt­büh­ne nutz­te der Se­pa­ra­tis­ten­füh­rer denn auch für For­de­run­gen an Ma­drid: Die Re­gie­rung Ra­joy mö­ge die ka­ta­la­ni­sche Wahl vom 21. De­zem­ber an­er­ken­nen und nach ei­ner po­li­ti­schen Lö­sung su­chen. „Die Un­ab­hän­gig­keit ist für uns nicht die ein­zi­ge Lö­sung. Wir sind be­reit zu­zu­hö­ren“, sag­te Pu­ig­de­mont bei ei­ner Pres­se­kon­fe­renz. Die Un­ab­hän­gig­keit sei le­dig­lich ein Vor­schlag. Er sei re­vi­dier­bar. Er selbst ha­be Ra­joy nach ei­ner Idee ge­fragt. „Aber die Ant­wort war Nein, und wie Sie se­hen: Re­pres­si­on, Ge­fäng­nis, Pro-

zes­se und so wei­ter.“Gleich­zei­tig ap­pel­lier­te Pu­ig­de­mont an Ma­drid, al­le in­haf­tier­ten Se­pa­ra­tis­ten frei­zu­las­sen.

Am Tag der Frei­las­sung von Pu­ig­de­mont muss­te die Jus­tiz in Spa­ni­en ei­ne zu­sätz­lich Schlap­pe hin­neh­men. So setz­te die bel­gi­sche Jus­tiz die drei ka­ta­la­ni­schen ExMi­nis­ter To­ni Comín, Me­rit­xell Ser­ret und Lluís Pu­ig, ge­gen die eben­falls der Eu­ro­päi­sche Haft­be­fehl re­ak­ti­viert wor­den war, vor­läu­fig wie­der auf frei­en Fuß. Über ei­ne mög­li­che Aus­lie­fe­rung der drei ehe­ma­li­gen Re­gie­rungs­mit­glie­der muss nun ein Ge­richt in Brüssel ent­schei­den. Auch die schot­ti­sche Po­li­zei ließ Ex-Mi­nis­te­rin Cla­ra Pon­sa­tí wie­der ge­hen.

In Ma­drid ver­such­te man zu­nächst noch, die Fas­sung über die rich­ter­li­che Ent­schei­dung in Deutsch­land nicht zu ver­lie­ren. „Die Re­gie­rung hat im­mer Ge­richts­ent­schei­dun­gen re­spek­tiert, ob sie ihr ge­fal­len ha­ben oder nicht“, sag­te Jus­tiz­mi­nis­ter Ra­fa­el Ca­ta­lá. Auch sei das Ver­fah­ren ja noch gar nicht ab­ge­schlos­sen. Zu­dem hob der Mi­nis­ter her­vor, dass die Rich­ter in Schles­wig im­mer­hin ei­ne po­li­ti­sche Ver­fol­gung von Pu­ig­de­mont nicht hät­ten er­ken­nen kön­ne. Doch schon bald fie­len in Spa­ni­en schar­fe Tö­ne.

„Der Scha­den ist groß“

Den An­fang mach­te die kon­ser­va­ti­ve Zei­tung „El Mun­do“mit ei­nem Kommentar: „Der Rich­ter am schles­wig-hol­stei­ni­schen Ober­lan­des­ge­richt, der ent­schie­den hat, Pu­ig­de­mont un­ter Auf­la­gen frei­zu­las­sen und den Haupt­vor­wurf der Re­bel­li­on nicht an­zu­er­ken­nen, weiß viel­leicht nicht, was er an­ge­rich­tet hat.“Der Eu­ro­päi­sche Haft­be­fehl sei dis­kre­di­tiert wor­den. „Der Rich­ter hat auch die ge­dul­di­ge und gründ­li­che Ar­beit der spa- ni­schen Jus­tiz ent­wür­digt. Der Scha­den ist groß.“

Am Sonn­tag leg­te „El Mun­do“nach: „Das Schick­sal, die Ein­heit und die un­ver­äu­ßer­li­chen Rech­te Spa­ni­ens kön­nen doch nicht Rich­tern über­las­sen wer­den, die im Hand­um­dre­hen über ei­ne kom­ple­xe mo­na­te­lan­ge Er­mitt­lung ent­schei­den.“Eben­falls am Sonn­tag wur­de der Ex-Re­gie­rungs­spre­cher und jet­zi­ge Spre­cher der Volks­par­tei (PP) im Eu­ro­pa­par­la­ment, Es­te­ban Gon­zá­lez Pons, in den Me­di­en zi­tiert: „Das Schen­ge­ner Ab­kom­men macht kei­nen Sinn mehr, wenn der Eu­ro­päi­sche Haft­be­fehl nicht funk­tio­niert.“Das Ver­trau­en der Mit­glieds­staa­ten in der EU ste­he auf dem Spiel.

Bar­ley sorgt für Auf­re­gung

Zum Teil nahm der Zorn gro­tes­ke Zü­ge an. So sag­te der in Spa­ni­en be­kann­te Jour­na­list und Rechts­aus­le­ger Fe­de­ri­co Ji­mé­nez Lo­san­tos in ei­ner Ra­dio­sen­dung: „In Bay­ern könn­ten jetzt Bier­knei­pen in die Luft flie­gen. Na­tür­lich schla­ge ich Ak­tio­nen vor. Es ist klar, dass man re­agie­ren muss.“

Auch am Obers­ten Ge­richts­hof in Ma­drid re­agier­te man pi­kiert. Es sei un­er­klär­lich, wur­den Ver­ant­wort­li­che in Me­di­en zi­tiert, dass die deut­schen Rich­ter schon vor dem Haupt­ver­fah­ren Pu­ig­de­monts Aus­lie­fe­rung we­gen Re­bel­li­on ab­ge­schmet­tert hät­ten. Es ge­hö­re sich nicht, äu­ßer­te sich ein Tri­bu­nal-Su­pre­mo-Mit­glied in der Zei­tung „El País“, dass ein deut­sches Pro­vinz­ge­richt oh­ne di­rek­te Kennt­nis der Fak­ten und oh­ne die Be­wei­se zu ken­nen, Tei­le der Un­ter­su­chun­gen der Obers­ten Ge­richts­hofs auf­he­be. Zu­dem sei Pu­ig­de­mont in ei­ne an­de­re straf­recht­li­che La­ge ge­bracht wor­den als die üb­ri­gen Se­pa­ra­tis­ten­füh­rer.

Die spa­ni­sche Jus­tiz sieht denn auch trotz der OLG-Ent­schei­dung kei­nen An­lass, im straf­recht­li­chen Vor­ge­hen ge­gen den ka­ta­la­ni­schen Se­pa­ra­tis­mus zu­rück­zu­ste­cken. So spielt der zu­stän­di­ge Rich­ter am Obers­ten Ge­richts­hof, Pa­blo Lla­re­na, mit dem Ge­dan­ken, im Fall Pu­ig­de­mont den Eu­ro­päi­schen Ge­richts­hof (EuGH) an­zu­ru­fen. Ge­dacht ist, ein so­ge­nann­tes Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen ein­zu­rei­chen.

Noch in der ver­gan­ge­nen Wo­che ent­schied zu­dem das Na­tio­na­le Straf­ge­richt in Ma­drid, den frü­he­ren ka­ta­la­ni­schen Po­li­zei­chef Jo­sep Tra­pe­ro an­zu­kla­gen. Das Ge- richt wirft ihm „auf­rüh­re­ri­schesVer­hal­ten“und „die Bil­dung ei­ner kri­mi­nel­len Ver­ei­ni­gung“vor. Tra­pe­ro ha­be sich im ver­gan­ge­nen Herbst bei Kund­ge­bun­gen von Se­pa­ra­tis­ten so­wie beim ver­bo­te­nen Re­fe­ren­dum am 1. Ok­to­ber un­ter an­de­rem der Un­ter­las­sung schul­dig ge­macht, weil er die An­wei­sun­gen der Jus­tiz nicht be­folgt ha­be, teil­te die zu­stän­di­ge Rich­te­rin Car­men La­me­la mit. Die kri­mi­nel­le Ver­ei­ni­gung ha­be zum Ziel ge­habt, so La­me­la wei­ter, Ka­ta­lo­ni­en von Spa­ni­en ab­zu­spal­ten.

Für zu­sätz­li­che Auf­re­gung in Spa­ni­en sorg­te die deut­sche Jus­tiz­mi­nis­te­rin Ka­ta­ri­na Bar­ley (SPD), die das Vor­ge­hen des Ober­lan­des­ge­richts aus­drück­lich be­grüß­te: „Die Ent­schei­dung der Rich­ter in Schles­wig ist ab­so­lut rich­tig. Ich ha­be sie er­war­tet“, sag­te Bar­ley ge­gen­über der „Süd­deut­schen Zei­tung“. Spa­ni­en müs­se nun dar­le­gen, war­um sich Pu­ig­de­mont ei­ner Un­treue schul­dig ge­macht ha­ben soll. „Das wird nicht ein­fach sein“, sag­te die SPD-Po­li­ti­ke­rin. Sonst wer­de der Haft­be­fehl auf­ge­ho­ben, „dann ist Pu­ig­de­mont ein frei­er Mann in ei­nem frei­en Land – näm­lich der Bun­des­re­pu­blik“, sag­te die Mi­nis­te­rin und er­gänz­te: „Man wird jetzt auch über die po­li­ti­schen Kom­po­nen­ten re­den müs­sen.“

Es bro­delt im Re­gie­rungs­la­ger

Spa­ni­ens Au­ßen­mi­nis­ter Al­fon­so Das­tis kri­ti­sier­te die Äu­ße­run­gen Bar­leys als „un­glück­lich“. Auch die Zei­tung „El País“ti­tel­te am Sonn­tag: „Der Fall Pu­ig­de­mont sorgt für Ris­se im spa­nisch-deut­schen Ver­hält­nis.“Al­ler­dings ver­mied es Das­tis, zu­sätz­lich Öl in die we­gen der Cau­sa Pu­ig­de­mont an­ge­spann­te Be­zie­hung zu gie­ßen. Man wol­le „den Fall ent­po­li­ti­sie­ren“, sag­te Das­tis auf dem PP-Par­tei­tref­fen in Se­vil­la am Wo­che­n­en­de. Auch Re­gie­rungs- und Par­tei­chef Ra­joy gab sich in Se­vil­la kei­ne Blö­ße und äu­ßer­te, man mö­ge die Sa­che in den Hän­den der Jus­tiz be­las­sen.

Gleich­wohl bro­delt es im Re­gie­rungs­la­ger. Die in Bar­ce­lo­na er­schei­nen­de Zei­tung „La Van­guar­dia“, be­rich­te­te, ho­he PP-Ver­tre­ter hät­ten die OLG-Ent­schei­dung als ein „De­sas­ter für Spa­ni­en“be­zeich­net. Die Se­pa­ra­tis­ten in Ka­ta­lo­ni­en wür­den nun wie­der „Flü­gel be­kom­men“. Das PP-na­he Blatt „ABC“sprach da­von, dass die Ent­schei­dung der Rich­ter in

Schles­wig die Ver­ant­wort­li­chen in Ma­drid „wie ein Krug kal­tes Was­ser“er­wischt ha­be. Ver­flo­gen je­den­falls ist die Ge­nug­tu­ung, die in Ma­drid herrsch­te, als Carles Pu­ig­de­mont am 25. März auf der Au­to­bahn in Schles­wig-Hol­stein ge­stoppt und fest­ge­nom­men wur­de.

So ge­rät die Re­gie­rung Ra­joy jetzt zu­neh­mend un­ter Druck. Op­po­si­ti­ons­füh­rer und PSOE-Chef Pe­dro Sán­chez, der den Ka­ta­lo­ni­en­Kurs der Re­gie­rung bis­lang mit­trug, äu­ßer­te: „Es ist im­mer schwie­ri­ger, auf die Stra­te­gie der Re­gie­rung zu ver­trau­en.“Ra­joy müs­se jetzt end­lich po­li­ti­sche Lö­sun­gen für den Ka­ta­lo­ni­en-Kon­flikt an­bie­ten.

Doch ge­nau das dürf­te für Ra­joy schwie­rig wer­den. Ihm macht die li­be­ra­le Par­tei Ci­u­dad­a­nos zu schaf­fen, die in der Ka­ta­lo­ni­en-Fra­ge ei­ne noch kom­pro­miss­lo­se­re Hal­tung als die Re­gie­rung ver­tritt. Seit Wo­chen be­fin­det sich Ci­u­dad­a­nos im Um­fra­ge­hoch – und nicht we­ni­ge mei­nen, ge­ra­de we­gen der kla­ren Hal­tung ge­gen­über der Un­ab­hän­gig­keits­be­we­gung. Um ge­gen­über den Li­be­ra­len nicht noch wei­ter an Bo­den zu ver­lie­ren, kann sich Ra­joy kein Ent­ge­gen­kom­men leis­ten.

Auch der Obers­te Ge­richts­hof be­fin­det sich in Recht­fer­ti­gungs­druck. Nicht nur, dass Ju­ris­ten­und Rich­ter­ver­bän­de in Spa­ni­en das auf dem Vor­wurf der Re­bel­li­on ge­stütz­te Vor­ge­hen ge­gen die füh­ren­den Se­pa­ra­tis­ten für frag­wür­dig, weil kon­stru­iert hal­ten. So ver­öf­fent­lich­te die Zei­tung „La Van­guar­dia“jetzt ein Vi­deo, das den Vor­wurf zu­min­dest ent­kräf­tet.

Ein Vi­deo von „La Van­guar­dia“

Die Auf­nah­men zei­gen die bei­den Vor­sit­zen­den der Se­pa­ra­tis­ten­Ver­ei­ni­gun­gen ANC und Óm­ni­um, Jor­di Sàn­chez und Jor­di Cuix­art, an je­nem Tag, als die Guar­dia Ci­vil im Sep­tem­ber 2017 das Wirt­schafts­mi­nis­te­ri­um in Bar­ce­lo­na be­setz­te und ei­ne auf­ge­brach­te Men­schen­men­ge die Po­li­zis­ten am Ab­zug hin­der­te. Rich­ter Lla­re­na wirft bei­den vor, die De­mons­tran­ten an­ge­sta­chelt zu ha­ben. Auf dem Vi­deo spre­chen die „Jor­dis“über Me­ga­fon zu den Teil­neh­mern und for­dern sie auf, fried­lich nach Hau­se zu ge­hen. Sàn­chez und Cuix­art sit­zen we­gen des Vor­wurfs der Re­bel­li­on der­zeit in U-Haft.

Ob die Se­pa­ra­tis­ten in Ka­ta­lo­ni­en mit Pu­ig­de­monts Frei­las­sung in Deutsch­land tat­säch­lich neu­en Schub er­hal­ten ha­ben, ist so nicht er­kenn­bar. Al­ler­dings setzt man auch in Bar­ce­lo­na wei­ter auf Kon­fron­ta­ti­on zu Ma­drid. In dem gan­zen Wir­bel um die Cau­sa Pu­ig­de­mont ist näm­lich ei­ne Stel­lung­nah- me des Men­schen­rechts­aus­schus­ses der Ver­ein­ten Na­tio­nen in Genf ein we­nig un­ter­ge­gan­gen.

Die UN-Men­schen­recht­ler mah­nen, dass den in U-Haft sit­zen­den und den im Aus­land sich auf­hal­ten­den Se­pa­ra­tis­ten nicht ih­re po­li­ti­schen Rech­te vor­ent­hal­ten wer­den dür­fen. Be­kannt­lich war Jor­di Sàn­chez zum Kan­di­da­ten für das Amt des Re­gie­rungs­chefs er­nannt wor­den. Die Wahl al­ler­dings fiel ins Was­ser, weil Rich­ter Lla­re­na ihm den Frei­gang für die Par­la­ments­sit­zung ver­wei­ger­te. In Ab­we­sen­heit des Kan­di­da­ten darf laut Ge­setz nicht ge­wählt wer­den.

Um den Obers­ten Ge­richts­hof nun aus­zu­tes­ten, star­te­te Par­la­ments­prä­si­dent Ro­ger Tor­rent ei­nen neu­en Ver­such der Re­gie­rungs­bil­dung – wie­der mit Sán­chez als Kan­di­da­ten. Er sei „der­je­ni­ge, der die größ­te Un­ter­stüt­zung und al­le po­li­ti­schen Rech­te“für das Amt des Re­gie­rungs­chefs ha­be, teil­te Tor­rent zum Ab­schluss ei­ner Kon­sul­ta­ti­ons­run­de am Sams­tag mit. Auch Pu­ig­de­mont selbst sprach sich für Sàn­chez aus. Ob­wohl Tei­le des se­pa­ra­tis­ti­schen La­ger ihn nach wie vor als den le­gi­ti­men Mi­nis­ter­prä­si­den­ten von Ka­ta­lo­ni­en an­se­hen.

Ei­nen Ter­min für die Par­la­ments­sit­zung zur Amts­ein­füh­rung nann­te Tor­rent auch: Frei­tag, 13. April. Wenn es denn da­bei bleibt. Es wä­re der mitt­ler­wei­le vier­te An­lauf. Zu­vor wa­ren ei­ne Kan­di­da­tur von Pu­ig­de­mont, ei­ne ers­te Be­wer­bung von Sàn­chez so­wie ei­ne Kan­di­da­tur des frü­he­ren Re­gie­rungs­spre­chers Jor­di Tu­rull ge­schei­tert, weil die No­mi­nier­ten ent­we­der hin­ter Git­tern oder – wie im Fall von Pu­ig­de­mont – in Bel­gi­en im Exil wa­ren.

Wie­der hängt es vom Rich­ter Pa­blo Lla­re­na ab, ob Jor­di Sàn­chez für die Sit­zung Frei­gang er­hält. Bis zum 22. Mai muss es ei­ne neue Re­gio­nal­re­gie­rung in Bar­ce­lo­na ge­ben, sonst ist ei­ne Neu­wahl fäl­lig.

Fo­to: C. Cha­ri­si­us/dpa

Die Es­te­la­da weht vor der JVA in Neumünster.

Fo­to: dpa

Wie beim „Gordo“: Mit Rot­käpp­chen-Sekt fei­ert ein Pu­ig­de­mont-An­hän­ger vor der JVA in Neumünster die an­ge­kün­dig­te Frei­las­sung des Se­pa­ra­tis­ten­füh­rers.

Fo­to: dpa

Pu­ig­de­mont gibt ei­ne kur­ze Pres­se­kon­fe­renz.

Fo­to: dpa

De­mons­tran­ten in Bar­ce­lo­na for­dern die Frei­las­sung der in­haf­tier­ten Se­pa­ra­tis­ten.

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